Leid des Lesers (1): Zeit-Magazin

Neulich hörte ich jemanden stöhnen, der aussah wie ein langgedienter Zeit-Leser: Was ist nur aus dem Zeit-Magazin geworden? In dieser Woche fällt die Antwort nicht schwer. Ich würde sagen: Ein sich unfassbar schamlos an die Werbetreibenden ranwanzendes Lifestyle-Produkt. War die Fülle der ganzen Style- und Fashion-Themen zum Nachteil von Reportagen schon in der Vergangenheit verwunderlich, so ist mit der aktuellen Ausgabe der Wandel zur Modeillustrierten vollzogen: Nicht eins, sondern gleich vier Mode-Cover bietet das Magazin, wobei der publizistische Coup darin besteht, dass immer dasselbe Model posiert, fotografiert von vier verschiedenen Fotografen. Runtergezählt werden die Cover “3,2,1, Meins” – vielleicht bekommt man neben den Anzeigen für Modelabel auch noch Geld von ebay. Drinnen lobt man sich erstmal für diese geniale Idee, ein paar Seiten später erzählt der pofixierte Fotograf Jürgen Teller, was er so Schönes für den Designer Marc Jacobs macht und Wolfram Siebeck, wie man ein großes Kotelett brät. Es gibt Neues von Caroline von Monaco, eine 13-seitige Strecke über das Model vom Cover, Sudoku, Scrabbel und einen wohlwollenden Fahrbericht über den Mercedes Benz GL 350, der sich trotz einer CO2-Emission von 239 g/km BlueTEC nennen darf. ”Das ZEITmagazin zeichnet sich aus durch ein unverwechselbares Konzept sowie durch starke Einzelleistungen aus” heißt es im Werbedeutsch des Holtzbrinck-Verlags. Gelten lassen mag man das diese Woche einzig für die Infografik über die Parteigeschichte der Grünen, in der man u.a. Joschka Fischers Silhouette verfolgen kann.

Während die Zeit über die vergangenen Jahre besser geworden ist – auch diese Woche wichtige, lesenswerte Artikel zum Atomendlager Asse oder zum skrupellosen Pharmakonzern Roche bringt – ist aus dem Zeit-Magazin ein recht selbstzufriedenes Blatt geworden, das in dieser Zeit nichts weiter zu bieten hat als geschmäcklerische Statements zu Mode- und Lifestylefragen. Die Gesellschaftskritik wurde an das Büro Günter Wallraff outgesourct, der ab und zu eine Erlebnisreportage zuliefert – etwa darüber, was man für Reaktionen erhält, wenn man sich als Schwarzer so kostümiert, dass jeder sieht, dass man gar kein Schwarzer ist. Diese Woche ist wenigstens ein echter Schwarzer dabei: In der seit gefühlten 100 Jahren existierenden Rubrik “Ich habe einen Traum” sagt Snoop Dogg: “Ich habe es geschafft, jedes meiner Ziele zu erreichen”. Aus der Ecke darf man also auch nichts mehr erwarten.

13 Kommentare »

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  1. Früher war das ZEIT-Magazin das erste, was ich am Donnerstag zur Hand nahm. Heutzutage kann ich in der Regel schon eine Woche vor Erscheinen sagen, ob es sich lohnen wird — oder ob ich es ganz am Schluß, nach der Lektüre der übrigen Ausgabe, aus Gründen der Vollständigkeit vielleicht flüchtig durchblättern werde. Besonders abstoßend finde ich dann immer, zwischen den Anzeigen für Luxusartikel Berichte über menschliche Schicksale zu finden…

    Kommentar von Lars — 22.01.2010, 14:39 #

  2. Das ZEIT-Magazin lasse ich schon länger links liegen – das ist halt das “Lifestyle-Teil” für hochkarätige Werbekunden, die im “Umfeld ZEIT” meinen, ihre Zielgruppe zu erreichen. Wenns dazu dient, die gedruckte ZEIT zu erhalten: sollen sie doch machen! Ich muss es ja nicht lesen…

    Viel mehr kann ich mich drüber aufregen, dass in der Druckausgabe die Google-& Netz-kritischen Artikel erscheinen, online dagegen auch mal in die andere Richtung geschrieben werden darf. Und ganz ätzend finde ich die regelmäßigen (Pseudo-)Leserumfragen, mit denen uns die ZEIT echt für dumm verkauft! “Ihre Meinung ist uns wichtig” heißt es da immer, doch wer die dann auch zum Besten geben will, muss ein Probe-Abo nehmen (mit typischer “Abo-Falle”, da automatisch in eine normales übergehend). Von wegen “Interesse an der Lesermeinung”!

    Kommentar von Claudia — 22.01.2010, 14:43 #

  3. Herr Gehrs, alles schlecht am Kiosk, Botschaft angekommen, jetzt dann mal eine “Leid des Lesers”-Folge über Dummy, ja?

    Kommentar von Marc B — 22.01.2010, 14:53 #

  4. Aber Martenstein! Es gibt doch noch Martenstein!

    Leider haben Sie in der Tendenz aber Recht: Die überraschenden Momente sind selten geworden. Schade.

    Kommentar von Thomas Knüwer — 22.01.2010, 15:06 #

  5. Ich finde auch: Martenstein gehört aufs Titelblatt und die Deutschlandkarte auf Seite drei, dann muss ich mir das nicht mühsam zwischen den feschen Mädels zusammensuchen.

    Kommentar von Ugugu — 22.01.2010, 15:30 #

  6. Lieber Thomas Knüwer
    Sie haben Recht: Es gibt Martenstein. Das ist wirklich ein As. Und Herr Marc B: Schreiben Sie! (ich kanns schlecht selbst machen)

    Kommentar von Oliver Gehrs — 22.01.2010, 15:31 #

  7. Magazine habens eben schwer. Siehe SZ. Als Leser kann ich die Heftle ja einfach links abprallen lassen (so schade das auch ist). Mich dauern aber die armen Redakteure. Die müssen Geschichten rund um Mode, Uhren und Blingbling drechseln und dabei so tun, also ob.

    Kommentar von Magaziniker — 22.01.2010, 16:12 #

  8. Und kein Wort über das Kreuzworträtsel? Das ist doch immer noch im “Magazin”?

    Kommentar von Jeeves — 22.01.2010, 22:37 #

  9. Ist nicht die genau gleiche Entwicklung auch bei den ehemals herausragenden Magazinen der “Süddeutschen Zeitung” und des “Tages-Anzeigers” zu beobachten? Oder gibt es da Ihrer Meinung nach Unterschiede?

    Kommentar von Ronnie Grob — 23.01.2010, 18:36 #

  10. Wenn Martenstein nicht wäre und mein heißgeliebtes Um die Ecke gedacht, ich würd das Magazin schon lange nicht mehr anrühren. So tu ich’s doch und reg mich jedes Mal wieder auf. Den Gipfel der Entwicklung bildet dann die grausige neue Rubrik “Die großen Fragen der Liebe”, in der Kummerkastentante Wolfgang Schmidbauer schrecklich banale Fragen mit noch banaleren Antworten versieht – das neben ganzseitigen Anzeigen für teure Herrenuhren und Tränendrüsenberichten über das Schicksal von Kampusch u.ä. Wenn mir vor paar Jahren jemand gesagt hätte, dass das Zeit Magazin mal mehr der Gala ähnelt als der Zeit, ich hätt kein Wort geglaubt…

    Kommentar von Anja Barth — 24.01.2010, 1:44 #

  11. Ausnahmsweise voll Ihrer Meinung.

    Was mich noch mehr aufregt, ist die andauernde Nabelschau. “Aus dem Leben eines ZeitMagazin-Redakteurs”. Wie es ist, seine Kinder zur Arbeit mitzunehmen. Wie es ist, mit dem Zug zu fahren. Wie es ist, seine verschollene Schwester in Polen zu besuchen. Who the f. cares? Wer glaubt, sein Leben sei so spannend, soll ein Blog schreiben, das verbraucht wenigstens keinen Platz, den man früher mal für spannende, originelle Geschichten genutzt hat.

    Martenstein ist da übrigens kein Ausnahme. Der schreibt schon so viele Kolumnen, dass er eigentlich gar nicht mehr dazukommen kann, etwas zu erleben, das er dann in diesen Kolumnen verbraten könnte.

    Und an dieser Stelle muss man noch den absoluten Tiefpunkt der letzten Jahre erwähnen: Die Wildecker Herzbuben testen Banken. Direkt nach dem Erwin-Koch-Text über einen Mann mit Gehirntumor. Von dem Text konnte man auch halten, was man wollte (Erwin Koch ist Erwin Koch ist Erwin Koch), aber danach diese Schülerzeitungsidee zu drucken, die es in keine Schülerzeitung geschafft hätte, war einfach empörend.

    Dazu ist das Zeit-Magazin noch gut: Zusammenrollen und den Verantwortlichen damit eins überziehen. (Und nein, das soll jetzt kein Aufruf zur Gewalt sein!)

    Kommentar von Martina C. — 24.01.2010, 12:32 #

  12. @ Martina C.: Das mit den Wildecker Herzbuben war doch lustig!

    Kommentar von Olaf — 29.01.2010, 11:00 #

  13. Die Kritik ist sehr berechtigt. Die Uhren-Mode-Lifestyle-Pipapo-Hefte sind unerträglich. Wo bleiben die politischen Reportagen? Die harten Geschichten? Die Überraschungen? Zumindest eine dürfte es alle zwei Wochen ruhig mal sein. Das Zeit-Magazin verkauft seine Glaubwürdigkeit, indem es sich mit samtweichen Belanglos-Geschichten und opportunen Heften den Sponsoren anbiedert.

    Kommentar von Ingo Petz — 22.02.2010, 17:19 #

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