Das ist aber kischig: Ein paar Punkte zu Journalistenpreisen

henri-nannen-preis.pngZur Zeit dürfte mal wieder die Jury des Henri-Nannen-Preises tagen, der früher mal Egon-Erwin-Kisch-Preis hieß – Kisch wurde die Ehre womöglich aberkannt, weil er kein Gruner+Jahr-Mitarbeiter ist. In der Jury des Henri-Nannen-Preises sitzen neben Alice Schwarzer und Helmut Markwort unter anderen die Chefredakteure von Süddeutsche Zeitung, Zeit, Welt am Sonntag und GEO, und ein Spiegel-Reporter. Im letzten Jahr durften sich alle freuen: Die Preise gingen an Süddeutsche Zeitung, Zeit, Welt, GEO und Spiegel. Man darf gespannt sein, wer dieses Jahr am 9. Mai im Hamburger Schauspielhaus geehrt wird.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Arbeiten, die prämiert wurden, nicht möglicherweise einen Preis verdient haben. Aber vielleicht könnte man in Zukunft noch ein paar andere Jury-Mitglieder berufen, die weniger befangen sind in ihrem Urteil. Vielleicht gibt es ja auch außerhalb der deutschen Chefredaktionen Menschen, die journalistisch Herausragendes von weniger Lesenswertem unterscheiden können.

In der Politik würde man so etwas jedenfalls Interessenkollision nennen. Oder besser: Die Journalisten würden es so nennen.

Ein anderer Preis ist der Lead Award, der für Zeitschriften vergeben wird. Morgen ist die Preisverleihung in den Hamburger Deichtorhallen und danach die große Spiegel-Party, die immer alle ganz toll finden – warum weiß ich auch nicht. Beim Lead Award ist die Jury so groß, dass alles Proporzdenken oder das Lancieren eigener Titel wenig Chancen haben. Dort gibt es untereinander so viele Freund- und Feindschaften, dass auch kleinere Titel eine Chance haben – alleine schon, um die anderen zu ärgern. Vielleicht hatten wir deswegen das Glück, dass DUMMY schon öfters ausgezeichnet wurde. Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, wenn so viele Vertreter aus Großverlagen zusammensitzen.

Aber auch dieser Preis hat so seine Seltsamkeiten. Für den Preis für das „Lead-Magazin des Jahres“, mit dem das innovativste Magazin des Jahres 2007 geehrt wird, ist in diesem Jahr der Stern nominiert. Kein Scherz. Und in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ war Vanity Fair ein heißer Anwärter – das ist das Magazin, dessen Verlag neulich den Chefredakteur auswechselte. Morgen abend wissen wir mehr.

Der absurdeste Preis aber ist der vom Art-Director´s Club, dem ADC, der einmal im Jahr die sogenannten Goldenen Nägel verteilt und den Rest des Jahres damit beschäftigt ist, diese Preisverleihung vorzubereiten. Es ist eine Werber-Veranstaltung (findet also in einer Branche statt, in der man sich noch lieber gegenseitig auf die Schulter klopft als unter Journalisten), aber es gibt auch Kategorien für die Presse. Wer diesen Preis gewinnen will, muss seine Arbeiten zum ADC schicken und für jede eingeschickte Arbeit Geld bezahlen, damit man sie sich dort auf Preiswürdigkeit hin anschaut. Wer viel Geld hat, kann also viele Arbeiten einreichen und seine Chancen so erhöhen. Daher hängen dort in den journalistischen Kategorien immer ganz viele Arbeiten aus großen Verlagen, die zwar nicht sonderlich innovativ sind, dafür aber ein schönes Budget haben. Wenn man gewinnt, zahlt man noch einmal richtig viel Geld – nämlich dafür, in einem dicken ADC-Buch deutlich Erwähnung zu finden. Vielleicht kann man es so sagen: Gegen den ADC ist die Jury des Henri-Nannen-Preise ein Hort der Unabhängigkeit.

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10 Antworten auf Das ist aber kischig: Ein paar Punkte zu Journalistenpreisen

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  2. Jochen Hoff sagt:

    Die Preise gehen an focus, Welt, Zeit, Geo und Spiegel, sowie an die Süddeutsche Zeitung. Ist doch klar.

    Qualität setzt sich eben durch.

  3. Martin Rath sagt:

    Mein persönlicher Lieblingspreis ist, schon weil so schrecklich viele Träger in Frage kommen, dieser:

    http://www.wvfi.de/dt_preis.htm

    Bis 2011 sollte eigentlich jeder, der in Frage kommt, einmal bedacht worden sein.

    Besonders hübsch ist der Link, wenn man ein wenig zwischen dem Ziel der Preisauslobung und den Sponsoren hin- und herzappt.

  4. Malte Dahlgrün sagt:

    @ Martin Rath: € 10.000 Preisgeld, Donnerwetter, da muss man mal eine gefällige Immobilienreportage schreiben.

    Erheiternd an dem Link auch: Es stellt sich raus, was aus dem deutschnationalen WELT-Ressortleiter Rainer Zitelmann geworden ist, der in den 1990ern von sich reden machte. Der sitzt jetzt beim Preis für Immobilienjournalismus in der Jury. Wikipedia berichtet, er wechselte “von der häufigen Skandalisierung seiner Publizistik zermürbt, einem neu erwachten Interesse folgend – in das Ressort ‘Immobilien’.” 1999 Buchveröffentlichung “Reich werden mit Immobilien”. Gründete 2000 “als Unternehmensberater für Immobilienunternehmen eine Firma und veröffentlicht seitdem nur noch über dieses Thema.” Auch ein Weg.

  5. Zum Thema: Vanity fair, das Magazin das gerade seinen Chefredakteur wechselte.

    Den hatten wir gerade zum Gespräch bei Tischthema.tv: Zu sehen unter http://www.Tischthema.tv

    Besten Gruß, Lucas (von Tischthema.tv)

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  7. Pingback: Henri Nannens Preis auf Neosushi

  8. Vesper sagt:

    Wer braucht schon Auszeichnungen. Mehr wert ist doch die Selbstbestätigung. Wenn man alles richtig gemacht hat dann sollte es genug Bestätigung sein… Wenn dann noch eine Auszeichnung kommt, O.K.

  9. Encatrott sagt:

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