Schockerziehung per DVD-Trailer: Auch was für Vorschulkinder
Ich hatte mir vor einigen Wochen ein paar DVDs bestellt, und darunter war eine aufwendige DVD-Box von The Wizard of Oz – dem größten Kinderfilm-Klassiker aller Zeiten, erschienen bei Warner Brothers. Kürzlich riss ich die Verpackung auf, klappte die fünfseitige, kaugummibunte Faltpappe in all ihrer Herrlichkeit auf, und ich legte die Film-DVD ein. “Somewhere Over the Rainbow” hören und ein bisschen träumen.
Nur: Da gab es erst einmal ein 43 Sekunden langes Schock-Video zu ertragen. Hämmernde, treibende, laute Musik, in die Crime-Sounds vom Brandausbruch bis zur Polizeisirene hineingesampelt worden waren und bei der jeder Herzkranke übern Jordan gegangen wäre. Extrem nervöse und verwackelte Aufnahmen von diversen Kriminaldelikten. Wildes Flackern allenthalben. Und fortwährend dazwischen-geschnitten, im Stile dessen, wie man sich Gehirnwäsche bei der psychologischen Kriegsführung vorstellt: flackernde, wabernde Textbrocken in ganz großen Buchstaben.
Diese Textbrocken, Wort für Wort auf den Bildschirm geschmettert, fügten sich zu Mitteilungen. Und weil das Ganze dankenswerterweise immer wieder erneut anläuft, wenn man die DVD noch einmal einlegt, habe ich es Einstellung für Einstellung einmal mitgeschrieben (Interpunktion zur Lesbarkeit nachträglich eingefügt):
YOU WOULDN’T
STEAL A CAR.
YOU WOULDN’T
STEAL A HANDBAG.
YOU WOULDN’T
STEAL A MOBILE PHONE.
YOU WOULDN’T
STEAL A MOVIE.
MOVIE
PIRACY
IS
STEALING.
STEALING
IS AGAINST
THE LAW.
PIRACY.
IT’S A CRIME.
Also: So eine nützliche Verbraucherinformation und Rechtsberatung ist doch mal wirklich überzeugend. (Vielleicht finden das ja auch die Verfasser des “Offenen Briefs zum Tag des Geistigen Eigentums” vom 25.04.2008.) Doch was mir beim Angucken schon die Sprache verschlug: Welcher losgelassene Irre hat denn dafür gesorgt, dass dieser Schocker aus der Abteilung Psycho-Attacke nicht selbst unter die Altersbeschränkung fällt? Kann man kleine Kinder mit gar nichts alleine lassen?
Es ist ja nicht nur so, dass die ganze DVD, der dieses Filmchen vorangestellt wurde, von der zuständigen britischen Behörde als UNIVERSAL, Suitable for all eingestuft wurde – also freigegeben ohne Altersbeschränkung. Die Komikertruppe, durch deren Hände das gegangen ist, hat sogar den Trailer selbst entsprechend klassifiziert. Zu sehen unten rechts, am Anfang des Stücks. Nicht zu fassen.
12 Kommentare »
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Kommentar


Das sind vielleicht verschrobene Verhältnisse: Ein waschechter Admiral unserer Kriegsmarine erklärt im SPIEGEL (Nr. 18, S. 17), warum er waschechte Piraten davonschippern lässt – während die DVD-Branche schlagkräftig gegen Kopierkorsaren ausholt… lob’ mir einer die Privatwirtschaft…
…aaargh!
Kommentar von Martin Rath — 29.04.2008, 9:02 #
You wouldn’t kill an advertising producer?
Was auch immer gut kommt:
Im US-Fernsehen werden sämtliche “Fucks” durch “Piep” ersetzt, während im gesamten Film ständig geschlägert, gemeuchelt und vergewaltigt wird.
Kommentar von Axel — 29.04.2008, 9:18 #
Mit der Gleichung “Movie piracy is steeling” unterläuft die Filmindustrie doch ihre eigenen Vorgehen, Filmpiraterie sehr viel stärker zu bestrafen als Ladendiebstahl.
Bei Ladendiebstahl muss man den Warenwert ersetzen, eine geringe Strafe zahlen und bekommt Hausverbot. In den von Musik- und Filmindustrie angestrengten Prozessen liegt der Streitwert ja meist um ein Tausendfaches über dem Warenwert.
Kommentar von Lukas — 29.04.2008, 13:01 #
Pflicht:
http://www.youtube.com/watch?v=MTbX1aMajow
Kommentar von fabiank22 — 29.04.2008, 16:41 #
Allein vom Lesen deines schönen Transskriptes bin ich gehirngewaschen.
Werde. Nicht. Mehr. Kopieren. Filme aus dem Internet.
Kommentar von Sebastian — 29.04.2008, 16:50 #
@ fabian:
Danke, ich erinnere mich an diese Parodie. Was mir erst jetzt aufgefallen ist: Eine fast identische Variante des Trailers selbst lässt sich auf youtube auch ansehen. Da ist auch exakt dieselbe Musik drauf – zieht einem wirklich die Socken aus, wenn man darauf nicht vorbereitet ist.
http://www.youtube.com/watch?v=oSQQ1NqOaA4&feature=related
@ Sebastian:
Ja, man muss sich das mal laut vorlesen, das verfehlt seinen emotionalen Effekt nicht. Ziemlich clevere Pausenverteilung.
Kommentar von Malte Dahlgrün — 29.04.2008, 23:29 #
@ Lukas:
Wie soll denn so ein Streitwert in einem Allerweltsfall begründet werden? Ich kann mir horrende Streitwerte vorstellen, wenn aus einem Studio irgendein Mitarbeiter eine Kopie vor der offiziellen Veröffentlichung erstellt und in Umlauf bringt. Aber bei Otto Normalkopierer?
Kommentar von Malte Dahlgrün — 29.04.2008, 23:43 #
@ Malte Dahlgrün: Wenn Piraterie digitaler Ladendiebstahl ist (und das sagt ja der Trailer), dann müsste der Streitwert naheligenderweise beim Warenwert des physischen Datenträgers liegen (zumindest für Downloader).
Kommentar von Lukas — 05.05.2008, 12:27 #
Lukas, schon klar, das wurde ja nie bezweifelt. Ich hatte einfach gefragt, wie denn die Musikindustrie einen tausendfachen Streitwert “in den angestrengten Prozessen” begründen will, wenn das stimmt, was Du sagtest. Das war keine rhetorische Frage, ich bin da kein Experte.
Kommentar von Malte Dahlgrün — 05.05.2008, 13:13 #
Da gab’s z.B. den Fall, wo 24 per Tauschbörse zum Download angebotene Songs 220.000 Dollar Wert sein sollten. Allerdings wohl als Geldstrafe und nicht, wie ich es in Erinnerung hatte, als Schadenersatz, von daher brauchte es wohl keine nähere Begründung, außer, dass das Unrecht sei/ist.
Kommentar von Lukas — 05.05.2008, 13:57 #
Ich rege mich auch jedesmal über den “Raubkopierer sind Verbecher”-Spot auf, der gerne auch Kinder-DVDs vorangestellt wird. Meine Kinder (5 und 2) waren das erste Mal ziemlich verstört, jetzt spule ich immer schnell vor…
Kommentar von Steffen65 — 06.05.2008, 9:43 #
Ach du lieber Himmel, das gibt es also auch noch auf Deutsch.
Kommentar von Malte Dahlgrün — 06.05.2008, 13:20 #