Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk
War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.
Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat. Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.
Eine Art Konfer
enz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.
Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.
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