In jedem Kaff: DUMMY Provinz ist fast da!

In Großstädten gibt es ja die etwas unangenehme Art, auf die Menschen in der Provinz hinunter zuschauen und so zu tun, als würden die quasi in Ihrem beschaulichen Heimat ein Leben zweiter Klasse führen. Wobei ganze Kaskaden des Belächelns existieren: München zeigt auf Ingolstadt, Berlin auf München, Menschen aus New York auf Berlin. Und es sind oft die Zugezogenen, die sich flugs als neues Distinktionsmerkmal eine ablehnende Haltung der Provinz gegenüber aneignen, sobald sie in eine Großstadt gezogen sind. Wobei Großstadt laut deutscher Verordnung ein Ort mit mehr als 100.000 Einwohnern ist. Das dient also kaum als Maßeinheit.

Aber nicht nur deshalb ist nichts provinzieller als das ständige Verweisen auf und das Benennen von Provinz. Es ist ganz im Gegenteil ein ziemlich verräterisches Zeichen für

provinzielles Denken, denn der wahre Kosmopolit kennt keine Provinz, spricht nicht von ihr, muss sich ihr gegenüber nicht abgrenzen, weil er darum weiß, wie tendenziös und fragil solche Zuschreibungen sind. Wer doch so argumentiert, dem sei hier von einem Bruder im Geiste berichtet: Herrlich wie Goebbels noch in den Zwanzigerjahren in seinen Tagebüchern von Berlin aus über das „provinzielle“ München schimpft, wo sich Hitler „mit Hinterwäldlern“ umgebe, wogegen er, Goebbels, der einzig fortschrittliche, weil urbane Nazi  sei … usw. usf.

Umgekehrt wäre doch womöglich die Frage danach ergiebig, wo Provinz eben NICHT ist, was also ihr Gegenteil sein könnte. Die Metropole? Der urbane Moloch als pumpende Herzkammer und Durchlauferhitzer globalisierter kultureller Strömungen? Und wie verhält sich dann ein Molöchlein wie das ach so weltläufige Berlin zu Shanghai, Los Angeles,

Dubai? Ist denn in einer dezentralen, zentrifugal sich beschleunigenden Welt nicht ALLES Provinz, also stets spürbar im Rückstand gegenüber einer Welt, die ja immer schon mindestens einen Schritt weiter ist? Gibt es überhaupt noch Provinz oder nur noch Peripherie?

Provinz ist also eher „im Kopf“, eine Hirnregion, also das Reservoir all meiner Prägungen,  die naturgemäß und zunächst immer topografisch oder kulturräumlich eingefärbt sind … eben auch dann, wenn ich von den Milieus in Berlin-Mitte oder Manhattan geprägt wurde.  Wenn ich aber auf der trügerischen Basis dieser Prägungen urteile, bin ich tatsächlich „engstirnig“ und „hinterwäldlerisch“. Und erst wenn ich sie überwinde, korrigiere oder überhaupt erst als solche erkenne, habe ich mich von der Provinz emanzipiert.

Deswegen ist das neue DUMMY (fertig, aber erst vom 15. März an am Kiosk oder im Briefkasten), weltoffen wie immer. Und welch anderes Covergirl könnte es bei diesem Thema geben als Heidi Klum, die mit der Kraft der Sauerkrautsuppe aus Bergisch Gladbach die internationalen Laufstege eroberte und ländlichen Anticharme versprüht. Außerdem dabei:

- Der Versuch, Deutsch zur Weltsprache zu machen

- Die Gesetze der Taliban

- Das ganze Leid, das man erfährt, wenn man drei Buchstaben auf dem Kennzeichen hat

- Cowboys, die in Harvard studieren

- Bauern, die an Schweineköpfen knabbern

und mit vielen anderen Geschichten und Fotos vom Land und aus der Stadt.

Und das Tollste: DUMMY Provinz gibt´s in jedem Kaff. (Zumindest im Abo)

10 Kommentare »

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  1. Das kauf ich mir mal wieder. Bin gespannt.

    Kommentar von Ronnie Grob — 02.03.2010, 10:22 #

  2. Yeah, dito.

    Kommentar von Paco — 02.03.2010, 16:06 #

  3. geeeeeeeeeeeil,dieses Thema klingt dermaßen genial!

    Kommentar von derDaniel — 02.03.2010, 20:59 #

  4. Bin gespannt. Ich habe übrigens Heidi Klum nicht erkannt und gedacht, es sei Michaela Schaffrath aus Eschweiler. Hätte ebenso gut gepasst.

    Kommentar von Bernie — 05.03.2010, 18:23 #

  5. das kauf ich mir. ^_^

    Kommentar von Thomas Christopher — 05.03.2010, 22:59 #

  6. Lieber Oliver, lieber Fabian,

    ich bin leidenschaftliche DUMMY-Leserin, hege aber nach der Rezeption der aktuellen Ausgabe den schweren Verdacht, Ihr seit mit der Nummer 26 in eine Quartlife-Crisis gefallen. Das Heft ist sehr sehr schwach und die sechs Euro nicht Wert, die ich dafür am Bahnhofskiosk in Freiburg bezahlt habe.

    Ihr druckt im PROVINZ-Heft uralte Geschichten als Drittverwertung nach, schreibt vollkommen unreflektiert über Themen und seid null kreativ.

    - Die Geschichte über die philisophischen Cowboys im Deep Springs Valley stand vor 4 Jahren (!) bereits in den kontext-Skripten und vor 2 Jahren genau so in ZEIT Campus.

    - Die Geschichte über den Schweizer Farmer in der Ukraine stand vor 1,5 Jahren genau so im TAGIMAGI (dem Magazin des Tagesanzeigers).

    - Die Geschichte “Kurts Weg” ist aber der Hammer: Eine unreflektierte Story, die allein auf den Aussagen eines verbitterten Menschen baut, der von Frau und Kindern verlassen wurde und das nun auf seine ostdeutsche Wahlheimat schiebt. Was habt Ihr euch dabei gedacht? Wo sind die Stimmen der Menschen, die er beleidigt? Wo wird sein Schicksal eingeordnet? All das hätte ihm auch in seiner westdeutschen Heimat passieren können (z.B.: Frau bekommt keinen Job bei der Lokalzeitung).

    Und wenn Ihr mal eine originelle Idee habt, dann verzockt es der Autor:
    Der Einstieg der Geschichte über das schwäbische Heavy Metall-Dorf zieht sich über zwei Beine lang mit der Beschreibung der Anfahrt, die mir nichts über diese Firma erzählt. Das ist Journalismus aus Lokalzeitungen der 80er Jahre.

    Wo sind die lustigen Rubriken, die gewagten Thesen? Es ist leider sehr bezeichnend, dass der beste Beitrag im Heft von einem Journalismus-Opi verfasst wurde: Palmers Erinnerungen an die “Provinz” sind sehr lesenswert. Den Rest vom DUMMY habe ich bereits entsorgt. Schade. Ob ich mir POLIZEI kaufe, weiss ich noch nicht.

    Sehr enttäuscht:
    Sandra

    Kommentar von Sandra Pau — 24.03.2010, 11:56 #

  7. @Sandra. Danke für die fundierte Kritik. Dann werde ich da auch die Finger von lassen.

    Kommentar von Daniela — 24.03.2010, 15:31 #

  8. Liebe Sandra, tut mir leid, aber ich kann deinen Unmut nicht verstehen. Dafür dass du schon in den 80er Jahren Lokalzeitungen gelesen hast, verlangst du ganz schön viel Jugendlichkeit von uns. Ich finde Arno Franks Text einfach toll. Dass die Anfahrt in dieses Heavy Metal Nest so lange dauert, ist ziemlich wichtig für die Geschichte, da es sich ja um ein abgelegenes Dorf handelt (das ist ja der Clou der Geschichte). Was ist daran schlimm, dass Hartmut Palmer schon alt genug ist, um die Bonner Republik erlebt zu haben? Warum diffamierst du ihn als “Opi”? Es ist doch sinnvoll, sich so was von einem Zeitzeugen erzählen zu lassen, statt einen 25-jährigen nach Bonn zu schicken, der alles nur aus Geschichtsbüchern kennt. Wir haben in Dummy übrigens schon immmer Artikel nachgedruckt, meistens solche, die in ausländischen Medien erschienen sind. Das machen fast alle anderen Magazine so, wir werden auch ab und an vom Tagesanzeiger nachgedruckt, worüber wir uns eigentlich immer freuen, weil den Text dann mehr Leute lesen können. Ich finde das auch überhaupt nicht verwerflich. Wir übersetzen ja zum Teil auch grandiose Texte aus den USA, Frankreich und England. Es geht bei jedem Heft eben darum, die besten Geschichten zu erzählen und eine ausgewogene Themenmischung zu haben. Aktualität ist mir persönlich nicht so wichtig, es gibt schon genug andere Journalisten, die kurzatmig auf News-Jagd gehen und dabei nur an den Oberflächen kratzen. Wenn ich einen Text haben kann, an dem ein Autor Monate oder zum Teil sogar Jahre recherchiert hat, dann drucke ich ihn auch gerne nach, sofern ich davon ausgehen kann, dass die meisten unserer Leser ihn noch nicht kennen. Ich mag mediale Entschleunigung sehr, deswegen erscheinen wir ja auch monothematisch und im dreimonatstakt. Dass die Reportage aus Deep Springs vor 4 Jahren entstanden ist, wussten wir allerdings nicht – da hast du recht – wenn das stimmt ist das tatsächlich ein bisschen zu lange her.

    Kommentar von Fabian — 26.03.2010, 12:30 #

  9. @Fabian
    Wo diffamiert sie denn Hartmut Palmer?? Da steht doch sogar, es sei der beste Artikel des Heftes. Ich lese das vielmehr als Kritik, das die jungen Autoren sowohl stilistisch als auch von kreativer Seite nicht so viel hergegeben haben wie die Geschichte von Palmer.

    Kommentar von Daniela — 26.03.2010, 13:49 #

  10. @Daniela
    Danke, genau das wollte ich sagen: Die Palmer-Geschichte über die “Provinz” in Bonn war mit Abstand der stärkste Text des Heftes.

    @Fabian
    Nichts gegen Entschleunigung und den Abdruck von journalistischen Perlen aus Regionen, die unsereins nicht regelmäßig leserisch bereist. Aber das Tagesanzeiger-Magazin und ZEIT Campus kann man auch an jedem deutschen Kiosk kaufen – da ist die Chance auf Entdeckung doch schon einfacher.

    Bei Arno Franks Text verstehe ich trotzdem nicht, warum hessische Rentner (in einem Zug in Frankfurt/Main) die Provinzialität über so lange Textpassagen in Schwaben illustrieren sollen. Da sehe ich leider keinen Zusammenhang.

    Und zu Oliver Gehrs Portrait sagst Du bewusst nichts. Verstehe!

    Kommentar von Sandra Pau — 26.03.2010, 16:19 #

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