Spiegel-TV und “Die Macht des Orgasmus”

Da haben sie ja auf Spiegel Online etwas angekündigt für diesen Samstagabend. Mehr als zwei Stunden und bis nach Mitternacht soll es bei einem SPIEGEL-TV-Special auf VOX um den menschlichen Orgasmus gehen, und zwar wissenschaftlich. Interessant. Die Macht des Orgasmus. Aber könnte man denn bei der Spiegel-Gruppe nicht ein paar ordentliche Wissenschaftsjournalisten an so etwas ranlassen?

Mit “Magnetresonanz-Therapie haben Forscher ein Paar bei der Liebe quasi durchleuchtet”, steht in der Ankündigung geschrieben. Als müsse Beischlaf therapiert werden, anstatt Magnetresonanz-Bildgebung zu verwenden. Aber vielleicht meinen sie das ja auch nur “quasi”. Jedenfalls, das kurze Vorschau-Filmchen zur Vorankündigung verkündet schon allerhand Einsichten:

Sprecherin: “Ein schöner Busen ist nicht nur attraktiv, sondern sichert den Bestand unserer Spezies.”

O-Ton, später: “Eine Erektion ist für den Mann sehr wichtig, sie sichert den Erhalt unserer Spezies.”

Was auch immer das, abgesehen von den Trivialitäten, heißen soll: Es klingt gut. Schon auf dem Cover des Spiegel-Magazins fiel neulich der Ausdruck “Spezies”. Der bedeutet nichts anderes als “Art”, ein Ausdruck, der in der deutschsprachigen Biologie gebräuchlicher ist. Aber wenn sich einer nicht sicher ist, dann übersetzt er das englische “species” eben lieber mit “Spezies”. Das ist übersetzungstechnische Risikominimierung. Vor allem klingt es auch wissenschaftlicher.

Sieht man sich die Vorschau an, dann gelangt man schnell zu dem Eindruck, dass von diesem Film jede Menge an bequemen und vorschnellen evolutionstheoretischen Rekonstruktionen zu erwarten ist. Eine Herangehensweise, in der für so ziemlich alles, was an uns ist, wie es ist, eine rationalisierende Erklärung nachgereicht wird. In der evolutionäre Nebenprodukte und Zufälle nicht vorkommen, sondern jedes Merkmal als Resultat biologischer Anpassungen erscheint.

“Beim Sex hat die Natur nichts dem Zufall überlassen” teilt die Vorschau-Sprecherin mit, und der in diesem Zusammenhang nicht ignorierbare Professor David Buss (University of Texas, Austin) erklärt gleich, welche Funktion vaginale Kontraktionen erfüllen.

Tatsächlich herrscht unter Wissenschaftlern nicht einmal Einigkeit darüber, ob weibliche Orgasmusfähigkeit überhaupt ein Ergebnis natürlicher Selektion ist. Es ist, im offensichtlichen Gegensatz zum männlichen Orgasmus, nicht einmal klar, ob der weibliche Orgasmus einen nennenswerten Reproduktionsvorteil bietet. Und worin der denn bestehen könnte. Das ist, anders gesagt, eine offene Frage.

Gute Wissenschaftsvermittlung nennt offene Fragen beim Namen.

Dieser Beitrag wurde unter Spiegel, Wissen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.