Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal

Was soll man dazu sagen? Gut, dass der Bertelsmann Reinhard Mohn nicht mehr erleben muss, welche Produkte der zu Bertelsmann gehörende Verlag Gruner+Jahr heute auf den Markt schmeißt? Oder sind diese Hefte, die von einem erstaunlich gestrigen Gesellschaftsbild zeugen, womöglich noch vom kürzlich verstorbenen alten Mann aus Gütersloh maßgeblich beeinflusst worden?

Es geht hier um die Zeitschriften „Beef!“, „Gala men“ und „Business Punk“, mit denen der erschlaffte Hamburger Verlag von heute an Kreativität vorschützt. Zu allererst fällt auf, dass G+J die Zielgruppen immer noch in Mann und Frau, in reich & arm und in alt und jung einteilt, anstatt in bestimmte gesellschaftliche Milieus. Was ja ein verlegerisches Denken ist, das man spätestens seit dem Mega-Flop „Vivian“, Burdas vor etwa zehn Jahren grandios gescheitertem “Focus für die Frau”, für ausgestorben hielt. Nicht aber bei Gruner + Jahr, wo mittlerweile ein früherer FDP-Politiker mit juristischem Staatsexamen den Laden schmeißt – oder sagen wir: an die Wand fährt.

Ausriss aus
Business-Punk und G+J-Chef Bernd Buchholz mit seiner Sekretärin auf der Außenalster (naja, fast)

Die Titelgeschichte von Beef, das nicht mal einen originären Titel wert war (das Magazin des Art Directors Club heißt seit Jahren so), handelt natürlich zu allererst vom Steak, von dessen Testosterongehalt die anvisierten Käufer träumen dürften, und später auch davon, ob man eine Frau ins Bett kochen kann. Früher ging der Neandertaler-Mann jagen und gewann das Weibchen durch das schiere Ausmaß seiner Beute für sich, heute wird darauf spekuliert, dass das die weiblichen Hormone in Wallung geraten, wenn das Männchen am Herd kochen kann wie das Molekular-Genie Ferran Adrià. Man darf annehmen, dass neben dem Reißbrett in der G+J-Entwicklungsabteilung ein Fernseher steht, in dem diverse Köche ja seit Jahren Quote machen.
„Gala men“ wiederum klingt wie „Computer für Frauen“, jene Bücher, zu denen Menschen mit ein bisschen Selbstbewusstsein und Antennen für beiläufige Diskriminierung garantiert nicht greifen. Wenn es gut läuft für dieses Blatt, könnte noch eine Story für „Beef!“ rausspringen und sich ein paar schöne Kannibalisierungseffekte ergeben. Dann nämlich, wenn die männlichen „Gala“-Leser plötzlich begreifen, dass das Magazin gar nicht für sie gedacht war – wo sie doch vielleicht nicht ganz zu Unrecht dachten, dass Männer in Zeiten zunehmender Metrosexualisierung ein ähnliches Klatschbedürfnis wie Frauen und vor allem kein Problem haben, dazu zu stehen.

Bliebe noch „Business Punk“ – ein Magazin, das erstaunlicherweise in einer Art „Geolino“-Layout daherkommt und die „Leistungselite der Generation Xing“ ansprechen soll, was klingt wie Helmut Markwort nach zuviel Weißbier in der V.I.P.-Lounge des FC Bayern (Oliver Kahn ist auch im Blatt). Erstaunlich, wie hier ein stromlinienförmiger Laden auf Rock´n`Roll macht, seine wahre Geisteshaltung aber dann doch nicht wirklich unterdrücken kann und als einen der größten Business-Punks ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann vorstellt, dessen Laden gerade 60 Jahre Laufzeit für seine alten Atomkraftwerke gefordert hat. Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz.

Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht. Und so ein Soziologe dürfte ja nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Entwicklung der neuen Titel verschlungen hat.

Dieser Beitrag wurde unter Aufklärung, Blattmachen, Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

30 Antworten auf Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal

  1. Susanne sagt:

    Hervorragend, herzlichen Glückwunsch. So isses.

  2. Daniel sagt:

    “Business Punk” tz tz tz, au Mann mit dem Magazin unterm Arm würde selbst Steve Jobs in der U-Bahn albern aussehen…

  3. Peter Glaser sagt:

    Business Punk: God Save The Gewinn.

  4. egghat sagt:

    Gemeinsame Laufzeit der 3 Blätter: Keine drei Jahre. Wette?

  5. Eric Sturm sagt:

    Ich hatte “Beef” heute in der Hand (und durchgeblättert). Der Begriff “journalistisches Neandertal” trifft diesen spätpubertären Quatsch von leider ziemlich genau.
    Ich bin gespannt, wie lange die das Heft durchhalten, denn jeden Monat Steaks vergleichen (!) wird wohl selbst den “echten Männern” von G+J irgendwann langweilig …

  6. Jan sagt:

    Genau! Die Idee von Beef! ist schon im Editorial verbraucht, da will man wirklich nicht mehr wissen, was denen sonst noch einfällt. Da lob ich mir doch die effilee

  7. Reaktionär scheint also das neue progressiv zu sein. Ein bisschen langweilig sind die Themen Fleisch und Frauen ja. Aber mal sehen ob die potenziellen Leser so dumm sind wie sie annehmen. Reine Ironiekäufer können kaum eine Redaktion ernähren, zumindest nicht mit teurem Rinderfilet.

  8. mark793 sagt:

    Ich habe ja den leisen Verdacht, G + J hatte mit “Gala Men” von vornherein ein Schwulenmagazin im Sinn, aber nicht die Traute, das auch klar zu kommunizieren.

  9. sehr schön!
    ideen- und mutlosigkeit goes #fusionfood – und überhaupt wird jedes blatt mit dem präfix BUSINESS scheitern..

  10. Johannes Weers sagt:

    ‘Beef’ hat noch etwas halbwegs frisches, mutiges – das wäre für mich ein Scheitern auf nicht unbedingt hohem, aber zielstrebigem Niveau.

    Der Rest? Grauenhaft. Veraltet, tausend mal dagewesen, kraftlos, langweilig.

  11. sehr schön!
    ideen- & mutlosigkeit goes #fusinfood – und überhaupt wird jedes blatt mit dem präfix BUSINESS scheitern..

  12. ßadaßing sagt:

    ich möchte auf den sehr amüsanten Artikel über Business Punk von Oliver Maria Schmitt in der aktuellen Titanic hinweisen

  13. HütchenWinker sagt:

    Man werfe nur einen Blick in das Vollsortiment wo sich Frauentitel an Frauentitel reiht und man schon nicht mehr von thematischer Überschneidung, sondern eher von Überdeckung sprechen kann. Dazu kommen dann jedes Jahr ein paar Neue, andere machen einen Relaunch, nur wenige fallen hinten runter. Und niemand empört sich, das sei ja alles total veraltet, langweilig und schon zu oft dagewesen? Ein neues Blatt mit einem generischen Frauennamen als Titel und es verkauft sich dennoch? Sogar “Börse Online” verkauft sich noch trotz Börsen- und Onlinecrash! Und im letzten Jahr (oder so) kam doch auch “Dogs”, ein viel zu teures Hochglanz-Lifestyle-Wasweißich-Magazin für Hund und Herrfrauchen. Verkauft sich wie geschnitten Brot! Völlig absurd!

    In einer Medienlandschaft wo sich BILD und Dogs halten können, ist mit Sicherheit auch Platz für Beef und Business Punk. Mich interessieren die ganz sicher auch nicht. Ich kann kochen und habe bereits eine Frau. Ich bin zu alt und zu wenig abenteuerlustig, um ein gaaanz tolles Business cool aufzuziehen. Und die Gala langweilt mich zu Tode, die jetzt noch “für den Mann”…*gähn*.

    Aber ich bin mir sicher, es gibt genug Menschen, die das lesen. Diversifizierung auf dem Markt ist gut. Letztlich entscheidet der Käufer (und dann der Verlag), wer leben darf und wer sterben muß. Zumindest sind die Titel “mal was anderes”, wenn auch nur Altes im neuen Gewand. Das klappt bei Lagerfeld doch auch, warum nicht auch hier?

    Wo war der Aufschrei als die anderen über 100 Neuerscheinungen 2009 sich auf den Markt trauten, von denen auch gut 90% Altes neuverwursten?

    Hütchen *wink*

  14. Ollsen sagt:

    Die Frage, die mich am brennendsten interessiert, lautet: Wo gibt es den tollen Rucksack, den der Mann auf dem Foto trägt, zu kaufen? Haben Sie da eine Bezugsadresse?
    Vielen Dank

  15. Thomas sagt:

    Ohne Gender-Schublade geht’s offensichtlich nicht, sonst wäre “Emotion” nicht noch nachträglich als Frauenmagazin umpositioniert worden… Mein Urteil: Braucht kein MENSCH!

  16. Pingback: mediaclinique | ralf schwartz

  17. Wenn ein ökonomisch fixierter Manager seine ‘innovativen’ Zeitschriften starren Blicks auf den werten Anzeigenkunden entwirft, statt zur Abwechslung mal mit verlegerischem Blick auf eine entnervte und überfütterte Leserschaft zu schauen, dann kommt gedruckte Marktforschung dabei heraus. Werbung wiederum liest keiner … so schließt sich der Recycling-Kreislauf.

  18. Dr. No sagt:

    Mann. Offenbar ist Punk wirklich tot.

  19. Kamizzi sagt:

    Es muss nicht heißen BUSINESS PUNK, sondern BUSINESS HONK.

    Und ich hab da auch noch eine Frage zu dem Rucksack: Gibts den auch in dunklerem Leder?

  20. Chuck sagt:

    Heute lagen die drei Baumverschwendungen bei meinem Standardzeitschriftenhändler frisch nebeneinander aufgereiht aus — und das erste, an das ich beim Durchblättern denken musste, war “Hobbit Motherfuckers” von Turbonegro…

  21. Pingback: 2weitlos.twoday.net

  22. fotozelle sagt:

    Der Punk hat dünne Beine.

  23. bifi sagt:

    Ach, Testosteron bekommt man jetzt übers Steak? Und Neandertaler sollen unsere Vorfahren gewesen sein? Was für ein ungebildeter Quatsch. Da wedelt Herr Gehrs wieder pseudowissenschaftlich mit ein paar Stichwörtern herum, die er nicht versteht.

  24. Fan sagt:

    Hmmm, ich hätte schwören können, dass sich da eine Frau verewigt hat, aber es war dann doch Herr Gehr.

  25. Soistdas sagt:

    Schön, an den letzten beiden Kommentaren kann man sehen, dass G&J vielleicht doch noch zwei Leser hat. Putzig.

  26. egghat sagt:

    Leser? Mitarbeiter!

  27. bifi sagt:

    Schön, an den letzten beiden Kommentaren kann man sehen, dass ihre Verfasser es nicht mal merken, wenn ihnen elementares Bio-Wissen fehlt. Putzig. Da muss man dann vielmehr gleich mit diesen Schwachsinnsblättern im Bunde stehen, gell. Gott seid ihr peinlich.

  28. cuckoo land sagt:

    Krass wie im Netz bei den simpelsten Themen gleich immer die Emotionen hochkochen als handele es sich um die nächste Agenda 2010. Ich wollte das Kochheftchen eigentlich meinem Freund schenken…man sollte nie was googlen, was man sich zulegen will…

  29. frusili sagt:

    Ich finde Business Punkt gut. Es ist motivierend und lustig.

    Wenn ich da an “die Wahre Geschichte” oder “die 2″ oder “autozeitschrift nummer 500″ denke….

    Irgendwie ist der Autor hier Männerfeindlich.

    frusili