Eigentlich ist die Angelegenheit ja undramatisch: Einem Chefredakteur wird nach 13 Jahren im Amt gekündigt – er kann sogar noch bis zum 31.12.2008 bleiben. Dass diese doch eher schnöde Personalie für einen mittleren Aufruhr in den Medien und einen großen in der Redaktion sorgt, zeigt, dass der Spiegel immer noch ein besonders Blatt ist. Und das ist das eigentlich Verwunderliche: dass der Spiegel den Menschen trotz Austs Wirken nicht völlig egal geworden ist – schließlich war er es Aust zuletzt ja auch.
Zumindest las sich der Spiegel zuletzt so und die Geschichten, die man aus der Redaktion hörte, verstärkten den Eindruck. Im Grunde, so hieß es, interessiere sich Aust nur noch für eine Freundschaft zum FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und seine Pferde, von denen er unlängst einen rassigen Renner für eine mittlere sechstellige Summe verkauft hat. Gern würde er auch für die ARD RAF-Dokus basteln.Tatsächlich wirkte der Spiegel in diesem viel zu oft so, als säße der Chefredakteur irgendwo in Stade im Pferdestall oder so tief in die Ledersitze eines VW-Touaregs oder Porsche 911versunken, dass man kaum noch rausschauen kann. Mal erklärte das Nachrichtenmagazin auf dem Titel Hamburg zur coolsten Stadt der Welt, dann entdeckte er das Second Life oder pries die Klimakatastrophe als touristischen Heilsbringer für Sibirien an. Die Strom-Industrie wird quasi jede Woche anders bewertet: Mal klarsichtig als oligarchische Krake, dann wieder als letzter Hort der Vernunft in Zeiten der Klimahysterie. Einem ernsten Thema wie dem Erbe der 68er konnte sich der intellektuell ausgehöhlte Spiegel zuletzt nur noch in Herrenwitz-Manier nähern: „Es war nicht alles schlecht“ lautet die Zeile vor wenigen Wochen, dazu stellte man eine schlechte Karikatur von Reiner Langhans. Das sah schon alles mehr nach Eulenspiegel als nach Spiegel aus.In einer Zeit, in der im Web massenhaft Gegenöffentlichkeit entsteht, ist Aust ein Mann von gestern: ein passionierter Rechthaber, der weder die Niederlage im Kampf gegen die Rechtschreibreform einräumen konnte, noch jemals verstanden haben dürfte, warum es sich für einen Spiegel-Chef nicht schickt, in einem Beirat der Telekom zu sitzen. Oder mit dem Springer-Verlag Geschäfte zu machen. Nun wird er eben fortgejagt: Obwohl Austs Amtszeit nun noch bis zum 31.12. nächsten Jahres geht, wird er früher ersetzt werden – es gilt schließlich, den Abstand des Spiegels zu den gesellschaftlichen Realitäten wieder zu verringern. Denn mittlerweile ist die Gesellschaft im Zweifel links, nur der Spiegel ist nicht hinterhergekommen.
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