Der liebe Herr Blumencolo: Gute Stimmung beim Spiegel

spiegel-haus.jpgAnfang vergangener Woche erhob das ancien régime noch einmal sein böses Haupt. Mitten in die seit Wochen ungeahnt konstruktiv verlaufende Redaktionskonferenz polterte der Kultur-Ressortleiter Mathias Schreiber mit einer fein durchdachten Verschwörungstheorie: Der aus München angereiste Gastkritiker, Neon-Chefredakteur Timm Klotzek, sei von den Gesellschaftsreportern des Blattes instruiert worden, gegen das Feuilleton zu schießen. Die kleine Schreierei, die daraufhin anhob, führte allen Anwesenden noch mal vor Augen, wie es früher öfter war – bevor die Herrenreiter Aust, Matussek, Steingart und Preuß das Blatt verließen oder ins Glied zurücktraten. Und wie harmonisch es jetzt ist.

Denn mehr als inhaltlich hat sich in den Monaten seit dem Antritt der neuen Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo klimatisch getan. Wo früher jeder einfache Redakteur eine Liste mit Denkverboten im Kopf hatte, darf jetzt zumindest alles vorgeschlagen werden, ohne dass man mit einem mittelfristigen Karriere-Aus rechnen muss: Ausgeglichenen Stücke über die Gewerkschaften, kritische Berichte über die Stromkonzerne bis hin zu Generalverrissen der „Bild“-Zeitung. Und natürlich gibt’s auch nicht mehr soviel Pferdesport im Blatt wir früher.

Ansonsten hat sich inhaltlich noch nicht soviel getan, schließlich arbeiten Mascolo und Blumencron auch noch viele Geschichten aus der Aust-Ära ab. Der war schließlich Profi und hatte noch einige Titel für schlechte Zeiten gebunkert. So ist denn auch die Mischung eher eine Altbewährte: Ab und zu einen schönen Hitler, der sich am Kiosk rasend verkauft (bestes Heft in diesem Jahr: „Der Anfang vom Untergang“), dann mal wieder Neuigkeiten von Jesus und für Spiegel-Liebhaber aufwendig recherchierte Riemen wie der über die Korruption bei Siemens. So ist neben der Mischung auch die Auflage gleich geblieben – nämlich über einer Million, was für das Wohlbefinden in der Geschäftsführung immer ganz wichtig ist.

„Die Angst die Aust oder Steingart verbreitet haben, ist weg“, sagt ein Redakteur – und wie kuschelig es zugeht, zeigt auch der Betriebsausflug vom vergangenen Wochenende, auf dem Korrespondenten und Ressortleiter über das Heft plauderten und gemeinsam im Hamburger Norden Fußball spielten. Entschieden wurde nix oder wohl nur die Einstellung der bemühten Glosse auf den ersten Seiten, die erst neulich eingeführt worden war, aber nur zeigte, dass sich der Spiegel mit verordnetem Humor nach wie vor schwer tut.

Nun geht es darum, ob vom vernünftigen Ton im Inneren des Magazins auch die Leser profitieren. Ob etwa der Hang zu leidigen Geschichten über irgendwelche gesellschaftlichen Trends, die meist nur eine Halbwertzeit von einer Woche haben, verschwindet und der Gestus des allwissenden Journalisten gleich mit – der besser als die Politiker weiß, was für das Land gut tut oder der sich im Zweifelsfall selbst zum Politiker aufschwingt wie der geschasste Stefan Aust weiland im Kampf gegen die Rechtschreibreform.

Und der wohl immer dachte, dass Frauen keine Leitungspositionen bekleiden sollten, was schwer an der Glaubwürdigkeit des Blattes in allen Fragen der Moderne genagt hat. Nun gibt es schon bald mit Susanne Weingarten die erste Ressortleiterin – zuständig für Kultur, jener Teil, der immer noch reichlich affirmativ geschrieben ist, aber immerhin keinen nationalen Aufbruch mehr feiert wie einst unter Matussek. Die Besucherzahlen des deutschen Films sind ja auch nicht danach.

Dieser Eintrag ist eine gekürzte Fassung eines Artikels, der am 18.04.2008 auf taz.de und am 19.04.2008 in der taz erschien.

Dieser Beitrag wurde unter Spiegel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Der liebe Herr Blumencolo: Gute Stimmung beim Spiegel

  1. Pingback: Quasipresseschau vom 23.4.2008 | NIGHTLINE

  2. Pingback: medienlese.com » Blog Archiv » Politikjournalismus: Wer ist denn hier apolitisch?