Die Redaktion: In den vergangenen Jahren ist die Spiegel-Redaktion zu einer Zwei-Klassengesellschaft geworden: auf der einen Seite wenige Starschreiber auf der anderen Seite ein Heer von Redakteuren, die fleißig Infohappen zu den Artikeln liefern, die Auserwählte wie Mathias Geyer oder Dirk Kurbjuweit dann zusammenschreiben. Diese Zweiteilung gehört abgeschafft, weil sie beim Spiegel in den letzten Jahren für so viele Absagen gesorgt hat wie nie zuvor, weil sich gute Leute natürlich überlegen, ob sie nicht woanders glücklicher werden.
2. Die Tiefe: Der Spiegel kann es sich nicht leisten, erfahrene Journalisten, die sich z.B. in zukunftsweisenden Politikfeldern wie Umwelt & Technologie auskennen und aufgrund Ihres Wissens eine klare Haltung haben, zu vergraulen. Der Eklat um den Weggang von Harald Schumann und Gerd Rosenkranz – der eine Globalisierungsexperte, der andere Umweltprofi – war der Tiefpunkt einer Entwicklung. Die beiden müssen schleunigst zurückgeholt werden.
3. Im Zweifel links: Die Gesellschaft ist nach links gerutscht, nur der Spiegel nicht. Während soziales Engagement und kritischer Konsum immer höher im Kurs stehen, erzählte der Spiegel weiter Schnurren von der neuen Bürgerlichkeit und vom visionären Charakter des Berliner Stadtschlosses. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf beim Einschätzen gesellschaftlicher Zustände.
4. Demut: Braucht der Spiegel dringend statt Überheblichkeit. Das Leitungspersonal muss realisieren, dass die Attitüde des allwissenden, rechthaberischen Journalisten von gestern ist.
5. Trennschärfe: Noch immer macht der Spiegel in einer immer ausdifferenzierteren Gesellschaft, in der etliche Lebensstile nebeneinander existieren, leidige Trendgeschichten die an der Realität haarscharf vorbeigehen. In Zukunft werden alle Geschichten verboten, die mit “immer mehr” beginnen.
6. Auch mal was kaputtrecherchieren: Wenn es denn nun einfach nicht mehr stimmt, dass der Maler Norbert Bisky wegen der Verherrlichung eines blonden Knabenideals gemieden wird, dass er im Gegenteil längst anerkannter Mainstream ist – dann muss man die Geschichte einfach mal streichen.
7. Die Unabhängigkeit: Der Spiegel darf keine Mitarbeiter haben, die einfach mal im Firmenjet eines Wirtschaftsbosses mitfliegen, weil es gerade gut passt. Die gratis Autos für Konzerne testen. Die sich mit anderen mächtigen Journalisten vom Springer-Verlag oder der FAZ zusammentun, um Politik zu machen oder Geschäfte.
8. Die Optik: Der Spiegel benötigt unbedingt eine neue Titeloptik. Tiefpunkt war neulich ein Titelbild zur neuen Pisa-Studie mit dermaßen hässlichen Kindern, als hätte sie Manfred Deix gezeichnet.
9. Kommentare: Der Spiegel braucht dringend Meinungsstücke, die auch als solche erkennbar sind. Eine Meinung, die länger als eine Woche hält, wäre auch nicht schlecht.
10. Der Chefredakteur: Muss akzeptieren, dass die Zeit der Alphamännchen vorbei ist. Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind ja auch in der Kulissse.
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seehr treffend auf den punkt gebracht. hab deine page grad zufällig entdeckt und dieser text is gleichmal ne sehr gute visitenkarte für sie.
Den zwölf Punkten kann ich ja nur zustimmen, bloß: Ist der SPIEGEL überhaupt reformierbar? Steckt da nicht ein bisschen viel Geld und Marktmacht drin?
————–
Auf DUMMY kam ich übrigens durch das Interview zu den aktuellen SPIEGEL-Affären auf Deutschlandradio Kultur – das war von so gut gelaunter Boshaftigkeit, dass es mich neugierig machte, wie viel vom Herausgeber wohl im Heft steckte…
Ich meine natürlich: …10 Punkten…
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Schön wär’s, Herr Gehrs!
Statt den eignen Hof zu kehren, woll’n Sie and’re Mohres lehren?
Punkt eins und vier und auch die zehn – nur, dass wir uns recht versteh’n – sind Common Sense, wie mir bis dato schien, und gelten ergo auch für’s Dummy-Magazin.
Ihr angeblich neuer “Journalismus” ist nicht mal alter Simplicissimus. Maßstäbe setzen für die Großen, damit sich Kleine nicht dran stoßen? Schelte für die Macht da oben, und immer nur die eignen Eier loben?
Dazu passt:
Ein Elternmörder fordert Recht – allein, mit halber Schwere: weil er doch jetzt Waise wäre.
Frei nach Wolfgang “Kleist” Welt: “Ich gratuliere, Gehrs, denn Du ewig wirst du leben; wer keinen Geist besitzt, hat keinen aufzugeben!”