Komm’ in mein faules Flussbett: „Humanglobaler Zufall“, Teil 2

humanglobalerzufall.jpgAls Dennis Buchmann erfuhr, dass er in Zukunft sein eigenes Magazin für den Springer-Verlag produzieren darf, trank er erst einmal einen Schnaps. Dazu brachte er noch ein paar Worte wie „krass“, „toll“ und „super“ hervor – was man halt so sagt, wenn man erfährt, dass ein großer Verlag eine halbe Million Euro springen lässt, damit man sein eigenes Magazin machen kann.

Mit der Idee, ein globales Heft zu publizieren, in der die einzelnen Geschichten über die handelnden Personen miteinander verbunden sind – das also fern von jeder einengenden Ressortaufteilung die Möglichkeit bietet, schöne Reportagen und schöne Fotos zu drucken – hatte Buchmann zu Recht den Ideenwettbewerb „Scoop“ des Springer-Verlages gewonnen.

Das Magazin ist formal eine Mischung aus Tyler Brûlés “Monocle”, dem verblichenen “Freund” und einem ganz bestimmten Tintin-Heft. Die goldenen Lettern auf dem Titel sind leicht geprägt – seit dem Erfolg des Internets setzt die Print-Branche ja verstärkt auf sinnliche Erlebnisse, die ein Bildschirm nicht liefern kann. Das Heft ist ein Traum für Fotografen, denn die Bildstrecken sind mitunter 16 Seiten lang und in der ersten Ausgabe fast ausnahmslos sehenswert. Der Artdirektor Mirko Borsche und seine bewährten Fotografenfreunde aus gemeinsamer Zeit beim SZ-Magazin haben so gute Arbeit geleistet, dass man das Magazin gern mit sich herumträgt, anfasst, herumzeigt und anschaut. Nur lesen mag man es leider nicht.

„Sie sind gerade vom Praktikanten zum Chefredakteur berufen worden“, hat Buchmann der Leiter des Projekts und der Springer-Akademie, Jan-Eric Peters, wissen lassen. Und vielleicht war diese Beförderung keine gute Idee. Buchmanns Konzept ist so anspruchsvoll, dass es wohl auch Journalisten, die mehr als ein Praktikum bei der „Frankfurter Rundschau“ vorzuweisen haben, schwer hätten. Denn wenn man den roten Faden rund um die Welt spinnen will, ist man eben nicht nur auf den glücklichen humanglobalen Zufall angewiesen, sondern eben auch auf exzellente Beobachtung, die aus den mitunter recht banalen Lebensläufen der Protagonisten guten Lesestoff macht. Wenn man das nicht gerade rasend abenteuerliche Leben eines deutschen Pärchens beschreibt, das sich in Ecuador freiwillig um vernachlässigte Kinder kümmert, dann reicht eine Mischung aus Stilblüten („Das Problem in Mindo sind viele Probleme“), ziellos herummäandernden Daten („das durchschnittliche Jahreseinkommen ist auf 4500 Dollar gestiegen“) und sentimentalen Betrachtungen überm Pfefferminztee nicht aus. Da wird beim deutschen Entwicklungshelfer das eigene Lächeln zur „Belohnung“, die seine „Seele streichelt“ – auf diesen rhetorischen Salto Mortale muss man auch erst mal kommen.

Buchmann war leider nicht nur in El Salvador, sondern auch noch in New Orleans, wo er den Deutschen Sven getroffen hat, der „schnieke“ aussieht, wie Buchmann etwas maulfaul schreibt. Die Erde riecht „wie nach einem verfaulten Flussbett, das zum ersten Mal seit langem mit Sauerstoff in Berührung kommt“, was wohl daran liegt, dass New Orleans nun schon seit zwei Jahren eine Art verfaultes Flussbett ist. Gut, dass Sven nicht mehr dort ist, denn – so Romantiker Buchmann – der Hurrikan Katarina habe ihn „nach Lafayette direkt in die Arme von Carolyn geweht“. Ein echter „Sturm der Liebe“ eben. Aber auch auf Svens Leben in der Vorstadtsiedlung fällt ein Schatten. Auf der Straße liegt seit zwei Tagen ein überfahrenes Gürteltier – für den Reporter Buchmann eindeutig ein Zeichen moralischen Verfalls. „Keiner hat die Chuzpe, es wegzuräumen“. Armes Amerika.

Noch weniger Glück hatte ein gewisser Robert Green, der es ebenfalls auf den Notizblock schaffte, nicht ganz zu Unrecht. Denn während Sven in Carolyns Arme trieb, musste Green mit seiner Familie vor den Wassermassen auf ein Dach flüchten, wo seine dreijährige Enkelin von den Fluten fortgerissen wurde und ein paar Dächer weiter seine Mutter starb. Das alles ist Buchmann aber nur fünf Zeilen wert. Wichtiger ist, dass er in einer Marginalienspalte, wenige Millimeter von den ertrinkenden Menschen entfernt, erzählt, dass er in „Marley’s Sportsbar ein Bierchen trinken war“. Da riecht dann das ostentativ Menschelnde des Magazins ebenfalls faul wie ein altes Flussbett.

Die von Lisa Sonnabend verfasste Reportage über eine Zuckerrohrplantage in Costa Rica ist leider auch nur Kraut und Rüben. Auch hier hält der rote Faden nicht mal bis zur nächsten Geschichte. Eben noch erzählt Alejandro, dass nur 25 Prozent seines Zuckerrohrs zu Ethanol verarbeitet werden, der Rest aber den Menschen zuliebe zu Rum und Zucker, da wird sein Land schon in der nächsten Reportage (über seinen Freund Victor in Montreal) zu einer „riesigen Bioethanol-Plantage“ umgelogen. Schöne Freunde sind das.

Die Überleitungen zwischen den Geschichten sind eh reichlich bemüht, mitunter klingelt am Ende des Artikels das Telefon, an dem sich der Protagonist der nächsten Story meldet. So ein Zufall aber auch. Schön wäre, wenn das Telefon auch bei Buchmann mal wieder läuten würde und am anderen Ende wieder Jan-Eric Peters wäre – diesmal mit der guten Nachricht, dass der Springer-Verlag dem „Humanglobalen Zufall“ noch einen echten Chefredakteur spendiert. Dann könnte man als Leser auch mal einen Schnaps trinken.

4 Kommentare »

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  1. [...] Oliver Gehrs im Dummy-Blog. Das war auch mein erster Eindruck, als ich den Humanglobalen Zufall zuerst in den Händen hielt. [...]

    Pingback von medienlese.com » Blog Archiv » Humanglobaler Zufall: Alles schon gesagt — 30.04.2008, 8:12 #

  2. Man muss aber sagen:
    Die Idee wäre gut gewesen. Aber einiges passt hier nicht zusammen. Der goldene Prägedruck passt nicht zu den tollen, unprätentiösen Fotos (Das Cover-Foto ist der Hammer). Das Konzept passt so gar nicht zu dem Lügenverrrlag, der das ganze finanziert. Und Dennis Buchmann gibt in Interviews an, aber wirklich gar keine Skrupel zu haben, mit Springer zusammen zu arbeiten. Das größte Problem ist aber meines Erachtens, dass das ganze Heft keinen Charme ausstrahlt, es wirkt alles gewollt schön dreckig und schick trashig will aber gleichzeitig das “wertiges” Coffee-Table-Magazin sein. Und das hinterlässt bei mir einen komischen Nachgeschmack.

    Kommentar von Wolfgang — 30.04.2008, 19:38 #

  3. …und nicht zu vergessen: wer um himmels willen ist für die werbung verantwortlich?

    Kommentar von toul — 20.05.2008, 0:55 #

  4. “… Das Magazin ist formal eine Mischung aus Tyler Brûlés “Monocle”, dem verblichenen “Freund” und einem ganz bestimmten Tintin-Heft. …”

    “Fantastic Man” hast Du vergessen.

    Kommentar von Fabian — 30.05.2008, 15:53 #

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