Die ARD-Sendung Polylux hat schlechte Quoten, z.B. gestern wieder: Gerade mal 3,9 Prozent der Zuschauer haben um 23:30 Uhr angeschaltet, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es noch weniger. Das Durchschnittsalter der Zuschauer der ja eigentlich für Jüngere gedachten Sendung liegt bei 53. Schon ewig.
Nun ist eine maue Quote nicht unbedingt aussagekräftig für die Qualität einer Sendung – in diesem Fall aber funktioniert sie bestens als Indikator. Denn die Sendung ist schlechtes Fernsehen seit Anbeginn – und das war vor über zehn Jahren. Unbeirrt hält Polylux an diesem seltsamen ironischen Gestus fest, den man nur noch antrifft, wenn man sich die Berliner Seiten der FAZ im Archiv anschaut. Jahrgang 1998–2002. An dieser Uneigentlichkeit, die zur Jahrtausendwende ganz gut gepasst hat, als die Menschen nichts Wichtigeres im Kopf hatten, als sich in Büchern wie „Generation Golf“ an ihre Jugend vor “Wetten, dass…?” und dem Playmobil-Fort zu erinnern oder Interesse an Verona Feldbusch zeigten, hält Polylux fest. Mit einem süffisanten Silberblick präsentiert die Polylux-Moderatorin und Macherin Tita von Hardenberg ihre sprachlichen Klischees. Ein Beitrag über Werbung wurde gestern mit den Worten angekündigt: „Was noch vor Jahren schockte, hängt heute schon im Museum.“
Ja, so ist die Welt. Und das Problem von Polylux ist, dass man ständig über Dinge berichtet, die nicht mal die Halbwertzeit einer Benetton-Kampagne haben. Mal geht es um Tischtennisplatten in Kneipen, mal um Car-Ports für Kinderwagen – wobei völlig egal ist, was davon nun satirisch gemeint ist. Über American Apparel berichtete der Sender gestern so enthusiastisch, als würde nicht in etlichen Blogs über die sexuelle Ausbeutung der Angestellten diskutiert. Aus der gusseisernen Polylux-Sicht aber sind alle zufrieden.
Wenn es mal nicht um Uneigentlichkeiten oder missratene Glossen geht (wie die gestrige über die olympische Fackel, die man gut mit China-Böllern löschen könne… Hahahaha), ist es mit der Recherche nicht weit her: Gestern berichtete Polylux über einen Speed-Abhängigen und fiel dabei auf einen Schauspieler rein, der lediglich vorgab, Drogen zu nehmen und tatsächlich dem “Kommando Tito von Hardenberg” angehörte. “Die ARD-Zeitgeistsendung Polylux ist einer Fälschung … aufgesessen”, heißt es auf der Website dieses “Kommandos” (unten das Bekennervideo) – und weiter:
[Polylux] strahlte heute einen Beitrag über die „Alltagsdroge Speed“ aus. Der dort gezeigte Speed-User „Tim“ ist eine Erfindung des Kommandos. Er mag in Wirklichkeit gar kein Speed und macht auch keine „Speed-Diät”. [...] Wir haben die plumpe Internetrecherche von Polylux zum Anlass genommen, die Legende des Speed-Patienten Tim zu erfinden und zum Drehtermin ein kleines Schauspiel vorzuführen. Erschreckend, wie einfach es ist, selbst gewählte Inhalte in Massenmedien zu platzieren und so gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.
In ihren verschiedentlichen Babypausen konnte Hardenberg bereits beweisen, dass sie abkömmlich ist: Erst machte es Steffen Hallaschka besser, dann Jörg Thadeusz. Vielleicht ist ja der Speed-Klamauk endlich ein Anlass, die Sendung aus dem Programm zu nehmen. Der RBB darf ja nicht viel zuliefern zum ARD-Programm – umso seltsamer, dass er einen Sendeplatz so verschleudert. Und möglicherweise nur damit erklärbar, was Programmverantwortliche hinter vorgehaltener Hand erzählen. Dass Polylux nämlich quasi unabsetzbar ist – aufgrund familiärer Bindungen. Tita von Hardenbergs Mutter, Gräfin Isa von Hardenberg, sitzt nämlich in verschiedenen wichtigen Kaffeekränzchen, und die Angst vor der Rache dieses konservativen Netzwerks lässt den RBB in Paralyse verharren. Gräfin Hardenberg zählt zu ihren Kunden den Axel-Springer-Verlag genauso wie Bertelsmann oder den Verband der Deutschen Zeitschriftenverleger.
So wie es aussieht, bleibt wohl nur, Tita von Hardenbergs Ratschlag, den sie am Ende jeder Sendung gibt, zu beherzigen: „Bleiben Sie stark!“

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Das (Polylux-) Video gibt’s wieder auf video.google.com:
http://video.google.de/videoplay?docid=-2520504387055006227
Danke. Der 20-jährige Politikstudent “Patrick”, der da zuerst kommt, ist in Tübingen aufgenommen worden, wie ich sehe – auf der Wilhelmstraße und in der Neuen Aula. Ist der nun echt oder gehört der auch dazu?
“Patrick” ist wohl echt, er schreibt unter dem nickname faithleSs in diesem Forum:
http://www.land-der-traeume.de/forum.php?seite=5&t=18058
die stimmung bei den kommentatorInnen in foren und blogs schlägt um:
dominierte zunächst häme und ablehnung gegenüber polylux, werden jetzt neue prankster-ebenen entdeckt. es wird gejubelt über kobalts gelungenen erfrischungscoup für die in die jahre gekommene tante polylux.
der deutsche blätterwald rauscht gewaltig, von welt, bild, FR, SZ, spON bis hin zum kölner stadtanzeiger reicht die öffentlichkeit, die polylux seit der aktion des hedonistischen medienterrorkomandos genießen darf.
allerdings scheint es hausintern abstimmungsprobleme zu geben: während die marketing division von kobalt die korken knallen lässt, geht der rbb-pressesprecher in die offensive und diffamiert ’tim’ als drogenkonsumenten und nennt dem berliner tagesspiegel seinen vermeintlichen klarnamen.
außerdem macht ein gerücht die runde, es sei ein redakteur gefeuert worden. ein womöglich (sic!) gefakter kommentar unter
http://www.welt.de/fernsehen/article1892145/Polylux_sendet_gefaelschtes_Interview_.html
enthielt diffamierende äußerungen über ’tim’ und wurde inzischen entfernt.
da ist also noch feinabstimmung gefragt…
schöne kommentare lassen sich übrigens auf spreeblick finden:
http://www.spreeblick.com/2008/04/11/guerillakrieg-gegen-praktikantenstadl/
hier wird zB über den familiären hintergrund der ostelbier-moderatorin und deren verbindungen in die exclusivsten hinterzimmer dieser republik spekuliert.
faith less auf spreeblick:
[EDIT, 30.04.2008: Wir löschen jetzt mal dieses falsche "Bekenntnis" eines offensichtlichen Trittbrettfahrers.]
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Lieber Herr Gehrs, was haben Sie denn bloß gegen mich und Polylux? Seit zehn Jahren wüten Sie vergebens gegen die Sendung, warum denn bloß? Ich würde Sie ja zu gerne mal persönlich treffen. Sie haben das immer abgelehnt, schießen lieber aus der Deckung des Internets, weil Sie ihr düsteres Bild nicht durch einen realen Kontakt gefährden wollen. Aber sollen wir nicht doch mal Mittag essen gehen und versuchen, alte Vorurteile auszuräumen? Zum Beispiel die rührende Verschwörungstheorie mit meiner Mutter. Die haben Sie nun schon so oft erzählt – aber sie wird doch dadurch auch nicht wahrer. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber das klingt ein bisschen, wie sich Klein Fritzchen die große weite Welt vorstellt. Alle Mächtigen in einem Boot. Aber so einfach funktioniert das Leben nun auch wieder nicht. Leider. Deswegen sind wir auf ganz reale Zuschauer angewiesen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Es gibt Menschen, die Polylux schätzen. Das hat zum Beispiel etwas mit Humor zu tun. Das nachzuvollziehen wird Ihnen schwer fallen. Kann man auch nicht erwarten. Aber ich wüsste doch schon gerne, warum sie sich seit Jahren so sehr darüber aufregen können, dass sich keiner an das von Ihnen proklamierte Ironie-Verbot halten mag. Also: mein Angebot steht. Mit besten Grüßen stets Ihre Tita von Hardenberg
Oliver, ich guck die Sendung auch nicht, mich nervt schon die Greinmusik und dieser furchtbare Außenreporter. Aber im Moment glaube ich gerade, ich mag die Frau von Hardenberg.
Liebe Tita von Hardenberg. Vielen Dank für Ihre netten Zeilen. Ich habe die letzte Fernsehkritik über Polylux im November 2001 in der SZ geschrieben – ich kann die zeitlichen Abstände aber gern vergrößern. Ihr Angebot nehme ich natürlich an. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich es mal abgelehnt hätte. Schön fände ich, wenn Ihre Mutter mit zum Mittagessen käme. Ich habe hier immer noch ein Porträt über sie liegen, das damals in der Süddeutschen Zeitung nicht abgedruckt werden konnte, weil sie es vorher gegenlesen wollte. Auf bald
Na, da hat sie aber einen verdammt guten Instinkt bewiesen. – Wegen des Mittagessens melde ich mich in Ihrer Redaktion. Bis dahin. Tita von Hardenberg
Ich dachte, Dummyblog ist nicht käuflich. Schade.
@ Andrew: Das ist nicht Dein Ernst – oder? Glaubst Du, Oliver kriegt da für seine Kinder einen Ponyhof auf einem märkischen Landgut geschenkt?
Oliver, ruf mich an, falls die von Hardenbergs zu zweit sind und mit Handtaschen auf Dich einprügeln.
Welch ein schöner Bericht über die schöne Tita (von).
Selten hat mir jemand so aus der Seele gesprochen!
Ja wann isses denn so weit mit dem Treffen? Ein Bericht wäre nicht schlecht! Vielleicht ein Streitgespräch, ausgestrahlt auf Polylux? Oder lieber neutrales Terrain? Ich schlage meine Küche vor.
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It’s all over now, baby blue – ich will aber schon jetzt gern wissen, obs mit dem Essen noch geklappt hat, oder obs gerad klappt oder obs noch klappen wird.
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