Spiegel 15/08: China doch nicht gut

spiegel-15.pngAls sich der Spiegel Anfang vergangenen Jahres fragte, ob der „Kommunismus doch der bessere Kapitalismus ist”, da fiel die Antwort verblüffend uneindeutig aus. In der Titelgeschichte über die ehrfurchtsvoll „Rotchina-AG“ genannte Diktatur standen so schöne Passagen wie die folgende: „Doch China blüht. Mit einer Mischung aus Planwirtschaft und entfesseltem Kapitalismus, wie sie in keinem Lehrbuch steht, rollt das Land die Weltmärkte auf und erzielt Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten.” Schön natürlich nur für die Machthaber in Peking, die auf solche Artikel in westlichen Medien lange gewartet haben dürften.

Mit diesem Text und einigen weiteren neoliberalen Schwelgereien über ein Land, das mal soeben mir nichts, dir nichts, ein paar Bauern enteignet, um den Transrapid zu bauen, reihte sich der Spiegel ein in die „blinde Begeisterung des Westens“, wie es der langjährige SZ-Korrespondent Kai Strittmatter kürzlich nannte.

Diese Woche nun macht der Spiegel einiges gut – mit seiner Titelgeschichte über die Repressalien in China im Vorfeld der Olympischen Spiele. Etwas unoriginell hat man die Titelgeschichte „Die Herren der Ringe“ genannt, wie schon so manche Geschichte über das IOC, und auch im Heft gehören die Seiten über China eher zum Hausbackenen. Alles drin, was man so kennt: unterdrückte Mönche, inhaftierte Dissidenten, Ehefrauen unter Hausarrest, aber irgendwie nichts neues, bewegendes – nicht mal die Reue des Künstlers Ai Weiwei, der die Architekten Herzog und de Meuron beim Bau des Olympiastadions beraten hat. Und die Schweizer Stararchitekten hätte man ja auch mal fragen können, was sie über ihr Engagement mittlerweile denken. Im Spiegel findet sich auch kein Appell, wie man denn nun mit der Olympiade umgehen soll – boykottieren, Blogs schreiben, demonstrieren? Der Spiegel bleibt eigentümlich im Vagen und bringt stattdessen einen recht verqueren Verweis auf die Spiele von 1936. Als müsste man das China von heute mit dem Dritten Reich vergleichen, um es endlich böse finden zu können.

Dass es nicht immer sechs Autoren braucht, sondern manchmal weniger mehr ist, zeigte Kai Strittmatter mit seinem Stück zum selben Thema im SZ-Magazin von vergangener Woche, in dem schöne, wahre Sätze stehen. Etwa der, dass „nicht die Kapitalisten die Partei übernehmen, sondern die Partei die Kapitalisten“.

Ansonsten sei im Spiegel das Stück von Michael Maier (ehemals Chefredakteur der Berliner Zeitung) empfohlen, der darüber schreibt, wie sich der eben als IM enttarnte Redakteur der Berliner Zeitung, Thomas Leinkauf, ihm schon 1996 offenbarte und Maier ihn fragte, ob eine Akte existierte. Weil die damals noch nicht aufgetaucht war, war für Maier die Sache gegessen; Pech für Leinkauf, dass sie dieser Tage auftaucht. Obwohl eine solche Akte viele gern hätten, schließlich umfasst sie lediglich 20 Monate zwischen 1975 und 1977 und stellt Leinkauf als alles andere als einen zuverlässigen Zuträger dar, sondern als latenten Querulanten, auf den die Stasi nicht vertrauen konnte.

Und wunderbar ist natürlich auch, dass der fast unisono vom Feuilleton gelobte Roman Die Wohlgesinnten nur auf Platz 15 steht (weniger schön, dass Charlotte Roches Unterleibsintrospektion „Feuchtgebiete“ die Liste anführt – aber das ist eine andere Geschichte).

7 Kommentare »

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  1. Dude, wie kommst Du denn darauf, dass Die Wohlgesinnten in Deutschland “fast unisono vom Feuilleton gelobt” wurde? Das war doch Frankreich; hier galt eher das Gegenteil. In Deutschland waren die Feuilletons zwar tagelang voll davon, aber nur weil der in Frankreich als Jahrhundertroman gefeiert worden war. Hier waren die meisten Urteile mindestens skeptisch, oftmals sogar vernichtend, also in etwa: überlange pornografische Schocker-Collage, sprachlich miserabel, in Frankreich nur als epochal angesehen, weil die Leser dort noch nicht so viel über den Vernichtungskrieg im Osten gewusst haben wie die Deutschen. Usw.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 07.04.2008, 20:35 #

  2. “In der Titelgeschichte über die ehrfurchtsvoll „Rotchina-AG“ genannte Diktatur standen so schöne Sätze wie „[ZITAT FEHLT]” – schön natürlich nur für die Machthaber in Peking …”

    hat die chinesische Zensur das Zitat geklaut?

    Kommentar von mart — 07.04.2008, 21:29 #

  3. Nee, aber mein Blogkollege hat da etwas recht hastig online gestellt und ist danach wohl in seiner Eckkneipe untergetaucht oder so. Und bei allen Ausbesserungen, die ich anstellen konnte, als ich hier zufällig mal wieder reinschneite: Um die Kastanie mit dem Zitat dort aus dem Feuer zu holen, müsste ich schon Gedanken lesen können. Da setze ich doch lieber einen Pointer und hoffe, dass OG bald wieder auf Sendung ist.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 07.04.2008, 21:41 #

  4. Bin wieder da, und in der Tat war das Zitat, das ich hineinstellen wollte, zusammen mit mir und den Verlinkungen in der Kneipe, die heute ein italienisches Restaurant war und kein China-Imbiss. Die Besprechungen zu den “Wohlgesinnten” habe ich freilich so im Kopf, dass viele anfangs immer sehr mokant waren, um dann doch zu dem Schluss zu kommen, dass einen das Buch fesselt, gerade weil man dachte, dass es das nicht tut – schon aus Gründen der political correctness (z.B. Volker Weidermann in der FAS). Lese jetzt aber noch mal im Hängeregister nach…

    Kommentar von Oliver Gehrs — 07.04.2008, 23:03 #

  5. Booar, jetzt gibt es das ganze also auch noch als Text. Aber warum das denn? reicht es dem geneigten Internetnutzer denn nicht, wenn er das schöne Gesicht des Herrn Gehrs jeden Montag sieht, während er den Spiegel vorkaut?

    Kommentar von Daniel — 08.04.2008, 14:58 #

  6. Laut Perlentaucher.de ist das Buch “Die Wohlgesinnten” nicht von einer einzigen ernstzunehmenden Tageszeitung gelobt worden!

    Kommentar von Thomas — 12.04.2008, 16:23 #

  7. Lieber Thomas
    also die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat den Roman vorabgedruckt und sehr positiv besprochen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lies Herrn Weidermann lesen, der erst kritisch anfing, um dann eine Eloge sondergleichen zu publizieren. Nichts gegen die Kollegen vom Perlentaucher, aber vielleicht liest man nach all den Rechtsstreitigkeiten die FAZ einfach nicht mehr so genau.

    Kommentar von Oliver Gehrs — 13.04.2008, 18:42 #

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