Leid des Lesers (3): Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin

Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn es nicht das SZ-Magazin wäre. Nicht dieses Blatt, auf das man sich früher jeden Freitag gefreut hat und das oft das Beste an der SZ war. Mit seinen großartigen Titel-Ideen (Ernie und Bert als Cover-Boys zum Thema ”100 Jahre Schwulenbewegung”), seinen innovativen Rubriken (“Hundert Fragen an….”), seinen langen, wohl recherchierten Geschichten und Fotoreportagen. Ein Magazin, das zurecht etliche Male ausgezeichnet wurde und dessen Redakteuren man die damit einhergehende Eitelkeit zugestand. Sie hatten es sich schlichtweg verdient. “Fesselnde graphische Gestaltung, die ihres Gleichen sucht – Geschichten, die in Erinnerung bleiben. Das SZ-Magazin bringt zusammen, was nur selten zusammenkommt: Lifestyle und Qualitätsjournalismus.” So wirbt der Verlag für sein Magazin, was man für damalige Jahrgänge gern unterschreiben mag – heute  ist das Zitat ein Witz.

Heute besteht der fesselnde Journalismus aus Folgendem: Eine Kolumne, in der die Leser erfahren, dass niemand mehr “Big Brother” schaut, neun kleine Fotos vom SZ-Kinokritiker in verschiedenen Posen, sieben mittelgroße Fotos vom Rapper “will.i.am” in verschiedenen Posen, zwölf Reisetipps auf zwölf Seiten, als redaktionellen Beitrag verbrämte Werbung für Pantoffeln und das Sofa “Nebula 9″, ein weiterer Reisetipp, ein Rezept, ein Rätsel, bei dem man eine Reise gewinnen kann, ein Kreuzworträtsel und eine kindlich illustrierte Titelgeschichte darüber, dass geliebte Menschen seltener krank werden und der Erkenntnis: “So absurd es klingt: Wer einen Hund oder Hamster hat,… bekommt seltener einen Infarkt”. Absurd klingt hier nur der erstaunte Gestus, mit dem solche Banalitäten vorgetragen werden. Und als wenn die Redaktion darum wüsste, dass solch ein Heft auf den Magen schlägt, wird dem Leser noch auf einer Seite hochprozentiger Edelobstgeist offeriert – natürlich eine “limitierte Edition speziell für SZ-Magazin-Leser”. Man muss es so sagen: Gegen dieses Magazin ist jede Kaffeefahrt eine subtile Veranstaltung.

Nein, die Ausgabe von heute ist keine unrühmliche Ausnahme: Es gibt mittlerweile Covergeschichten, die im Hauptblatt gerade mal zu einem Leitartikel reichen würden – wie etwa die Geschichte über die verschieden Pipeline-Engagements von Gerhard Schröder und Joschka Fischer – die letztlich gar keine Geschichte war, sondern nur eine knappe Zusammenfassung von Bekanntem.

Immerhin sitzt man keiner Mogelpackung auf, denn die inhaltliche Marginalisierung geht mit einer Art Anti-Layout einher. Es fängt schon mit den Kolumnen an, die gleich zu Anfang mehr oder weniger ungradiert hintereinander weggedruckt werden. Alle halbspaltig, alle gleich groß, alle mit kleinen gezeichneten Autorenköpfen dekoriert. Die Cover? Mal ein kleines Mädchen mit Strubbelhaaren, heute eine niedliche Zeichnung zweier Kinder, die sich küssen. Irgendwie so, als wäre das fast schon unwirklich schlechte Elternmagazin „Wir“ aus dem SZ-Verlag noch einmal auferstanden.

Das gibt´s ja nun nicht mehr – im Gegensatz zum SZ-Magazin, das immer mal von der Schließung bedroht war, weil es nicht ausreichend Werbegelder einspielte. Das soll, so hört man, inzwischen anders sein. Aber der Preis dafür ist ganz schön hoch.

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12 Antworten auf Leid des Lesers (3): Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin

  1. Ronnie Grob sagt:

    Der zu beobachtende Wandel dieser Magazine entspricht dem Verschwinden.

    Aus Magazinen, die erwartet, geliebt, vermisst wurden, wurden Werbebeilagen, ungeöffnet, ungelesen, weggelegt.

    Und das ist, Ironie der Geschichte, nicht mal im Sinne der Werbetreibenden.

    Mich erstaunt nur eins: Wieviele Mitarbeiter es benötigt, um sowas zu machen.

  2. Daniela sagt:

    Ich finde das SZ-Magzin zuletzt auch recht schwach. Früher habe ich mich freitags als erstes draufgestürzt, nun muss ich einen Tag warten und freue mich auf die Beilage “SZ am Wochenende”. Titelgeschichte und Interview auf der letzten Seite – da sind hin und wieder echte Highlights dabei, und selbst der neue Kolumnist Kurt Kister schreibt sich langsam frei.

  3. Jan Heidtmann sagt:

    Lieber Oliver,

    Kritik und vor allem Deine Kritik in großen Ehren. Aber von welcher Rezension über Helene Hegemann sprichst Du? Gar als Titelgeschichte?
    Bitte um Aufklärung.

    Herzlich
    Jan

  4. Daniel sagt:

    Herr Heidtmann hat in diesem Punkt recht, diese Hegemanngeschichte gab es nicht. Dass Heidtmann allerdings nur diesem Punkt widerspricht, das wirft schon ein sehr interessantes Licht auf die Wahrhaftigkeit der obigen Klage.

  5. Oliver Gehrs sagt:

    Sorry Jan, Du hast Recht. Die Geschichte Eures Kolumnisten Georg Diez stand im Supplement des Tagesanzeigers, dem “Magazin”. Da die Schweizer öfter mal Geschichten von Euch syndizieren, war ich davon ausgegangen, dass sie vom SZ-Magazin übernommen wurde und hatte es so auch in Erinnerung. In der SZ aber stand die Hymne auf Seite 3. Entschuldigung für diesen Fehler.

  6. Jeeves sagt:

    Ich konnte vor allem mit dem Kreuzworträtsel darin wenig anfangen; es ist doch sehr weit entfernt von seinem offensichtlichen Vorbild aus der ZEIT; auch ist esweniger amüsant.
    Ich muss allerdings zugeben, dass ich das SZ-Magazin schon seit ein paar Jahren nicht (mehr) lese.

  7. Walter Thälert sagt:

    Dieser Text spricht mir aus dem Herzen. Über die (spärlichen) Texte ärgere ich mich schon gar nicht mehr, die überblättere ich auf dem Weg zum Rätsel. Über das Neugewonnene Yuppietum stolpert man trotzdem zwangsweise, da die reichlichen Bilder nichts anderes auszusagen scheinen, als dass man sich dieser Zielgruppe vermehrt annähern möchte. Dazu passt auch das Layout. Modern soll es aussehen, unordentlich und schlampig kommt es daher. Viel zu viele Schriftfarben, unübersichtliches Textlayout (teilweise weiß man nicht, welcher Text zu welcher Überschrift gehört) viel zu hoher Weißanteil auf den Seiten. Als gäbe man sich nicht einmal mehr Mühe, dieses Ding irgendwie mit Inhalten zu füllen. Aber wahrscheinlich soll das alles nur jung und dynamisch aussehen. Könnte man ja noch mit leben, aber wenn das wichtiger ist als Inhalt…

  8. Sven sagt:

    folgt jetzt hier eigentlich jede woche durch den meister ein totalverriss eines deutschen magazins bis alle durch sind?

  9. Ich sagt:

    Das Zeit-Magazin hat den kleinen Wettlauf tatsächlich gewonnen, wenngleich nicht alle Rubriken jede Woche das gleiche Niveau halten können …

  10. splendid sagt:

    Ich muss nur eben für das Kreuzworträtsel des Magazins in die Bresche springen. Wenn einer anfängt auf irgendwas draufzuhauen, dann entwickelt sich oft eine Haudraufdynamik mit der ich nicht einverstanden bin. Das ‘Kreuz mit den Worten’ jedenfalls ist bis auf einige Unachtsamkeiten im Layout in den letzten Monaten auf Konstant hohem Niveau. Allerdings ist es auch der einzige Grund warum ich nach wie vor sehnsüchtig auf das Erscheinen des Magazins warte. Und ja, das war mal anders.

  11. Christian Meier sagt:

    Hier noch meine Portion Früher-war-alles-besser:

    Für mich hat das SZ-Magazin bereits Mitte der 90er seinen Charme verloren. Irgendwann damals hat es diesen Paradigmenwechsel hin zu Mode, Lifestyle und Luxus gegeben (und war nicht Ulf Poschardt zu der Zeit Chefredakteur?), der dann offenbar die gesamte Magazin-Landschaft erfaßt hat – abgesehen von ein paar kleinen gallischen Zeitschriften … Die Kritik daran ist wirklich berechtigt und die Art und Weise, wie SZ- und ZEIT-Magazin sich für Upperclass-Produktwerbung hergeben, oftmals unerträglich. Aber solange die Branche sich gegenseitig mit Lead Awards für die beste Still-Life-Architektur-cum-Model-und-Handtaschen-Fotografie und ähnlichem Kram beschenkt, fällt das den Machern selbst vermutlich gar nicht weiter auf.

    Und dennoch finde ich: Immer wieder gibt es großartige Ideen und Geschichten im SZ-Magazin. Muß man all das Drumherum heutzutage vielleicht einfach in Kauf nehmen (und am besten ignorieren)? Die leist Hoffnung stirbt nicht, daß es vielleicht doch noch einen anderen Weg gibt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß einige der Macher und Redakteure des SZ-Magazins insgeheim nicht auch ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Blatt haben. Und nicht nur dort: Die SZ selbst kann man ja auch bald nicht mehr aufschlagen, ohne auf aufdringlich befeuilletonisierte Verlagsprodukte zu stoßen …

  12. Zugilom sagt:

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