Rakete abgeschossen

jims-world.png“Der Name Rakete wird – zumal in Berlin – gedanklich mit der Person des Antragstellers in Verbindung gebracht”. So steht es in einer Einstweiligen Verfügung, die der bisherige Tiefpunkt einer bizarren gerichtlichen Auseinandersetzung ist, die der Fotograf Jim Rakete gegen die Galerie Rakete in Berlin Mitte angestrengt hat. Die Betreiber der Produzenten-Galerie haben nun allesamt mehrere tausend Euro Gerichtsschulden und benannten sich einer Nacht- und Nebelaktion Ende vergangener Woche in “Komet” um (Bitte nicht verwechseln mit dem gleichnamigen deutschen Musikpreis!) In die nächste Instanz werden die Künstler wohl nicht gehen – schade, denn man hätte gern gesehen, ob das Urteil des Berliner Landgerichts Bestand hat; oder nicht doch noch kassiert worden wäre: Etwa durch eine Umfrage unter Berlinern, ob sie beim Wort Rakete nicht doch eher an einen Flugkörper als einen Fotografen denken. Vielleicht hätte man auch die Nachfahren von Wernher von Braun in den Zeugenstand berufen können, um deutlich zu machen, dass das Wort Rakete in Deutschland schon Tradition hatte, bevor es einen Starfotografen gleichen Namens gab. “Das Gericht habe sich mit der entscheidungserheblichen Frage, ob bei einem generischen Begriff der Namensträger einen […] uferlosen Schutz seines Nachnamens beanspruchen darf, überhaupt nicht auseinander gesetzt”, sagt der Anwalt der Galerie, Pascal Decker. Eins aber hat die Kammer klar erkannt: Dass sich die Galeristen “nicht im Vertrieb mit Flugkörpern betätigen”. Eine echte Sternstunde der Moabiter Rechtssprechnung.

10-Punkte-Plan für den Spiegel

spiegel-10-punkte.png Die Redaktion: In den vergangenen Jahren ist die Spiegel-Redaktion zu einer Zwei-Klassengesellschaft geworden: auf der einen Seite wenige Starschreiber auf der anderen Seite ein Heer von Redakteuren, die fleißig Infohappen zu den Artikeln liefern, die Auserwählte wie Mathias Geyer oder Dirk Kurbjuweit dann zusammenschreiben. Diese Zweiteilung gehört abgeschafft, weil sie beim Spiegel in den letzten Jahren für so viele Absagen gesorgt hat wie nie zuvor, weil sich gute Leute natürlich überlegen, ob sie nicht woanders glücklicher werden.
2. Die Tiefe: Der Spiegel kann es sich nicht leisten, erfahrene Journalisten, die sich z.B. in zukunftsweisenden Politikfeldern wie Umwelt & Technologie auskennen und aufgrund Ihres Wissens eine klare Haltung haben, zu vergraulen. Der Eklat um den Weggang von Harald Schumann und Gerd Rosenkranz – der eine Globalisierungsexperte, der andere Umweltprofi – war der Tiefpunkt einer Entwicklung. Die beiden müssen schleunigst zurückgeholt werden.
3. Im Zweifel links: Die Gesellschaft ist nach links gerutscht, nur der Spiegel nicht. Während soziales Engagement und kritischer Konsum immer höher im Kurs stehen, erzählte der Spiegel weiter Schnurren von der neuen Bürgerlichkeit und vom visionären Charakter des Berliner Stadtschlosses. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf beim Einschätzen gesellschaftlicher Zustände.
4. Demut: Braucht der Spiegel dringend statt Überheblichkeit. Das Leitungspersonal muss realisieren, dass die Attitüde des allwissenden, rechthaberischen Journalisten von gestern ist.
5. Trennschärfe: Noch immer macht der Spiegel in einer immer ausdifferenzierteren Gesellschaft, in der etliche Lebensstile nebeneinander existieren, leidige Trendgeschichten die an der Realität haarscharf vorbeigehen. In Zukunft werden alle Geschichten verboten, die mit “immer mehr” beginnen.
6. Auch mal was kaputtrecherchieren: Wenn es denn nun einfach nicht mehr stimmt, dass der Maler Norbert Bisky wegen der Verherrlichung eines blonden Knabenideals gemieden wird, dass er im Gegenteil längst anerkannter Mainstream ist – dann muss man die Geschichte einfach mal streichen.
7. Die Unabhängigkeit: Der Spiegel darf keine Mitarbeiter haben, die einfach mal im Firmenjet eines Wirtschaftsbosses mitfliegen, weil es gerade gut passt. Die gratis Autos für Konzerne testen. Die sich mit anderen mächtigen Journalisten vom Springer-Verlag oder der FAZ zusammentun, um Politik zu machen oder Geschäfte.
8. Die Optik: Der Spiegel benötigt unbedingt eine neue Titeloptik. Tiefpunkt war neulich ein Titelbild zur neuen Pisa-Studie mit dermaßen hässlichen Kindern, als hätte sie Manfred Deix gezeichnet.
9. Kommentare: Der Spiegel braucht dringend Meinungsstücke, die auch als solche erkennbar sind. Eine Meinung, die länger als eine Woche hält, wäre auch nicht schlecht.
10. Der Chefredakteur: Muss akzeptieren, dass die Zeit der Alphamännchen vorbei ist. Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind ja auch in der Kulissse.

oliver gehrs im interview auf radio eins

ix schon wieder. oliver gehrs hat mich eben gebeten einen mitschnitt von einem interview im radio eins hier rein zu stellen. mach ich gerne:

mitschnitt_dummy_radioeins.mp3 (MP3, 3,9 MB).

geredet wird über das dummy-magazin und die dummy-galerie, die morgen eröffnet.

Dummy-Liebe am Kiosk: Heute Tegel und Halle (Saale)

bild-2.pngVon diesem Montag an ist das 17. Dummy-Magazin zum Thema Liebe am Kiosk: Mit 16-Jährigen beim Flirten, mit 70-Jährigen beim Orgasmus, mit Einsamen beim Beten, mit zwei traurigen Pädophilen, mit der Frau, die Mussolini liebte, mit dem Mädchen, das Hitler wollte, aber nicht bekam und einer Landkarte vom weiblichen und männlichen Herzen.
Doch kaum ist das neue Dummy zum Thema Liebe erschienen, gibt es schon den ersten Rückschlag. Im Pressehandel am Flughafen Tegel, sonst eine sichere Dummy-Abwurfstation, liegt DUMMY neben “Elle Decoration” bzw. überhaupt zwischen all den seltsamen Einrichtungstiteln. Fraglich, was den Filialleiter dort geritten hat. Vielleicht hat er angesichts der weinenden Frau auf dem Cover automatisch an alle Frauen gedacht, die beim Verschönern ihres Heims hysterisch werden.Intuitiv begriffen, wo das Dummy-Liebe am Kiosk hingehört, hat es hingegen ein Kioskbesitzer in Halle an der Saale – ganz vorne ins Fenster des Büdchens. Vielleicht ist man im Osten mit dem Thema Tränen einfach vertrauter.

Matusseks Popjournalismus war nur Trashrock

Nachdem die Kündigung von Spiegel-Chef Stefan Aust bekannt geworden war, wurde Matthias Matussek im DeutschlandRadio interviewt und sagte dort in etwa, dass Aust ein Genie gewesen sei, und niemand in der Redaktion verstehe, wie man diesen Mann wegschicken könne. Schon da wurde deutlich, dass es Matussek aus seinem sorgsam errichteten Paralleluniversum nicht mehr rausschaffen würde.
Als Reporter begnadet, versuchte sich Mattusek selbst zu verjüngen, indem er mit dem Kulturteil des Spiegel noch einmal die neobürgerliche Uneigentlichkeit der Berliner Seiten der FAZ nachahmte. Doch damit kam er um Jahre zu spät. Ein selbsternannter Großvater der Generation Golf, die – als Matussek zu ihr stieß – schon längst weiter war. Wie die gesamte Gesellschaft.
Es war ja schon damals verwunderlich, dass der in Rio und London gediente Auslandskorrespondent des Spiegel plötzlich Kulturchef wurde und erklärbar war das eigentlich nur damit, dass sich Stefan Aust nie so recht für die Kultur interessiert, weil es da verhältnismäßig wenig Akten gibt. Einzig, wie es die Rolling Stones schafften, mit über 60 noch auf die Bühne zu klettern, habe Aust interessiert, heißt es in Redaktion. Mit Matusseks, so muss Aust wohl gedacht haben, hole er sich wenigstens ein bisschen Rock´n`Roll in den Laden.
Aber Matussek war eben nur Trash-Rock, eine Spielart, die letztlich keinen nachhaltigen Wert besitzt: Unter ihm wetterte der Kulturteil des Spiegel gegen das Regietheater, feierte den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als visionäre Tat und jauchzte den Stauffenberg-Flm mit Tom Cruise zum Erweckungserlebnis hoch.
Seiner seltsam zusammengecasteten Redaktion stand Matussek als Lordsigelbewahrer des Pop-Journalismus vor: Die Schauspielerin Verena Araghi hatte zuvor die Erotiksendung Peep! im Fernsehen moderiert, was ja nichts heißen muss, dann aber eben doch hieß. Moritz von Uslar ist natürlich ein kreativer Autor aber im Spiegel-Kulturteil eben auch eine Fehlbesetzung, und bei Rebecca Casati fragt man sich bei jeder Zeile, ob sie nicht nur im Kulturteil gelandet war, weil sie die Freundin von Frank Schirrmacher ist, mit dem Matussek ja auch sehr gut können soll. Zuletzt ging der Nepotismus so weit, dass im Spiegel eine lobhudelnde Rezension eines Buches des SZ-Redakteurs Alexander Gorkow abgedruckt wurde, geschrieben vom Münchener Dramatiker Albert Ostermaier, der eben dieses Buch gemeinsam mit eben diesem Gorkow in München auf Lesungen promotete.
Dass nun Mathias Schreiber für ein paar Monate Interimsleiter wird, ist natürlich ein Witz. Denn den hatte man ja damals als Kulturchef loswerden wollen. Es zeigt aber, dass man nun nichts überstürzen und in Ruhe nach einem Nachfolger suchen will. Dafür braucht man Zeit, denn beim Spiegel selbst wird man ihn nicht finden.

Die zweite Stufe wird gezündet – Rakete kommt

bild-4.pngNeulich konnte man in der Berliner Zeitung lesen, dass der Fotograf Jim Rakete juristisch gegen eine Galerie in Berlin-Mitte vorgeht, die sich Rakete genannt hat. Noch drolliger wurde die Meldung dadurch, dass die Galeristen mit den Worten zitiert wurden, sie hätten gar nicht gewusst, dass es Jim Rakete gibt. Auf jeden Fall war einfach mal wieder ein schönes Foto von Jim Rakete in der Zeitung, und die Galerie heißt noch immer Rakete und zeigt Bilder, auf denen auch nackte (gemalte) Menschen zu sehen sind, was Jim Rakete zu der Bemerkung veranlasste, dass er mit derlei Pornografischem nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Es ist aber auch ein Leid, wenn man einen so schönen Namen hat, der ja nicht nur einen Fotografen bezeichnet, sondern auch einen Flugkörper, der mächtig nach oben steigt. Wir von DUMMY jedenfalls finden Rakete nicht nur passend für eine Kneipe (gibt es auch in Berlin, hat Jim Rakete aber nichts gegen) oder eine Galerie, sondern auch für eine Zeitschrift, weswegen wir uns spontan entschlossen haben, schon bald eine mit diesem Namen herauszubringen. Die neue “Rakete”, die im Frühjahr 2008 steigt, wird ein Monatsmagazin mit sehr fortschrittlichen Geschichten und Bildern. Fotografen können sich gern melden.