vortrag von oliver gehrs über das dummy-magazin
ich bin der typ, der oliver gehrs geholfen hat dieses blog aufzusetzen. da ich dadurch das privileg des vollen zugangs zu diesem blog habe, nutze ich den mal, völlig unabgesprochen mit dem eigner, hier etwas reinzustellen, dass thematisch durchaus passt. und zwar oliver gehrs’ vortrag über das dummy-magazin beim medienforum mittweida am 5. november. thema: „Gegen den Themen-Mainstream: Das DUMMY-Konzept“. irre lang, anderthalb stunden, aber ich bin erst nach 35 minuten eingeschlafen:
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Imre dasselbe
Eine inhaltliche Erneuerung brauche der Spiegel, eine frische, neue Kraft. So ließen sich die Vertreter der Mitarbeiter KG nach der Kündigung von Stefan Aust vernehmen – und man kann nur hoffen, dass sie das auch ernst meinen und gruselt sich doch etwas, dass derzeit der Name Gabor (Imre) Steingart so oft fällt. Schließlich steht der in die USA abgewanderte ehemalige Berliner Büroleiter für alles Schreckliche, was unter Austs Ägide beim Magazin Einzug hielt: Diese seltsame Männerbündelei mit Springer (Steingart hält den Bild-Chef Kai Diekmann für ein Vorbild) und der FAZ, das Kippen von wichtigen Geschichten aus dem Blatt, ob es Ron Sommers Entlassung war oder eine wirtschaftskritische Geschichte über die Windkraft die Windkraft . Angesprochen auf das interne Betriebsklima hält der aus Ungarn stammende Steingart den Spruch für passend, dass Angst die Währung beim Spiegel ist. Mit anderen Worten: Steingart ist genau die Sorte Alpha-Männchen und Machtmensch, die man mit Aust gerade loswerden will. Der Wegbereiter eines festen hierarchischen Systems, in dem nur wenige etwas zu melden haben und die Meinung von oben nach unten durchgereicht wird. Unter ihm ist das Berliner Büro eine Ansammlung von braven Redaktionssoldaten geworden, die froh sind, wenn sie ihren Namen unter zehn anderen am Ende einer Geschichte finden – und die in den Konferenzen tunlichst den Mund halten. Etliche gute Rechercheure und Autoren verließen in Steingarts Berliner Zeit das Blatt: darunter Ulrich Deupmann, Tina Hildebrandt, Gerd Rosenkranz oder Harald Schumann, allesamt versierte Politikredakteure. Dass überhaupt erwogen wird, Steingart zum Chefredakteur zu machen, ist allein schon deshalb seltsam, weil er bei den unlängst abgehaltenen Wahlen zur Mitarbeiter-KG die wenigstens Stimmen von allen bekam. Eigentlich könnte man Aust dann auch behalten. Und Steingart eine Karriere als Michael-Douglas-Double wünschen.
Traurig und wahr
Während der Spiegel weiterhin fieberhaft nach einem neuen Chefredakteur fahndet, haben wir bei DUMMY nun immerhin einen Cover-Boy gefunden. Echte Tränen, Gefühle, Herzschmerz, wie man sie sonst nicht sieht. Fotograf Erik Weiss hat das Kunststück geschafft, Fotos zu schießen, die wir nirgends finden konnten. Von Menschen, die von ihren Gefühlen übermannt in Tränen ausbrechen. Wo er diese traurigen Männer und Frauen fand, möchte Weiss für sich behalten. Aber er schwört, dass keinerlei Zwiebeln, CS-Gas oder Glycerin zum Einsatz kamen. Das Ergebnis ist so überwältigend, dass wir kurzerhand eine andere Geschichte aus dem Blatt geworfen haben (Na also: Diese Frau liebt Stefan Aust), um Platz für die Porträts von Weinenden zu schaffen.
Wir sind das Volk – Spiegel-Leute entdecken die Demokratie
Schon komisch. Jahrelang hält man beim Spiegel schön still und wagt es nicht, bei den Konferenzen aufzubegehren – und kaum ist der Chefredakteur gekündigt, werden plötzlich alle ganz mutig. Plötzlich entdecken die Redakteure des Spiegel ihre eigene Meinung und fordern Mitsprache bei der Neubesetzung des Chefpostens. Dabei haben sie die ja gar nicht, denn zu sagen haben strenggenommen nur die fünf gewählten Vertreter in der Mitarbeiter KG etwas (die Aust ja auch gekündigt haben), und die müssen sich nicht ständig ihrem Wahlvolk erklären oder Plebiszite abhalten.
Dennoch haben schon die Ressortleiter am Freitag zu erkennen gegeben, dass sie bitteschön bei der Auswahl des Aust-Nachfolgers mitreden wollen. Und hinter den Kulissen kommt es schon zur Gruppenbildung. So soll sich der stellvertretende Berliner Büroleiter Konstantin von Hammerstein nach einem gescheiterten Versuch, den Ressortleitern eine Solidaritätsbekundung für Aust abzuringen, nun für Gabor Steingarts Rückkehr aus den USA stark machen, der von dort immer so schöne Ferndiagnosen über den Zustand der SPD schreibt. Und der bei der Mitarbeiter-KG-Wahl vor einigen Monaten gnadenlos durchgefallen war. In Hamburg wiederum sammelt nach Aussage dort lebender Redakteure der Gesellschaftsressortleiter Cordt Schnibben seine Truppen, um Giovanni di Lorenzo von der Zeit zum Spiegel zu holen. Bei Gruner + Jahr dürfte man das alles eher amüsiert betrachten, schließlich spielen die Wünsche aus der Redaktionsgesamtheit des Spiegel eine eher kleine Rolle bei der Chefredakteurswahl. Zumindest das hat sich seit Rudolf Augsteins Zeiten nicht geändert.
Gesucht: Rotz und Wasser
Was soll eigentlich auf´s nächste Dummy zum Thema “Liebe”? Momentan ist Bildredakteur Tobias Kruse von seiner Idee, ein schönes Gedicht vorne drauf zu drucken, abgekommen, und auf der Suche nach weinenden Männern – und das ist verdammt hart. Man hat es ja geahnt. Es scheint keinen Fotografen zu geben, der weinende Männer fotografiert hätte und vor allem keinen, der unser Cover zieren könnte. Wenn Du also ein Mann ist, der ausgiebig vor der Kamera weinen kann, solltest Du am Mitwoch zum Dummy-Shooting mit dem Fotografen Eric Weiss kommen (www.weissbild.de), der schon mal ein ziemlich gutes Händchen bei Rockstars hat. Oder vielleicht sollten wir mal bei Stefan Aust nachfragen, vielleicht zeigt der nach der schnöden Kündigung ja erstmals Gefühle.
Warum Aust gehen muss
Eigentlich ist die Angelegenheit ja undramatisch: Einem Chefredakteur wird nach 13 Jahren im Amt gekündigt – er kann sogar noch bis zum 31.12.2008 bleiben. Dass diese doch eher schnöde Personalie für einen mittleren Aufruhr in den Medien und einen großen in der Redaktion sorgt, zeigt, dass der Spiegel immer noch ein besonders Blatt ist. Und das ist das eigentlich Verwunderliche: dass der Spiegel den Menschen trotz Austs Wirken nicht völlig egal geworden ist – schließlich war er es Aust zuletzt ja auch.
Zumindest las sich der Spiegel zuletzt so und die Geschichten, die man aus der Redaktion hörte, verstärkten den Eindruck. Im Grunde, so hieß es, interessiere sich Aust nur noch für eine Freundschaft zum FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und seine Pferde, von denen er unlängst einen rassigen Renner für eine mittlere sechstellige Summe verkauft hat. Gern würde er auch für die ARD RAF-Dokus basteln.Tatsächlich wirkte der Spiegel in diesem viel zu oft so, als säße der Chefredakteur irgendwo in Stade im Pferdestall oder so tief in die Ledersitze eines VW-Touaregs oder Porsche 911versunken, dass man kaum noch rausschauen kann. Mal erklärte das Nachrichtenmagazin auf dem Titel Hamburg zur coolsten Stadt der Welt, dann entdeckte er das Second Life oder pries die Klimakatastrophe als touristischen Heilsbringer für Sibirien an. Die Strom-Industrie wird quasi jede Woche anders bewertet: Mal klarsichtig als oligarchische Krake, dann wieder als letzter Hort der Vernunft in Zeiten der Klimahysterie. Einem ernsten Thema wie dem Erbe der 68er konnte sich der intellektuell ausgehöhlte Spiegel zuletzt nur noch in Herrenwitz-Manier nähern: „Es war nicht alles schlecht“ lautet die Zeile vor wenigen Wochen, dazu stellte man eine schlechte Karikatur von Reiner Langhans. Das sah schon alles mehr nach Eulenspiegel als nach Spiegel aus.In einer Zeit, in der im Web massenhaft Gegenöffentlichkeit entsteht, ist Aust ein Mann von gestern: ein passionierter Rechthaber, der weder die Niederlage im Kampf gegen die Rechtschreibreform einräumen konnte, noch jemals verstanden haben dürfte, warum es sich für einen Spiegel-Chef nicht schickt, in einem Beirat der Telekom zu sitzen. Oder mit dem Springer-Verlag Geschäfte zu machen. Nun wird er eben fortgejagt: Obwohl Austs Amtszeit nun noch bis zum 31.12. nächsten Jahres geht, wird er früher ersetzt werden – es gilt schließlich, den Abstand des Spiegels zu den gesellschaftlichen Realitäten wieder zu verringern. Denn mittlerweile ist die Gesellschaft im Zweifel links, nur der Spiegel ist nicht hinterhergekommen.
Stefan Aus
Der Spiegel ist nicht gerade dafür bekannt dass er spart: Die Gehälter sind überdurchschnittlich, das viel zu teure Berliner Büro residiert mitten in den Blumenrabatten am Pariser Platz und manchmal kann es sein, dass einen der Ressortleiter anhält, mehr Spesen zu machen. Öfter mit Informanten schick essen zu gehen. Aber nun brechen andere Zeiten an. Unter dem neuen Geschäftsführer Mario Frank wird gespart. Und man nimmt es sympathischerweise nicht den Kleinen, sondern fängt mit dem größten Posten im Personal-Etat an. Denn Aust wird bestimmt eine Million im Jahr bekommen haben – das heißt, die Kündigung spart richtig Geld. Aust hat einen 5-Jahresvertrag bis zum 31.12.2010, der aber jetzt erstmals vorzeitig gekündigt werden kann. Hätte man die Gelegenheit verstreichen lassen, wäre eine hohe Abfindung fällig geworden.
Es wird aber auch Zeit. Noch nie hat ein Chefredakteur den Spiegel so wurstig gemacht wie Aust in den letzten Monaten. Während er daheim in Stade Rennpferde züchtete, von denen denn auch prompt das Schnellste für eine mittlere, sechsstellige Sommer verkauft wurde oder für die ARD spannende RAF-Dokus produzierte, ließ er seine Hintersassen (copyright Kurt Kister, SZ) unterirdische Titel produzieren. Mal wurden Hamburg und Riga zu Topstädten hochgejazzt, mal die Klimakatastrophe als Heil für die nördliche Welt beschrieben, dann wieder belangloses 68er-Workshop-Gewäsch gedruckt. Aust war der Spiegel völlig egal geworden und dass konnte man jeden Montag am Kiosk merken.
Gut, dass damit Schluss ist und das Tollste ist, Aust weiß es vielleicht noch gar nicht, er ist gerade im Urlaub.

