Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.

Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.

Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.

Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.

P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.

Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Blattmachen, politische Kultur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

  1. darkhorse sagt:

    und wie fandest du die wahlberichterstattung auf dw-tv?

  2. Fabian sagt:

    Also ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Deutschen Welle, weil die zum Teil unglaublichen Quatsch produzieren (Euromaxx, Popxport). Aber die Wahlberichterstattung war ganz interessant. Die Deutschen Moderatoren waren so bockig subjekti unterwegs, haben zum Beispiel die ganze Zeit Linke und SED gleichgesetzt. Aber richtig geil wurde es, als das Englische Programm lief und mir Briten Deutsche Politik erklärt haben. War so ein ganz angenehmer verfremdungseffekt.