Am Ende saß er in irgendwelchen Höhlen an der griechischen Küste und wartete auf die Erleuchtung. Die Ärzte, die ihn behandeln sollten, suchte er nach Empfehlung einer Wahrsagerin aus und nach der Konstellation der Sterne, die er durch eine große Kuppel auf dem Dach seiner Villa auf der Insel Berlin-Schwanenwerder betrachten konnte. Möglich, dass er dadurch schneller starb, aber wahrscheinlich starb er gar nicht ungern. Denn wer hätte besser gewusst, dass es noch andere Dinge gibt als das Leben.
Es ist bekannt, dass der Verleger Axel Springer, dessen Geburtstag sich am 2. Mai zum hundertsten Mal jährt, gegen Ende seines Lebens zunehmend an externe Lenkungsmächte und astrale Phänomene glaubte. Wenig bekannt ist, dass Springer schon 1948 eine Zeitschrift veröffentlichte, die sich mit praktischem Okkultismus beschäftigte, mit „Grenzwissenschaften und Schicksalskunde“. Im selben Jahr also, als er dem Volk die HÖRZU schenkte mit dem ganz und gar außerirdischen Maskottchen „Mecki“. Damit verdiente er Geld, seine Leidenschaft aber galt dem Heft, das er nach einem Zauberer benannte: MERLIN.
„Unbekümmert bekannte sich der Verleger Axel Springer damals durch MERLIN zu seinem Interesse an Übersinnlichem und Esoterik, das ihm Jahrzehnte später seine Feinde gern ankreideten“, schrieb das Springer-Urgestein Claus Jacobi leicht indigniert in der Festschrift zum 50-jährigen Geburtstag des Verlages – nicht ohne triumphal anzumerken, dass Springers Gegner nie auf MERLIN gestoßen seien.
Das ist in der Tat schade, denn die Lektüre lohnt sich. „Alle Lebewesen schlafen, sogar die Pflanzen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Vielleicht sogar die Steine; dass sie nachts nicht schnarchen, darf uns nicht verleiten anzunehmen, sie schliefen nicht.“ So schreibt in MERLIN Gustav Meyrink, der mit seinen Romanen „Der Golem“ und „Walpurgisnacht“ als Klassiker der phantastischen Literatur gilt – und der 1927 zum Mahajana-Buddhismus konvertierte.
Bei MERLIN gehörte Meyrink – wenngleich damals schon lange tot – zum festen Autorenstamm, und durfte dort noch einmal das Urerlebnis seiner Seherschaft für eine neue Leserschaft zum besten geben. Eine andere Ausgabe von Springers MERLIN beschäftigt sich mit Aleister Crowley, der als Begründer des modernen Satanismus gilt und den aufgrund seiner streng christlich-sadistischen Erziehung schon in jungen Jahren eine gravierende Persönlichkeitsstörung ereilt haben soll. Und der ein Jahr vor der MERLIN-Premiere an seiner Heroinsucht gestorben war, sonst wäre er wohl Herausgeber geworden.
Nicht alles ist Spuk im wiedergelesenen MERLIN, zuweilen wirkt es mit seiner Begeisterung für Esoterik, Homöopathie und die meditativen Seiten des Buddhismus frischer als viele Springer-Blätter von heute. Wenngleich nicht weniger deutschtümelnd. Tatsächlich entsprach Springers Faible fürs Übersinnliche einer weit verbreiteten und ganz und gar deutschen Lust an einer Verzauberung der Welt. Schließlich fühlte sich schon Goethe zuweilen als Zauberer (eben als Merlin) und die Nazis, zu denen der junge Springer im Wichs des nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps ja auch mal gehörte, zeigten mit ihrer Lust an altgermanischen Sagen und der hypnotisierenden Wirkung von Fackelumzügen ein reges Interesse an der Erweiterung des Unterbewusstseins. Und die Vertreter der Außerparlamentarischen Opposition, die Springer durch seine Chefredakteure in die Hölle wünschte, waren gegen solche Anwandlungen sowieso nicht gefeit. Gegenüber „ekstatisch-spirituellen Gemeinschaftserlebnissen“, so gab Rainer Langhans einst zu Protokoll, sei selbst „wirklich guter Sex zu zweit ein Witz“. Langhans und Springer also vereint im Streben nach überirdischem Glück.
Leider ging MERLIN nach nur drei Ausgaben den Weg alles Irdischen. Mystisches fand sich aber auch in anderen Springer-Titeln, etwa im HAMBURGER ABENDBLATT, auf dessen allererster Titelseite 1946 eine Serie angekündigt wurde, die einem ebenfalls die Haare zu Berge stehen lassen konnte. Sie hieß „Hitler, Himmler und die Sterne“.




















