Lob der New York Times, Part II

nyt-munition.pngGestern und heute berichtete die New York Times über ein Waffengeschäft wie aus einem Satireroman. Demnach hat ein 22-Jähriger einen 300-Millionen-Dollar-Auftrag vom Pentagon bekommen, um für den Kampf gegen den Terror Waffen nach Afghanistan an die dortigen Streitkräfte zu liefern. Anstatt ordentlicher Munition lieferte die in Miami ansässige Firma allerdings mehrere Jahrzehnte alte Munition aus chinesischer Produktion, die man irgendwo im ehemaligen Ostblock zusammenkaufte, bevor sie verschrottet werden konnte.

Die Geschichte basiert auf einer mehrmonatigen Recherche und ist voller irrer Wendungen: Es gibt einen Vizepräsidenten, der eigentlich Masseur ist, natürlich einen Schweizer Waffenhändler als Mittelsmann (wie in Kir Royal), es gibt explodierenden Waffenschrott, und es gibt korrupte albanische Politiker. Obwohl die New York Times haarklein nachweist, dass der Waffen-Twen aus Miami gegen den Vertrag verstoßen hat, darf er wohl weiter liefern (bisher ging Schrott für 150 Millionen Dollar nach Afghanistan) – nur von zukünftigen Aufträgen wurde die Firma ausgeschlossen. Die NYT widmete der Story zwei volle Seiten, die zum Besten gehören dürften, was in diesem Jahr an investigativen Geschichten veröffentlich wurde.

In Deutschland haben sich manche Medien des Themas angenommen. Zum Beispiel Spiegel Online, wo man aber schon im ersten Satz einen dicken Fehler einbaut: “Eine vom Pentagon beauftragte US-Firma hat über 40 Jahre lang alte Waffen und Munition nach Afghanistan geliefert” heißt es da. Dabei hat die Firma nicht 40 Jahre lang, sondern 40 Jahre alte Munition geliefert, und zwar seit 2007.

Gespannt darf man mal sein, ob die Geschichte in der New-York-Times-Beilage der Süddeutschen Zeitung nachgedruckt wird. Denn wenn nicht diese Geschichte, weiß man nicht, welche es verdient hätte.

Warum sich die New York Times für tote DDR-Bürger interessiert
(und hier niemand)

grenzefrei.jpgIch bin gerade in New York und neben dem Wetter (sonnig, den ganzen Tag) kann man hier auch die Zeitung genießen, die vielleicht nicht jeden Tag besser ist als die Zeitungen in Deutschland, aber oft. Und manchmal fällt es einem schmerzlich auf (nicht nur, weil die New York Times ehrlicherweise fast täglich eine halbe Seite Korrekturen druckt, die Größe würde man deutschen Blättern wünschen).

Gestern war zum Beispiel ein großer Bericht in der New York Times über die vielen DDR-Bürger, die beim Versuch, während ihres Urlaubs von Bulgarien aus in den Westen zu gelangen, kaltblütig erschossen wurden. Entweder landeten diese armen Schweine in einem anonymen Grab in Sofia oder der Sarg wurde verplombt in die DDR geschickt, damit niemand die Schusswunden sehen konnte. Insgesamt sind auf diese Art mehrere hundert Menschen an der Grenze zur Türkei und zu Griechenland umgekommen. Das ist eine völlig unaufgearbeitete Geschichte über etliche DDR-Bürger, deren Urlaub am Schwarzen Meer in einem Grab am Todesstreifen endete und darüber, dass die bulgarischen Behörden bis heute den Zugang zu wichtigen Dokumenten verweigern. Und dennoch hat das hierzulande kaum eine Redaktion interessiert – mal abgesehen von einer Spalte in der FAZ im vergangenen Frühjahr und einem recht skandalisierenden Artikel im Berliner Kurier. Die Welt, die SZ, die taz und wie sie alle heißen, ließ das Thema kalt.

Der deutsche Professor Stefan Appelius, der eine ungeheure Energie auf die Aufarbeitung verwendet, blitzte auch beim Spiegel ab, wo das Thema dann irgendwann auf der Mitmachseite „Meine Geschichte” landete. Für Dummy war das Desinteresse ein Glück, denn so war Appelius bereit, die Geschichte für unser Türken-Heft aufzuschreiben und uns ein Interview zu geben. Nun hat er Gott sei Dank auch noch bei der New York Times Gehör gefunden. Und vielleicht landet diese Geschichte auf diesem Umweg auch in deutschen Zeitungen – denn statt selber gesellschaftlich relevante Themen jenseits des Mainstreams aufzuspüren und auf die Frontpage zu heben, delegieren deutsche Zeitungsredaktionen ja gern die Auswahl und Bewertung von Sujets an andere Medien – um sich dann ebenfalls zu trauen. Ich kann nur hoffen, dass für dieses traurige und wichtige Thema die alte Sinatra-Zeile gilt: If you can make it here…

Verschwundene Piloten

Gespenstisch. Am Sonntag vor drei Abenden bestätigte im ZDF-heute-journal Horst Rippert, ehemals deutscher Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg: Ja. Er habe am 31. Juli 1944, vor der Küste Südostfrankreichs, den legendären Schriftsteller-Piloten Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen. Einige Fachleute haben zwischenzeitlich Zweifel an der Zuverlässigkeit angemeldet, mit der sich das behaupten lässt. Immerhin scheint in der Sache aber durchaus gründlich recherchiert worden zu sein.

Keine ganzen zwei Tage später ist der Regisseur Anthony Minghella gestorben, ein ziemlicher Nachrichtenschock, das kam plötzlich und viel zu früh. Dieser Tage öfters an die überwältigenden Bilder aus seinem The English Patient gedacht. Der Film spielt auch im Mittelmeerraum während des Zweiten Weltkriegs, auch dort wird ein Schöngeist in seinem Flugzeug von Deutschen abgeschossen. Der Almászy, den Ralph Fiennes dort spielt, hat zwar nicht Le Petit Prince geschrieben, dafür trägt er aber überallhin seinen Herodot mit sich und legt Tagebuchnotizen zwischen die Seiten.

Zurück zum Luftwaffenpiloten Horst Rippert. Ich hätte ja gedacht, so jemand würde das Naheliegende sagen: Es war Krieg. Stattdessen aber sagte er dem ZDF:

Wenn ich ihn gesehen hätte, ich kannte ihn ja nicht persönlich, hätte ich bestimmt nicht geschossen.

Und die Nachrichtenagentur AFP zitiert ihn mit den Worten:

Wenn ich gewusst hätte, dass das Saint-Exupéry war, hätte ich niemals geschossen, niemals.

Er habe immer gehofft, es sei nicht Saint-Exupéry gewesen, den er da abgeschossen hatte, er hatte dessen Bücher in seiner Jugend geliebt. Das ist zunächst einmal herzzerreißend, es hat eine Tragik wie aus dem Englischen Patienten.

Nur, einmal langsam jetzt: Wie sollen das denn eigentlich die anderen Abgeschossenen finden, die, die keine Bücher übers Fliegen geschrieben hatten?

Frank Schirrmacher rettet unsere Hirne

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Das FAZ-Feuilleton hat eine neue Serie gestartet. Sie soll sich um den gegenwärtigen Kenntnisstand der Hirnforschung drehen (tatsächlich scheint es allgemeiner um Kognitionswissenschaft zu gehen). Und zwar mit einer Ausrichtung auf die praktischen Konsequenzen, die sich daraus ableiten lassen. Schöne Idee.

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher leitete ein; sein Artikel stand am Freitag im Netz, am Samstag in der Druckausgabe. Aber recht schnell wird bei der Lektüre deutlich: Schirrmacher macht es wieder einmal nicht unterhalb von epochalen Zeitenwenden und Menschheitsrettung. Schon zu Beginn des Artikels ist wieder dieser emotionsmanipulierende Schirrmacher-Sound im Spiel:

Jedermann spürt, dass der unleugbare Verlust an Lesefähigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens und der Denkleistungen führen.

Dieser Sound, der raunt und der keine Ausnahmen macht: Da wird etwas “gespürt”, von “jedermann”. Diesmal einen “Verlust an Lesefähigkeit”, ja, an “Aufmerksamkeit” überhaupt. Und der Verlust ist “unleugbar”, das wird vorsorglich auch gleich festgenagelt, bevor einer noch auf die Idee kommt, nach empirischen Belegen zu fragen.

Da wünscht man sich doch eines: dass so jemand, der ja generell vollkommen richtig damit liegt, naturwissenschaftliche Erkenntnisse auch ins Feuilleton zu tragen, sich einmal selbst am Methodenideal naturwissenschaftlicher Praxis ausrichtet. Einem Ideal der Nüchternheit und Redlichkeit, ohne das jene Resultate doch nie zutagegefördert würden, die er dann revolutionskündend verwursten kann. Dass er verfügbare empirischen Daten nüchtern wägt und die Schlussfolgerungen daraus mit angemessener Behutsamkeit wiedergibt. Egal welche Wünsche ihn umtreiben und welche Trends er gerne ausmachen würde.

Aber Trends und Meinungslagen identifiziert Schirrmacher gerne. Vor allen Dingen meint er hier, im Alltag herrsche die Meinung vor, unser Gehirn sei im Erwachsenenalter nicht modifizierbar!

Es ist, und das muss man wirklich betonen, überhaupt nicht klar, was er damit meinen könnte. Denn es ist trivial, dass sich unser Hirn laufend verändert. Aber er vertritt die Aussage ganz enthusiastisch:

Es ist traurig zu sehen, wie schlecht eine alternde Gesellschaft immer noch über ihr Hirn denkt: Immer noch glauben Menschen, was sie einst in der Schule lernten: dass das Hirn, ähnlich wie das Skelett, nach dem zwanzigsten Lebensjahr sich nicht mehr modifiziere.

Oder hier – da fällt dann das Wort “revolutionär”:

Was wollen wir? Die Vorstellung wecken, dass das Hirn veränderbar ist, dass es sich verbessern kann, dass die im Alter wachsende Selbstdiskriminierung des Denkens obsolet ist – auch hier wird die alternde Gesellschaft eine revolutionäre Gesellschaft sein.

Ehrlich gesagt: Ich habe noch nie von der angeblichen Schulweisheit gehört, das Gehirn sei ab 20 unveränderbar wie das Skelett. Ich vermute eher: Wenn Sie sich unter Laien umhören würden, dann würden Ihnen die meisten ehrlich antwortenden Leute sagen, dass sie schlechterdings keine Meinung dazu haben, ob das Gehirn im Erwachsenenalter “veränderbar” ist, “ähnlich wie das Skelett”, oder nicht. (So etwas gibt es nämlich auch.) Falls sie nicht gleich, und das wäre das einzig Sinnvolle, zurückfragen würden: Was meinen Sie damit überhaupt?

Moralpolitischer Wochenrückblick

In New York, dem drittbevölkerungsreichsten Staat der USA, dessen Bruttosozialprodukt in einem internationalen Ländervergleich immerhin auf Rang 16 käme, im Staat New York wird kommenden Montag ein neuer Gouverneur eingeschworen. Er heißt David A. Paterson, und er ist blind. Nebenbei ist er ein Afroamerikaner aus Harlem. Ich finde das außerordentlich berichtenswert. Von dem hätte ich in deutschsprachigen Medien gerne mehr gesehen als fast gar nichts. Die SZ widmete ihm am Freitag immerhin ein ordentliches Kurzporträt in der Profil-Rubrik auf ihrer Meinungsseite.

Paterson scheint außerdem ein interessanter Typ zu sein. Unter anderem sagt er von sich, wenn er Fehler in der Politik mache, dann normalerweise insofern, als er “zu sehr versuche, Leute zusammenzuhalten und jeden glücklich zu machen”. Keine Ahnung, wie sich Paterson in Rip-Off City New York durchgesetzt hat.

Für Moral- und Rechtsphilosophen war es eine hochinteressante politische Woche; jede Menge guter Stoff für Klausuraufgaben war dabei.

Eliot Spitzer, Patersons Vorgänger, trat am Dienstag mit Gattin vor die Presse, um sich zu entschuldigen. Bei seiner Frau und seinen Kindern, natürlich – aber auch bei allen anderen, und vor den Augen aller anderen. Warum muss das sein? Bei dem verlogenen Theater drückte er die Lippen derart zusammen, dass man sich Sorgen machte, er könne sich verschlucken. Er hatte Beziehungen zu einem Edelcallgirl unterhalten. Weiter nichts? Nein. Unter Frankreichs Präsidenten dürfte so etwas schon fast zum guten Ton gehört haben. Am lustigsten war noch die Meldung am Rande, dass Spitzer “beim Emperor’s Club VIP, der Prostituiertenvermittlung, als schwieriger Kunde galt, weil er Sexpraktiken verlangte, die ohne Schutz nicht sicher sind”.

Aber wie man darauf kommt, dass die Glaubwürdigkeit eines Politikers, der sich in der Korruptionsbekämpfung einen kompromisslosen Namen gemacht hat, unter dessen Sexualverhalten leiden müsse, das ist mir ein Rätsel. Das würde wohl auch Bill Maher meinen.

Und sonst? Gegen Wochenbeginn präsentierten manche parteipolitische Kommentatoren ein paar phantasievolle Abwandlungen des Versprechensbegriffs. Davon wollen wir mal, schon aus Zeitgründen, höflich schweigen.

Und am Donnerstag bestätigte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe: Ja, für Inzest kommt man in Deutschland noch ins Gefängnis. Begründung: vollkommen nebulös. Wenn das eugenische Argument wegfällt – das man bei Schwerbehinderten ja auch nicht anwendet – dann bleibt wenig übrig. Erst recht gibt es kein Opfer. Nur eine zugegebenermaßen tiefverwurzelte emotionale Abscheu, die strafrechtlich irrelevant ist.

Es ist verrückt: Für schlimme Gewaltdelikte hat man in Deutschland mitunter weniger Strafe zu befürchten als für konsensuellen geschwisterlichen Beischlaf. Und noch weniger natürlich dann, wenn man besoffen war. Das soll einer verstehen.

Küss mich: Warum die Medien American Apparel lieben

Es ist schon seltsam, wie leicht es manche Firmen haben, Verbrauchern und Medien eine „corporate social responsibility“ vorzugaukeln, hinter der meist nicht mehr steckt als ein Marketingtrick. Besonders erfolgreich damit ist das Modelabel American Apparel, das nicht nur mit latent sexistischer Werbung wirbt, sondern auch damit, dass man nicht in der Dritten Welt zu Niedriglöhnen in sogenannten sweatshops produziert, sondern alles unter einem Dach in „Downtown-L.A.“.aa-kuss.png So steht es in jeder Unterhose mit Eingriff und in jeder Leggins (hätte man auch nicht gedacht, dass das alles noch mal modern wird). Und so sind die deutschen Medien allesamt seit Jahren ganz aus dem Häuschen. Erst am Wochenende jubelte die Münchener Abendzeitung über das Unternehmen, und die Süddeutsche schrieb im Dezember den besonders arglosen Satz: „Hier kann man shoppen und die Welt verbessern.“ Der Stern feierte das Unternehmen gar auf mehreren Seiten und lobte den Einsatz biologischer Baumwolle – wobei nicht einmal American Apparel selbst behauptet, damit viel am Hut zu haben und man in den Shops, etwa am Wittenbergplatz, nur ein paar Hemdchen aus organic cotton findet.

Bei American Apparel hat man viele der lobpreisenden Artikel aus der deutschen Presse auf seine Homepage gestellt. Wenn man allerdings nachfragt, ob man ein wenig mehr über das „Vertical Integrated Manufacturing“ (so hat AA das Unter-einem-Dach-Prinzip genannt) erfahren kann, bekommt man unter Hinweis auf das strenge amerikanische Börsengesetz keine Antworten mehr. Denn seit Ende letzten Jahres gehört AA zu einem Großteil einer New Yorker Investmentfirma, die den Schuldenberg mitübernommen hat, den der Aufbau des Filialnetzes gekostet hat.

So steht weiter die Frage unbeantwortet im Raum, ob es American Apparel mit dem viel beschworenen „Vertically Integrated Manufacturing“ gar nicht so genau nimmt. Gewoben werden die Stoffe jedenfalls zu einem großen Teil woanders: Laut Geschäftsunterlagen bezieht der Konzern rund 70 Prozent der fertigen Stoffe von Drittanbietern, ebenso werden zwei Drittel der Ware von anderen Firmen gefärbt. Zwei entscheidende Prozesse der Herstellung – das Weben der Baumwolle und das Färben der gewebten Stoffe sind also überwiegend outgesourcet – auch, wenn viele Medien genau das Gegenteil schreiben. Unter dem Dach des pinkgestrichenen Fabrikgebäudes in L.A wird vor allem genäht. Woher die Zulieferungen kommen, mag American Apparel nicht mitteilen.

Kann es also sein, dass American Apparel die böse Textilwelt gar nicht auf den Kopf stellt? Dass man nur soviel anders macht, wie es braucht, um als verantwortliches Unternehmen zu gelten? In den deutschen Medien wird man dazu leider nichts finden.

Spiegel Online: Brauchen gar nicht antreten!

Spät am Sonntagabend und die ganze Nacht auf Montag hindurch knallte Spiegel Online seinen Besuchern eine dramatische Top-Schlagzeile auf den Schirm – eine Schlagzeile von der Sorte, bei deren erster Betrachtung man leicht seinen Kaffee auf der Tastatur vergießt:

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Sie haben richtig gelesen: “Steinbrück gibt Wahl 2009 verloren”. Der “sieht kaum noch Chancen [...], die Bundestagswahl 2009 zu gewinnen.” Noch einmal langsam: Am 9. und 10. März 2008 titelt Spiegel Online also, der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück habe die anderthalb Jahre später stattfindende Bundestagswahl verloren gegeben.

Erster Gedanke: Steinbrück unter starker Belastung plötzlich irre geworden. Gedanken an ein altes Titanic-Cover schießen durch den Kopf (“Rudolf Scharping: Rinderwahnsinn jetzt auch bei Ziegen?”). Sagt der doch etwas, was die meisten Spitzenkandidaten nicht einmal denken, wenn sie zwei Wochen vor einer Wahl hoffnungslos hinten liegen. Wer hat sich denn jemals in der Politikgeschichte anderthalb Jahre vor einer Wahl verloren gegeben?

Und welche Substanz steuert der Artikel zu dieser Schlagzeile eigentlich bei? Nun, exakt dies berichtet Spiegel Online dort über Steinbrück:

Er hält das Rennen nach SPIEGEL-Informationen bereits für gelaufen. “Wir haben der Merkel doch den Teller sauber geleckt.”

Ja, genau: den Teller sauber geleckt. Mit anderen Worten natürlich: Rennen gelaufen. Oder besser: Wahl verloren. Ich sage mal: Brauchen gar nicht antreten. Hat denn Minister Steinbrück nicht eigentlich, recht betrachtet, genau das behauptet?

Zu einer derart sensationsgeilen Wahrheitsdehnung ist nicht einmal Bild.de bereit gewesen.

Franck, auch wir haben Frau und Kinder

Darf man vielleicht fragen, was das denn nun für eine Masche ist:
screenshot Ribéry-Trikot
“Franck [Ribéry], mach’ meine Tochter mit Deinem Trikot glücklich”.

Glaubt man dem Sportschau-Reporter, dann hat das sogar geklappt. Heute beim Bayern-Spiel gegen den Karlsruher SC. Die Sportschau-Aufzeichnung belegt es zwar nicht eindeutig, aber: Franck Ribéry, wieder bester Mann auf dem Platz, zieht sein Bayerntrikot aus und wirft es in die Menge. Zur Halbzeitpause.

Dr. Dr. Moralist

Kürzlich geschah in der SZ etwas gar Furchtbares. Man frug dort den Dr. Dr. Erlinger um Rat, den Gewissenskolumnisten des SZ-Magazins, und der erstellte ein kurzes deontisches Gutachten für das Vermischten-Ressort seiner Hauszeitung, Panorama. Doch beim Abdruck in der Donnerstagsausgabe unterschlug man alle beide Doktorgrade. Außerdem stellte man ihn, recht zutreffend, als Moralisten vor. Uns ist nicht überliefert, wie lustig er das fand.
Dr. Dr. Erlinger

Deutschland in der New York Times

Es kann nicht davon die Rede sein, dass dem außeramerikanischen Rest der Welt in der New York Times besonders gründliche Berichterstattung zuteil wird, und für Deutschland macht man dort keine Ausnahme. Der Erfurter Schulamoklauf im April 2002 war für die NYT big news, aber für Nachrangiges wie eine bundesdeutsche Kanzlerwahl musste man sich auf deren Website schon mal erst an absurden US-Sportnachrichten vorbeiscrollen.

Heute genoss Deutschland ein paar seltene Stunden des Ruhms auf der Online-Startseite. Nicht als Papst diesmal, aber als Küche. “Feines Essen schreitet voran in Deutschland” (“Fine Dining Takes Strides in Germany”). Es geht um zahlreicher werdende Sterneköche, die allgemeine Esskultur und eine Haute-cuisine-Version eines “traditional ham-and-egg sandwich called a strammer Max” (sic).

Immer gut zu wissen, was das Ausland gerade über einen denkt.

NYT 2008.03.06

Das ist aber kischig: Ein paar Punkte zu Journalistenpreisen

henri-nannen-preis.pngZur Zeit dürfte mal wieder die Jury des Henri-Nannen-Preises tagen, der früher mal Egon-Erwin-Kisch-Preis hieß – Kisch wurde die Ehre womöglich aberkannt, weil er kein Gruner+Jahr-Mitarbeiter ist. In der Jury des Henri-Nannen-Preises sitzen neben Alice Schwarzer und Helmut Markwort unter anderen die Chefredakteure von Süddeutsche Zeitung, Zeit, Welt am Sonntag und GEO, und ein Spiegel-Reporter. Im letzten Jahr durften sich alle freuen: Die Preise gingen an Süddeutsche Zeitung, Zeit, Welt, GEO und Spiegel. Man darf gespannt sein, wer dieses Jahr am 9. Mai im Hamburger Schauspielhaus geehrt wird.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Arbeiten, die prämiert wurden, nicht möglicherweise einen Preis verdient haben. Aber vielleicht könnte man in Zukunft noch ein paar andere Jury-Mitglieder berufen, die weniger befangen sind in ihrem Urteil. Vielleicht gibt es ja auch außerhalb der deutschen Chefredaktionen Menschen, die journalistisch Herausragendes von weniger Lesenswertem unterscheiden können.

In der Politik würde man so etwas jedenfalls Interessenkollision nennen. Oder besser: Die Journalisten würden es so nennen.

Ein anderer Preis ist der Lead Award, der für Zeitschriften vergeben wird. Morgen ist die Preisverleihung in den Hamburger Deichtorhallen und danach die große Spiegel-Party, die immer alle ganz toll finden – warum weiß ich auch nicht. Beim Lead Award ist die Jury so groß, dass alles Proporzdenken oder das Lancieren eigener Titel wenig Chancen haben. Dort gibt es untereinander so viele Freund- und Feindschaften, dass auch kleinere Titel eine Chance haben – alleine schon, um die anderen zu ärgern. Vielleicht hatten wir deswegen das Glück, dass DUMMY schon öfters ausgezeichnet wurde. Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, wenn so viele Vertreter aus Großverlagen zusammensitzen.

Aber auch dieser Preis hat so seine Seltsamkeiten. Für den Preis für das „Lead-Magazin des Jahres“, mit dem das innovativste Magazin des Jahres 2007 geehrt wird, ist in diesem Jahr der Stern nominiert. Kein Scherz. Und in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ war Vanity Fair ein heißer Anwärter – das ist das Magazin, dessen Verlag neulich den Chefredakteur auswechselte. Morgen abend wissen wir mehr.

Der absurdeste Preis aber ist der vom Art-Director´s Club, dem ADC, der einmal im Jahr die sogenannten Goldenen Nägel verteilt und den Rest des Jahres damit beschäftigt ist, diese Preisverleihung vorzubereiten. Es ist eine Werber-Veranstaltung (findet also in einer Branche statt, in der man sich noch lieber gegenseitig auf die Schulter klopft als unter Journalisten), aber es gibt auch Kategorien für die Presse. Wer diesen Preis gewinnen will, muss seine Arbeiten zum ADC schicken und für jede eingeschickte Arbeit Geld bezahlen, damit man sie sich dort auf Preiswürdigkeit hin anschaut. Wer viel Geld hat, kann also viele Arbeiten einreichen und seine Chancen so erhöhen. Daher hängen dort in den journalistischen Kategorien immer ganz viele Arbeiten aus großen Verlagen, die zwar nicht sonderlich innovativ sind, dafür aber ein schönes Budget haben. Wenn man gewinnt, zahlt man noch einmal richtig viel Geld – nämlich dafür, in einem dicken ADC-Buch deutlich Erwähnung zu finden. Vielleicht kann man es so sagen: Gegen den ADC ist die Jury des Henri-Nannen-Preise ein Hort der Unabhängigkeit.

Türkei: Die Diva und das Militär

Interessanter Bericht des Türkeikorrespondenten der SZ, der in der Freitagsausgabe unten auf der Seite Drei stand. Da hat offenbar am Montag vor sechs Tagen eine türkeiweit berühmte Gesangsdiva, Transfrau und Jurorin in der Casting-Show Popstar Alaturka anlässlich der türkischen Nordirak-Offensive über das Militär gewettert. Und nun ermittelt wieder der Staatsanwalt.

Das folgende Video hat zwar keine Untertitel [Nachtrag: und es enthält auch nicht die fraglichen Äußerungen, wie uns türkischsprechende Kommentatoren mitteilen] – dafür lässt sich in Strittmatters SZ-Artikel immerhin der eine oder andere O-Ton wörtlich nachlesen.

[Auf eine zumindest teilweise Aufzeichnung der fraglichen Äußerungen verlinkt "Ali" in den Kommentaren.] Offenbar hat hier nicht die türkische Internetzensur zugeschlagen. Bekanntlich wird in der Türkei mittlerweile “das Türkentum” auch gerne im Internet geschützt – etwa indem ein Strafgerichtshof schon einmal den Zugang zu youtube sperren lässt.

Spiegel-TV und “Die Macht des Orgasmus”

Da haben sie ja auf Spiegel Online etwas angekündigt für diesen Samstagabend. Mehr als zwei Stunden und bis nach Mitternacht soll es bei einem SPIEGEL-TV-Special auf VOX um den menschlichen Orgasmus gehen, und zwar wissenschaftlich. Interessant. Die Macht des Orgasmus. Aber könnte man denn bei der Spiegel-Gruppe nicht ein paar ordentliche Wissenschaftsjournalisten an so etwas ranlassen?

Mit “Magnetresonanz-Therapie haben Forscher ein Paar bei der Liebe quasi durchleuchtet”, steht in der Ankündigung geschrieben. Als müsse Beischlaf therapiert werden, anstatt Magnetresonanz-Bildgebung zu verwenden. Aber vielleicht meinen sie das ja auch nur “quasi”. Jedenfalls, das kurze Vorschau-Filmchen zur Vorankündigung verkündet schon allerhand Einsichten:

Sprecherin: “Ein schöner Busen ist nicht nur attraktiv, sondern sichert den Bestand unserer Spezies.”

O-Ton, später: “Eine Erektion ist für den Mann sehr wichtig, sie sichert den Erhalt unserer Spezies.”

Was auch immer das, abgesehen von den Trivialitäten, heißen soll: Es klingt gut. Schon auf dem Cover des Spiegel-Magazins fiel neulich der Ausdruck “Spezies”. Der bedeutet nichts anderes als “Art”, ein Ausdruck, der in der deutschsprachigen Biologie gebräuchlicher ist. Aber wenn sich einer nicht sicher ist, dann übersetzt er das englische “species” eben lieber mit “Spezies”. Das ist übersetzungstechnische Risikominimierung. Vor allem klingt es auch wissenschaftlicher.

Sieht man sich die Vorschau an, dann gelangt man schnell zu dem Eindruck, dass von diesem Film jede Menge an bequemen und vorschnellen evolutionstheoretischen Rekonstruktionen zu erwarten ist. Eine Herangehensweise, in der für so ziemlich alles, was an uns ist, wie es ist, eine rationalisierende Erklärung nachgereicht wird. In der evolutionäre Nebenprodukte und Zufälle nicht vorkommen, sondern jedes Merkmal als Resultat biologischer Anpassungen erscheint.

“Beim Sex hat die Natur nichts dem Zufall überlassen” teilt die Vorschau-Sprecherin mit, und der in diesem Zusammenhang nicht ignorierbare Professor David Buss (University of Texas, Austin) erklärt gleich, welche Funktion vaginale Kontraktionen erfüllen.

Tatsächlich herrscht unter Wissenschaftlern nicht einmal Einigkeit darüber, ob weibliche Orgasmusfähigkeit überhaupt ein Ergebnis natürlicher Selektion ist. Es ist, im offensichtlichen Gegensatz zum männlichen Orgasmus, nicht einmal klar, ob der weibliche Orgasmus einen nennenswerten Reproduktionsvorteil bietet. Und worin der denn bestehen könnte. Das ist, anders gesagt, eine offene Frage.

Gute Wissenschaftsvermittlung nennt offene Fragen beim Namen.