Lektor an Kalbsravioli: Blick zurück auf die Buchmesse
Am Einlass eines Verlagsempfangs im Hotel zum Frankfurter Hof wird ein Hardcover mit neu aufgelegten Shortstories verschenkt, außerdem ein Bon, auf dem steht: „ein Glas Wein“. Der Bon ist Zeichen der Krise. Noch im Frühling 2008 gab es auf Verlagsempfängen Cuba-Libres, GinTonics und White Russians umsonst. Ein Freund, der eigentlich Designer und neu auf der Buchmesseabenden ist, behauptet: „Die Leute hier sehen alle irgendwie schlau aus.“ Wir gehören zu den Jüngsten, zusammen mit den Volontären; manche haben rote Ohren vom Wein. Der Freund meint, dass auf Designmeetings alles anders ist: „Da haben die Leute Kapuzen auf und Bärte und leicht abgerissene Hosen.“ Wir stehen inmitten einer Traube dunkel gekleideter Männer und Frauen. Der Literatubetrieb als verkappt warmherziger Verein. Man trinkt sieben Gläser trockenen Weisswein und fängt trotzdem nicht an zu tanzen.
Ich halte mein drittes Glas fest umklammert. Im Lauf des Abends sind neue Bons aus den Jacketttaschen der Verlagsmitarbeiter aufgetaucht. Zusammen mit Glas fünf halte ich einen DUMMY-Verlag-Sticker in die Luft. Eine Vertriebsdame fragt: „Was ist das?“ – „Das ist ein Gesellschafts-Magazin. Alle drei Monate ein neues Thema, immer von neuen Designern gestaltet. Aktuell ist Atom, im Dezember kommt Mama.“ Die Vertriebsdame hat einen stechenden Blick: „Das klingt interessant.“ Ich sage: „Ja. Ich mache dort ein Praktikum und werde den Blog bald mit klugen Miniaturen bespielen. Verkappte journalistische Arbeiten. http://blog.dummy-magazin.de/.“ Die Vertriebsdame nickt.
Erstaunlich, wie viele Fachbesucher es gibt. Voll besetzte Shuttlebusse rollen zwischen den Hallen im Kreis. Vor Halle 4 raucht ein Junglektor seine zweite Lucky Strike und erzählt, dass er am Abend zuvor nach drei Gläsern Sekt auf Wasser umgestiegen sei. Er habe heute Termine im 30-Minuten-Takt, primär seien das Gespräche mit Agenten. In Halle 3.0 stellen am Donnerstag Nachmittag drei Hessen ein Sachbuch vor: „Genusskultur – Kitchen Music 2“. Sie sprechen von einer „Kreativität, die sich wie ein roter Faden durch die Genusskultur-Materie zieht“. Der Älteste der drei sagt über den Jüngsten: „In dem Lebensabschnitt vom Martin habe ich noch gar nicht über Kalbsravioli nachgedacht. Da habe ich noch an ganz andere Sachen gedacht… Aber es ist ja schön, dass sich jetzt auch junge Leute gesund ernähren.“ Am Ende Applaus.
Auf der ICE-Fahrt in Richtung DUMMY-24-Party geht die Sonne unter. Hinter den Scheiben der überfüllten Abteile bildet sich streifenweise zitronengelb glühender Herbsthimmel. Einige Mitreisende kauern auf den Gängen, ringsherum sind Windows-Start-Sirenen zu hören. Ich gehe wiederholt davon aus, noch von Verlagsmenschen umgeben zu sein. Beim Umstieg in Niedersachsen legt sich dieser Eindruck. Der Zug nach Berlin hat Verspätung. Ich betrete die hell erleuchtete Hannoveraner Bahnhofspassage und kaufe einen Fleischkäse am Wurst-Basar.
Drei Stunden später in der Kreuzberger Paloma-Bar knutscht Chefredakteur Oliver Gehrs mit seiner Lebensgefährtin. Das Paar scheint einen schönen Abend zu haben. Die anderen Dummys spielen Platten oder tanzen. Es gibt keine Getränke umsonst, dafür günstiges Bier und eine Wodka-Ahoi-Happy-Hour all night long. Es ist die erste Verlagsparty, auf der diese Woche getanzt wird!
Leif Randt
2 Kommentare »
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Kommentar


Text nur kurz überflogen, im letzten Satz fehlt ein ‘ist’.
Kommentar von Jay — 17.10.2009, 15:14 #
Ich frage mich, ob man auf einer Vernissage auch tanzen kann? Auch dann, wenn man alleine da war.
Kommentar von Christine Blumauer — 27.10.2009, 20:38 #