Dylan und die einfache Wahrheit
In drei Tagen läuft in Deutschland der Bob-Dylan-Film I’m Not There an. Die Frührezensionen sind gedruckt, die Filmvorschauen sind ausgestrahlt, auf FAZ.net und im Kulturfernsehen, und in den Tagesthemen letzte Nacht fehlte der Film auch nicht. Tom Buhrow, im Hintergrund eine Silhouette des 1965er-Dylans mit schwarzer Wayfarer-Sonnenbrille, erklärte dort noch einmal für alle, es handele sich um „den vielleicht bedeutendsten Künstler Amerikas”. Und dann langsam, feierlich: „Ein Mann – mehrere Karrieren – und unzählige Masken.“ Der Autor des Tagesthemen-Beitrags findet auch unzählige Masken vor: „Poet, Prophet, Outlaw, Idol – nie ist der Mann das, was er gerade eben zu sein schien“.
Spätestens mit I’m Not There muss es auch der letzte Randbeobachter merken: Dylan ist ein Mysterium, schlechthin ungreifbar. Der Name des Herrn wird im ganzen Film kein einziges Mal erwähnt – Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz brauchen. Dafür spielen, Sie wissen es vielleicht, sechs verschiedene Darsteller den Mann. Das sind also, kein Witz: Cate Blanchett, Richard Gere, ein afroamerikanischer Junge, Heath Ledger und zwei weitere Schauspieler, die Dylan vergleichbar ähnlich aussehen, also gar nicht. Das ist ausgesprochen arty für einen Film mit solch einer Besetzung. Es ist beinahe sensationell. Doch niemanden wundert’s, geht es doch um Ihn. Es geht um das Mysterium, oder erwähnte ich das bereits.
Vielleicht ist der Film so gut, wie ihn viele finden, vielleicht hinterlässt er tiefe Eindrücke und die Zusammenstellung funktioniert brilliant. Das ist sehr gut möglich, es wäre sogar schön. Man wird den Film schon sehen müssen, um das zu sagen.
Aber eines werde ich nie begreifen, und das ist der ganze große Mysterien-Spuk um Bob Dylan. Dass sich Kohorten von Kritikern seit bald einem halben Jahrhundert vor Ihm auf dem Boden werfen, sich ihr Leben lang dort wälzen und immer, aber wirklich immer wieder dieselbe Frage stellen: Wer ist dieser Mann?
Vielleicht ja einfach dies: ein launischer Über-Grantler, der gute, authentische Musik machen wollte, der mal auf dies und mal auf jenes Lust hatte, und der, zumindest bis 1975, eines der größten künstlerischen Genies des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Manchmal sind die Antworten auf tief klingende Fragen nicht kompliziert. Aber manchen bereitet das Idolisierungsgeraune mehr Lust als jede Antwort.
Und jetzt muss ich auf den wohl brilliantesten und bestbeobachteten Artikel verweisen, der jemals über Dylan geschrieben wurde. Der Artikel ist erst anderthalb Jahre alt, er ist von Louis Menand und stand im New Yorker.
Nach einigen unglaublich scharfsinnigen Bemerkungen zur furchterregenden Gesprächsdynamik von Interviews mit Bob Dylan bemerkt Menand, dass Dylan schon immer so gewesen sei, wie er sich in Interviews gab. Und wenn schon nicht der halbe Artikel hier reinpasst, dann sei zumindest die folgende Passage zitiert. Denn diese Passage enthält die tiefste und einfachste Einsicht, formuliert von einem unbekannten „Mann namens Harry Weber“:
The discrepancy between Dylan the interview subject and Dylan the musician is not an artifact of celebrity. [...] it’s almost the first thing that people who knew him mention when they’re asked about their initial impression. “I wanted to meet the mind that created all those beautiful words,” Judy Collins told David Hajdu […]. “We set something up, and we had coffee, and when it was over, I walked away, thinking, ‘The guy’s an idiot. He can’t make a coherent sentence.’ ” The first time Joan Baez heard Dylan sing one of his own songs—he played “With God on Our Side” for her—she was floored. “I never thought anything so powerful could come out of that little toad,” she said. She proceeded to fall madly in love with him, and bought him a toothbrush.
People who have this experience with Dylan tend to conclude that he is a complicated human being, but the logical conclusion is the opposite one. [Robert] Shelton, for his biography, interviewed a man named Harry Weber, who knew, and didn’t especially like, Dylan in Minneapolis, back in 1959, when Dylan was a student (sort of) at the University of Minnesota. “Dylan is a genius, that’s all,” Weber said. “He is not more complex than most people; he is simpler.” On most subjects that normal people talk about, Dylan seems either not to have views or to have views indistinguishable from the views of everyone else who’s hanging around the coffeehouse. His conversation is short and not always sweet. But there is one topic he does like. He is a songwriter. He likes to talk about songs. When interviewers figure this out, the work gets easier.
Nochmal: Dylan ist ein Genie, das ist alles. Er ist nicht komplexer als die meisten Leute, sondern einfacher gestrickt. Danke, Harry.
Zumwinkel=Rushdie: Roger Köppel vergleicht Steuerfahndung mit Fatwa
Roger Köppel beschäftigt sich in seiner Freizeit gern mit Kriegsführung – nun hat der Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“ und vormalige Chef der „Welt“ ein neues Schlachtfeld für sich entdeckt: Die Diskussion um die Steuerhinterziehungen mit Hilfe Liechtensteiner Stiftungen. Mit dem Gestapo-Vergleich hat ja schon der Chef der Schweizer Bankiersvereinigung, Pierre Mirabeau, rhetorisch mächtig etwas vorgelegt, aber Köppel, der geübte Provokateur lässt Mirabeau im Editorial der neuesten „Weltwoche“ wie einen Chorknaben aussehen. Er vergleicht die Jagd auf Steuersünder mit der Fatwa, also dem Todesurteil, die einst gegen Salman Rushdie ausgesprochen wurde und ihn zu einem Leben auf der Flucht vor Mördern zwang. Für Köppel kommt die Zahlung von fünf Millionen Euro an den anonymen Informaten dem Kopfgeld von drei Millionen Dollar gleich, das das iranische Staatsoberhaupt Khomeini einst auf Rushdie aussetzen ließ.
Als den „grössten Diebstahl geistigen Eigentums in der Geschichte der modernen Steuerfahndung“, bezeichnet Köppel die Aktion der Bochumer Staatsanwaltschaft und weiter: „Die Berliner Regierung belohnt den Rechtsbruch eines Bankangestellten, der Kundendaten geraubt und widerrechtlich außer Landes geschafft hat, mit einer Prämie.“ Der organisierte Rechtsbruch der Steuersünder ist Köppel dagegen egal.
Überhaupt, so Köppel weiter in seiner Suada, gehe es in Deutschland mächtig bergab. Hetzjagden auf Reiche seien nicht das einzige Übel, es gebe auch unter der neuen Regierung „keine Entlastung des Staatshaushalts“, was ja eine verwegene Ferndiagnose ist – angesichts des Umstands, dass der Staatshaushalt 2007 nach Jahren der Milliardendefizite erstmals seit 1989 ausgeglichen war.
Dass es Köppel mit den Bilanzen nicht so hat, zeigt sich auch im Rest des Editorials. So habe der scheidende Fidel Castro „mehr Leute auf dem Gewissen als Chiles Ex-Diktator Pinochet“, so Köppel. Und weiter: „Pinochet hinterliess eine Demokratie samt blühender Marktwirtschaft“.
Da haben die deutschen Steuerfahnder aber echt noch mal Glück gehabt, dass sie nur mit islamistischen Mördern verglichen wurden.
Spiegel Online, nicht immer in D.C. unterwegs
In hiesigen Leitmedien verkaufen ja deutsche USA-Berichterstatter ganz gerne Ideen ihrer amerikanischen Kollegen als eigenes Gedankengut und tänzeln dabei öfters an der Grenze zum Plagiat. In der Blogbar ist vor wenigen Stunden ein nettes Beispiel dafür dokumentiert worden, wie einer nicht rumtänzelt, sondern stattdessen einfach mal ganze Passagen abschreibt und fremde Inneneinblicke als seine eigenen ausgibt.
Ob Spiegel Onlines USA-Korrespondent Gregor P. Schmitz oft in Washington D.C. unterwegs ist, ist nicht ganz klar, aber immerhin ist er in der Washington Post unterwegs. Für seinen Artikel vom 18.02.2008 über Barack Obamas Wahlkampfteam bedient er sich ungeniert bei einem Artikel in der Washington Post vom 08.10.2007.
Im ersten Absatz von Schmitz’ Artikel fällt im Zusammenhang mit einer Detailschilderung der unspezifische Verweis: “war in der Washington Post zu lesen”. Damit wird wohl nicht nur die Information als abgegolten betrachtet, dass Obama einen Klappstuhl heranzog und sich seiner Wahlkampfhelferin Julianna Smoot gegenübersetzte. Auch nicht die komplett nachgeschriebenen beiden Eingangsabsätze. Sondern auch weitere Passagen, die erst viel später im Text auftauchen.
Aber selbst mit dem Abschreiben scheint es nicht recht geklappt zu haben, wenn man die Passagen über Wahlhelferin Smoot aus den beiden Artikeln einmal miteinander vergleicht: Aus “Smoot, 40, … fast-talking” wird “Smoot, eine sehr schnell redende”, nun ja, “Mittvierzigerin”. Abschreiben muss man eben auch können.
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Nachtrag, 13:50 Uhr: Damit keine Missverständnisse aufkommen: “Don Alphonso” fügte seiner Meldung in der Blogbar nach unserem Austausch in den Kommentaren in großen Lettern hinzu: “[Update:] Fehler meinerseits.” Das scheint dazu geführt zu haben, dass von vielen der ganze Eintrag dort als Falschmeldung betrachtet wurde. Das ist er nicht. Das Dementi betrifft nur eine unnötige Verschärfung, die Fonsi in den anschließenden Kommentaren hinzugefügt hatte: seine Behauptung, der SpOn-Artikel vom 18. Februar sei erst nachträglich mit einem Verweis auf die Washington Post versehen worden.
Fonsi behauptete in einem Kommentar, er habe einen Screenshot einer älteren Version, in der noch kein Verweis auf die Washington Post enthalten sei. Als ich den Screenshot zum Beweis gerne sehen wollte und er die relevanten, eng umrissenen Ausschnitte unter den Eintrag in sein Blog gestellt hatte, stellte sich drolligerweise raus, dass die “ältere” und die “neuere” Version identisch waren und beide den Verweis auf die Post enthielten. Fonsi stellte das auch fest, als er die Textausschnitte mal betrachtete, und gab den Fehler zu. Ich habe das Ganze von vornherein aus dem obigen Eintrag herausgehalten.
Aarrondissement Glucksmann
Im ganzseitigen Interview der SZ-Wochenendbeilage, diesmal mit André Glucksmann (übrigens wirklich interessant und gar nicht prätentiös), ist viel von einem einflussreichen französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts die Rede: “Denken Sie an diese großen Dispute zwischen Camus, Sartre, Aaron” heißt es zunächst, und wir versuchen es beim dritten Namen auch kurz, aber es kommt nichts.
Dann wird klar, dass Raymond Aron gemeint ist. Und er wird nicht ein einziges Mal versehentlich “Aaron” genannt, auch nicht zweimal, sondern in jeder Erwähnung, volle achtmal. Oh Mann.
Eine Aussage Glucksmanns im Rückblick auf die 1980er Jahre ist in ihr Gegenteil verkehrt worden: “Ich war gegen die Stationierung von SS-20- und Pershing-II-Raketen” steht im Interview. Tatsächlich war er dafür, hatte sogar ein Buch darüber geschrieben. Und er erinnert sich daran sehr gut.
‘Ethics Bites’
Empfehlung: Die Open University, Großbritanniens Fernuniversität, hat gestern auf ihrem mit der BBC betriebenen Bildungsportal begonnen, eine neue Podcast-Reihe auszustrahlen. Es ist eine Interview-Reihe, sie heißt Ethics Bites, und in der ersten Folge geht es mit dem weltberühmten australischen Moralphilosophen Peter Singer (Princeton) darum, wie Menschen Tiere behandeln.
In jedem Podcast von Ethics Bites soll mit einem Moralphilosophen über ein Thema aus der angewandten Ethik gesprochen werden. Die Reihe wird jeden Mittwoch fortgesetzt, insgesamt in 14 Folgen. Die beiden Interviewer sind bewährte Philosophie-Vermittler und keine Verdunkler.
Wer mit dem gesprochenen Englisch dort Verständnisprobleme hat und den Podcast vor dem Rechner hört, der kann unter der Registerkarte “Read” eine Mitschrift mitlesen.
Neurononsens im Politikfeuilleton
Der taz-Autor Jan Feddersen beteiligte sich heute an der allgemeinen Begriffsanalyse um Assimilierung und Integration, die nach der Kölner Arena-Rede des türkischen Ministerpräsidenten eingesetzt hat. Als Feddersen sich die eigentlich recht einfache Aufgabe vornahm, die Idee der Assimilierung gegen den abstrusen Vorwurf eines “Verbrechens gegen die Menschlichkeit” zu verteidigen, wird er sich gedacht haben, er werde das jetzt besonders clever anstellen. Und er glänzte mit folgendem pseudowissenschaftlichen Brückenschlag zu seiner ungefähren gesellschaftspolitischen Grundaussage, es sei eine gute Sache, wenn sich Migranten assimilieren:
Aus der Neurobiologie ist überliefert, dass es keine Integration ohne Assimilierung gibt. Wer in ein System will, muss sich an es anpassen – und wird sich verändern. So wie auch das gegebene System sich mit den neuen Teilen verändert. Gesellschaftlich gesprochen: So wie die Attributierung “deutsch” schon immer eine künstliche Anordnung des nicht Anzuordnenden war, so hat sich dieses Land grundsätzlich durch Migranten verändert.
Keine Sorge, wenn Sie nicht verstehen, wo da der Zusammenhang sein soll. Es gibt keinen. Dafür gibt es später noch einmal eine ähnliche Argumentationsfigur:
Aus der Neurobiologie ist wiederum bekannt: Nur Systeme (und die in ihnen wirkenden Synapsen), die offen für Einflüsse durch hinzukommende Elemente sind, überleben. Purifizierungen (“das Deutsche”, “das Türkische”) sind mit dem wahren Leben nie in Deckung zu bringen.
Auch überliefert aus der Neurobiologie ist zum Beispiel, dass Neuronen jede Menge Dendriten haben. Könnte das denn nicht nun – es ist ja kein großer Schritt – als Rechtfertigung der, sagen wir, Vielweiberei missbraucht werden, Herr Feddersen? Und wo wir schon einmal darüber nachdenken: Ist nicht die Doktrin von der Diskontinuität benachbarter Neuronen, recht betrachtet, eine gewaltige kulturtheoretische Herausforderung für das Konzept der Migrantenintegration?
Möglich, dass Feddersen seinen Hinweisen auf die Neurobiologie überhaupt gar keine argumentative Rolle zuweisen will. Vielleicht sollen sie nur ein bisschen danach aussehen. Vielleicht weiß er auch selbst nicht genau, was der Quatsch soll.
Nachrichten, meistvernachlässigt
Die journalistische Initiative Nachrichtenaufklärung hat am vergangenen Freitag ihre Auswahl der in Deutschlands Medien meistvernachlässigten Themen des Jahres 2007 bekanntgegeben. Diese Initiative gibt es seit 1997, sie ist gewissermaßen eine kleinere deutsche Version des amerikanischen Project Censored.
Project Censored existiert schon seit 1976, und seit den Neunzigern bringt man dort jährlich eine Sammlung der 25 meistvernachlässigten Nachrichtengeschichten in den USA heraus. Hier das Jahrbuch von 2008 für 2006/07. Und weil diese Listen so interessant sind, sei noch gleich auf die beiden vorangegangenen Jahrbücher verlinkt: das von 2007, und das von 2006.
Seltsamerweise ist die INA noch ziemlich genau so unbekannt wie die Themen, die sie zu den meistvernachlässigten kürt. Dabei ist ihr Anliegen so wichtig, dass, wenn es solch eine Inititative nicht schon gäbe, irgendjemand in Deutschland doch auf der Stelle eine gründen müsste. Immerhin, Spiegel Online brachte dieses Jahr eine eigene Meldung dazu – das muss man ihnen lassen.
Themenvorschläge für das laufende Jahr nimmt die INA bis zum 15.11.2008 entgegen. Unten ihre Spitzenthemen für 2007:
1. Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz
2. Politiker behindern Einrichtung von Ombudsstellen
3. Qualitätsverluste im Journalismus
4. Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit – eine tickende Zeitbombe?
5. Städte kippen den Baumschutz
6. Die Schweiz beschließt neue Atomkraftwerke
7. Fragwürdige Auslandsgeschäfte der WestLB
8. Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kolonialverbrechen in Afrika
Wissensvermittlung
Die Wissensseite der SZ referierte an diesem Dienstag (5. Feb. 2008) einen interessanten Kurzartikel aus Science, einer der zwei Überzeitschriften in den Naturwissenschaften. Es geht um sprachliche Evolution. Die Science-Autoren haben Belege dafür geliefert, dass sich menschliche Sprachen vorwiegend in kurzen, ausbruchsartigen Phasen weiterentwickeln und dass neue Sprachen sich innerhalb genau solcher Phasen abspalten. Die SZ teilt mit: “Das haben nun Wissenschaftler des Instituts für kognitive und evolutionäre Anthropologie an der Universität Oxford anhand eines linguistischen Stammbaums gezeigt.”
Die sind vielleicht schnell, staunte man da zunächst, wenn man wusste, dass dieses Oxforder Institut (ICEA) nagelneu ist und erst im Herbst 2007 seinen Betrieb aufgenommen hat. Dann, bei einem Blick auf das Abstract bei Science, stellte sich raus: Tatsächlich ist keiner der fünf Autoren des Artikels mit ihrer Forschungsarbeit auch nur an die Oxford University angegliedert gewesen.
Augenfälliger: Der SZ-Beitrag enthält eine Art von Fehlübersetzung, der längst kaum mehr zu entkommen ist. Es ist nicht nur von einem “linguistischen Stammbaum”, sondern auch von einem “linguistischen Gründereffekt” die Rede. (Die Idee eines Gründereffekts stammt aus der Populationsgenetik; die Science-Autoren hatten sie auf den Bereich der Sprache übertragen).
Und jetzt wird es prinzipiell: Etliche deutschsprachige Journalisten würden sich und ihren Lesern einen großen Gefallen tun, wenn sie damit Schluss machten, bei der Übersetzung englischer Vokabeln ständig ihre sprachliche Kompetenz zu überschätzen und sich mit halbgeöffneten Augen auf ungefähre Ausdrucksähnlichkeiten zu verlassen. Hier zum Beispiel, es ist typisch.
Das englische “linguistic” ist zweideutig. Der Ausdruck kann auf der einen Seite “sprachlich” heißen, auf der anderen Seite aber auch “sprachwissenschaftlich”, “linguistisch” (was das gleiche ist). Während das Deutsche hier über drei Ausdrücke für zwei Bedeutungen verfügt, gibt es im Englischen, warum auch immer, nur einen einzigen Ausdruck. Und der von den Wissenschaftlern beschriebene “linguistic founder effect” ist ein “sprachlicher Gründungseffekt”. Und der darf auch gerne so genannt werden, jedenfalls wenn Leser, die wissen, was “linguistisch” bedeutet, nicht unnötig mit der Frage beschäftigt werden sollen, was denn mit dem “linguistischen Gründereffekt” gemeint sein könnte.
Immerhin, auch der Übersetzungsfehler im Beitrag über Sprachevolution verursacht noch keine größeren Schäden. Dafür kommt es weiter links auf derselben Wissensseite dann aber wirklich knüppeldick.
Es geht um Ernährungsexperimente mit Mäusen, die eine Forschergruppe vom MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt hat. Verschiedene Gruppen von Labormäusen waren nach unterschiedlichen Ernährungsplänen gefüttert worden; die anschließenden Ergebnisse wurden kürzlich in einem Online-Journal veröffentlicht. Und nun – kein Witz: Das englische “diet”, das zunächst einmal vor allem “Ernährung” bedeutet und in dieser Bedeutung den gesamten wissenschaftlichen Aufsatz durchzieht, übersetzt der SZ-Autor mit “Diät”.
Nein, wirklich: mit “Diät”. Hier etwa: “In der Leber fanden [die Wissenschaftler] große Unterschiede zwischen den einzelnen Diät-Typen.” Oder hier: “Somel hat mit seinen Kollegen Mäuse nach unterschiedlichen Diätplänen gefüttert”.
Nicht einmal vom selbst wiedergegebenen Sinnzusammenhang wollte sich der sprachlich herausgeforderte Autor oder sonst ein Korrekturleser retten lassen. “Die erste Gruppe bekam alles, was die Instituts-Kantine hergab”. Noch Fragen? Die zweite Mäusegruppe “wurde mit den fett- und zuckerreichen Menüs einer Fast-Food-Kette gefüttert”. Diät.
Das hat er nun auch nicht verdient
Langsam kann einem Stefan Aust richtig leid tun. Erst wird ihm Knall auf Fall und auch noch im Urlaub gekündigt und nun stellt man ihn auch noch frei, damit er keinen Schaden mehr anrichten kann. Dieser plötzliche Stimmungsumschwung beim Spiegel mutet schon bigott an, schließlich hat sich die feige Redaktion jahrelang demonstrativ vor Aust gestellt, obwohl dessen weitere Eignung schon vor einiger Zeit mit Recht hinterfragt werden konnte: Die Nähe zu Springer und zu den großen Wirtschaftsunternehmen, die unselige Klüngelei mit Schirrmacher, das Politikmachenwollen und der Hang zu Geschichten über die Estonia. Aber als Franziska Augstein diese Art der Chefredaktion vor Jahren mit Fug und Recht kritisierte, gab es einen Aufschrei.
Nun aber sind alle ganz mutig und jagen den armen Aust vom Hof. Wohl auch, weil er sich beim Pokern um eine Abfindung bislang unnachgiebig gibt. Wer will es ihm verdenken.
Inhaltlich hat sich der gefühlte Abgang von Aust allerdings schon ausbezahlt. Diese Woche findet sich die Meldung im Blatt, dass Homo-Paare genauso glücklich sind wie Hetero-Paare, was außer dem Spiegel wohl niemanden überrascht, im traditionell homophoben Nachrichtenmagazin (man lese nur noch einmal die Berichterstattung über Ole von Beust) aber eine kleine Revolution ist. Außerdem ist diese Woche ein seit Jahren vermisster Beitrag über den Niedergang der Bild-Zeitung im Blatt, nachdem der Spiegel es unter Aust stets vermieden hat, die Bild unter Kai Diekmann ernsthaft zu kritisieren. Nur die Gründe, die die Spiegel-Redakteure für den Niedergang des Schmuddelblatts anführen, könnten auch noch von Aust stammen: Nicht die ständigen Persönlichkeitsverletzungen sind schuld oder die Gaga-Geschichten über Dieter Bohlen, auch nicht der Umstand, dass Bild nur noch über B-Prominente berichten kann, weil sich viele der anderen dem Blatt verweigern – nein. Schuld ist laut Spiegel das Internet, in dem sich soviel Schund befindet, dass Bild nicht mehr konkurrieren kann.

