Wie da mal eben Dutzende Redakteure gekündigt und ganz en passent ihres Lebensentwurfs beraubt werden – das zeugt natürlich von einer armseligen Unternehmenskultur beim Jahreszeitenverlag. Auch ist jedes Wort zuviel, mit dem der Mini-Konzern diese Streichorgie zum Geschäftsmodell der Zukunft verbrämt – auf das er ja ohne eine Unternehmensberatung wahrscheinlich nicht mal gekommen wäre. Und dennoch kann man sich ja mal fragen, ob denn wirklich jede Zeitschrift eine eigene Redaktion benötigt oder nicht viel besser führe, wenn ständig frischer Wind durch die Stube wehte.
Es ist ja leider so, dass bei vielen Kollegen kurze Zeit nach der Festanstellung die Verve erlahmt – haben sie doch dann alles erreicht, was sie erreichen wollten. Eine schöne Festanstellung, vielleicht sogar einen kleinen Dienstwagen, die Anzahlung für die Eigentumswohnung und vor allem einen geregelten Tagesablauf, der Sicherheit in unsicheren Zeiten bietet. 
Es ist eben nicht so, dass große Redaktionen ein Blatt gleich besser machen – oft stimmt viel mehr, dass viele Köche den Brei verderben. Man muss sich ja manchmal wundern, wie viele feste Redakteure manche Blätter haben – beim Blick in das Impressum des »Stern« kann einem regelrecht schwindelig werden vor lauter Namen – einige darunter, von denen man höchst selten liest. Klar, bei manchen Magazinen ist eine Redaktion – auch eine große – unerlässlich. Der »Spiegel« etwa muss es sich leisten können, seine Leute auch über Wochen zu unterstützen, damit sie wühlen können. Bei »vital« oder »merian« ist das eher nicht der Fall.
Die Saturiertheit vieler festangestellter Journalisten kann man aus ihren Texten herauslesen.
„Die meisten Medienleute leben in einem wohlanständigen Leben, das vor allem verteidigt werden soll“, benennt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister einen Grund für den zahnlosen Wohlfühljournalismus, der einem aus vielen Blättern entgegenschlägt. So betrachtet steckt in dem Modell des Jahreszeitenverlags wirklich die Chance, die etablierte Ideenlosigkeit durch kreative Frische von außen zu ersetzen. Vorausgesetzt natürlich man ist bereit, einen Teil des Ersparten in die Honorare für die Freien zu investieren. Bei Organen wie der »petra« werden sich richtig gute Schreiber, die auch andernorts gefragt sind, noch ein Schmerzensgeld obendrauf zahlen lassen wollen. Das sollte man einkalkulieren.
Wenn man es richtig macht, also die Ideen der Freien durch die Chefredaktionen und deren Anhang vernünftig orchestrieren lässt (und genügend Geld für bereitstellt) hat der Befreiungsschlag des Jalag durchaus Charme. Es gibt ja einige Zeitschriften, die vormachen, wie gut man ohne große Redaktion sein kann – etwa „brand eins“ oder „mare“, beide kreativer als das Gros der deutschen Magazine.
Und wenn es richtig gut läuft, werden aus den rausgeschmissenen Redakteuren freie Journalisten, die wieder näher am echten Leben sind und bei denen aus diesem Initiationserlebnis Nähe neuer schreiberischer Furor erwächst. Politisierter sind sie ja nun allemal. (medium magazin 05/2010)
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Ich mußte zunächst meinen Ärger verrauchen lassen, bevor ich mir die Frage stellen konnte ob Sie, Herr Gehrs, nicht vielleicht doch recht haben könnten. Die Geschichte des Journalismus wie der Schrifstellerei im Allgemeinen ist voll mit Beispielen für große Werke, die widrigen Umständen abgerungen wurden. Dennoch frage ich mich, ob Ihre Perspektive auf den Existenzkampf der Journalisten nicht eher grandseigneuraler Zynismus denn Gossenromantik ist. Jemanden ein sicheres Einkommen, eine sichere Lebensplanung verdenken, nur damit man mit größerem Amüsement in der Zeitung blättern kann? Moralisch scheint mir das nicht allzuweit über Fuchsjagd und Hahnenkampf zu liegen. Gewiß: Es gibt Journalisten, die sich auf der Festanstellung ausruhen und eine beachtliche Recherche- und Gedankenfaulheit an en Tag legen. Aber sie erwähnen auch das Beispiel des “Spiegels”. Deutet das nicht viel eher darauf hin, daß Muße zur Recherche auch in den niedrigeren Etagen des Jornalismus gute Ergebnisse zeitigen könnte? Ohne feste Redaktionen, fürchte ich, gibt es nur noch mehr oder weniger gut kaschierte “Anzeigensonderveröffentlichungen”.
Eine im Artikel unbeachtete, aber interessante Frage ist noch, wie sich das Anstellungsverhältnis denn auf den Opportunismus des Journalisten auswirkt.
Ist ein Festangestellter aufgrund seiner Privilegien besonders darauf bedacht, seinem Chef zu gefallen und traut sich nichts, was bei diesem eventuell auf wenig Gegenliebe stößt?
Oder ist umgedreht der “freie” Mitarbeiter, da er so leicht abserviert werden kann, besonders auf die Peripherie des Chefs konzentriert, statt darauf, eine gute (damit eingeschlossen auch: wahre) Story zu erhalten? Während sich der fester im Sattel sitzende Festangestellte schon eher mal was erlauben kann?
Beim Spiegel z.B. habe ich ja besonders bei den Artikeln von den Volontären oft den Eindruck, dass der Artikel für den Chef, statt für den Leser geschrieben wurde. Die Motivation dafür dürfte ja ähnlich wie die oben Beschriebene bei den freien Mitarbeiter sein.
Tja, als Journalistin die gerade ihre Festanstellung verloren hat, weil sie eine andere Meinung als der neue, faule und ideenlose aber dabei hochbezahlte Chefredakteur hatte, kann ich diesen Blogeintrag vielleicht gerade nicht mit der nötigen Distanz lesen. Vielleicht eines: Von einem “kleinen Dienstwagen und der Anzahlung für die Eigentumswohnung” war ich in der Festanstellung soweit entfernt wie der Mars von der Erde. Wie ich nun kreativer werden soll, bei den Entgelten die für freie Journalisten derzeit bezahlt werden, weiß ich nicht. Angst fressen Ideen…
Ein Hoch dem Tagelöhnertum! Mein Gott – ich fass es nicht! Und alles mit der Begründung, festangestellte Mitarbeiter würden automatisch faul werden. Das ist echt ne Logik von .. keine Ahnung, mir fehlen die Worte..
Herr Gehrs, bei allem Respekt – aber merken Sie überhaupt noch was? Mal im Ernst. Schreiben Sie für 30 Cent die Zeile? Glauben Sie im Ernst, dass diese lächerlichen Honorare steigen, wenn es noch (viel) mehr “freie” Journalisten gibt, die ihre Haut von Tag zu Tag aufs neue zu Markte tragen müssen? Die völlig unorganisiert “jeder für sich selbst” kämpfen müssen und so perfekt gegeneinander ausgespielt werden können? So nach dem Motto: “Tja ABC macht das Thema auch für 80 Euro” Dass ABC so billig ist, weil er/sie sich die Hälfte ausdenkt, woanders abschreibt oder nebenbei noch für Firma XY schreibt, fällt dann bald niemandem mehr auf.
Ganz zu schweigen davon, dass die journalistische Schlüsselfähigkeit dann sein wird, sich gut verkaufen zu können…
Wer bitte soll ohne Redaktionsbackup noch kritisch sein können – Stichwort Medienjournalismus oder Objekte der Berichterstattung, die einen bei dem kleinsten Pups verklagen?
Also, wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, der Journalismus würde durch (machen wir uns nichts vor: immer schlechter bezahltes) Tagelöhnertum besser werden? Ich sage: Das Gegenteil wird der Fall sein.
Ganz egal ob Print oder Online, oder Fernsehen oder Radio. Guter Journalismus braucht Zeit für Recherche. Diese Zeit muss bezahlt werden. Ob sie in Form enes Festgehalts oder als Honorar für den Freiberufler bezahlt wird ist dabei in der Tat egal. Das Problem ist nur: Sie wird nicht (mehr) bezahlt. Nicht mehr bei Festangstellten, weil die Redaktionen kleiner werden und weniger Zeit für Recherche verbleibt. Und auch nicht für freie Jorunalisten. Das liegt einserseits an der absoluten Höhe (oder sollte man sagen: Tiefe?) der Honorare, aber auch daran, dass diese von der Text- oder Sendelänge abhängig sind und nicht von der für die Recherche aufgewansten Zeit. Der optimale Verdient entsteht dann bei langen Werken ohne Recherche. Journalistische Qualität entsteht dabei naturgemäß nicht.
Ich fasse es nicht. Als Beleg für den Wohlstand und die Bräsigkeit der Festangestellten wird ein Wissenschaftler zitiert, der seine letzte Erfahrungen im Beruf bei den Öffentlich-Rechtlichen gesammelt hat – dem letzten Ort, wo Journalismus noch halbwegs so stattfindet, wie er sollte -was zugegebenermaßen das Festhalten altgedienter Mitarbeiter an ihren Pfründen beinhaltet.
In der Realität gibt es das Modell des Jahreszeitenverlages schon zuhauf – gerade bei Lifestyle- und Männermagazinen. Zunehmend aber auch bei anderen Magazinen. Damit ist ihre Erkenntnis erstens nicht neu.
Zum anderen führt dies erstens dazu – und ich weiß, wovon ich rede – dass Freie, die für einen Tagesatz von 100 Euro und teils weniger antreten, nur noch zusehen, mit minimalstem Aufwand ihre Texte zu produzieren, weil sie sonst ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können.
Und zweitens, dass die festangestellten Mitarbeiter, die entsprechend schlechten Texte in Überstunden auf ein Mindestmaß an Qualität hochjazzen müssen – wobei sie natürlich auch dann als Redakteur bezahlt werden und nicht als Ressortleiter, auch wenn sie faktisch ganze Ressorts betreuen müssen. Aber wo keine festangestellten Indianer sind, gibt’s natürlich auch keine Häuptlinge mehr (jedenfalls nicht in der mittleren Ebene).
eigentlich müsste das einem Journalisten alles bekannt sein. Aber vielleicht sieht man die Sache anders, wenn man das eigene (zugegebnermaßen sehr gute) Magazin nur deswegen betreiben kann, weil man es selbst so praktiziert.
Belehren Sie mich eines besseren und nennen Sie doch einmal hier den durchschnittlichen Seiten- oder Tagessatz, den Sie ihren Autoren zahlen. Ich glaube nicht – falsch: Ich weiß, dass der genau dem entspricht, was ich oben geschrieben habe.
Eins ist richtig: Die Zahl der Stern-Redakteure, als Beispiel, vor allem die des Politik und Wirtschaftsressorts ist erstaunlich hoch und der wöchentliche Output im Heft in diesen Ressorts erstaunlich gering. Klar, immer wieder mal gibt es auch Geschichten die viel Personal auf längere Zeit binden. Meist sind die vielen Redakteure und Autoren aber mit der Produktion von Beilagen und Extraheften beschäftigt. Die sind teilweise auch sehr hochwertig produziert.
Auch beim den öffentlich-rechtlichen arbeiten viele mit einer Behördenmentalität.
Aber die Lösung gegen Behäbigkeit und “defensiven Journalismus” können nicht prekäre Arbeitsumstände sein.
Sonst geht eben der talentierte Nachwuchs in die PR. Und das zurecht.
Es kann nicht die Aufgabe junger Hochschulabgänger sein auf eigene Kosten die vierte Gewalt zu retten.
Ich bin kein Journalist, sondern Leser und Konsument von Zeitschriften. Von Ihrem Vorschlag, Herr Gehrs, halte ich nicht viel bis gar nichts.
Ich habe Zeitschriften abonniert, von denen ich weiß, dass da gute Leute arbeiten, die gute Artikel schreiben. Wenn die Redaktion nicht “fest” wäre, würde ich mein Abo sicher kündigen. Soll ich denn meinen Lieblingsautoren durch die ganzen Verlage hinterherlaufen?
Ich will gut, möglichst objektiv und umfassend über Relevantes informiert werden, das fordere ich von einer Zeitschrift. Kreativität ist nicht alles.
Oder vielmehr: es gibt vielleicht Magazine, für die Kreativität alles ist. Vielleicht haben Sie sich in Ihrem Artikel auch primär darauf bezogen. Aber solche Zeitschriften lese ich nicht.