Wir sind das Volk – Spiegel-Leute entdecken die Demokratie

Schon komisch. Jahrelang hält man beim Spiegel schön still und wagt es nicht, bei den Konferenzen aufzubegehren – und kaum ist der Chefredakteur gekündigt, werden plötzlich alle ganz mutig. Plötzlich entdecken die Redakteure des Spiegel ihre eigene Meinung und fordern Mitsprache bei der Neubesetzung des Chefpostens. Dabei haben sie die ja gar nicht, denn zu sagen haben strenggenommen nur die fünf gewählten Vertreter in der Mitarbeiter KG etwas (die Aust ja auch gekündigt haben), und die müssen sich nicht ständig ihrem Wahlvolk erklären oder Plebiszite abhalten.
Dennoch haben schon die Ressortleiter am Freitag zu erkennen gegeben, dass sie bitteschön bei der Auswahl des Aust-Nachfolgers mitreden wollen. Und hinter den Kulissen kommt es schon zur Gruppenbildung. So soll sich der stellvertretende Berliner Büroleiter Konstantin von Hammerstein nach einem gescheiterten Versuch, den Ressortleitern eine Solidaritätsbekundung für Aust abzuringen, nun für Gabor Steingarts Rückkehr aus den USA stark machen, der von dort immer so schöne Ferndiagnosen über den Zustand der SPD schreibt. Und der bei der Mitarbeiter-KG-Wahl vor einigen Monaten gnadenlos durchgefallen war. In Hamburg wiederum sammelt nach Aussage dort lebender Redakteure der Gesellschaftsressortleiter Cordt Schnibben seine Truppen, um Giovanni di Lorenzo von der Zeit zum Spiegel zu holen. Bei Gruner + Jahr dürfte man das alles eher amüsiert betrachten, schließlich spielen die Wünsche aus der Redaktionsgesamtheit des Spiegel eine eher kleine Rolle bei der Chefredakteurswahl. Zumindest das hat sich seit Rudolf Augsteins Zeiten nicht geändert.

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