Das soziale Engagement von Vattenfall

Man muss schon Mitleid mit Vattenfall haben: Lebt der Stromkonzern diese Tage doch in ständiger Angst, für den voraussichtlich verlängerten Betrieb seiner Atomkraftwerke eine Brennelementesteuer entrichten zu müssen. Obwohl diese selbst bei einer vergleichsweise geringen Laufzeitverlängerung von nur acht Jahren rund 4,5 Milliarden Euro abwerfen würden, straffen die Schweden die Zügel und sparen in Deutschland bei ihren PR-Ausgaben – zumindest bei ihren Kunstpreisen.

Beim Fotowettbewerb 2010 zum Thema „Wärme“ winken den Preisträgern insgesamt 27.000 Euro.
Im Kleingedruckten der Bewerbungsunterlagen wird aber der neue Sparkurs deutlich. Vattenfall werden nämlich umfangreiche Nutzungsrechte für die eingesandten Fotos eingeräumt:

Alle eingereichten Arbeiten dürfen von Vattenfall für die Unternehmenskommunikation, den Fotowettbewerb und ihre publizistische Auswertung genutzt werden. Vattenfall hat insbesondere das Recht, die eingesandten Arbeiten auszustellen, in einem Katalog sowie in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Publikationen zu veröffentlichen. Für diese Nutzung kann der Teilnehmer keinen Anspruch auf ein Nutzungshonorar geltend machen.

Wenn Teilnehmer des Wettbewerbs also bald ihre Fotos in Vattenfall-Hochglanzbroschüren wiederfinden, ohne dafür einen Cent bekommen zu haben, können sie sich immer noch damit trösten, einem notleidenden Konzern geholfen zu haben.

Die CSR-Verantwortlichen des Konzerns sehen ihr Engagement freilich deutlich positiver. Auf  seiner Homepage lobt sich Vattenfall folgendermaßen:

Soziales Engagement ist für Vattenfall selbstverständlich und Bestandteil unserer Unternehmensphilosophie. […] Mit unserer Kulturförderung tragen wir dazu bei, dass besondere Leistungen und Initiativen gewürdigt werden.

Und wenn durch den Fotowettbewerb außerdem noch teure Honorare für Fotografen vermieden werden können, umso besser.

DUMMY auf Atomtour

DUMMY-Herausgeber unterwegs mit dem Redaktionstrecker

Wer hätte denn gedacht, dass das Thema noch einmal so eine Konjunktur erfährt. Wir jedenfalls nicht, und dennoch war uns das Atom-Heft aus dem vergangenen Herbst ein Herzensanliegen. Und die derzeitige Diskussion um die Brennelementesteuer und die Laufzeitverlängerung gibt uns ja auch nachträglich Recht. Mittlerweile hat der Berliner Werbefilmer Ralf Schmerberg für den regenerativen Energieiversorger »Entega« in Stuttgart das »Café Endlager« gemacht und in einer dazugehörigen Publikation auch den DUMMY-Text von Stefan Krücken über den Uran-Kurort Bad Schlema nachgedruckt.
Lesen kann man den auch im bestellbaren Atomheft, nebst vielen anderen explosiven Stücken wie etwa der Schautafel über die Vernetzung von Politik und Stromwirtschaft. Falls man noch Fragen hat, warum sich denn einige Politiker so dermaßen ins Zeug legen für eine uralte und anfällige Technologie.
Da das Atom-DUMMY also richtig gut in die Landschaft passt, sind wir auch noch mal mit dem Trecker durch die Lande gezogen, um es unter die Leute zu bringen. Passenderweise auf einer Strecke die Elbe entlang, wo ja mit Krümmel, Brunsbüttel und Brokdorf gleich drei umstrittene Meiler stehen. Selbst unser DUMMY-Trecker ist weniger störanfällig als diese AKWs.

Bitte mal rechts ran: Polizei prüft DUMMY

Sebastian Irrgang (rechts) und Oliver Gehrs vor der Wache

Es war ja schon höchste Zeit, dass wir das Polizei-DUMMY persönlich in der für uns zuständigen Wache vorbeibringen – und so fassten sich Artdirektor Sebastian Irrgang, Bildchef Felix Brüggemann und Herausgeber Oliver Gehrs ein Herz und marschierten zur Direktion 3, Abschnitt 31, in der Brunnenstraße in Mitte, um den dort wachhabenden Beamten drei Exemplare auf den Tisch zu legen.
»Wir sind doch jetzt blau« kam flugs die erste kritische Bemerkung beim Blick auf das grüne Cover. Und auch das flüchtige Blättern im Heft hatte hochgezogene Augenbrauen bei den diversen Wachtmeistern vor Ort zur Folge. Kein Wunder – treffsicher hatten sie die Seiten mit den Ressort-Überschriften »Bullen« und »Ihr Schweine« aufgeschlagen.
Erstmals hellte sich die Stimmung beim Blick auf die Mercedes-Anzeige auf der Rückseite auf – so schöne Polizeiautos hätten sie in Berlin schließlich auch gern. Doch die Landeskasse erlaubt nur Opel Corsa und VW Touran.
Dann aber wurde das Treffen zwischen Ordnungsmacht und dem unabhängigen publizistischen Komplex doch noch versöhnlich. Allein schon der Umstand, dass sich mal jemand um die Polizei gekümmert, sorgte für ein gewisses Zutrauen. Für weitere Stellungnahmen erbaten sich die Polizisten aber ein wenig Zeit für die Lektüre. Geschenkt.
Ein gemeinsames Foto war leider noch nicht drin, zu misstrauisch ist die Polizei gegenüber den Medien. Die Beamten vor Ort hätten wohl gewollt, wurden aber nach einem Anruf bei einem Vorgesetzten, den sie auf der Direktion 3 nur »den Alten« nannten, beschieden, dass ein Foto mit der DUMMY-Redaktion nur nach Rücksprache mit der Pressestelle möglich sei. Schade eigentlich.
(Foto: DUMMY/Felix Brüggemann)

Mit dem Cop durch die Wand: Das neue DUMMY ist da

Als wir mit diesem Heft anfingen, waren wir echt genervt von der Polizei. Von der rotzigen Art, in der einem bierbäuchige Beamte ihre Gardinenpredigten halten, wenn man mal wieder falsch herum auf dem Radweg gefahren ist. Ihrem sozialen Dünkel, wenn sie auf Menschen treffen, die Abitur haben, Frauen oder Ausländer sind. Ihrer Mackerhaftigkeit, wenn sie in ihrem Ninja-Turtle-Outfit auf Demos herumstehen und befugt ins Ungefähre schauen. Das fehlende Augenmaß, wenn sie Partys auflösen, weil sich ein Nachbar beschwert hat …
Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigten und je mehr wir mit Polizisten gesprochen haben, desto mehr verrauchte unsere Rachlust. Nicht, weil es diese spießigen, naseweisen, ignoranten Polypen nicht gäbe – aber weil es eben auch die anderen gibt. Die, die für einen Hungerlohn einen Gutteil der Sozialarbeit machen, ohne die die Gesellschaft an den Rändern implodieren würde.
Nach 1945 konnten sich viele Polizisten vom alten Schlag in die neue Zeit hinüberretten. Doch die deutsche Polizei hat sich schnell gewandelt – immer als Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche. In den 60ern stand den Beamten noch eine relativ kleine Gruppe von Protestlern gegenüber, die man im Zusammenspiel mit der Springer-Presse recht einfach kriminalisieren konnte. In den 70ern und 80ern begegneten den Polizisten auf den großen Demos gegen die Atomkraft und für den Frieden bereits öfter die eigenen Nachbarn auf der anderen Seite. Der Protest gegen den Staat war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dafür, dass auch die Polizei mit ein wenig Verspätung dorthin gelangte, hat u. a. die verstärkte Aufnahme von Frauen und Migranten in den Dienst gesorgt.
Dieses Heft, das ab heute am Kiosk ist, soll helfen, »die Bullen« etwas differenzierter zu sehen. Dafür haben wir so manchen Kriminalkommissar vernommen, wir waren in L. A. mit auf Streife und sind gen Helgoland gefahren, um den Inselbeamten zu sprechen. Wir haben im Fotoarchiv von Amsterdam gewühlt und mal geschaut, wo man Polizisten mit wie viel Geld bestechen kann. Eins vorweg: In Deutschland klappt es nicht.

Eine fiese Linke: Politische Gewalt in den Medien

»Linke Gewalt nimmt drastisch zu« titelt die Welt, in der BILD darf der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft vor einem »Comeback des linken Terrors« warnen, die taz notiert die »Entdeckung des Linksextremismus« durch die CDU.
1822 Gewalttaten aus der linksextremen Szene hat das Bundesinnenministerium im Jahr 2009 registriert, 53 Prozent als noch im Vorjahr. Innenminister de Maizière warnt beständig vor der linken Gefahr, zumal die politisch motivierte Gewalt aus der rechten Ecke mit 959 Fällen im vergangenen Jahr sogar leicht abnahm. Es drängt sich die Frage auf: Ist linke Gewalt also ein größeres Problem als rechte?
Zunächst einmal sind sie grundverschieden.
Gewalt von rechts ist in weiten Teilen Deutschlands, besonders im Osten zu beobachten. In manchen Dörfern Mecklenburgs werden die einzigen Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche von Nazigruppen angeboten. Dagegen werden größtenteils in Großstädten Menschen oder Sachen Opfer linker Gewalt. In Hamburg war die Anzahl der politisch motivierten Gewalttaten von links pro Einwohner im Jahr 2008 mit Abstand am größten.
Auch ist das Ziel rechter Gewalt unterschiedlich von den Absichten linker Gewalttäter. 85 Prozent der rechten Gewalttaten waren im Jahr 2008 Körperverletzungen, dazu kamen zwei Tötungsdelikte und vier versuchte Tötungsdelikte. Auf der linken Seite machen Brandstiftungen und auch Landfriedensbruch einen deutlich größeren Teil der Gewalt aus: 2008 waren 51 Prozent der Taten Körperverletzungen.
Wenn de Maizière mahnt, linke Gewalt werde in der Gesellschaft unterschätzt, trägt er für diesen Umstand selbst auch große Verantwortung. Die Zahlen, die das Innenministerium und der Verfassungsschutz alljährlich zu politisch motivierter Gewalt veröffentlichen, lassen nämlich keine wirkliche Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen und eine Aufschlüsselung der Motive politischer Gewalt zu. Der empörte Aufschrei de Maizières, 2009 habe es erstmals mehr Körperverletzungen durch Linke als durch Rechte gegeben, wirkt insziniert. Schließlich wird dabei nicht einmal zwischen passivem Widerstand bei einer Festnahme (zum Beispiel bei Demonstrationen) und aktiver Körperverletzung unterschieden.
Stattdessen eignen sich die Veröffentlichungen des Innenministeriums bestenfalls zu politischer Propaganda. Familienministerin Kristina Schröder wollte nach ihrem Amtsantritt im Dezember 2009 Geld aus dem Haushaltstopf für Bekämpfung rechter Gewalt dem Kampf gegen Extremismus aller Art umwidmen.Nach einem Aufschrei von Politik und Medien war dieser Vorschlag vorerst vom Tisch, allerdings macht Schröder in Zukunft jährlich einige Millionen Euro zusätzlich für den Kampf gegen Linksextremismus locker – auch wenn noch nicht klar ist, wie dieser aussehen soll.
Noch in ihrer Funktion als Extremismusbeauftragte der Union und unter dem Namen Köhler warf Schröder 2006 in einer Bundestagsdebatte den Linken vor, Verbrechen der kubanischen Regierung zu verharmlosen. Anlass der Debatte war Rechtsextremismus in Ostdeutschland.
Aber auch die SPD bekleckert sich nicht allerorts mit Ruhm: Anfang März ging in Berlin-Neukölln die rot-grüne Bezirkskoalition zu Bruch, weil die Sozialdemokraten in einer Erklärung zu rechtsextremen Gewalttaten auch linke Gewalt verurteilen wollte.
Linke und rechte Gewalt aber gegeneinander aufzurechnen, ist fatal. Beide sind nicht zu entschuldigen, von Rechtsextremen geht aber eine ungleich höhere Bedrohung aus. Seit 1993 gab es mehr als 140 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland. Todesopfer linker Gewalt gibt es dagegen keine.
(Am 21. Juni 2010 erscheint das nächste DUMMY zum Thema »Polizei«. Das Bild ist aus einer dafür entstandenen Modestrecke, fotografiert von Dirk-Michael Schulz)

Imagine! Der »Spiegel« verleugnet seine Titel-Autoren

Zuerst denkt man: Ach herrje, wieder so ein Stück Jubiläums-Journalismus. Da werden die Beatles 50 und prompt macht der »Spiegel« eine Titelgeschichte dazu. Aber dann entpuppt sich diese als großartige Geschichtsstunde, als unterhaltsame Aufschlüsselung all dessen, was die Beatles waren und was sie ausgelöst haben. Selbst der Konflikt zwischen 68ern und Konservativen wird ohne Parteinahme auf den Punkt gebracht – in einem angenehmen, gut gelaunten, Spiegel-untypischen Ton, der diese herrliche Pop-Geschichte von Tobias Rapp und Philipp Oehmke durchzieht. Die richtige Mischung aus Demut und Respektlosigkeit: Ringo Starr fährt in Beverly Hills mit einer »silbernen Mercedes-Rakete« und einem ehemaligen Bond-Girl vor, Paul McCartney »strahlt eine unglaubliche Paul McCartneyhaftigkeit aus«.
Und was ist der Dank dafür, dass die beiden Redakteure den irrwitzig umfangreichen Stoff so souverän gebändigt haben? Dass sie auf dem Titel verleugnet werden: Dort steht nämlich: »Die Beatles – Ringo Starr & Paul McCartney über eine unsterbliche Band« – ganz so, als hätte man ein Interview mit den übriggebliebenen Bandmitgliedern im Blatt. Was ja Gott sei Dank so nicht so ist. Schon komisch, wie der »Spiegel« die beste Titelgeschichte seit langem mit dieser Leser- und Redakteursverarschung dann doch noch lädiert.

Alle Redakteure raus! Ein Lob auf den Jahreszeitenverlag

Wie da mal eben Dutzende Redakteure gekündigt und ganz en passent ihres Lebensentwurfs beraubt werden – das zeugt natürlich von einer armseligen Unternehmenskultur beim Jahreszeitenverlag. Auch ist jedes Wort zuviel, mit dem der Mini-Konzern diese Streichorgie zum Geschäftsmodell der Zukunft verbrämt – auf das er ja ohne eine Unternehmensberatung wahrscheinlich nicht mal gekommen wäre. Und dennoch kann man sich ja mal fragen, ob denn wirklich jede Zeitschrift eine eigene Redaktion benötigt oder nicht viel besser führe, wenn ständig frischer Wind durch die Stube wehte.
Es ist ja leider so, dass bei vielen Kollegen kurze Zeit nach der Festanstellung die Verve erlahmt – haben sie doch dann alles erreicht, was sie erreichen wollten. Eine schöne Festanstellung, vielleicht sogar einen kleinen Dienstwagen, die Anzahlung für die Eigentumswohnung und vor allem einen geregelten Tagesablauf, der Sicherheit in unsicheren Zeiten bietet.
Es ist eben nicht so, dass große Redaktionen ein Blatt gleich besser machen – oft stimmt viel mehr, dass viele Köche den Brei verderben. Man muss sich ja manchmal wundern, wie viele feste Redakteure manche Blätter haben – beim Blick in das Impressum des »Stern« kann einem regelrecht schwindelig werden vor lauter Namen – einige darunter, von denen man höchst selten liest. Klar, bei manchen Magazinen ist eine Redaktion – auch eine große – unerlässlich. Der »Spiegel« etwa muss es sich leisten können, seine Leute auch über Wochen zu unterstützen, damit sie wühlen können. Bei »vital« oder »merian« ist das eher nicht der Fall.
Die Saturiertheit vieler festangestellter Journalisten kann man aus ihren Texten herauslesen.
„Die meisten Medienleute leben in einem wohlanständigen Leben, das vor allem verteidigt werden soll“, benennt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister einen Grund für den zahnlosen Wohlfühljournalismus, der einem aus vielen Blättern entgegenschlägt. So betrachtet steckt in dem Modell des Jahreszeitenverlags wirklich die Chance, die etablierte Ideenlosigkeit durch kreative Frische von außen zu ersetzen. Vorausgesetzt natürlich man ist bereit, einen Teil des Ersparten in die Honorare für die Freien zu investieren. Bei Organen wie der »petra« werden sich richtig gute Schreiber, die auch andernorts gefragt sind, noch ein Schmerzensgeld obendrauf zahlen lassen wollen. Das sollte man einkalkulieren.
Wenn man es richtig macht, also die Ideen der Freien durch die Chefredaktionen und deren Anhang vernünftig orchestrieren lässt (und genügend Geld für bereitstellt) hat der Befreiungsschlag des Jalag durchaus Charme. Es gibt ja einige Zeitschriften, die vormachen, wie gut man ohne große Redaktion sein kann – etwa „brand eins“ oder „mare“, beide kreativer als das Gros der deutschen Magazine.
Und wenn es richtig gut läuft, werden aus den rausgeschmissenen Redakteuren freie Journalisten, die wieder näher am echten Leben sind und bei denen aus diesem Initiationserlebnis Nähe neuer schreiberischer Furor erwächst. Politisierter sind sie ja nun allemal. (medium magazin 05/2010)

Zieht Euch warm an: der Vattenfall-Fotopreis

Vor anderthalb Wochen gingen zig Tausende auf die Straße, um zwischen den Pannen-AKWs Brunsbüttel und Krümmel eine Menschenkette zu bilden – ein rekordverdächtiges Signal gegen eine gestrige, hoch riskante Technologie, die das größte Umwelt- und Sicherheitsproblem des Landes darstellt. Denn während im Namen der inneren Sicherheit und der Terrorabwehr immer mehr Bürgerrechte aufgeweicht werden, würde jeder zweite Meiler in Deutschland bei einem Flugzeugangriff bersten und einen Super-Gau auslösen. Das ist keine Erkenntnis von Greenpeace, sondern der „Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit“, die an der TU Berlin entsprechende Versuche gemacht hat.
Die AKWs Krümmel und Brunsbüttel gehören teilweise zu Vattenfall, dem schwedischen Energieversorger Berlins. Dass ein Angriff auf diese AKW-Dinos dazu führen würde, dass Hamburg evakuiert werden müsste und nicht Berlin, erklärt vielleicht, warum sich Vattenfall in der Hauptstadt dreist als menschenfreundliches Unternehmen aufspielen darf, ohne dass jemand interveniert. Denn während in Krümmel, Hamburg und Brunsbüttel Massen von Menschen gegen Vattenfall und die anderen Mitglieder des Strom-Oligopols auf die Straße gingen und der Werbefilmer Ralf Schmerberg in Stuttgart das imposante »Café Endlager« eröffnete, liefen in Berlin das Wochenende zuvor über tausend junge Menschen im Namen von Vattenfall durch den Wald hinter dem Maifeld. Beim »Vattenfall Schulcrosslauf« nämlich, einer PR-Veranstaltung, für die regelmäßig Berliner Schüler eingespannt werden, denen vielleicht gar nicht bewusst ist, für welchen Konzern sie sich da ins Zeug legen. Zu gewinnen gab es übrigens u.a. ein paar Sportbeutel, im Jahr davor waren es einige Hertha-Karten. Man sieht, den Schülern wird das Werben für den AKW-Konzern nicht sonderlich entlohnt.
Aber mit minimalem Aufwand Imagekorrekturen zu betreiben – darin ist Vattenfall mittlerweile geübt: Nun lobt der Konzern, der von der Regierung in seinem Heimatland Schweden zum Chefwechsel getrieben wurde, einen schönen Fotopreis aus – dessen Oberthema ganz kuschelig »Wärme« lautet: »Wärme offentbart sich dem Menschen in zahlreichen Formen. Diesen Begriff frei zu interpretieren und in einer fotografischen Serie festzuhalten, ist die Aufgabe des diesjährigen Vattenfall Fotopreises«, bramarbasiert der Pressetext, um sich dann ganz medienkritisch zu geben: »Dem klassisch-dokumentarischen Fotojournalismus wurde durch die Digitalisierung und die Umstrukturierung des Zeitschriftenmarktes im letzten Jahrzehnt immer weniger Präsentationsfläche gegeben. So ist es jungen Fotografen heute kaum noch möglich, ihre eigenen Geschichten visuell umzusetzen und diese auch zu veröffentlichen.«
Doch nun naht die Rettung für die deutschen Fotografen, deren Arbeiten Vattenfall ab Oktober in der Galerie C/O Berlin (die anscheinend auch dringend Geld benötigt) »einer breiten Öffentlichkeit« vorstellen will. „Der Vattenfall Fotopreis ist eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Fotografie in Deutschland« lobt sich Vattenfall weiter – der erste Preis betrage 10.000 Euro, der zweite 8.000 Euro und der dritte mit 6.000 Euro. Zusätzlich gibt es einen Sonderpreis für das beste Einzelfoto von 3.000 Euro.
Macht zusammen 27.000 Euro – was 0,05 Prozent der Summe entspricht, die Vattenfall jeden Tag einer Laufzeitverlängerung mit einem Uraltmeiler wie Krümmel an Gewinn machen würde.
(das Foto ist von Robert Knoth, der Opfer der Katastrophe von Tschernobyl fotografiert hat)

Ja, Kruzifix: Die ZEIT hat einen an der Waffel

Ein bisschen versteckt, unterhalb des Hegemann-Blablas im aktuellen ZEIT-Feuilleton haben die christlichen Apologeten in der Redaktion ganze Arbeit geleistet. Kurz und bündig steht dort unter der Überschrift Lektüre zur Lage: „Mehr Demut gegenüber dem Kreuz empfehlen wir der designierten Ministerin Aygül Özkan – ganz im Sinne Goethes: „Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet, / Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht. (…) Ein Labequell durchdringt die matten Glieder, / Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder.“

Ignoranz bleibt freilich Ignoranz, auch wenn sie literarisch ausgeschmückt wird. Denn Frau Özkan hat sich nicht gegen das christliche Symbol an sich, sondern lediglich gegen seine Verwendung in staatlichen Institutionen ausgesprochen. Dass das ZEIT-Feuilleton dies als Angriff auf das gesamte christliche Abendland versteht – und damit auch dem Leitartikel von Jan Ross auf der ersten Seite widerspricht – rückt sie in ungewohnte Gesellschaft.

Der ungestillte Missionseifer der Redaktion zeigt sich in der Empfehlung, sich in Demut gegenüber dem Kreuz zu üben, sich ihm also zu unterwerfen. Und das, da wie eh und je im Namen des Kreuzes Kriege begründet werden und Repräsentanten der Kreuzanbeter auf der ganzen Welt Kinder missbrauchen.

Deswegen sei dem ZEIT-Feuilleton an dieser Stelle empfohlen, zu Kreuze zu kriechen – und sich in Zukunft in Zurückhaltung zu üben.

Ganz schön dirty: Wie die Medien lernten, die schmutzige Bombe zu lieben

Angela Merkel warnt vor „schmutzigen Bomben“ und kündigt ein „ausgeklügeltes deutsches Sicherheitssystem“ an. Der US-Präsident Barack Obama bezeichnet „schmutzige Bomben“ als größte Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Und das ZDF hat herausgefunden, dass es immer mehr Anleitungen für „dirty bombs“ im Internet gibt.

Sogenannte schmutzige Bomben sind in aller Munde. Seit Obamas Nukleargipfel in der letzten Woche diskutieren deutsche und internationale Medien über die Gefahren, die von konventionellem, mit Nuklearmaterial bestücktem Sprengstoff ausgehen.
Dabei ist aber nicht nur fraglich, ob diese Bedrohung überhaupt besteht, wie die NZZ jetzt schreibt. Das Bundesamt für Strahlenschutz hält die radiologischen Gefahren außerdem für überschätzt.

Die dabei ständig verwendete Tautologie „schmutzige Bombe“ ist ohne Frage unsinnig,
suggeriert sie doch, dass Waffen und insbesondere Atombomben auch „sauber“ sein können, wenn sie sich denn in den Händen von Staaten befinden.
Gleichzeitig schwingt im Ausdruck „schmutzige Bombe“ neben der Verachtung für die Waffe auch gleichzeitig eine morbide Bewunderung für „saubere“ Kampfgeräte mit, also solche, die unter Laborbedingungen von Wissenschaftlern hergestellt werden – und mithin bei einem Einsatz weit mehr Todesopfer fordern können als ihre schmutzigen Verwandten.

Die Wortwahl kommt dabei nicht von ungefähr: Die Verwendung des Begriffs ist Ausdruck des „globalen Kampfes gegen den Terror“. Er hat auch eine Hierarchisierung der Opfer in den Medien zur Folge: Auf der einen Seite steht der Tod von Terroristen durch „intelligente Bomben“, auf der anderen Seite Terroranschläge mit „schmutzigen Bomben“.

Dabei gerät aber aus den Augen, dass auch der Tod durch millionenschewere High-Tech-Waffen eines immer ist: schmutzig.

Leid des Lesers: FAS erwähnt Anti-Atom-Demo gar nicht erst

Geschichten aus dem Mittelalter, aber nicht von gestern: FASVon der »größten Protestveranstaltungen gegen die Atomenergie in der Geschichte der Bundesrepublik« spricht die »Welt«, von einer der »größten Anti-Atom-Demonstrationen« die Fernsehsender in ihren Nachrichten am Wochenende, und »Spiegel.de« schwärmt von »120 Kilometer Widerstand«.
Nur die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« bringt es fertig, dieses generations- und milieuübergreifende Aufbegehren gegen die von der schwarz-gelben Regierung geplante Laufzeitverlängerung mit keiner Silbe zu erwähnen. In der aktuellen Ausgabe stehen zwar die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga und als Aufmacher auf der ersten Seite ein Stück aus dem Mittelalter (über die Geschichte der Fugger) – aber das politische Großereignis von gestern wird völlig ausgeblendet.
So ganz ist die Zeitung aber um das Thema Atom dann doch nicht herumgekommen. Im Politikteil gibt es dann doch eine ganze Seite, die die Problematik sehr gut auf den Punkt bringt. Man sieht darauf ein Fass mit Atommüll und darunter den Spruch »Wir haben ein Werk geschaffen, das die Pyramiden überdauern wird.« Diese Seite ist allerdings nicht redaktionell, sondern eine Anzeige des regenerativen Stromversorgers »entega«, für den der umtriebige Berliner Werbefilmmacher Ralf Schmerberg an diesem Sonntag das sogenannte »Café Endlager« in Stuttgart eröffnet hat, das auf eine künstlerische Art das Atom-Problem ins Bewusstsein rücken soll.
Kaum zu erwarten, dass wir in der »FAS« dazu etwas lesen werden.

Leid des Lesers: Hogrefe in Cicero

Da hätte man sich ja nach Dienstantritt von Michael Naumann als neuer Chefredakteur von Cicero ein bisschen mehr versprochen – als das, was er sich in der April-Ausgabe vom ehemaligen Spiegel-Redakteur und im besten Einvernehmen ausgeschiedenen EnBW-Cheflobbyisten Jürgen Hogrefe zum Thema Atom unterjubeln lässt. In einem ziemlich naseweisen und breitgewalzten Aufsatz über die deutsche Energiepolitik schreibt Hogrefe u.a., dass die Ängste einer Mehrheit der Bevölkerung vor einem GAU sachlich unbegründet seien. Gerade nach den Diskussionen der vergangenen Woche über Proliferation und Terror fragt man sich allerdings, ob nicht die Gefahr eines Anschlags auf einen der deutschen Meiler ziemlich real und alles andere als sachlich unbegründet ist. Die Attentäter des 11. September 2001 wollten ursprünglich in ein Atomkraftwerk unweit von New York fliegen, dachten aber irrtümlicherweise, dass dieses durch Abfangjäger geschützt sei. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center simulierte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit Anschläge auf deutsche AKW. Ergebnis: Jeder zweite Meiler würde bersten – mit katastrophalen Folgen.
Heute braucht man sogar nicht mal mehr ein vollbesetztes Flugzeug, damit es zum GAU kommt, bunkerbrechende Waffen reichen aus, um ein altes AKW wie Krümmel zu attackieren und Hamburg unbewohnbar zu machen. Dort kommt man auch besonders gut ran, mit einem Boot kann man nämlich über die Elbe auf Steinwurfweite heranschippern. Und die Aktivisten von Greenpeace machen es ja oft genug vor, wie man mit ein paar Wurfankern gleich ganz auf den Reaktor kommt. Vor diesem Hintergrund einer völlig desolaten Sicherung der AKW über Laufzeitverlängerungen nachzudenken, ist genauso unverantwortlich wie Hogrefes Unterstellung, die Ängste der Bürger vor einem Unfall wären irrational.
„Hogrefe soll den energiepolitischen Diskurs für das Unternehmen organisieren und die Berliner Repräsentanz des Energiekonzerns zu einem Kristallisationspunkt für die Diskussion über die Zukunft Energie ausbauen – so umschrieb der ehemalige EnBW-Chef Utz Claassen einst Hogrefes Rolle. Für einen der großen am Oligopol beteiligten Stromkonzerne mag das sinnvoll gewesen sein. Cicero sollte sich für seinen energiepolitischen Diskurs aber andere Konfidenten suchen.

Souverän im Glashaus: Die »Zeit« über die Odenwaldschule

Es ist schon verwunderlich, wie sehr es bei einem Thema darauf ankommt, wo und wann es platziert wird. Ein Skandal ist ein Skandal ist eben kein Skandal – wenn er zum falschen Zeitpunkt aufgedeckt wird – oder eben vom falschen Medium. Ein gutes Beispiel dafür ist der  Missbrauch an der Odenwaldschule. Über zehn Jahre ist es her, dass Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift »Der Lack ist ab« sowohl über die Vorwürfe als auch die Verdächtigen schrieb, die heute tagtäglich in allen Medien genannt werden. Ich würde mal tippen, dass es damals nicht nur der Reflex war, ein reformpädagogisches Projekt zu schützen, der viele von Schindlers Kollegen schweigen ließ, sondern auch der übliche Neid im Gewerbe – die Unart, Recherchen der Konkurrenz kleinzureden oder sie ganz zu ignorieren.

Heute, wo sich der Skandal viel größer als gedacht darstellt, mag sich natürlich niemand so recht daran erinnern, dass man 1999 geschlafen hat. Allein die Zeit hat sich Gedanken darüber gemacht, warum der FR-Artikel damals so gut wie nichts auslöste. Und wäre das nicht schon löblich genug, haben die Zeit-Reporter auch das eigene Haus nicht geschont und bei den Kollegen nachgefragt, warum das Thema bei Ihnen totgeschwiegen wurde – obwohl die Zeit sogar „über eine Mittelsfrau Informationen“ angeboten bekommen haben soll. Die damals zuständige Fachredakteurin Sabine Etzold rechtfertigt die Untätigkeit heute u.a. damit, dass die Sache verjährt gewesen und der Hauptbeschuldigte entlassen worden sei. Zudem, man ahnte es, gab es die Befürchtung, dass weitere Berichte der Reformpädagogik schaden könnten.

Großartig, dass die Zeit das Schweigen der Journalisten thematisiert (seltsamerweise ist der Artikel mit »Das Schweigen der Männer« überschrieben, aber Sabine Etzold ist ja schon mal kein Mann) und sich selbst nicht schont. Übrigens nicht zum ersten Mal – in der Medienberichterstattung übt die Zeit regelmäßig Selbstkritik. Das ist so selten in deutschen Medien, dass es wirklich herausragend ist.

Im Kopf mit den Gedanken des Springer-Verlags

Man kann ja schon längere Zeit der Auffassunsg sein, dass der “Rolling Stone” das einzige Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag ist, das man lesen kann und eigentlich etwas besseres verdient hätte als diesen verdummenden und verhetzenden Verlag, der gerade erst durch seine peinliche Eigenamnestie in Sachen 68 gezeigt hat, dass er weder zu einer intelligenten Geschichtsbetrachtung noch zu Selbstkritik fähig ist.

In diesem Monat aber beweist der “Rolling  Stone”, dass es auch anders geht. Auf der beigelegten CD befindet sich nämlich auch Jan Delays Song ”Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” mit der schönen Zeile: ”Ich  möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluß vom Axel-Springer-Verlag entstanden”.

Dass der Springer-Verlag selbst dazu beiträgt, diese Haltung unter´s Volk zu bringen, kann man den Dialektikern vom “Rolling Stone” nicht genug danken, die Delay in der dazugehörigen Kritik auch noch mal ausdrücklich für seinen politische Furor danken:  ”Delay mag inzwischen dem glamourösen Funk frönen, doch seine engagierte Haltung hat sich nicht geändert.” Die der “Rolling Stone”-Redaktion auch nicht.

In jedem Kaff: DUMMY Provinz ist fast da!

In Großstädten gibt es ja die etwas unangenehme Art, auf die Menschen in der Provinz hinunter zuschauen und so zu tun, als würden die quasi in Ihrem beschaulichen Heimat ein Leben zweiter Klasse führen. Wobei ganze Kaskaden des Belächelns existieren: München zeigt auf Ingolstadt, Berlin auf München, Menschen aus New York auf Berlin. Und es sind oft die Zugezogenen, die sich flugs als neues Distinktionsmerkmal eine ablehnende Haltung der Provinz gegenüber aneignen, sobald sie in eine Großstadt gezogen sind. Wobei Großstadt laut deutscher Verordnung ein Ort mit mehr als 100.000 Einwohnern ist. Das dient also kaum als Maßeinheit.

Aber nicht nur deshalb ist nichts provinzieller als das ständige Verweisen auf und das Benennen von Provinz. Es ist ganz im Gegenteil ein ziemlich verräterisches Zeichen für

provinzielles Denken, denn der wahre Kosmopolit kennt keine Provinz, spricht nicht von ihr, muss sich ihr gegenüber nicht abgrenzen, weil er darum weiß, wie tendenziös und fragil solche Zuschreibungen sind. Wer doch so argumentiert, dem sei hier von einem Bruder im Geiste berichtet: Herrlich wie Goebbels noch in den Zwanzigerjahren in seinen Tagebüchern von Berlin aus über das „provinzielle“ München schimpft, wo sich Hitler „mit Hinterwäldlern“ umgebe, wogegen er, Goebbels, der einzig fortschrittliche, weil urbane Nazi  sei … usw. usf.

Umgekehrt wäre doch womöglich die Frage danach ergiebig, wo Provinz eben NICHT ist, was also ihr Gegenteil sein könnte. Die Metropole? Der urbane Moloch als pumpende Herzkammer und Durchlauferhitzer globalisierter kultureller Strömungen? Und wie verhält sich dann ein Molöchlein wie das ach so weltläufige Berlin zu Shanghai, Los Angeles,

Dubai? Ist denn in einer dezentralen, zentrifugal sich beschleunigenden Welt nicht ALLES Provinz, also stets spürbar im Rückstand gegenüber einer Welt, die ja immer schon mindestens einen Schritt weiter ist? Gibt es überhaupt noch Provinz oder nur noch Peripherie?

Provinz ist also eher „im Kopf“, eine Hirnregion, also das Reservoir all meiner Prägungen,  die naturgemäß und zunächst immer topografisch oder kulturräumlich eingefärbt sind … eben auch dann, wenn ich von den Milieus in Berlin-Mitte oder Manhattan geprägt wurde.  Wenn ich aber auf der trügerischen Basis dieser Prägungen urteile, bin ich tatsächlich „engstirnig“ und „hinterwäldlerisch“. Und erst wenn ich sie überwinde, korrigiere oder überhaupt erst als solche erkenne, habe ich mich von der Provinz emanzipiert.

Deswegen ist das neue DUMMY (fertig, aber erst vom 15. März an am Kiosk oder im Briefkasten), weltoffen wie immer. Und welch anderes Covergirl könnte es bei diesem Thema geben als Heidi Klum, die mit der Kraft der Sauerkrautsuppe aus Bergisch Gladbach die internationalen Laufstege eroberte und ländlichen Anticharme versprüht. Außerdem dabei:

- Der Versuch, Deutsch zur Weltsprache zu machen

- Die Gesetze der Taliban

- Das ganze Leid, das man erfährt, wenn man drei Buchstaben auf dem Kennzeichen hat

- Cowboys, die in Harvard studieren

- Bauern, die an Schweineköpfen knabbern

und mit vielen anderen Geschichten und Fotos vom Land und aus der Stadt.

Und das Tollste: DUMMY Provinz gibt´s in jedem Kaff. (Zumindest im Abo)

Leid des Lesers (3): Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin

Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn es nicht das SZ-Magazin wäre. Nicht dieses Blatt, auf das man sich früher jeden Freitag gefreut hat und das oft das Beste an der SZ war. Mit seinen großartigen Titel-Ideen (Ernie und Bert als Cover-Boys zum Thema ”100 Jahre Schwulenbewegung”), seinen innovativen Rubriken (“Hundert Fragen an….”), seinen langen, wohl recherchierten Geschichten und Fotoreportagen. Ein Magazin, das zurecht etliche Male ausgezeichnet wurde und dessen Redakteuren man die damit einhergehende Eitelkeit zugestand. Sie hatten es sich schlichtweg verdient. “Fesselnde graphische Gestaltung, die ihres Gleichen sucht – Geschichten, die in Erinnerung bleiben. Das SZ-Magazin bringt zusammen, was nur selten zusammenkommt: Lifestyle und Qualitätsjournalismus.” So wirbt der Verlag für sein Magazin, was man für damalige Jahrgänge gern unterschreiben mag – heute  ist das Zitat ein Witz.

Heute besteht der fesselnde Journalismus aus Folgendem: Eine Kolumne, in der die Leser erfahren, dass niemand mehr “Big Brother” schaut, neun kleine Fotos vom SZ-Kinokritiker in verschiedenen Posen, sieben mittelgroße Fotos vom Rapper “will.i.am” in verschiedenen Posen, zwölf Reisetipps auf zwölf Seiten, als redaktionellen Beitrag verbrämte Werbung für Pantoffeln und das Sofa “Nebula 9″, ein weiterer Reisetipp, ein Rezept, ein Rätsel, bei dem man eine Reise gewinnen kann, ein Kreuzworträtsel und eine kindlich illustrierte Titelgeschichte darüber, dass geliebte Menschen seltener krank werden und der Erkenntnis: “So absurd es klingt: Wer einen Hund oder Hamster hat,… bekommt seltener einen Infarkt”. Absurd klingt hier nur der erstaunte Gestus, mit dem solche Banalitäten vorgetragen werden. Und als wenn die Redaktion darum wüsste, dass solch ein Heft auf den Magen schlägt, wird dem Leser noch auf einer Seite hochprozentiger Edelobstgeist offeriert – natürlich eine “limitierte Edition speziell für SZ-Magazin-Leser”. Man muss es so sagen: Gegen dieses Magazin ist jede Kaffeefahrt eine subtile Veranstaltung.

Nein, die Ausgabe von heute ist keine unrühmliche Ausnahme: Es gibt mittlerweile Covergeschichten, die im Hauptblatt gerade mal zu einem Leitartikel reichen würden – wie etwa die Geschichte über die verschieden Pipeline-Engagements von Gerhard Schröder und Joschka Fischer – die letztlich gar keine Geschichte war, sondern nur eine knappe Zusammenfassung von Bekanntem.

Immerhin sitzt man keiner Mogelpackung auf, denn die inhaltliche Marginalisierung geht mit einer Art Anti-Layout einher. Es fängt schon mit den Kolumnen an, die gleich zu Anfang mehr oder weniger ungradiert hintereinander weggedruckt werden. Alle halbspaltig, alle gleich groß, alle mit kleinen gezeichneten Autorenköpfen dekoriert. Die Cover? Mal ein kleines Mädchen mit Strubbelhaaren, heute eine niedliche Zeichnung zweier Kinder, die sich küssen. Irgendwie so, als wäre das fast schon unwirklich schlechte Elternmagazin „Wir“ aus dem SZ-Verlag noch einmal auferstanden.

Das gibt´s ja nun nicht mehr – im Gegensatz zum SZ-Magazin, das immer mal von der Schließung bedroht war, weil es nicht ausreichend Werbegelder einspielte. Das soll, so hört man, inzwischen anders sein. Aber der Preis dafür ist ganz schön hoch.

Leid des Lesers (2): Im Reich des Regenwurms – Landlust

Wie wahnsinnig muss man eigentlich bei Gruner+Jahr werden, diesem eh schon latent panischen Haus, das ständig neue Hybridzeitschriften auf den Markt schmeißt (Business/Punk; Männer/Küche), wenn man sieht, wie ein kleiner Verlag aus Münster mit einem kreuzbraven Programm wie es jede „Brigitte“-Praktikanten-Generation hinbekäme, das große Geschäft macht. Erst geht der Sozialismus baden, dann der Kapitalismus und jetzt stimmt anscheinend nicht mal mehr das Wort von Karl Marx, dass “die Bourgeoisie das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen”.

Im Jahr 2010 stimmt das genaue Gegenteil: Der Idiotismus des Landlebens ist die publizistische Idee der Stunde und macht auch vor der Stadt nicht halt, wo es sich die Menschen nicht nehmen lassen, ihre Townhouses durch Butzenscheiben und Mistelzweige an der Tür gemütlicher zu machen. Die Auflage von „Landlust“ hat innerhalb kürzester Zeit die Größe einer mittleren Großstadt erreicht – über 600.000 Exemplare. Es gibt sogar schon einen Stoß Derivate – Hefte, die alle genauso aussehen und fast genauso heißen – und ebenfalls alle mit mehr oder weniger lilafarbenem Heidekraut auf dem Titel Käufer finden.

Dieser Erfolg verheißt nichts Gutes. Eine ungeheure Sehnsucht nach dem einfachen Leben bricht sich da Bahn, wogegen ja nichts zu sagen wäre, wenn diese nicht mit ungeheuer einfachen Rezepten gestillt würde und sich diese Art von Leser alle zwei Monate auf das kognitive Niveau eines Kaktusses begibt. In der aktuellen Ausgabe gibt die Chefredakteurin Frieling-Huchzermeyer wieder mal die Richtung vor und rät uns, „mal wieder zu einem leibhaftigen Stück Papier zu greifen“.

Das leibhaftige Papier ist in diesem Fall bedruckt mit dem Neuesten zur Zaubernuss und dem Ältesten zur Pomeranze und einem Tipp, wie man aus halben Kokosnussschalen leckere Meisenknödel formt. Gut ist alles, was alt ist: Bommelmützen, Brustwickel, knarrende Holzdielen und Steckrüben-Auflauf. Nach der Lektüre kann man sich vorstellen, dass Frau Frieling-Huchzermeyer in ihrem Keller heimlich ganze Jahrgänge des guten alten „Allgemeinen Teutschen Gartenmagazins“ auswertet und oberirdisch dem Recycling zuführt. Vielleicht hat sie aber auch nur jene “Southpark”-Folge gesehen, in der zwei Programme im Fernsehen laufen: Ein mega-investigatives, das niemand schaut, und eins, das lediglich aus spielenden Welpen besteht und die besten Einschaltquoten hat. Später stellt sich heraus, dass die größten Fans des Welpenprogramms Studenten sind, die sich mit Kodein-Hustensaft weggeschossen haben und bedröhnt vor dem Fernseher liegen. Man wüsste zu gern, auf was die Landlust-Leser sind. Stechapfel? Engelstrompete?

Leid des Lesers (1): Zeit-Magazin

Neulich hörte ich jemanden stöhnen, der aussah wie ein langgedienter Zeit-Leser: Was ist nur aus dem Zeit-Magazin geworden? In dieser Woche fällt die Antwort nicht schwer. Ich würde sagen: Ein sich unfassbar schamlos an die Werbetreibenden ranwanzendes Lifestyle-Produkt. War die Fülle der ganzen Style- und Fashion-Themen zum Nachteil von Reportagen schon in der Vergangenheit verwunderlich, so ist mit der aktuellen Ausgabe der Wandel zur Modeillustrierten vollzogen: Nicht eins, sondern gleich vier Mode-Cover bietet das Magazin, wobei der publizistische Coup darin besteht, dass immer dasselbe Model posiert, fotografiert von vier verschiedenen Fotografen. Runtergezählt werden die Cover “3,2,1, Meins” – vielleicht bekommt man neben den Anzeigen für Modelabel auch noch Geld von ebay. Drinnen lobt man sich erstmal für diese geniale Idee, ein paar Seiten später erzählt der pofixierte Fotograf Jürgen Teller, was er so Schönes für den Designer Marc Jacobs macht und Wolfram Siebeck, wie man ein großes Kotelett brät. Es gibt Neues von Caroline von Monaco, eine 13-seitige Strecke über das Model vom Cover, Sudoku, Scrabbel und einen wohlwollenden Fahrbericht über den Mercedes Benz GL 350, der sich trotz einer CO2-Emission von 239 g/km BlueTEC nennen darf. ”Das ZEITmagazin zeichnet sich aus durch ein unverwechselbares Konzept sowie durch starke Einzelleistungen aus” heißt es im Werbedeutsch des Holtzbrinck-Verlags. Gelten lassen mag man das diese Woche einzig für die Infografik über die Parteigeschichte der Grünen, in der man u.a. Joschka Fischers Silhouette verfolgen kann.

Während die Zeit über die vergangenen Jahre besser geworden ist – auch diese Woche wichtige, lesenswerte Artikel zum Atomendlager Asse oder zum skrupellosen Pharmakonzern Roche bringt – ist aus dem Zeit-Magazin ein recht selbstzufriedenes Blatt geworden, das in dieser Zeit nichts weiter zu bieten hat als geschmäcklerische Statements zu Mode- und Lifestylefragen. Die Gesellschaftskritik wurde an das Büro Günter Wallraff outgesourct, der ab und zu eine Erlebnisreportage zuliefert – etwa darüber, was man für Reaktionen erhält, wenn man sich als Schwarzer so kostümiert, dass jeder sieht, dass man gar kein Schwarzer ist. Diese Woche ist wenigstens ein echter Schwarzer dabei: In der seit gefühlten 100 Jahren existierenden Rubrik “Ich habe einen Traum” sagt Snoop Dogg: “Ich habe es geschafft, jedes meiner Ziele zu erreichen”. Aus der Ecke darf man also auch nichts mehr erwarten.

DUMMY im DeutschlandRadio

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Es war wohl der Artikel über Peter Sloterdijk (“der größte Motherfucker von allen”) vom geschätzten taz-Kollegen Arno Frank, der die Redaktion vom DeutschlandRadio aufhorchen ließ. Jedenfalls ließen sie es sich nehmen, mit DUMMY-Herausgeber Oliver Gehrs ein Gespräch über die aktuelle Mama-Ausgabe zu führen. Allein die Ankündigung eines DUMMY-Polizei-Heftes im nächsten Jahr zeitigte anschließend etliche Anrufe von DeutschlandRadio-Hörern in der DUMMY-Redaktion, die teils absurde Begegnungen mit der Polizei schilderten. Da kommt Vorfreude auf!

Nun nimm doch noch was: DUMMY Mama ist da

Wo ist Zuhause, Mama, sang Johnny Cash 1959 in einem der wenigen deutschsprachigen, zugleich rührendsten Songs seines Werks und lieferte Mamas Antwort gleich vierfach mit:
Auf der großen Straße / Hinter blauen Bergen / In den grünen Tälern / Bei den hellen Sternen.
Was uns der Künstler damit sagen will? Möglicherweise, dass Mama vor allem eine Aufgabe zukommt: den Sohn erst großzuziehen, um ihn irgendwann zu überzeugen, wie toll und aufregend es sei da draußen in der Welt, dass er endlich rausgehen solle, anstatt sich auf ewig an ihrem Busen zu wärmen, und sie nun bitte allein zu lassen, nach all den Jahren, mit ihren heimlichen Tränen. Cash selbst hatte zu seiner Mutter Carrie ein sehr enges Verhältnis. Sie gebar sieben Kinder und starb 87-jährig im Jahre 1991, drei Jahre später widmete Cash ihr eines seiner schönsten Alben, »My Mother’s Hymn Book«. Vermutlich glaubte er, wenn irgendjemand uns zeigen kann, wo und wie wir im Leben Halt finden können, dann unsere Mütter.
Ein Heft über »Mama« ohne jedes Pathos zu beginnen, erscheint uns weder möglich noch erstrebenswert. Immerhin geht Mama uns alle emotional an, sie ist es in den meisten Fällen, die unsere ersten Lebensjahre dominiert, und oft weit darüber hinaus, ob wir das nun wollen oder nicht. Mamas Liebe zum Baby ist unbedingt, sie gebärt es, presst es sich aus dem Leib, gibt ihm Milch, sorgt sich am meisten, wenn es vom Stuhl fällt oder einen Schnupfen hat. Sie ist die, die ihr Baby durchbringt, um jeden Preis.
Wie gesagt: in den meisten Fällen. Für die 25. DUMMY-Ausgabe haben wir vor allem nach Geschichten gesucht, die das herkömmliche Mütterbild erweitern, erschüttern oder konterkarieren. Die Kindheits- geschichte unserer Autorin Susanne Frömel zum Beispiel, die ihre Mutter erst kennenlernte, als sie fünf war. Die Gruselgeschichte von Elena Ceausescu, die sich für Rumäniens »Mutter der Nation« hielt und ihre Landsleute zugleich schamlos tyrannisieren ließ. Oder die Schicksalsgeschichte einer 24-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter in der Uckermark anschaffen geht. Wir erzählen von einer Frau, die sich in das Leben eines Geschworenen einschleicht, um ihren wegen Mordes verurteilten Sohn freizubekommen. Von einem mexikanischen Austauschschüler, der eine deutsche Familie in den Wahnsinn trieb. Wir zeigen einen Mann, der die Kleider seiner Mutter trägt, und eine Mutter, die sich von ihrem Sohn beim Akt mit ihren Lovern ablichten lässt. Und wir suchen Antworten auf selten gestellte Fragen: Wie erotisch ist eigentlich Stillen? Warum müssen sich Frauen heute ver- mehrt Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Kinder haben? Und wie kommt es, dass einem beim Stichwort »Motherfucker« so schnell Peter Sloterdijk einfällt?

Schließlich feiern wir mit dieser Ausgabe ein kleines Jubiläum. 25 DUMMYS, das ist nicht nichts, zumindest mehr, als wir uns zugetraut hätten, als wir vor sechs Jahren starteten, mit einer Idee und einem Girokonto, ohne Geldgeber, ohne Verlag. Aus diesem Anlass lassen wir alle bisherigen Hefte in einem Extrateil noch einmal Revue passieren, die besten Storys in Auszügen inklusive. Viel Spaß damit.