Leid des Lesers (2): Im Reich des Regenwurms – Landlust

Wie wahnsinnig muss man eigentlich bei Gruner+Jahr werden, diesem eh schon latent panischen Haus, das ständig neue Hybridzeitschriften auf den Markt schmeißt (Business/Punk; Männer/Küche), wenn man sieht, wie ein kleiner Verlag aus Münster mit einem kreuzbraven Programm wie es jede „Brigitte“-Praktikanten-Generation hinbekäme, das große Geschäft macht. Erst geht der Sozialismus baden, dann der Kapitalismus und jetzt stimmt anscheinend nicht mal mehr das Wort von Karl Marx, dass “die Bourgeoisie das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen”.

Im Jahr 2010 stimmt das genaue Gegenteil: Der Idiotismus des Landlebens ist die publizistische Idee der Stunde und macht auch vor der Stadt nicht halt, wo es sich die Menschen nicht nehmen lassen, ihre Townhouses durch Butzenscheiben und Mistelzweige an der Tür gemütlicher zu machen. Die Auflage von „Landlust“ hat innerhalb kürzester Zeit die Größe einer mittleren Großstadt erreicht – über 600.000 Exemplare. Es gibt sogar schon einen Stoß Derivate – Hefte, die alle genauso aussehen und fast genauso heißen – und ebenfalls alle mit mehr oder weniger lilafarbenem Heidekraut auf dem Titel Käufer finden.

Dieser Erfolg verheißt nichts Gutes. Eine ungeheure Sehnsucht nach dem einfachen Leben bricht sich da Bahn, wogegen ja nichts zu sagen wäre, wenn diese nicht mit ungeheuer einfachen Rezepten gestillt würde und sich diese Art von Leser alle zwei Monate auf das kognitive Niveau eines Kaktusses begibt. In der aktuellen Ausgabe gibt die Chefredakteurin Frieling-Huchzermeyer wieder mal die Richtung vor und rät uns, „mal wieder zu einem leibhaftigen Stück Papier zu greifen“.

Das leibhaftige Papier ist in diesem Fall bedruckt mit dem Neuesten zur Zaubernuss und dem Ältesten zur Pomeranze und einem Tipp, wie man aus halben Kokosnussschalen leckere Meisenknödel formt. Gut ist alles, was alt ist: Bommelmützen, Brustwickel, knarrende Holzdielen und Steckrüben-Auflauf. Nach der Lektüre kann man sich vorstellen, dass Frau Frieling-Huchzermeyer in ihrem Keller heimlich ganze Jahrgänge des guten alten „Allgemeinen Teutschen Gartenmagazins“ auswertet und oberirdisch dem Recycling zuführt. Vielleicht hat sie aber auch nur jene “Southpark”-Folge gesehen, in der zwei Programme im Fernsehen laufen: Ein mega-investigatives, das niemand schaut, und eins, das lediglich aus spielenden Welpen besteht und die besten Einschaltquoten hat. Später stellt sich heraus, dass die größten Fans des Welpenprogramms Studenten sind, die sich mit Kodein-Hustensaft weggeschossen haben und bedröhnt vor dem Fernseher liegen. Man wüsste zu gern, auf was die Landlust-Leser sind. Stechapfel? Engelstrompete?

Leid des Lesers (1): Zeit-Magazin

Neulich hörte ich jemanden stöhnen, der aussah wie ein langgedienter Zeit-Leser: Was ist nur aus dem Zeit-Magazin geworden? In dieser Woche fällt die Antwort nicht schwer. Ich würde sagen: Ein sich unfassbar schamlos an die Werbetreibenden ranwanzendes Lifestyle-Produkt. War die Fülle der ganzen Style- und Fashion-Themen zum Nachteil von Reportagen schon in der Vergangenheit verwunderlich, so ist mit der aktuellen Ausgabe der Wandel zur Modeillustrierten vollzogen: Nicht eins, sondern gleich vier Mode-Cover bietet das Magazin, wobei der publizistische Coup darin besteht, dass immer dasselbe Model posiert, fotografiert von vier verschiedenen Fotografen. Runtergezählt werden die Cover “3,2,1, Meins” – vielleicht bekommt man neben den Anzeigen für Modelabel auch noch Geld von ebay. Drinnen lobt man sich erstmal für diese geniale Idee, ein paar Seiten später erzählt der pofixierte Fotograf Jürgen Teller, was er so Schönes für den Designer Marc Jacobs macht und Wolfram Siebeck, wie man ein großes Kotelett brät. Es gibt Neues von Caroline von Monaco, eine 13-seitige Strecke über das Model vom Cover, Sudoku, Scrabbel und einen wohlwollenden Fahrbericht über den Mercedes Benz GL 350, der sich trotz einer CO2-Emission von 239 g/km BlueTEC nennen darf. ”Das ZEITmagazin zeichnet sich aus durch ein unverwechselbares Konzept sowie durch starke Einzelleistungen aus” heißt es im Werbedeutsch des Holtzbrinck-Verlags. Gelten lassen mag man das diese Woche einzig für die Infografik über die Parteigeschichte der Grünen, in der man u.a. Joschka Fischers Silhouette verfolgen kann.

Während die Zeit über die vergangenen Jahre besser geworden ist – auch diese Woche wichtige, lesenswerte Artikel zum Atomendlager Asse oder zum skrupellosen Pharmakonzern Roche bringt – ist aus dem Zeit-Magazin ein recht selbstzufriedenes Blatt geworden, das in dieser Zeit nichts weiter zu bieten hat als geschmäcklerische Statements zu Mode- und Lifestylefragen. Die Gesellschaftskritik wurde an das Büro Günter Wallraff outgesourct, der ab und zu eine Erlebnisreportage zuliefert – etwa darüber, was man für Reaktionen erhält, wenn man sich als Schwarzer so kostümiert, dass jeder sieht, dass man gar kein Schwarzer ist. Diese Woche ist wenigstens ein echter Schwarzer dabei: In der seit gefühlten 100 Jahren existierenden Rubrik “Ich habe einen Traum” sagt Snoop Dogg: “Ich habe es geschafft, jedes meiner Ziele zu erreichen”. Aus der Ecke darf man also auch nichts mehr erwarten.

DUMMY im DeutschlandRadio

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Es war wohl der Artikel über Peter Sloterdijk (“der größte Motherfucker von allen”) vom geschätzten taz-Kollegen Arno Frank, der die Redaktion vom DeutschlandRadio aufhorchen ließ. Jedenfalls ließen sie es sich nehmen, mit DUMMY-Herausgeber Oliver Gehrs ein Gespräch über die aktuelle Mama-Ausgabe zu führen. Allein die Ankündigung eines DUMMY-Polizei-Heftes im nächsten Jahr zeitigte anschließend etliche Anrufe von DeutschlandRadio-Hörern in der DUMMY-Redaktion, die teils absurde Begegnungen mit der Polizei schilderten. Da kommt Vorfreude auf!

Nun nimm doch noch was: DUMMY Mama ist da

Wo ist Zuhause, Mama, sang Johnny Cash 1959 in einem der wenigen deutschsprachigen, zugleich rührendsten Songs seines Werks und lieferte Mamas Antwort gleich vierfach mit:
Auf der großen Straße / Hinter blauen Bergen / In den grünen Tälern / Bei den hellen Sternen.
Was uns der Künstler damit sagen will? Möglicherweise, dass Mama vor allem eine Aufgabe zukommt: den Sohn erst großzuziehen, um ihn irgendwann zu überzeugen, wie toll und aufregend es sei da draußen in der Welt, dass er endlich rausgehen solle, anstatt sich auf ewig an ihrem Busen zu wärmen, und sie nun bitte allein zu lassen, nach all den Jahren, mit ihren heimlichen Tränen. Cash selbst hatte zu seiner Mutter Carrie ein sehr enges Verhältnis. Sie gebar sieben Kinder und starb 87-jährig im Jahre 1991, drei Jahre später widmete Cash ihr eines seiner schönsten Alben, »My Mother’s Hymn Book«. Vermutlich glaubte er, wenn irgendjemand uns zeigen kann, wo und wie wir im Leben Halt finden können, dann unsere Mütter.
Ein Heft über »Mama« ohne jedes Pathos zu beginnen, erscheint uns weder möglich noch erstrebenswert. Immerhin geht Mama uns alle emotional an, sie ist es in den meisten Fällen, die unsere ersten Lebensjahre dominiert, und oft weit darüber hinaus, ob wir das nun wollen oder nicht. Mamas Liebe zum Baby ist unbedingt, sie gebärt es, presst es sich aus dem Leib, gibt ihm Milch, sorgt sich am meisten, wenn es vom Stuhl fällt oder einen Schnupfen hat. Sie ist die, die ihr Baby durchbringt, um jeden Preis.
Wie gesagt: in den meisten Fällen. Für die 25. DUMMY-Ausgabe haben wir vor allem nach Geschichten gesucht, die das herkömmliche Mütterbild erweitern, erschüttern oder konterkarieren. Die Kindheits- geschichte unserer Autorin Susanne Frömel zum Beispiel, die ihre Mutter erst kennenlernte, als sie fünf war. Die Gruselgeschichte von Elena Ceausescu, die sich für Rumäniens »Mutter der Nation« hielt und ihre Landsleute zugleich schamlos tyrannisieren ließ. Oder die Schicksalsgeschichte einer 24-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter in der Uckermark anschaffen geht. Wir erzählen von einer Frau, die sich in das Leben eines Geschworenen einschleicht, um ihren wegen Mordes verurteilten Sohn freizubekommen. Von einem mexikanischen Austauschschüler, der eine deutsche Familie in den Wahnsinn trieb. Wir zeigen einen Mann, der die Kleider seiner Mutter trägt, und eine Mutter, die sich von ihrem Sohn beim Akt mit ihren Lovern ablichten lässt. Und wir suchen Antworten auf selten gestellte Fragen: Wie erotisch ist eigentlich Stillen? Warum müssen sich Frauen heute ver- mehrt Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Kinder haben? Und wie kommt es, dass einem beim Stichwort »Motherfucker« so schnell Peter Sloterdijk einfällt?

Schließlich feiern wir mit dieser Ausgabe ein kleines Jubiläum. 25 DUMMYS, das ist nicht nichts, zumindest mehr, als wir uns zugetraut hätten, als wir vor sechs Jahren starteten, mit einer Idee und einem Girokonto, ohne Geldgeber, ohne Verlag. Aus diesem Anlass lassen wir alle bisherigen Hefte in einem Extrateil noch einmal Revue passieren, die besten Storys in Auszügen inklusive. Viel Spaß damit.

Warum wir bald ein DUMMY Polizei machen

Eine Horrorgeschichte aus Charlottenburg vom letzten Mittwochabend: Ein großer Mercedes aus Brandenburg fährt an der Joachimsthaler/Ecke Kantstraße auf einen Volvo auf, dessen Fahrer aussteigt und sich beschwert. Der Mercedesfahrer will aber nicht diskutieren, stattdessen greift er den anderen Mann an und schubst ihn mit voller Wucht um. Der Mann fällt so unglücklich über den Bordstein, dass er sich sowohl das Schien- als auch das Wadenbeinbein bricht. Und zwar vierfach. Der Mercedesfahrer verlangt, dass der Mann aufsteht, doch dieser kann gar nicht aufstehen und ruft die Polizei. Das Erste, was der eintreffende Polizist macht: Er fordert den am Boden liegenden Mann auf, sein Auto wegzufahren, es stehe nämlich im Weg. Außerdem wolle er die Fahrzeugpapiere sehen. Als der Mann mit dem gebrochenen Bein sagt, er könne den Wagen nicht wegfahren, droht ihm der Polizist damit, das Auto abschleppen zu lassen.
Mittlerweile ist auch ein Notarztwagen da. Die Besatzung fordert den Mann am Boden auf, sich nicht so anzustellen und aufzustehen, eine Prellung tue zwar ein bisschen weh, aber sonst sei doch nichts. Gut, dass der Mann am Boden den Anweisungen nicht folgt. Im Krankenhaus stellt sich heraus, wie schlimm die Fraktur ist: Wäre der Mann aufgetreten, wäre der Knochen durchgebrochen und hätte vorne aus dem Bein herausgeschaut. Nur vier Tage später ist der Mann bereits zweimal operiert worden, jeweils mehrere Stunden lang, aus seinem Bein schauen große Metallstäbe, er hat Angst vor Infektionen und davor, später zu humpeln. Er wird den Mercedesfahrer anzeigen, den Polizisten auch.
War dieser Berliner Polizist ein Einzelfall? Ich würde sagen: nein.
Eine andere Geschichte aus Prenzlauerberg, Wins/Ecke Jablonskistraße, im Herbst. Morgens um halb neun regnet es plötzlich Steine von einem Dach, richtig große Brocken klatschen auf die Straße. Unten im Haus ist ein Kinderladen, man kann froh sein, dass niemand zu Schaden kommt. Nur ein kleines Auto vor der Tür, ein schwarzer Twingo: Der Lack platzt ab, Kratzer entstehen. Die Frau, der der Wagen gehört, ruft die Polizei. Mittlerweile sind auch die Bauarbeiter da, die den Steinschlag bei Dacharbeiten ausgelöst haben. Das erste, was der eintreffende Polizist sagt, ist, dass der Wagen der Frau auf einem Behindertenparkplatz steht, was für den Zeitpunkt des Schadens aber nicht mal stimmt. Dann sagt der Polizist, dass es sich um einen Versicherungsfall handle. Er geht nicht aufs Dach, um zu schauen, was dort für Gefahren bestehen. Es interessiert ihn nicht, dass Steine auf die Köpfe von Passanten hätten fallen können. Ihn interessiert nur, warum ihn die Frau gerufen hat.
Eine ähnliche Sache, die im Herbst in Schöneberg passierte, in der Goltzstraße: Aus einem Haus fliegt ein Pflasterstein in hohem Bogen auf ein Autodach. Der Autobesitzer ruft die Polizei, die den Vorfall aufnimmt. Als die Beamten gehen wollen, fragt der Mann, ob sie denn nicht mal im Hause nachfragen wollten, wer den Stein geworfen habe. Der Polizist dreht sich um und sagt, man wisse schon selbst, wie man zu ermitteln habe.
Ja, so ist sie, die Berliner Polizei.
(tip; 2009)

Hört bloß auf zu loben! (Kritik an der Buchkritik)

Das Buch, das ich gerade lese, wird wahrscheinlich die Literaturgeschichte verändern. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Dieses Buch ist das Ende der Bücher wie wir sie kennen, es ist Meisterwerk und Meilenstein in Einem. Mit dem Buch, das ich vorher gelesen habe, war es ganz genauso. Es war ein Bravourstück, ein Stück aus der Zukunft der Literatur. Ähnlich wie die anderen Bücher, die ich in diesem Jahr gekauft habe: allesamt lassen sie den Leser Zeit und Raum vergessen.
Zumindest wenn man dem Feuilleton glaubt, dem die Superlativismen nie ausgehen und das die Autoren gruppenweise unter Genieverdacht stellt. In keinem anderen Ressort wird so schwelgerisch gelobt, wird sich so affirmativ rangeschmissen wie im Literaturteil. Und selbst für die schlechten Bücher findet sich immer noch jemand, der schon aus Angst, nicht mehr mit Rezensionsexemplaren beschickt zu werden, lobhudelt, dass es kracht.
Das Buch, das ich gerade lese, heißt „2666“ von dem chilenischen Autoren Roberto Bolana. „Für 2666 muss man eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen“ schrieb die FAZ, es handele sich um einen „Meilenstein der literarischen Evolution“, schrieb Ijoma Mangold (in der Zeit), den die Evolution ins Fernsehen trieb und man nicht weiß, ob sie das hätte machen sollen. Der Spiegel verwendete das Wort, das in gefühlten 90 Prozent aller Kritiken Verwendung findet: „Ein Meisterwerk“. Ich bin gerade bei Seite 400 von 1000 und noch ist es ziemlich normal – weder besonders toll noch besonders schlecht. Im Freitag stand immerhin, dass es anfangs etwas zäh sei, aber dann das Beste, was man je im Leben gelesen habe. Ich habe also Hoffnung.

Ich weiß nicht, was los wäre, wenn sich andere Redaktionen mit solcher Inbrunst des Schwelgens hingeben würden. Wenn der Sportredakteur von einem Fußballspiel berichtete, wie es noch nie eins gegeben hat, der Autotester von einem Wagen, der mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, der Politikredakteur von einer Rede, die einen nicht mehr loslässt und der Medienjournalist von einer Sendung, die Geschichte schreiben wird. Buchkritiker merkt Euch: Es gibt auch in anderen Lebensbereichen Positives zu berichten – aber deswegen belästigt keiner die Leser mit seinem Dauererregungszustand. Was man im Feuilleton tagtäglich vorgesetzt bekommt, würde man in anderen Zeitungsteilen garantiert nicht dulden.

„Mit diesem Buch beginnt eine neue Zeitrechnung in der Literaturgeschichte“, bramarbasierte die Welt über „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Das Buch vereine “literarische Innovation und Lesbarkeit auf eigene, unerhörte, markerschütternde Weise“, schrieb die FAZ. Uuuuargghhhh –markerschütternd ist höchstens dieser permanente Ausnahmezustand im Feuilleton, der selbst Bücher voller windschiefer Metaphern wie „der Turm“ zu Heldentaten verklärt. Oft geht es nicht um die Qualität des Geschriebenen, sondern um andere Kriterien, die dem Rezensenten den Stift führen. So hat ein Buch größere Chancen, gelobt zu werden, wenn

A) der Autor eine Autorin und diese Autorin jung und hübsch ist (kommt besonders gut beim Spiegel an).
B) Der Autor oder die Autorin aus demselben Milieu wie der Rezensent kommt.
C) Der Autor oder die Autorin für dieselbe Zeitung arbeitet wie der Rezensent.
D) Der Autor oder die Autorin sich gerade erhängt hat oder krank ist.

Früher dachte ich immer, dass es in den Presseabteilungen Menschen gibt, die auch noch aus dem ärgsten Verriss die wenigen positiven Worte aus dem Zusammenhang reißen, um sie dann in Anzeigen und auf Rückseiten von Büchern zu drucken. Aus „unglaublich schlecht“ wird so das Gegenteil, nämlich „unglaublich“. Heute bin ich davon überzeugt, dass dieser Job abgeschafft ist.
(medium-magazin, November 2009)

Der Spiegel mal ganz luzide: “Es wird Streit geben”


Man weiß gar nicht, was einen mehr wundern soll: Wie schnell der „Spiegel“ eine Titelgeschichte aus dem Hut zaubert, die die schwarz-gelbe Koalition verreißt oder der Umstand, dass die darin bemängelte Politik von der „Spiegel“-Redaktion nicht schon vor der Bundestagswahl antizipiert wurde. „Streit wird ein Thema von Schwarz-Gelb werden – soviel ist nach den Koalitionsverhandlungen gewiss“ reportiert das Magazin leutselig – und ehrlich gesagt hätte man das ja vor der Wahl ahnen können. Genauso wie den Umstand, dass eine vernünftige Energiepoltik unter der neuen Koalition mit ihren seltsamen Verrenkungen zum Thema Atomausstieg zum Erliegen kommt, wie der „Spiegel“ staunend feststellt. Übrigens schlägt sich das Magazin hier ganz elegant auf die Seite der Energie-Oligopolisten und bemängelt, dass die Laufzeitverlängerung nicht längst beschlossen und somit Planungssicherheit geschaffen wurde. Als Neuigkeit in der dürren Titelgeschichte wird auch das Zitat eines anonymen „FDP-Mannes“ ausgegeben, der die Geisteshaltung der CDU-Unterhändler so beschreibt: „Wir ändern hier gar nix“.

Das trifft im übrigen auch ganz gut auf die „Spiegel“-Redaktion zu: Seit Jahren gibt es in dem Blatt keine politische Haltung, die nicht in der nächsten Woche durch eine amüsante Pointe gekippt werden könnte. Wobei Amüsement hier auf sehr anstrengendem Niveau stattfindet – etwa dann, wenn sich die Autoren zwei Absätze nur damit beschäftigen, welcher Apfelsaft bei den Koalitionsverhandlungen getrunken wurde. Was immer das dem Leser auch sagen soll, außer: Der „Spiegel“-Reporter war wieder mittenmang statt nur dabei.

Noch vor Wochen war der ehemalige Umweltminister Sigmar Gabriel, der im „Spiegel“ über all die Jahre runtergeschrieben wurde wie kaum ein anderer, noch die letzte Pfeife – im aktuellen „Spiegel“ nun heißt es, es fehle das „heiße Blut“ wie es Gabriel in der Großen Koalition gezeigt habe. Andere Passagen der Titelgeschichte wirken, als fänden die Verschwörungstheorien einiger Parlamentarier mittlerweile eins zu eins ins Blatt. Wenn etwa Karl-Theodor zu Guttenbergs Versetzung ins Verteidigungsministerium damit erklärt wird, dass er als Finanzminister zu viele Möglichkeiten bekäme, sich als symphatischer Strahlemann in Szene zu setzen. Wenn das doch nur Peer Steinbrück gewusst hätte. Schlimm findet der „Spiegel“ übrigens auch, dass das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger erhöht und selbstgenutzte Immobilien geschützt werden. Das Land mag sozialdemokratischer geworden sein, der “Spiegel” nahm zwar nicht die umgekehrte Richtung, aber den Weg in die Indifferenz: Er schreibt halt immer gegen die an, die gerade regieren und versichert sich mit diesen Schnellschüssen seiner eigenen Kritikfähigkeit. So wie Schwarz-Gelb auf dem aktuellen Titelbild schlingert der “Spiegel” schon lange.

PS: Wirklich lesenswert ist übrigens die Geschichte über das Paris-Bar-Bild von Martin Kippenberger, oder eben gerade nicht von Kippenberger.

Kein Schmarrn: Lob der Einseitigkeit

Das ist ja eine Bombe: Die Süddeutsche Zeitung, die sonst wenig gute Haare an DUMMY lässt, ja vielmehr schon die erste Ausgabe vor sechs Jahren beherzt in die Tonne trat („Das Heft hat kaum Emotionen, wenig Begeisterung, null Wut, keinen Stolz, kaum Haltung.“
Hajo Schumacher, SZ v. 25.10.2003) und im DUMMY Schwarze nur eine öde Provokation zu erblicken vermochte („Was Dummy dafür umso eindringlicher belegt: Dass die Vergötzung der Provokation per se zu einer Orientierungslosigkeit führen kann, die Mittel und Ziel nicht mehr unterscheidet.“ SZ v. 13.10.08) – ja, diese Süddeutsche Zeitung ringt sich in ihrer heutigen Ausgabe zu einem veritablen Lob durch. „Einseitig, aber schön einseitig“ ist der Artikel auf der Medienseite überschrieben. Dass das DUMMY Atom schon vor der Bundestagswahl fertig war, wird staunend vermerkt – wo doch die Anti-AKW-Bewegung erst jetzt, nach der beschlossenen Laufzeitverlängerung, an Fahrt gewinne. Dass bereits vor der Wahl große Anti-Atom-Treks durch Deutschland zogen, die Medien permanent über die skandalösen Umstände im Endlager Asse berichteten und am 5. September 50.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor gegen längere Laufzeiten demonstrierten – an das alles wollen wir jetzt mal nicht erinnern, sondern uns in aller Stille über das Kollegenlob freuen. Kein Schmarrn.

Lektor an Kalbsravioli: Blick zurück auf die Buchmesse

Am Einlass eines Verlagsempfangs im Hotel zum Frankfurter Hof wird ein Hardcover mit neu aufgelegten Shortstories verschenkt, außerdem ein Bon, auf dem steht: „ein Glas Wein“. Der Bon ist Zeichen der Krise. Noch im Frühling 2008 gab es auf Verlagsempfängen Cuba-Libres, GinTonics und White Russians umsonst. Ein Freund, der eigentlich Designer und neu auf der Buchmesseabenden ist, behauptet: „Die Leute hier sehen alle irgendwie schlau aus.“ Wir gehören zu den Jüngsten, zusammen mit den Volontären; manche haben rote Ohren vom Wein. Der Freund meint, dass auf Designmeetings alles anders ist: „Da haben die Leute Kapuzen auf und Bärte und leicht abgerissene Hosen.“ Wir stehen inmitten einer Traube dunkel gekleideter Männer und Frauen. Der Literatubetrieb als verkappt warmherziger Verein. Man trinkt sieben Gläser trockenen Weisswein und fängt trotzdem nicht an zu tanzen.
Ich halte mein drittes Glas fest umklammert. Im Lauf des Abends sind neue Bons aus den Jacketttaschen der Verlagsmitarbeiter aufgetaucht. Zusammen mit Glas fünf halte ich einen DUMMY-Verlag-Sticker in die Luft. Eine Vertriebsdame fragt: „Was ist das?“ – „Das ist ein Gesellschafts-Magazin. Alle drei Monate ein neues Thema, immer von neuen Designern gestaltet. Aktuell ist Atom, im Dezember kommt Mama.“ Die Vertriebsdame hat einen stechenden Blick: „Das klingt interessant.“ Ich sage: „Ja. Ich mache dort ein Praktikum und werde den Blog bald mit klugen Miniaturen bespielen. Verkappte journalistische Arbeiten. http://blog.dummy-magazin.de/.“ Die Vertriebsdame nickt.
Erstaunlich, wie viele Fachbesucher es gibt. Voll besetzte Shuttlebusse rollen zwischen den Hallen im Kreis. Vor Halle 4 raucht ein Junglektor seine zweite Lucky Strike und erzählt, dass er am Abend zuvor nach drei Gläsern Sekt auf Wasser umgestiegen sei. Er habe heute Termine im 30-Minuten-Takt, primär seien das Gespräche mit Agenten. In Halle 3.0 stellen am Donnerstag Nachmittag drei Hessen ein Sachbuch vor: „Genusskultur – Kitchen Music 2“. Sie sprechen von einer „Kreativität, die sich wie ein roter Faden durch die Genusskultur-Materie zieht“. Der Älteste der drei sagt über den Jüngsten: „In dem Lebensabschnitt vom Martin habe ich noch gar nicht über Kalbsravioli nachgedacht. Da habe ich noch an ganz andere Sachen gedacht… Aber es ist ja schön, dass sich jetzt auch junge Leute gesund ernähren.“ Am Ende Applaus.

Auf der ICE-Fahrt in Richtung DUMMY-24-Party geht die Sonne unter. Hinter den Scheiben der überfüllten Abteile bildet sich streifenweise zitronengelb glühender Herbsthimmel. Einige Mitreisende kauern auf den Gängen, ringsherum sind Windows-Start-Sirenen zu hören. Ich gehe wiederholt davon aus, noch von Verlagsmenschen umgeben zu sein. Beim Umstieg in Niedersachsen legt sich dieser Eindruck. Der Zug nach Berlin hat Verspätung. Ich betrete die hell erleuchtete Hannoveraner Bahnhofspassage und kaufe einen Fleischkäse am Wurst-Basar.

Drei Stunden später in der Kreuzberger Paloma-Bar knutscht Chefredakteur Oliver Gehrs mit seiner Lebensgefährtin. Das Paar scheint einen schönen Abend zu haben. Die anderen Dummys spielen Platten oder tanzen. Es gibt keine Getränke umsonst, dafür günstiges Bier und eine Wodka-Ahoi-Happy-Hour all night long. Es ist die erste Verlagsparty, auf der diese Woche getanzt wird!
Leif Randt

Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal

Was soll man dazu sagen? Gut, dass der Bertelsmann Reinhard Mohn nicht mehr erleben muss, welche Produkte der zu Bertelsmann gehörende Verlag Gruner+Jahr heute auf den Markt schmeißt? Oder sind diese Hefte, die von einem erstaunlich gestrigen Gesellschaftsbild zeugen, womöglich noch vom kürzlich verstorbenen alten Mann aus Gütersloh maßgeblich beeinflusst worden?

Es geht hier um die Zeitschriften „Beef!“, „Gala men“ und „Business Punk“, mit denen der erschlaffte Hamburger Verlag von heute an Kreativität vorschützt. Zu allererst fällt auf, dass G+J die Zielgruppen immer noch in Mann und Frau, in reich & arm und in alt und jung einteilt, anstatt in bestimmte gesellschaftliche Milieus. Was ja ein verlegerisches Denken ist, das man spätestens seit dem Mega-Flop „Vivian“, Burdas vor etwa zehn Jahren grandios gescheitertem “Focus für die Frau”, für ausgestorben hielt. Nicht aber bei Gruner + Jahr, wo mittlerweile ein früherer FDP-Politiker mit juristischem Staatsexamen den Laden schmeißt – oder sagen wir: an die Wand fährt.

Ausriss aus
Business-Punk und G+J-Chef Bernd Buchholz mit seiner Sekretärin auf der Außenalster (naja, fast)

Die Titelgeschichte von Beef, das nicht mal einen originären Titel wert war (das Magazin des Art Directors Club heißt seit Jahren so), handelt natürlich zu allererst vom Steak, von dessen Testosterongehalt die anvisierten Käufer träumen dürften, und später auch davon, ob man eine Frau ins Bett kochen kann. Früher ging der Neandertaler-Mann jagen und gewann das Weibchen durch das schiere Ausmaß seiner Beute für sich, heute wird darauf spekuliert, dass das die weiblichen Hormone in Wallung geraten, wenn das Männchen am Herd kochen kann wie das Molekular-Genie Ferran Adrià. Man darf annehmen, dass neben dem Reißbrett in der G+J-Entwicklungsabteilung ein Fernseher steht, in dem diverse Köche ja seit Jahren Quote machen.
„Gala men“ wiederum klingt wie „Computer für Frauen“, jene Bücher, zu denen Menschen mit ein bisschen Selbstbewusstsein und Antennen für beiläufige Diskriminierung garantiert nicht greifen. Wenn es gut läuft für dieses Blatt, könnte noch eine Story für „Beef!“ rausspringen und sich ein paar schöne Kannibalisierungseffekte ergeben. Dann nämlich, wenn die männlichen „Gala“-Leser plötzlich begreifen, dass das Magazin gar nicht für sie gedacht war – wo sie doch vielleicht nicht ganz zu Unrecht dachten, dass Männer in Zeiten zunehmender Metrosexualisierung ein ähnliches Klatschbedürfnis wie Frauen und vor allem kein Problem haben, dazu zu stehen.

Bliebe noch „Business Punk“ – ein Magazin, das erstaunlicherweise in einer Art „Geolino“-Layout daherkommt und die „Leistungselite der Generation Xing“ ansprechen soll, was klingt wie Helmut Markwort nach zuviel Weißbier in der V.I.P.-Lounge des FC Bayern (Oliver Kahn ist auch im Blatt). Erstaunlich, wie hier ein stromlinienförmiger Laden auf Rock´n`Roll macht, seine wahre Geisteshaltung aber dann doch nicht wirklich unterdrücken kann und als einen der größten Business-Punks ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann vorstellt, dessen Laden gerade 60 Jahre Laufzeit für seine alten Atomkraftwerke gefordert hat. Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz.

Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht. Und so ein Soziologe dürfte ja nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Entwicklung der neuen Titel verschlungen hat.

Wasted Youth: Die “Junge Presse” in Mainz

Vielleicht ist Mainz ja ganz schön – gestern war es allerdings grauenhaft. Was vielleicht auch daran lag, dass das Jugendmedienevent an grässlichen Orten stattfand wie zum Beispiel dem ZDF auf dem Lerchenberg oder der Katholischen Fachhochschule, die eingeklemmt zwischen einem Krematorium und dem Mainzer Arbeitsamt liegt.

Ich durfte dort einen Workshop zum Thema „Blattmachen – Magazin-Journalismus“ leiten, zu dem kein einziger Junge, dafür aber neun Mädchen kamen, die vielleicht alle zu Tobias Zick von Neon wollten, der an meiner Stelle im Programmheft stand. Man kann also sagen, dass das Ganze eine ziemlich uncharmante Veranstaltung war – für die Referenten, aber auch für die 500 jugendlichen Teilnehmer, die man in einer Turnhalle untergebracht hatte, aus der sie um 6 Uhr morgen raus mussten, damit der Schulsport dort stattfinden konnte.

Mein Workshop dauerte 8 Stunden, und in dieser Zeit bemühte ich mich, den beflissenen Schülerzeitungsredakteurinnen meinen Beruf schmackhaft zu machen. Es ging um das nächste fluter-Heft zum Thema Ernährung. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten (wie gesagt: Sie mussten nach der ersten Partynacht um sechs Uhr raus!) hatten die Teilnehmerinnen richtig gute Einfälle: Am Besten gefiel mir die Idee, die Lebensmittel zu Wort kommen zu lassen: Karotten, denen man die Haut bei lebendigem Leib abzieht, Kartoffeln, die man zerschneidet und in kochendes Wasser wirft. Ich glaube, dass Wiglaf Droste so was in der Art sogar schon mal geschrieben hat.

Was mich aber wirklich schockierte, war: Dass all diese 16-18-Jährigen eine totale Angst vor der Zukunft hatten und davor, keinen Job oder eben den falschen zu bekommen. Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.

Vielleicht waren sie auch einfach weniger naiv als ich, denn das nächste schwarz-gelbe Regierungsprogramm sieht solche notwendigen Selbstfindungstrips wahrscheinlich gar nicht mehr vor.

Ich glaube, die Eltern der Jugendlichen, die ich gestern sah, haben sich schon im Kleinkindalter Sorgen gemacht, die Karriere ihrer Kinder mit der Wahl des falschen Kindergartens negativ zu beeinflussen. Es waren Kinder von Eltern also, wie es sie heute fast nur noch gibt. Und die ihren Söhnen und Töchtern durch ihre jahrelange Aufgeregtheit bei der Wahl der richtigen Schule und ihren falschen Ehrgeiz allen Mut und alles Selbstbewusstsein austreiben.

Diese Erkenntnis war fast so traurig wie das Wetter gestern in Mainz.

4 von 6.313.023: Auf der Suche nach dem FDP-Wähler

Seit Tagen versuche ich einen FDP-Wähler zu finden, denn bei fast 15 Prozent müssen doch auch welche in der näheren Umgebung existieren. Bislang blieb die Suche ohne Erfolg. Es kann natürlich auch sein, dass sich niemand mehr dazu bekennen mag, nachdem Guido Westerwelle in seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl einen BBC-Journalisten beschied, seine Frage doch bitte sehr in deutsch zu stellen . Das dürften selbst die Werber in Mitte (die ich im Verdacht habe) und Ulf Poschardt etwas unsexy finden.

Poschardt muss Gustav Seibt im Kopf gehabt haben, als er gestern in der SZ eine gewagte These aufstellte, wonach die neue FDP-Klientel aus Kreativen besteht, die nach Schlachtensee gezogen sind, weil es in Mitte zu oft nach Babynahrung riecht . Da hat er wohl Poschardt einfach mal zum Prototypen hochgejazzt, was dem ja sicherlich gefallen wird.

Ich maße mir auch mal seibtsche Fabulierfreiheit an und behaupte, dass der neue FDP-Wähler zuhauf in der Spiegel-Redaktion sitzt. Ich traf nämlich unlängst zwei Nachwuchs-Redakteure aus dem Spiegel-Parlamentsbüro auf einer Party, die mir erzählten, wie toll das Buch „Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ von ihrem Kollegen Jan Fleischhauer sei. Mal abgesehen, davon, dass Florian Illies das Anrennen gegen die vermeintlichen Gutmenschen schon vor langer Zeit in Buchform besorgte, wusste ich den forschen Magazinmachern zu entgegnen, dass Jan Fleischhauer schon sehr sehr lange konservativ ist –jedenfalls war er es schon, als er vor 10 Jahren beim Spiegel mein Zimmernachbar war und zur Entourage des neoliberalen Gabor Steingart gehörte – immer im korrekten dreiteiligen Anzug mit Weste.

Das Gespräch, das letztlich zum verfrühten Aufbruch von der Party führte, kam mir wieder in den Sinn, als ich nun den Sonder-Spiegel zur Wahl in der Hand hielt – mit dem eine Spur zu heroisierenden André-Rival-Foto von Guido Westerwelle vorne drauf. Am besten fand ich noch die Stimmen der Kreativen, die allesamt kurz vor dem Auswandern zu sein scheinen – bis auf den trutschigen Leander Haußmann, der sich als FDP-Fan outet. Poschardt, Haußmann, die Spiegel-Jungs. Das sind schon mal vier. Ich bleib dran.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.

Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.

Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.

Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.

P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk

War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.

Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat.  Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko  zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.

Eine Art Konferenz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.

Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.

Wenige Sätze (11) zum Spiegel Nr. 39: Bitte nicht wackeln

Nie war es so teuer, keine Meinung zu haben: Der Spiegel klebt auf sein aktuelles Cover ein Wackelbildchen, das mal Angela Merkel und mal Frank-Walter Steinmeier auf dem Thron zeigt. Und als hätte man es nicht gleich kapiert, erfährt man es in der Hausmitteilung noch mal: „Eine Wahlempfehlung gibt der Spiegel nicht ab.“ Erstaunlich, dass man aus seiner Mutlosigkeit auch noch so ein großes Ding machen kann.

Das Stück über Steinmeier erzählt das Übliche, das Steinmeier nämlich immer noch ein wenig steif ist – das aber wortreich und lang und mit der schönen Erkenntnis, dass „Steinmeiers Ausstrahlung seinen Körper nicht verlässt.“ Das Stück über Merkel hält sich auch nicht groß mit politischen Inhalten auf, lieber rezensiert der Autor Gesten, Mimik und CDU-interne Befindlichkeiten. Die Politikberichterstattung des Spiegel ist ja eh zunehmend eine Berichterstattung über die Oberfläche des Politikbetriebs geworden. Man gehört eben zum eher unintellektuellen „Berliner Kommentariat“ – das ist übrigens ein schöner Begriff aus dem Merkel-Text von Christoph Schwennicke, den man anscheinend von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel geholt hat, damit er da möglichst wenig schreibt.

Und sonst: Im Interview mit dem George-Bush-Senior-Verehrer James Baker erfährt man auch nichts Neues über die deutsche Einheit, im Gespräch mit dem sonst Butterfahrt-tauglichen G+J-Vorsitzenden Bernd Buchholz über die Krise bei Gruner + Jahr gibt sich dieser imageschädigend schmallippig – und es gibt, aus welchem Grund auch immer, ein sage und schreibe fünfseitiges Stück über die Band No Angels, zu dem auch noch der fleißige Rechercheur Sven Röbel abkommandiert wurde. Schon das ist ein Grund, den Spiegel diese Woche am Kiosk liegen zu lassen.

Moratorium für dieses Blog aufgehoben

 

Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)

Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.

Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.

 


Wir fahren nach Berlin

Warum haben wir in den letzten Monaten so wenig gebloggt? Ich weiss es nicht. Vielleicht lag es zumindest ein bisschen daran, dass uns die Produktion des neuen DUMMYs verschluckt hat. Es ging um Berlin – und das ist beileibe kein einfaches Thema, weil man ja alles, was diese Stadt betrifft, in der wir nebenbei gesagt auch leben und arbeiten, schon gelesen und gesehen zu haben meint. Jetzt ist das Heft, die 22te Nummer, jedenfalls fertig und wir sind froh, es in den Händen zu halten. Gestaltet wurde diese Ausgabe wie immer von komplett neuen Art-Direktoren. Diesmal haben Markus Büsges und Björn Wolf das Heft in Form gebracht. Es ist eine sehr aufgeräumte und klare Ausgabe geworden, gespickt mit vielen liebevollen Infografiken. Alle Bilder wurden vom Maler Edward B. Gordon in Öl gemalt. Fotos konnten wir dieses Mal einfach nicht mehr sehen. Am letzten Wochenende haben wir dann spontan die Kamera mitlaufen lassen. Enstanden ist dabei ein Dokument der Aufregung und Erschöpfung, aber auch des Glücks während so einer Schlußproduktion.

P.S.:

An den Kiosk kommt Dummy-Berlin übrigens am 23.03.2009

Alles halb so schlimm im SZ-Tower

Nach den traurig stimmenden Meldungen der letzten Wochen, die einen aus der SZ-Redaktion ereichten, war man ja schon in größter Sorge um das Blatt. Tränenreiche Artikel wurden darüber geschrieben, dass die SZ-Redaktion und der Verlag nun nicht mehr länger in der Münchner Innenstadt unweit der gemütlichen Bierstuben beheimatet sind, sondern am Stadtrand in einem modernen Gebäude, das aussieht wie der Sitz einer Versicherung – sagen wir von Axa.

Um zu schauen, ob denn den Kollegen wirklich jener Tort angetan wird, den sie die ganze Zeit beklagen, habe ich mich aufgemacht in die Hultschiner Straße in München-Ost. Und ich muss sagen: die Ankunft in der S-Bahnstation Berg am Laim verheißt erst einmal nichts Gutes. Man muss durch eine furchtbare und furchtbar gefährliche Gleis-Unterführung hindurch und dann steht man vor dem Glas-Tower, der von der Aufteilung her an das Spiegel-Haus in Hamburg erinnert, nur eben viel schöner. Die verglaste Fassade mit ihren abwechselnden Fensterstürzen sieht schon mal klasse aus, die Münchener Sonne spiegelt sich darin und taucht den Platz davor in gleißendes Licht. Auch in der Kantine hat man sich sichtlich um eine spiegeleske Farbigkeit bemüht, leider ist es viel weniger psychedelisch geworden. Die Bedienungen wurden sorgfältig nach Hautfarbe gecastet, man isst nun wie im Inneren einer Benetton-Werbung. Ich hatte so eine Art Tafelspitz mit Schnittlauchsoße, nach dem man sich im Berliner Verlag – diesem schäbigen Plattenbau mit seiner Sodexo-Kantine – die Finger lecken würde.

Auch sonst klagen die SZ-Mitarbeiter auf hohem Niveau. Das Foyer ist ein mehrstöckiges Atrium mit Video-Wall, die wohl bedeuten soll, dass man hier alles im Blick hat. Klar, das ist bemüht, aber irgendwie hofft man, dass dieser mondäne Auftritt mit den gläsernen Büros der SZ ihre Münchener Spießigkeit austreibt. Denn all die Berlin-Hassartikel konnten schließlich nur in der Meister-Ederhaftigkeit der Sendlinger Straße gedeihen, wo man halt gern am Mittag schon auf ein Weißbier ging. Dortselbst habe ich Büros wie die der Medienredaktion gesehen, die an Alcatraz erinnerten.

Nun sitzen die Redakteure in lichtdurchfluteten Zimmern mit einem schönen Ausblick auf den hässlichen Teil von München und klagen über die Kinderkrankheiten, die so ein modernes Haus nun mal hat. Die Jalousien gehen bei Sonneneinstrahlung automatisch runter und das Licht geht an. Die Klimaanlage regelt sich selbstständig, und ab und zu gibt es einen Feuer-Fehlalarm. Was wirklich unschön ist, ist dass die einzelnen Redaktionen relativ abgeschottet auf den Etagen sitzen, es kaum Möglichkeiten der Begegnung gibt. Bei einem Wochenmagazin wie dem Spiegel mag das noch hinhauen, aber bei einer Tagesszeitung wäre mehr Kommunikation schon dienlich.

Ansonsten aber möchte man den selbstmitleidigen Kollegen mit einem Wort von Werner Funk zurufen: „Licht und Luft geben Saft und Kraft“!

Der Mann, der bei Dummy … war

Dass Dummy “Schwarze” Wellen schlägt, haben wir ja verstanden. Brisant berichtete, und auch die Bunte und das Feuilleton der SZ schrieben darüber. Im Internet kursieren zudem Gerüchte, es gäbe demnächst eine Demo mit Menschenkette vor dem Dummy-Büro. Aber es war doch ein ziemlicher Schock, als gestern das Sekretariat von Günter Wallraff anrief und eine Ausgabe von Dummy “Schwarze” für den Meister des Undercover-Journalismus bestellte. Hat Günter Wallraff Lunte gerochen? Wird er Dummy unterwandern und des Rassismus überführen? War er vielleicht schon hier? Herausgeber Oliver Gehrs ist auf eine Mittelmeerinsel geflüchtet. Bei den übrigen Mitarbeitern liegen die Nerven blank. Jeder beschuldigt jeden, in Wirklichkeit ein anderer zu sein.

Wenn das kein Zeichen ist

Just in der Woche, in der die Produktion von Dummy “Glück” so richtig anlief, bekam Herausgeber Oliver Gehrs eine vielversprechende Email.