Warum sich die New York Times für tote DDR-Bürger interessiert
(und hier niemand)

grenzefrei.jpgIch bin gerade in New York und neben dem Wetter (sonnig, den ganzen Tag) kann man hier auch die Zeitung genießen, die vielleicht nicht jeden Tag besser ist als die Zeitungen in Deutschland, aber oft. Und manchmal fällt es einem schmerzlich auf (nicht nur, weil die New York Times ehrlicherweise fast täglich eine halbe Seite Korrekturen druckt, die Größe würde man deutschen Blättern wünschen).

Gestern war zum Beispiel ein großer Bericht in der New York Times über die vielen DDR-Bürger, die beim Versuch, während ihres Urlaubs von Bulgarien aus in den Westen zu gelangen, kaltblütig erschossen wurden. Entweder landeten diese armen Schweine in einem anonymen Grab in Sofia oder der Sarg wurde verplombt in die DDR geschickt, damit niemand die Schusswunden sehen konnte. Insgesamt sind auf diese Art mehrere hundert Menschen an der Grenze zur Türkei und zu Griechenland umgekommen. Das ist eine völlig unaufgearbeitete Geschichte über etliche DDR-Bürger, deren Urlaub am Schwarzen Meer in einem Grab am Todesstreifen endete und darüber, dass die bulgarischen Behörden bis heute den Zugang zu wichtigen Dokumenten verweigern. Und dennoch hat das hierzulande kaum eine Redaktion interessiert – mal abgesehen von einer Spalte in der FAZ im vergangenen Frühjahr und einem recht skandalisierenden Artikel im Berliner Kurier. Die Welt, die SZ, die taz und wie sie alle heißen, ließ das Thema kalt.

Der deutsche Professor Stefan Appelius, der eine ungeheure Energie auf die Aufarbeitung verwendet, blitzte auch beim Spiegel ab, wo das Thema dann irgendwann auf der Mitmachseite „Meine Geschichte” landete. Für Dummy war das Desinteresse ein Glück, denn so war Appelius bereit, die Geschichte für unser Türken-Heft aufzuschreiben und uns ein Interview zu geben. Nun hat er Gott sei Dank auch noch bei der New York Times Gehör gefunden. Und vielleicht landet diese Geschichte auf diesem Umweg auch in deutschen Zeitungen – denn statt selber gesellschaftlich relevante Themen jenseits des Mainstreams aufzuspüren und auf die Frontpage zu heben, delegieren deutsche Zeitungsredaktionen ja gern die Auswahl und Bewertung von Sujets an andere Medien – um sich dann ebenfalls zu trauen. Ich kann nur hoffen, dass für dieses traurige und wichtige Thema die alte Sinatra-Zeile gilt: If you can make it here…

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4 Antworten auf Warum sich die New York Times für tote DDR-Bürger interessiert
(und hier niemand)

  1. Jochen Hoff sagt:

    Worüber regst du dich auf. Das waren doch nur Flüchtlinge. Tote Ostler. Die sind unseren Qualitätsmedien nur etwas wert, wenn sie der Linken angelastet werden können.

  2. Alexander Becker sagt:

    Heute bringt das Bildblog eine Meldung, aus der hervorgeht, dass Bild und SuperIllu sich mit dem Thema beschäftigten. Wohl ungenügend, aber immerhin. Link: http://www.bildblog.de/2872/bild-erweitert-niemandsland

  3. Peter sagt:

    Der gute Herr scheint gerade auch in Deutschland als Thema “entdeckt” worden zu sein. Die Welt berichtet ausführlicher über den Bericht in der “Super Illu”:
    http://tinyurl.com/ytwlue

  4. Haiko sagt:

    Das hat vielleicht wirklich etwas mit dem Abstand zwischen Ort des Verlags und Ort des Geschehens zu tun.

    Hier in Dortmund beispielsweise kam es im Rahmen des vielzitierten Strukturwandels dazu, daß ein komplettes Hüttenwerk, das, über mehrere Standorte verteilt, zuvor eine Fläche zigfach größer als das Stadtzentrum einnahm, kurz nach seiner Stillegung nach China verscherbelt, von chinesischen Arbeitern buchstäblich in Kisten gepackt, verschifft und vor Ort wieder aufgebaut wurde. Den Dreck haben dann deutsche Firmen weggemacht, und nun wird mit Hochdruck daran gearbeitet, die Stadt spätestens im Jahr 2010, wo sie Europäische Kulturhauptstadt sein wird, als grüne, saubere, lebendige Oase für Mikrotechnologie, Software und Logistik präsentieren zu können (was auch gelingen dürfte).

    Daß in der regionalen Presse das Thema nicht mit Übersicht behandelt wird, wundert ob ihrer allgemeinen Dürftigkeit und Globalisierungsangst nicht, aber auch in der überregionalen deutschen Presse gibt es bisher kaum nennenswerte Einordnungen des Themas.

    Übernommen hat das die New York Times, und zwar unter dem Aspekt, auf den es letztlich hinausläuft, der für Berichterstattung in der lokalen Presse aber vielleicht wirklich zu komplex oder zu weit weg ist: Exporting Pollution, Video und Audio Slide Show inclusive.