Küss mich: Warum die Medien American Apparel lieben
Es ist schon seltsam, wie leicht es manche Firmen haben, Verbrauchern und Medien eine „corporate social responsibility“ vorzugaukeln, hinter der meist nicht mehr steckt als ein Marketingtrick. Besonders erfolgreich damit ist das Modelabel American Apparel, das nicht nur mit latent sexistischer Werbung wirbt, sondern auch damit, dass man nicht in der Dritten Welt zu Niedriglöhnen in sogenannten sweatshops produziert, sondern alles unter einem Dach in „Downtown-L.A.“.
So steht es in jeder Unterhose mit Eingriff und in jeder Leggins (hätte man auch nicht gedacht, dass das alles noch mal modern wird). Und so sind die deutschen Medien allesamt seit Jahren ganz aus dem Häuschen. Erst am Wochenende jubelte die Münchener Abendzeitung über das Unternehmen, und die Süddeutsche schrieb im Dezember den besonders arglosen Satz: „Hier kann man shoppen und die Welt verbessern.“ Der Stern feierte das Unternehmen gar auf mehreren Seiten und lobte den Einsatz biologischer Baumwolle – wobei nicht einmal American Apparel selbst behauptet, damit viel am Hut zu haben und man in den Shops, etwa am Wittenbergplatz, nur ein paar Hemdchen aus organic cotton findet.
Bei American Apparel hat man viele der lobpreisenden Artikel aus der deutschen Presse auf seine Homepage gestellt. Wenn man allerdings nachfragt, ob man ein wenig mehr über das „Vertical Integrated Manufacturing“ (so hat AA das Unter-einem-Dach-Prinzip genannt) erfahren kann, bekommt man unter Hinweis auf das strenge amerikanische Börsengesetz keine Antworten mehr. Denn seit Ende letzten Jahres gehört AA zu einem Großteil einer New Yorker Investmentfirma, die den Schuldenberg mitübernommen hat, den der Aufbau des Filialnetzes gekostet hat.
So steht weiter die Frage unbeantwortet im Raum, ob es American Apparel mit dem viel beschworenen „Vertically Integrated Manufacturing“ gar nicht so genau nimmt. Gewoben werden die Stoffe jedenfalls zu einem großen Teil woanders: Laut Geschäftsunterlagen bezieht der Konzern rund 70 Prozent der fertigen Stoffe von Drittanbietern, ebenso werden zwei Drittel der Ware von anderen Firmen gefärbt. Zwei entscheidende Prozesse der Herstellung – das Weben der Baumwolle und das Färben der gewebten Stoffe sind also überwiegend outgesourcet – auch, wenn viele Medien genau das Gegenteil schreiben. Unter dem Dach des pinkgestrichenen Fabrikgebäudes in L.A wird vor allem genäht. Woher die Zulieferungen kommen, mag American Apparel nicht mitteilen.
Kann es also sein, dass American Apparel die böse Textilwelt gar nicht auf den Kopf stellt? Dass man nur soviel anders macht, wie es braucht, um als verantwortliches Unternehmen zu gelten? In den deutschen Medien wird man dazu leider nichts finden.
16 Kommentare »
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Kommentar


Haha, da wollte ich doch gerade verlinken und sehe dann, dass der Artikel ja von Ihnen stammt. Nun gut, schadet ja nicht.
Kommentar von Alex — 12.03.2008, 16:01 #
Lieber Alex
ja, der brand-eins-Artikel ist von mir und just bei dieser Recherche habe ich ja die Erfahrung gemacht, dass die Presseabteilung von American Apparel nicht mit einem spricht, sobald man kritische Nachfragen stellt.
Kommentar von Oliver Gehrs — 12.03.2008, 17:13 #
Übrigens, nicht dass einer den Mann mit dem taillierten Hemd neben dem brand-eins-Artikel für Oliver Gehrs mit neuer Gesichtsfrisur hält: Das ist der von American Apparel.
Kommentar von Malte Dahlgrün — 12.03.2008, 17:20 #
[...] Küss mich: Warum die Medien American Apparel lieben (blog.dummy-magazin.de, Oliver Gehrs) “Es ist schon seltsam, wie leicht es manche Firmen haben, Verbrauchern und Medien eine ‘corporate social responsibility’ vorzugaukeln, hinter der meist nicht mehr steckt als ein Marketingtrick.” [...]
Pingback von medienlese.com » Blog Archiv » 6 vor 9 — 13.03.2008, 8:44 #
Nur weil die Ware in den US-und-A produziert wird, heisst das noch lange nicht, das hierbei nicht versklavt und ausgebeutet werden kann.
Auch in den Untiefen L.A.’s gibt es “sweatshops” – nur eben mit Latino-Frauen um die 40 statt asiatischer Kinder unter 12.
Die Näherin in diesen Menschen-absolut-unwürdigen Produktionsstraßen schuften gepflegt 14 Stunden Schichten für einen Betrag bei dem selbst konservative deutsche Politiker des Wort “Mindestlohnregelung” in den Mund nehmen würden.
Und was sagt und das?
Verdammt zynisches Marketing, liebe Amercian-Apparels.
Kommentar von Warren — 13.03.2008, 17:21 #
Das fand ich auch schon merkwürdig, daß die Übernahme von American Apparel im Deze,ber 2006 (!) durch die Heuschrecke Endeavor Acquisition Corp. in den deutschen Medien gar nicht vorkam
Kommentar von Dorin Popa — 14.03.2008, 12:06 #
Hatte den Artikel schon in der brandeins gelesen und nun, nachdem ich hier nochmals drauf gestoßen bin, wollte ich mal loswerden, wie gut und aufklärerisch ich ihn fand. Danke!
Kommentar von Ute Goldstein — 18.03.2008, 12:31 #
Ich fand den Artikel ueber American Apparel sehr interessant, besonders weil ich beruflich viel damit zu tun habe(T-Shirt Drucker). Bei uns gibt es eine immer grössere Nachfrage nach der Marke American Apparel, wobei die Leute ein teilweise sehr verklärtes und idealisiertes Bild von American Apparel haben. Die Widersprueche, die mir zum Grossteil schon bekannt waren, wurden in dem Artikel in der brandeins nochmal gut auf den Punkt gebracht.
Es gibt in Europa 2 oder 3 Firmen in diesem Bereich, die ein wirklich durchdachtes Konzept bezüglich fair gehandelter und umweltschonender Textilproduktion haben, die jedoch kaum einer kennt, weil Sie keine solchen (sexualisierten)Schlagzeilen liefern.
Wen es interessiert der erfährt mehr auf unserer Homepage
Kommentar von Thomas Kappauf — 18.03.2008, 13:10 #
@ Thomas: Bei Euch steht aber unter American Apparel: “Das Label baut auf Umweltbewusstsein und Fair Trade”, etc.
Kommentar von Malte Dahlgrün — 20.03.2008, 0:53 #
@ Malte
“Das Label baut auf Umweltbewusstsein und Fair Trade”, etc.
Das stimmt ja auch, jedoch gibt es andere Firmen, die diese Gedanken wesentlich konsequenter umsetzen, aber relativ unbekannt sind, weil sie nicht mit Sex werben. Bei American Apparel habe ich mir noch kein endgültiges Urteil gebildet, ob gut oder eher doch „böse“, es ist die schmale Gratwanderung zwischen rebellischer Firma und Anbiederung an den amerikanischen Konservatismus, zwischen der Schaffung von fairen Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung in den Shops, zwischen sexueller Offenheit und Belästigung …
Kommentar von Thomas Kappauf — 20.03.2008, 14:33 #
[...] Sexy und irgendwie LOHAS, das ist American Apparel – aber was wird eigentlich wirklich in “downtown LA” hergestellt? Das Märchen von der Kleider-Fabrik [...]
Pingback von Donnerstaglinks #31 — 27.03.2008, 7:23 #
auch interessant ist folgender link, mit weiteren verdrahtungen……
http://www.noahsow.de/blog/?p=105
Kommentar von jones — 31.03.2008, 21:42 #
Von mir auch danke für den BrandEins-Artikel, war wirklich hochinteressant.
Kommentar von LZA — 07.04.2008, 20:27 #
Wollte heute bei AA in Berlin am Wittenbergplatz eine Kinderjacke zurückgeben, die meinem Sohn leider zu klein war, aber nix da – Geld zurück ist nicht, nur Gutschein oder andere Ware. Da es größere Kinderklamotten aber nicht gab und ich das Bonbon-Bunte Zeug nicht anziehe, habe ich mein Geld zurückverlangt.
Ein dümmlich grinsender “Manager” wies mich darauf hin, dass Geld nicht zurückgezahlt wird und als ich fragte warum,grinste er nur weiter und sagte: “Das ist nunmal so”. Tolle Erklärung – mein geld habe ich dann doch wieder bekommen, weil der Typ wahrscheinlich froh war, mich wieder los zu sein. Ich kaufe da NIE wieder!
Kommentar von Stephan — 17.04.2008, 21:19 #
lieber herr gehrs,
bitte recherchieren sie weiter. ich weiß, dies ist nur die spitze des eisbergs.
wenn mitarbeiter reden dürften…..
Kommentar von anonym — 23.03.2009, 16:35 #
An Stephan,
ich sehe AA sehr kritisch, also zu 98% negativ und nur zu 2% positiv, aber, solch eine miese Behandlung habe ich auch bei Bannat in Berlin erlebt. Das ist ein Fachgeschäft, sollte seriöser Einzelhandel sein, schreibt auf der eigenen website, dass sie von vielen als Nr. 1 im Outdoor-Bereich gesehen werden – selten so gelacht. Dort ist geballte Inkompetenz am Start, mit winzigem Sortiment und einem Reiseführer-Antiquariat, das in den Altpapiercontainer gehört aber nicht zu überhöhten Preisen in einen Laden. Fazit: schlimmer geht’s nimmer!
Kommentar von icke — 27.05.2009, 13:09 #