Keine Ahnung, aber davon jede Menge:
Deutsche Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb

Immer wieder erstaunlich, wie es dazu kommt, dass in deutschen Leitmedien Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb schreiben, die auf diesem Gebiet nicht mal den Anschein von Kompetenz erwecken und stattdessen unfreiwillig komischen Quatsch produzieren. Verstehe nicht, warum das nie aufhört. Ein schauriges Beispiel, leider nicht untypisch: Dieser kleine Infotext aus der Beilage Beruf und Karriere in der Wochenendausgabe der SZ (03.05.2008).

Da wird das zentrale Stichwort “faculty” mit “Fakultät” übersetzt, obwohl sogar die Autorin dieses Artikels begriffen haben müsste, dass mit “faculty” in diesem Zusammenhang die Professorenschaft eines jeweiligen Hochschulinstituts gemeint ist, und nicht die einer Fakultät, geschweige denn die Fakultät selbst.

Da wird eine “New York State University” erfunden, von der ich nie gehört habe und die es auch nicht gibt aber wo es um angelsächsische Universitäten geht, da müssen Namen scheinbar nie stimmen; den Eindruck habe ich schon lange. Wahrscheinlich meinte die Autorin “State University of New York” (oder etwa die ganz verschiedene “New York University”?), was aber auch wiederum seltsam wäre, denn SUNY ist gar keine Universität, sondern ein Hochschulverbund.

Aber es liegt eh eine glatte Falschmeldung in diesem Zusammenhang vor: Die Firma American Analytics, die jenen Faculty Scholar[l]y Productivity Index herausgibt, sie ist gar nicht im Besitz des SUNY-Verbundes sie ist im Privatbesitz, wie die Firma ausdrücklich auf ihrer Website mitteilt.

Dann noch die Aussage, die “Anzahl der Zitate” durch andere Wissenschaftler gehe in die Erhebungen dieses Produktivitätsindex ein: Was für ein inkompetenter Stuss, geht es doch einfach um die Anzahl der Verweise, wenn “citations” gezählt werden.

Und natürlich und von vornherein ist es sowieso Irrsinn, die Anzahl der Publikationen als Ausweis der “Leistung” eines Lehrkörpers an einem Institut zu beschreiben. Das ist so absurd, als würde man die Qualität eines Popmusikers an der Anzahl der Stücke messen, die er veröffentlicht hat, einschließlich aller Remixes und aller noch so billigen Schrottnummern.

Aber diese stückzahlorientierte Honorierung von Publikationsschrott in den Wissenschaften, das ist nochmal eine weites Feld, und ein noch traurigeres dazu.

9 Kommentare »

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  1. nur mal so zum besseren Verständnis, jedes Zitat ist doch ein Verweis, zumindest folgt in der Fußnote der Verweis, oder was meinst du mit Verweis?

    Und kritisierst du in den letzten drei Abschnitten, jetzt die Verfasserin des Artikels weil sie falsch informiert, oder die Praxis, dass die Anzahl der “Zitate”(Verweise?) und Publikationen maßgeblich für die “Leistung” eines Wissenschaftlers sind?

    Falls das dumme Fragen sind, verweise ich auf die Uhrzeit ;)

    Kommentar von fe — 05.05.2008, 4:00 #

  2. Vergiss es. Das ist die Art von Journalismus an die man sich einfach gewöhnen muss. Aber das hat sich ja bald auch erledigt:

    http://www.duckhome.de/tb/archives/2511-Die-grosse-Angst-des-Michael-Konken.html

    Kommentar von Jochen Hoff — 05.05.2008, 8:25 #

  3. @ fe: Natürlich gehen Zitate mit Verweisen einher, wenn korrekt gearbeitet wird, aber die meisten Verweise in wissenschaftlichen Arbeiten geschehen, ohne dass eine bestimmte Äußerung zitiert wird, und nur das wäre ein Zitat. Ein Experimentalpsychologe oder ein Molekularbiologe werden in einem Aufsatz problemlos auf 100 Arbeiten verweisen (und damit “citations” vornehmen), ohne auch nur ein einziges Zitat vorzunehmen.

    Und zur nächsten Frage: Im drittletzten Absatz kritisiere ich natürlich die Autorin, weil sie falsch informiert. (Sie scheint “citation” für “quotation” zu halten.) Im vorletzten Absatz geht es auch gegen die Autorin, weil sie stückzahlorientierte Produktivität für einen zentralen Leistungsfaktor hält, aber diese Fehleinschätzung ist eben auch ein viel allgemeineres Elend – nicht nur, aber auch in ignoranten journalistischen Darstellungen zum Wissenschaftsbetrieb.

    Die Anzahl der Verweise auf die Arbeit einer Person als Qualitätsindikator zu nehmen, ist eine ganz andere Geschichte. Das ist tatsächlich ein wichtiger Indikator von Qualität – miserable und derivative Arbeiten werden eben nicht von anderen in der Scientific Community zur Kenntnis genommen, sie werden nur im Lebenslauf mitgezählt.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 05.05.2008, 13:01 #

  4. Die ‘Anzahl der Publikationen’ in der Wissenschaft wäre gewissermaßen zu vergleichen mit den ‘Klickzahlen’ auf den Fotostrecken der Online-Portale …

    Kommentar von Chat Atkins — 05.05.2008, 13:04 #

  5. Hehehe, schöner Vergleich…

    Ich hatte vorhin auch schon überlegt, “Anzahl der Verweise” über die Analogie der Verlinkung zu erklären. Wer auf jemanden verlinkt, der zitiert ihn damit noch nicht.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 05.05.2008, 13:21 #

  6. Ahh, bei dem Zitat-Verweis Ding stand ich wohl etwas auf dem Schlauch gestern abend. Ob aber die Häufigkeit der Verweise nun ein guter Maßstab für Qualität ist, sehe ich eher kritisch, wenn man sich die Problematik von Zitationszirkeln vor Augen führt. Aber natürlich macht das mehr Sinn, als nur die Zitate zu zählen.

    und mit der Frage was du kritisierst meinte ich den zweitletzten Part:

    “Und natürlich und von vornherein ist es sowieso Irrsinn, die Anzahl der Publikationen als Ausweis der “Leistung” eines Lehrkörpers an einem Institut zu beschreiben.”

    Ist das jetzt die Kritik an ihr? Denn danach lässt du ja noch eine allgemeine kritische Aussage an der Praxis folgen, deshalb liest es sich in dem mir zitierten Part so, als ob du sie sozusagen als den Überbringer der schlechten Nachricht kritisierst. Da kann sie ja nix für.

    Aber alles in allem hast du natürlich wieder Recht ;)

    Kommentar von fe — 05.05.2008, 18:25 #

  7. Die Anzahl der Verweise ist natürlich auch kein perfekter Gradmesser – aber deswegen ist ja auch immer nur von “Indikatoren” die Rede. Dennoch ist das – mal abgesehen von der Frage, in welchen Zeitschriften man seine Sachen veröffentlicht hat – schon der wichtigste Indikator für die Wichtigkeit Deiner Forschung. Vor allem, wenn Du noch die Qualität/Wichtigkeit der Zeitschriften hineinrechnest, aus denen heraus auf jemanden verwiesen wird.

    Um da eine Analogie auszuräumen: Das ist schon hundertmal sinnvoller als die Praxis in der Blogszene, Relevanz an der Anzahl der Verlinkungen aus anderen Blogs zu bemessen. Scheint ja wirklich so zu sein, dass Verweiszirkel unter verkumpelten Bloggern eine Rolle spielen, und dass man dadurch gegenseitig seinen schlechten Blogs den Anschein von Relevanz geben kann (habe keine Ahnung, wie vielerlei Schrott sonst so relevant in den Blogcharts werden könnte).

    Aber beim wissenschaftlichen Publizieren, weltweit betrachtet: Da könnten solche Dinge m.E. kaum ins Gewicht fallen. Und ohnehin: Kein halbwegs seriöser Wissenschaftler müllt seine Arbeiten mit irrelevanten Verweisen auf Arbeiten von einem Freund voll, nur um dem einen kleinen statistischen Gefallen zu tun…

    Und zum letzten: Wie gesagt, das ist natürlich eine Kritik an der Formulierung der Redakteurin, die Stückzahlen ja als entscheidenden Faktor bei der Leistungsbemessung hinstellt. Gleichzeitig ist diese dumme und verfehlte Auffassung aber erschreckend verbreitet in der Öffentlichkeit. Daher dann mein Übergang ins allgemeine.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 06.05.2008, 2:10 #

  8. Diese “dumme und verfehlte Auffassung” über Stückzahlen ist nicht nur in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Die Anzahl der Publikationen wird sogar teilweise als Grundlage für Mittelzuweisungen verwendet.

    Die Anzahl der Verweise mag ein sinnvolleres Qualitätsmerkmal sein. Allerdings ist diese Qualität erst verspätet messbar, bei wissenschaftlichen Publikationen nach Jahren. Darauf kann man nicht immer warten.

    Kommentar von eMHa — 06.05.2008, 23:07 #

  9. @ eMHa: Bin in beiden Punkten restlos einverstanden.

    Dass der Blick auf die Stückzahlen teilweise bei der Mittelzuweisung und sogar bei Berufungen eine große Rolle spielt, ist natürlich skandalöser. In der öffentlichen Darstellung wissenschaftlicher Leistungen ist es nur eben so, dass die Fixierung auf diese Dinge noch viel platter ist und ausnahmsloser vorherrscht.

    Kommentar von Malte Dahlgrün — 06.05.2008, 23:26 #

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