Schockerziehung per DVD-Trailer: Auch was für Vorschulkinder

bbfc-universal-suitable-for-all-200-pix.jpgIch hatte mir vor einigen Wochen ein paar DVDs bestellt, und darunter war eine aufwendige DVD-Box von The Wizard of Oz – dem größten Kinderfilm-Klassiker aller Zeiten, erschienen bei Warner Brothers. Kürzlich riss ich die Verpackung auf, klappte die fünfseitige, kaugummibunte Faltpappe in all ihrer Herrlichkeit auf, und ich legte die Film-DVD ein. “Somewhere Over the Rainbow” hören und ein bisschen träumen.

Nur: Da gab es erst einmal ein 43 Sekunden langes Schock-Video zu ertragen. Hämmernde, treibende, laute Musik, in die Crime-Sounds vom Brandausbruch bis zur Polizeisirene hineingesampelt worden waren und bei der jeder Herzkranke übern Jordan gegangen wäre. Extrem nervöse und verwackelte Aufnahmen von diversen Kriminaldelikten. Wildes Flackern allenthalben. Und fortwährend dazwischen-geschnitten, im Stile dessen, wie man sich Gehirnwäsche bei der psychologischen Kriegsführung vorstellt: flackernde, wabernde Textbrocken in ganz großen Buchstaben.

Diese Textbrocken, Wort für Wort auf den Bildschirm geschmettert, fügten sich zu Mitteilungen. Und weil das Ganze dankenswerterweise immer wieder erneut anläuft, wenn man die DVD noch einmal einlegt, habe ich es Einstellung für Einstellung einmal mitgeschrieben (Interpunktion zur Lesbarkeit nachträglich eingefügt):

YOU WOULDN’T
STEAL A CAR.

YOU WOULDN’T
STEAL A HANDBAG.

YOU WOULDN’T
STEAL A MOBILE PHONE.

YOU WOULDN’T
STEAL A MOVIE.

MOVIE

PIRACY

IS
STEALING.

STEALING

IS AGAINST

THE LAW.

PIRACY.
IT’S A CRIME.

Also: So eine nützliche Verbraucherinformation und Rechtsberatung ist doch mal wirklich überzeugend. (Vielleicht finden das ja auch die Verfasser des “Offenen Briefs zum Tag des Geistigen Eigentums” vom 25.04.2008.) Doch was mir beim Angucken schon die Sprache verschlug: Welcher losgelassene Irre hat denn dafür gesorgt, dass dieser Schocker aus der Abteilung Psycho-Attacke nicht selbst unter die Altersbeschränkung fällt? Kann man kleine Kinder mit gar nichts alleine lassen?

Es ist ja nicht nur so, dass die ganze DVD, der dieses Filmchen vorangestellt wurde, von der zuständigen britischen Behörde als UNIVERSAL, Suitable for all eingestuft wurde – also freigegeben ohne Altersbeschränkung. Die Komikertruppe, durch deren Hände das gegangen ist, hat sogar den Trailer selbst entsprechend klassifiziert. Zu sehen unten rechts, am Anfang des Stücks. Nicht zu fassen.

Komm’ in mein faules Flussbett: „Humanglobaler Zufall“, Teil 2

humanglobalerzufall.jpgAls Dennis Buchmann erfuhr, dass er in Zukunft sein eigenes Magazin für den Springer-Verlag produzieren darf, trank er erst einmal einen Schnaps. Dazu brachte er noch ein paar Worte wie „krass“, „toll“ und „super“ hervor – was man halt so sagt, wenn man erfährt, dass ein großer Verlag eine halbe Million Euro springen lässt, damit man sein eigenes Magazin machen kann.

Mit der Idee, ein globales Heft zu publizieren, in der die einzelnen Geschichten über die handelnden Personen miteinander verbunden sind – das also fern von jeder einengenden Ressortaufteilung die Möglichkeit bietet, schöne Reportagen und schöne Fotos zu drucken – hatte Buchmann zu Recht den Ideenwettbewerb „Scoop“ des Springer-Verlages gewonnen.

Das Magazin ist formal eine Mischung aus Tyler Brûlés “Monocle”, dem verblichenen “Freund” und einem ganz bestimmten Tintin-Heft. Die goldenen Lettern auf dem Titel sind leicht geprägt – seit dem Erfolg des Internets setzt die Print-Branche ja verstärkt auf sinnliche Erlebnisse, die ein Bildschirm nicht liefern kann. Das Heft ist ein Traum für Fotografen, denn die Bildstrecken sind mitunter 16 Seiten lang und in der ersten Ausgabe fast ausnahmslos sehenswert. Der Artdirektor Mirko Borsche und seine bewährten Fotografenfreunde aus gemeinsamer Zeit beim SZ-Magazin haben so gute Arbeit geleistet, dass man das Magazin gern mit sich herumträgt, anfasst, herumzeigt und anschaut. Nur lesen mag man es leider nicht.

„Sie sind gerade vom Praktikanten zum Chefredakteur berufen worden“, hat Buchmann der Leiter des Projekts und der Springer-Akademie, Jan-Eric Peters, wissen lassen. Und vielleicht war diese Beförderung keine gute Idee. Buchmanns Konzept ist so anspruchsvoll, dass es wohl auch Journalisten, die mehr als ein Praktikum bei der „Frankfurter Rundschau“ vorzuweisen haben, schwer hätten. Denn wenn man den roten Faden rund um die Welt spinnen will, ist man eben nicht nur auf den glücklichen humanglobalen Zufall angewiesen, sondern eben auch auf exzellente Beobachtung, die aus den mitunter recht banalen Lebensläufen der Protagonisten guten Lesestoff macht. Wenn man das nicht gerade rasend abenteuerliche Leben eines deutschen Pärchens beschreibt, das sich in Ecuador freiwillig um vernachlässigte Kinder kümmert, dann reicht eine Mischung aus Stilblüten („Das Problem in Mindo sind viele Probleme“), ziellos herummäandernden Daten („das durchschnittliche Jahreseinkommen ist auf 4500 Dollar gestiegen“) und sentimentalen Betrachtungen überm Pfefferminztee nicht aus. Da wird beim deutschen Entwicklungshelfer das eigene Lächeln zur „Belohnung“, die seine „Seele streichelt“ – auf diesen rhetorischen Salto Mortale muss man auch erst mal kommen.

Buchmann war leider nicht nur in El Salvador, sondern auch noch in New Orleans, wo er den Deutschen Sven getroffen hat, der „schnieke“ aussieht, wie Buchmann etwas maulfaul schreibt. Die Erde riecht „wie nach einem verfaulten Flussbett, das zum ersten Mal seit langem mit Sauerstoff in Berührung kommt“, was wohl daran liegt, dass New Orleans nun schon seit zwei Jahren eine Art verfaultes Flussbett ist. Gut, dass Sven nicht mehr dort ist, denn – so Romantiker Buchmann – der Hurrikan Katarina habe ihn „nach Lafayette direkt in die Arme von Carolyn geweht“. Ein echter „Sturm der Liebe“ eben. Aber auch auf Svens Leben in der Vorstadtsiedlung fällt ein Schatten. Auf der Straße liegt seit zwei Tagen ein überfahrenes Gürteltier – für den Reporter Buchmann eindeutig ein Zeichen moralischen Verfalls. „Keiner hat die Chuzpe, es wegzuräumen“. Armes Amerika.

Noch weniger Glück hatte ein gewisser Robert Green, der es ebenfalls auf den Notizblock schaffte, nicht ganz zu Unrecht. Denn während Sven in Carolyns Arme trieb, musste Green mit seiner Familie vor den Wassermassen auf ein Dach flüchten, wo seine dreijährige Enkelin von den Fluten fortgerissen wurde und ein paar Dächer weiter seine Mutter starb. Das alles ist Buchmann aber nur fünf Zeilen wert. Wichtiger ist, dass er in einer Marginalienspalte, wenige Millimeter von den ertrinkenden Menschen entfernt, erzählt, dass er in „Marley’s Sportsbar ein Bierchen trinken war“. Da riecht dann das ostentativ Menschelnde des Magazins ebenfalls faul wie ein altes Flussbett.

Die von Lisa Sonnabend verfasste Reportage über eine Zuckerrohrplantage in Costa Rica ist leider auch nur Kraut und Rüben. Auch hier hält der rote Faden nicht mal bis zur nächsten Geschichte. Eben noch erzählt Alejandro, dass nur 25 Prozent seines Zuckerrohrs zu Ethanol verarbeitet werden, der Rest aber den Menschen zuliebe zu Rum und Zucker, da wird sein Land schon in der nächsten Reportage (über seinen Freund Victor in Montreal) zu einer „riesigen Bioethanol-Plantage“ umgelogen. Schöne Freunde sind das.

Die Überleitungen zwischen den Geschichten sind eh reichlich bemüht, mitunter klingelt am Ende des Artikels das Telefon, an dem sich der Protagonist der nächsten Story meldet. So ein Zufall aber auch. Schön wäre, wenn das Telefon auch bei Buchmann mal wieder läuten würde und am anderen Ende wieder Jan-Eric Peters wäre – diesmal mit der guten Nachricht, dass der Springer-Verlag dem „Humanglobalen Zufall“ noch einen echten Chefredakteur spendiert. Dann könnte man als Leser auch mal einen Schnaps trinken.

Rezensentenkritik: So geht es auch

Als ich mich vor anderthalb Wochen an den Blogartikel über den Hörisch-Amoklauf im Meta-Feuilleton machte und an einer Stelle bemerkte, Burkhard Müller könne durchaus wieder härter trainieren, da hatte ich auch eine kuriose Leserbriefseite aus der SZ vom 08.04.2008 im Hinterkopf. Dort war die Hölle los gewesen; es war eine ungewöhnlich markige Zusammenstellung von Zuschriften eines ganzen Monats zu literarischen und sprachlichen Themen. Und in der rechten Randspalte antwortete der junge Großschriftsteller Daniel Kehlmann auf Burkhard Müller. Dabei zeigte er ganz nebenbei, unbemerkt von der breiteren Kulturöffentlichkeit, wie es richtig geht – wie sie auch aussehen könnte, so eine Rezensentenkritik.

In seiner Besprechung einer kürzlich erschienenen Biographie des Mathematikers Gauß (SZ vom 01.03.2008) hatte Burkhard Müller ein paar Seitenhiebe gegen Kehlmanns Klassiker Die Vermessung der Welt ausgeteilt: Er beklagte, in Kehlmanns Umgang mit den historischen Fakten “streift die dichterische Freiheit an die entstellende Schlamperei”. Und er lobte den Gauß-Biographen Hubert Mania (der heißt wirklich so) unter anderem dafür, dass er Kehlmann im “umsichtigen Gebrauch der Quellen” übertreffe.

Kehlmann erteilte Müller dann mal eine kleine Lektion in Sachen “umsichtiger Gebrauch mit den Quellen”, und er setzte ohne peinliches Rumgefuchtel eine Handvoll präziser Schwinger an, die Müller geradewegs auf den Ringboden beförderten:

cutting-20080408-sz-leserbrief-kehlmann.jpg

Was für eine runde kleine Sache, dieser Leserbrief. Da hat jemand die Fakten im Griff, da macht einer nicht auf Klaus Kinski oder Jochen Hörisch, sondern macht eine redundanzfreie, deutliche und dennoch souveräne Ansage – und man wird auch davon ausgehen können, dass er in der Cc-Zeile seiner E-Mail nicht mit den Big Shots aus seinem elektronischen Adressbuch herumgewedelt hat.

Wenn man mal kurz träumen darf – was könnte das wohl für ein schönes Celebrity-Deathmatch der zeitgenössischen Germanistik sein: Daniel “Big Time” Kehlmann vs. Jochen “Bananas” Hörisch.

So ein humanglobaler Zufall!

humanglobalerzufall.jpgSchön sieht es aus, das neue Magazin Humanglobaler Zufall, das dem Axel-Springer-Verlag nach dem Verscheiden des Freundes als kleines Feigenblatt gilt, damit sich der tendenziöse Kram des Verlages wie etwa die momentane Pro-Tempelhof-Kampagne unbeschwert verkaufen lässt (die mit einer unglaublichen Vehemenz für die wenigen Geschäftsflüge nach Graz, Friedrichshafen oder Brüssel kämpft, dass man sich fragt, ob es nicht eher um einen günstig gelegenen Flughafen für die Geschäftsflüge der Springer-Manager geht, die ja ganz in der Nähe in ihren Büros sitzen).

tim-und-struppi-cover.jpgJedenfalls sieht das neue Magazin, das aus dem Wettbewerb “Scoop!” hervorgegangen ist, so schön aus wie das Tintin-Heft “Coke en stock” (1958 erschienen; auf deutsch: “Kohle an Bord”) – und es ist ja auch ganz im Sinne Tintins angelegt: Mit der Lust am weltweiten Abenteuer.

Davon hat man auf der gestrigen Launch-Party im Berliner Münzsalon aber nicht wirklich etwas gespürt. Dort rannten alle mit Namensschildchen herum und irgendwie setzte sich so die devote Haltung des Chefredakteurs Dennis Buchmann fort, der im Editorial des neuen Heftes berichtet, wie er sein Konzept im Axel-Springer-Verlag vorstellte und ihm angesichts der “14 Topleute aus den verschiedensten Kreativbranchen” eine “Gänsehaut den Nacken hochkroch”. Dabei ist es doch eher so, dass die einfallslosen Verlagsmanager froh sein können, wenn Ihnen jemand eine schöne Magazin-Idee serviert, die sie schon lange selber nicht mehr hatten. Und die Idee von Humanglobaler Zufall ist ja auch bestechend: Geschichten über Menschen in aller Welt zu erzählen, die zu Geschichten über andere Menschen in aller Welt überleiten. Deswegen folgt hier bald eine ausführliche Rezension.

Eines fällt aber jetzt schon auf: Der Verlag unterstützt das Projekt mit einer halben Million Euro, was eine Menge Geld für drei oder vier Ausgaben ist – vor allem, wenn der Chef, in diesem Falle Buchmann, vieles selber schreibt. Dennoch heißt es im Editorial, Buchmann danke allen Beteiligten, “obwohl es nicht viel zu verdienen gibt”. Wo bleibt denn bloß das ganze Geld? Hat das alles der Artdirektor Mirko Borsche bekommen?

Der liebe Herr Blumencolo: Gute Stimmung beim Spiegel

spiegel-haus.jpgAnfang vergangener Woche erhob das ancien régime noch einmal sein böses Haupt. Mitten in die seit Wochen ungeahnt konstruktiv verlaufende Redaktionskonferenz polterte der Kultur-Ressortleiter Mathias Schreiber mit einer fein durchdachten Verschwörungstheorie: Der aus München angereiste Gastkritiker, Neon-Chefredakteur Timm Klotzek, sei von den Gesellschaftsreportern des Blattes instruiert worden, gegen das Feuilleton zu schießen. Die kleine Schreierei, die daraufhin anhob, führte allen Anwesenden noch mal vor Augen, wie es früher öfter war – bevor die Herrenreiter Aust, Matussek, Steingart und Preuß das Blatt verließen oder ins Glied zurücktraten. Und wie harmonisch es jetzt ist.

Denn mehr als inhaltlich hat sich in den Monaten seit dem Antritt der neuen Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo klimatisch getan. Wo früher jeder einfache Redakteur eine Liste mit Denkverboten im Kopf hatte, darf jetzt zumindest alles vorgeschlagen werden, ohne dass man mit einem mittelfristigen Karriere-Aus rechnen muss: Ausgeglichenen Stücke über die Gewerkschaften, kritische Berichte über die Stromkonzerne bis hin zu Generalverrissen der „Bild“-Zeitung. Und natürlich gibt’s auch nicht mehr soviel Pferdesport im Blatt wir früher.

Ansonsten hat sich inhaltlich noch nicht soviel getan, schließlich arbeiten Mascolo und Blumencron auch noch viele Geschichten aus der Aust-Ära ab. Der war schließlich Profi und hatte noch einige Titel für schlechte Zeiten gebunkert. So ist denn auch die Mischung eher eine Altbewährte: Ab und zu einen schönen Hitler, der sich am Kiosk rasend verkauft (bestes Heft in diesem Jahr: „Der Anfang vom Untergang“), dann mal wieder Neuigkeiten von Jesus und für Spiegel-Liebhaber aufwendig recherchierte Riemen wie der über die Korruption bei Siemens. So ist neben der Mischung auch die Auflage gleich geblieben – nämlich über einer Million, was für das Wohlbefinden in der Geschäftsführung immer ganz wichtig ist.

„Die Angst die Aust oder Steingart verbreitet haben, ist weg“, sagt ein Redakteur – und wie kuschelig es zugeht, zeigt auch der Betriebsausflug vom vergangenen Wochenende, auf dem Korrespondenten und Ressortleiter über das Heft plauderten und gemeinsam im Hamburger Norden Fußball spielten. Entschieden wurde nix oder wohl nur die Einstellung der bemühten Glosse auf den ersten Seiten, die erst neulich eingeführt worden war, aber nur zeigte, dass sich der Spiegel mit verordnetem Humor nach wie vor schwer tut.

Nun geht es darum, ob vom vernünftigen Ton im Inneren des Magazins auch die Leser profitieren. Ob etwa der Hang zu leidigen Geschichten über irgendwelche gesellschaftlichen Trends, die meist nur eine Halbwertzeit von einer Woche haben, verschwindet und der Gestus des allwissenden Journalisten gleich mit – der besser als die Politiker weiß, was für das Land gut tut oder der sich im Zweifelsfall selbst zum Politiker aufschwingt wie der geschasste Stefan Aust weiland im Kampf gegen die Rechtschreibreform.

Und der wohl immer dachte, dass Frauen keine Leitungspositionen bekleiden sollten, was schwer an der Glaubwürdigkeit des Blattes in allen Fragen der Moderne genagt hat. Nun gibt es schon bald mit Susanne Weingarten die erste Ressortleiterin – zuständig für Kultur, jener Teil, der immer noch reichlich affirmativ geschrieben ist, aber immerhin keinen nationalen Aufbruch mehr feiert wie einst unter Matussek. Die Besucherzahlen des deutschen Films sind ja auch nicht danach.

Dieser Eintrag ist eine gekürzte Fassung eines Artikels, der am 18.04.2008 auf taz.de und am 19.04.2008 in der taz erschien.

Hitler geht immer — Zoomer.de geht gar nicht

Auf der Startseite von Holtzbrincks digitalem “Nachrichten”-Schrotthaufen namens Zoomer.de war am heutigen Freitag stundenlang folgender Aufmacher zu bestaunen – zum Zeitpunkt des Screenshots (17:29 Uhr) genoss der Beitrag die maximale Userpunkt-Wertung von 10,0:

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Der müde Anlass: Eine Website namens genealogie.de, die von sich behauptet, Namens- und Ahnungsforschung anzubieten, betreibt irgendwo im Netz Popup-Werbung mit Hitler. Offenbar schon ziemlich lange, will man der Kommentatorin “waschmaschine” bei Tagesspiegel.de glauben. Der Werberat vom Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft hat der Betreiberfirma dieser Website dafür heute verständlicherweise eine Rüge erteilt.

Ja, und die ganz Gerissenen bei Zoomer.de dachten sich dann eben: Komm, bei uns läuft’s nicht so gut, dann machen wir halt auch Hitler. Also die gleiche Hitler-pornographische Eigenwerbung wie diese “Ahnenforscher” dort drüben. Nur mit noch viel mehr Schwarz im Hintergrund, geht es doch ums Böse an sich.

Aber es brauchte schon etwas mehr Inhalt dafür. Nur wegen dieser Werberats-Rüge im großen Stil rumzuhitlern – meine Güte, das hätten wahrscheinlich nicht einmal Zoomer-gestählte Leser gutgeheißen. Also brachte man unter dem Vorspann zur Hitler-Werbung ein Interview mit dem jungen Journalisten Daniel Erk, der unter anderem für NEON schreibt und das Hitler-Blog auf taz.de betreibt. Dieses Interview ist nett, und es enthält ein paar ganz interessante Erläuterungen zum Hitler-Blog.

Es ist aber alles andere als ein Nachrichtenportal-Aufmacher, und als ich vorhin beim Hitler-Blog vorbeikam, da begriff ich mit einem Mal, was hier Sache ist. Denn was schreibt Daniel Erk dort?

Das dort veröffentlichte Interview ist im Übrigen weder tagesaktuell, noch wurde es zu dem Zwecke geführt, auf Zoomer.de zu erscheinen. Vielmehr hat es Nadine Lantzsch, die mittlerweile Redakteurin bei Zoomer zu sein scheint, vor einem Jahr für ihr privates Blog geführt. Ich wurde vor Veröffentlichung nicht kontaktiert.

Ich lache immer noch.
Wie schlecht sieht es bei Zoomer eigentlich aus?
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Ergänzung: Daniel Erk hat mir erlaubt, ihn aus einem kurzen E-Mail-Austausch zu zitieren, den ich mit ihm noch am Abend der Veröffentlichung dieses Beitrags hatte:

Es ist ja gar nicht so, dass ich das nicht veröffentlich sehen wollen würde, auch wenn ich mir genehmere Aufmerksamkeit als die via Zoomer vorstellen kann. Aber gefragt worden wäre ich gerne. Es wäre ja auch ein Leichtes gewesen, mich anzurufen und mich um eine aktuelle Stellungnahme dazu zu bitten. Zudem stimmt der Eindruck, das Interview würde diesen ja tatsächlich hanebüchenen Anlass kommentieren, einfach nicht.

Glückwunsch: Gruner+Jahr zeichnet sich selbst aus
[FALSCHMELDUNG -- siehe Kommentare!]

photoaward.jpgDer Großverlag Gruner + Jahr schreibt ja sehr gern Preise aus. Neben dem Henri-Nannen-Preis seit Neuestem auch den „G+J photo award“ für Fotografie. Im Januar lud der Verlag Fotografen ein, sich mit ihren Arbeiten zu bewerben. „Der Wettbewerb wendet sich an angehende, professionelle Fotografen bis 35 Jahre, die entweder noch in Ausbildung sind, oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben oder aber bereits erste Aufträge für Magazine und Werbung umgesetzt haben“, so stand es in der Ausschreibung. Insgesamt wurden 602 Arbeiten eingereicht.

Wir können hier exklusiv schon mal vorab die Gewinner verkünden, denn in den sechs journalistischen Kategorien sind ausschließlich Arbeiten aus Gruner + Jahr-Zeitschriften nominiert. Es sind: Stern, stern.de, Neon, Living at home, view und Brigitte. Herzlichen Glückwunsch!

In der Jury saßen übrigens Bildredakteure und Artdirektoren von: Stern, stern.de, Neon, Living at Home, view und Brigitte.

Ein schöner Tag also für Bernd Buchholz, Zeitschriften-Vorstand von G+J, der im Vorfeld verlautbaren ließ, dass sich der G+J-photo award „mit dieser überwältigenden Resonanz vom Start weg in der Fotografie-Szene etabliert.“ Bedauerlich nur, dass Gruner+Jahr nicht noch die Kategorie „Werbefotografie“ für sich entscheiden konnte, aber leider hat man keine eigene Werbeagentur.

Die Nominierten werden übrigens laut Homepage „zur Vernissage am Fr. 18. April 2008 ins G+J Pressehaus und zur Preisverleihung im Rahmen der Triennale der Photographie am 20. April 2008 eingeladen.“ Reisekosten sind selbst zu tragen. Gut, dass es die meisten Gewinner nicht weit haben.

Actionkino im Meta-Feuilleton:
Professor Hörischs rasende Rundmail und die Kritikerkritik-Kontroverse

Der Germanistik-Professor Jochen Hörisch (Mannheim) veröffentlichte vergangenes Jahr eine Sammlung seiner Aufsätze, sie hieß “Das Wissen der Literatur”. Der Literaturkritiker und Lateindozent Burkhard Müller (Chemnitz) besprach das Buch in der SZ vom 07.03.2008. Er schien genuin enttäuscht. (Die Rezension findet sich nur hier.)

Einen Monat später hat es ein beträchtliches Bohai gegeben. Denn bei Perlentaucher.de wurde am 06.04. ein offener Brief von Hörisch an Müller veröffentlicht – textidentisch mit einer Rundmail, die Hörisch in einer wohl beispiellosen Aktion in die Republik hinaus versendet hatte: Unter Burkhard Müller im Adressatenfeld fanden sich in der Cc-Zeile “leitende Redakteure, Feuilletonredakteure, Lehrstuhlinhaber, Literaturkritiker, Publizisten, Schriftsteller und andere im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb tätige Zeitgenossen”, wie Georg Klein in einem Zwischenruf mitteilte. Burkhard Müller veröffentlichte am 08.04. seine Erwiderung beim Perlentaucher; Hörisch antwortete seinerseits am 11.04.

Hörischs Brief liest sich, als höre man einem cholerischen Würdenträger aus dem vorletzten Jahrhundert bei einer Privatbrüllerei zu, mit der er zunächst einmal ein paar kritische Körperwerte runterreguliert, bevor er der nächsten Schritt plant und an die Öffentlichkeit geht. Nur: Dieser Brief war bereits Hörischs nächster Schritt – es waren Wochen verstrichen, bevor er sich zu ihm entschied. Und er entschied, sich zum vielleicht größten Horst zu machen, den deutsche Feuilletonredaktionen seit Erfindung der E-Mail erlebt haben.

Der Brief ist repetitiv, und er ist laut, und zwar außerordentlich repetitiv und laut. Er ist so aufgeplustert und derart überzogen angesichts des Wortlauts der ursprünglichen Rezension, dass man mehrmals leise lachen muss. Doch das war keine Spaßguerilla-Aktion. Jochen Hörisch und sein Buch sind echt, und sein Brief ist es auch. Und er meint ihn ernst, sogar das peinliche und redundante Gekreische nach einer Entschuldigung meint er ernst – das offenbar vor allem.

Was für eine Erwartung, zu glauben, ein Literaturrezensent werde in so einer Situation eine Entschuldigung abliefern. Und, was viel wichtiger ist: Wie kann ein Buchautor mit Selbstrespekt und einem Funken Verstand bloß seine Genugtuung davon abhängig machen, ob sich sein Rezensent entschuldigt – anstatt eher davon, ob er die anderen, die er erreichen will, von der Verfehltheit der Kritik überzeugt?

Nun liegen die Dinge nicht schwarz-weiß in dieser Sache. Müllers Rezension – zum Erscheinungszeitpunkt durchschnittlich unbeachtet, seit Hörischs Brief hat sich das natürlich vollkommen erledigt – war ein seltsames Ding. Ich las die Rezension nachträglich, im Ohr noch das Pfeifen vom Hörisch-Megaphon, und ich begriff zunächst einmal kaum, was hier los war: Was große Teile dieser Rezension betrifft, habe ich noch nie einen Verriss gelesen, der so wohlmeinend geschrieben war.

Nur: Burkhard Müllers Bemängelungen waren erstens sachlich fehlerbehaftet. Und zweitens schloss seine Besprechung mit einer persönlichen Bemerkung, die er wohl besser weggelassen hätte. Zunächst zum zweiten. Seltsam, wie gesagt: Müllers persönliche Bemerkung leitete einen der geradezu zärtlichsten Schlussabsätze ein, die jemals in einem sogenannten Verriss zu lesen sein werden. Dennoch lässt er sich leicht als überheblich lesen – über so etwas schläft man eine Nacht, und am nächsten Tag tilgt man dann lieber den persönlichen Kram, der mit dem “ernsten Freund” zusammenhängt:

Was Jochen Hörisch not täte, ist ein ernster Freund. Denn er weiß viel und kann auch viel, wie sich bei seiner sensiblen und intelligenten Analyse von Wilhelm Müllers Gedichten und Schuberts Musik zeigt. Aber er besitzt keine Widerstandskraft gegen den eigenen plaudernden Charme, der sich mündlich weit besser macht als in geschriebener Form – wie jeder bestätigen kann, der schon mal bei einer Podiumsdiskussion erlebt hat, wie Hörisch das Publikum unterhält und den Moderator zur Verzweiflung treibt. Ein Freund müsste es sein, der nicht mitlacht, wenn Hörisch mal wieder den Fiesco als Tatort-Krimi, den Don Carlos als Politthriller anpreist, und der ihn, wenn er zu einer seiner assoziativen Pirouetten ansetzt, sanft, doch nachdrücklich fragt, was er uns denn eigentlich sagen wollte.

Und der eigentliche Kern der Kritik? Burkhard Müller warf Hörisch inhaltliche Ziellosigkeit und Beliebigkeit vor. Dieser Hauptkritikpunkt lässt sich nur beurteilen, wenn man Hörischs Aufsatzsammlung gelesen hat. Aber um ihn geht es gar nicht in dem Briefwechsel.

Der halbwegs sachorientierte Teil der Auseinandersetzung im Briefwechsel betrifft eine Handvoll Beispiele, die Müller zur Ergänzung, und offenbar auch zur Illustration seiner Hauptkritik vorbrachte. Wen das Ganze interessiert, der wird sich die Beiträge von Müller und Hörisch drüben ohnehin durchlesen. Aber auch wenn das dummyblog kein Dokumentationszentrum ist: Eine kleine Übersicht und das Scorekeeping lässt sich schon noch übernehmen. Fünf Streitpunkte greift Hörischs rasender erster Brief auf. Wir begeben uns jetzt zum Fußball – abgerechnet wird in der Reihenfolge der Nennungen in Hörischs Brief:

1. Zum Begriff der Paradoxie: 1:0 für Hörisch. Schlimmes Eigentor von Müller, der hier nicht gut aussieht und Paradoxien mit Kontradiktionen zu verwechseln scheint. Müller sollte in dem Zustand kein Philosophieseminar betreten, da würde er ausgepfiffen werden.

2. Umfang des lateinischen Alphabets: 1:1, Müller gleicht aus. Müllers Erwiderung hier ist klar, konzis und überzeugend, lässt Hörisch mächtig alt aussehen mit dessen “plus/minus 25 Buchstaben”. Doch Vorsicht, jetzt wird’s kompliziert: In Müllers Rezension ist evidenterweise das verkehrte Vorzeichenwort abgedruckt (“eher plus!”), als er die richtige Buchstabenzahl einklagt, die er einen Monat später dann benennt und stützt. Das kann nur ein Druckfehler sein, weil sämtliche diesbezüglichen Bemerkungen Müllers unzweideutig in die Richtung “eher minus!” weisen. Hörisch aber ist hier orientierungslos, Hörisch ist völlig aus dem Spiel. Klammert sich in seiner Erwiderungserwiderung nur empört daran, den Vorzeichenfehler für bare Münze zu nehmen – als sei sonst nichts gewesen. Offenbar hat er nicht einmal gemerkt, was passiert ist. Sieht gar nicht gut aus. Trotzdem Freistoß für Hörisch: Denn auch Müller verschweigt seinen Flüchtigkeitsfehler mit dem bedeutungsinvertierenden Vorzeichen.

3. “[D]ie vielen Fehler in Hörischs zahlreichen lateinischen Zitaten und Floskeln”, die Müller in seiner Rezension am Rande “wenigstens erwähnt” haben wollte: 2:1 für Müller. Was hat sich Hörisch hier eigentlich gedacht? Versichert empört, er habe in seinem Buch “nichts grob Fehlerhaftes” finden können, und als Müller ruhig kontert und fünf sinnentstellende Fehler auftischt, die alleine innerhalb von knapp drei Seiten vorkommen (mit dem Verweis darauf, das ganze Buch enthalte “noch viel mehr” davon), da sagt Hörisch nichts. Dabei steht ein gut belegter Vorwurf im Raum: Da scheint einer mit Latein jongliert zu haben, ohne dass es nötig gewesen wäre – und dann hat er’s nicht nur nicht gekonnt, er hat offenbar nicht einmal vor der Veröffentlichung eine Gegenprüfung unternommen. Keine gute Kombination. Doch wie gesagt, von Hörisch kommt dazu nichts in seiner Erwiderungserwiderung – nicht einmal ein taktisches Foul, keine Erwähnung.

4. BGB, Strafgesetz, rechtliche Zulässigkeit: 2:2, für diesen Ausgleich muss Hörisch nicht lange ackern. Wenn derlei zum Besten gehört, was Müller im Blick auf die “Nebenbefunde der eigentlichen Falschmeldungen” von Hörisch aufzubieten hat, dann sind Müllers Aussichten auf diesem Sektor schlecht.

5. Brückenschlag zwischen einem Goethe- und einem Raabe-Zitat: Nicht entscheidbar ohne die Buchlektüre, und selbst dann gibt es wahrscheinlich erheblichen Ermessensspielraum. Möglich, dass Hörischs Brückenschläge weniger unbegründet sind als Müller nahelegt. Zumindest vorläufig aber gelten meine Sympathien hier Müller. Denn Hörisch behauptet lächerlicherweise auch von Müllers Weigerung, Hörischs Assoziation für gerechtfertigt oder relevant zu halten, sie sei “unfassbar”. Eine selbstherrliche Übertreibung auf notorisch spekulativem Interpretationsterrain, das – sie wird aber noch getoppt: Hörisch nennt allen Ernstes seine Darlegungen, die die Assoziation stützen sollen, “zustimmungspflichtig”. Zustimmungspflichtig. Da wird langsam klar: Der Mann braucht Hilfe. Dieser Streitpunkt wird aber nicht in die Wertung aufgenommen.

Endergebnis der Sachdiskussion: 2:2. Müller hat Hörisch an der Lateinfront locker glattgebügelt – peinlich dabei, wie Hörisch ausgerechnet die Latein-Angelegenheiten unter lautem Geschrei ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. In der zentralen Rezensionssache bleibt das meiste offen. Müller hingegen: müsste wieder härter trainieren, so kann man nicht in die Spiele gehen.

Nein, es war in Müllers Buchrezension vielleicht nicht ganz fair, Hörisch mit dem Ratschlag zu kommen, er brauche einen “ernsten Freund”, der sich von dessen “plauderndem Charme” nicht einlullen lasse. Dafür hat Hörisch nun bestens bestätigt, dass dieser Ratschlag nicht nur grosso modo in die richtige Richtung wies – sondern auch, dass die Wahrheit noch eine ganze Ecke schlimmer aussieht. Dass ein Professor von Mitte 50 bereit ist, sich derart zu blamieren, das ist das eine. Dass er keine Freunde hat, denen er so einen Quatsch zum Gegenlesen geben kann und die ihm dann sagen: “Hör mal, Jochen, lass das bloß sein und lauf’ jetzt nicht Amok” – das, ja: das wissen wir jetzt garantiert.

Stark bleiben: Polylux sendet immer weiter

von-hardenberg.pngDie ARD-Sendung Polylux hat schlechte Quoten, z.B. gestern wieder: Gerade mal 3,9 Prozent der Zuschauer haben um 23:30 Uhr angeschaltet, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es noch weniger. Das Durchschnittsalter der Zuschauer der ja eigentlich für Jüngere gedachten Sendung liegt bei 53. Schon ewig.

Nun ist eine maue Quote nicht unbedingt aussagekräftig für die Qualität einer Sendung – in diesem Fall aber funktioniert sie bestens als Indikator. Denn die Sendung ist schlechtes Fernsehen seit Anbeginn – und das war vor über zehn Jahren. Unbeirrt hält Polylux an diesem seltsamen ironischen Gestus fest, den man nur noch antrifft, wenn man sich die Berliner Seiten der FAZ im Archiv anschaut. Jahrgang 1998–2002. An dieser Uneigentlichkeit, die zur Jahrtausendwende ganz gut gepasst hat, als die Menschen nichts Wichtigeres im Kopf hatten, als sich in Büchern wie „Generation Golf“ an ihre Jugend vor “Wetten, dass…?” und dem Playmobil-Fort zu erinnern oder Interesse an Verona Feldbusch zeigten, hält Polylux fest. Mit einem süffisanten Silberblick präsentiert die Polylux-Moderatorin und Macherin Tita von Hardenberg ihre sprachlichen Klischees. Ein Beitrag über Werbung wurde gestern mit den Worten angekündigt: „Was noch vor Jahren schockte, hängt heute schon im Museum.“

Ja, so ist die Welt. Und das Problem von Polylux ist, dass man ständig über Dinge berichtet, die nicht mal die Halbwertzeit einer Benetton-Kampagne haben. Mal geht es um Tischtennisplatten in Kneipen, mal um Car-Ports für Kinderwagen – wobei völlig egal ist, was davon nun satirisch gemeint ist. Über American Apparel berichtete der Sender gestern so enthusiastisch, als würde nicht in etlichen Blogs über die sexuelle Ausbeutung der Angestellten diskutiert. Aus der gusseisernen Polylux-Sicht aber sind alle zufrieden.

Wenn es mal nicht um Uneigentlichkeiten oder missratene Glossen geht (wie die gestrige über die olympische Fackel, die man gut mit China-Böllern löschen könne… Hahahaha), ist es mit der Recherche nicht weit her: Gestern berichtete Polylux über einen Speed-Abhängigen und fiel dabei auf einen Schauspieler rein, der lediglich vorgab, Drogen zu nehmen und tatsächlich dem “Kommando Tito von Hardenberg” angehörte. “Die ARD-Zeitgeistsendung Polylux ist einer Fälschung … aufgesessen”, heißt es auf der Website dieses “Kommandos” (unten das Bekennervideo) – und weiter:

[Polylux] strahlte heute einen Beitrag über die „Alltagsdroge Speed“ aus. Der dort gezeigte Speed-User „Tim“ ist eine Erfindung des Kommandos. Er mag in Wirklichkeit gar kein Speed und macht auch keine „Speed-Diät”. [...] Wir haben die plumpe Internetrecherche von Polylux zum Anlass genommen, die Legende des Speed-Patienten Tim zu erfinden und zum Drehtermin ein kleines Schauspiel vorzuführen. Erschreckend, wie einfach es ist, selbst gewählte Inhalte in Massenmedien zu platzieren und so gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.

In ihren verschiedentlichen Babypausen konnte Hardenberg bereits beweisen, dass sie abkömmlich ist: Erst machte es Steffen Hallaschka besser, dann Jörg Thadeusz. Vielleicht ist ja der Speed-Klamauk endlich ein Anlass, die Sendung aus dem Programm zu nehmen. Der RBB darf ja nicht viel zuliefern zum ARD-Programm – umso seltsamer, dass er einen Sendeplatz so verschleudert. Und möglicherweise nur damit erklärbar, was Programmverantwortliche hinter vorgehaltener Hand erzählen. Dass Polylux nämlich quasi unabsetzbar ist – aufgrund familiärer Bindungen. Tita von Hardenbergs Mutter, Gräfin Isa von Hardenberg, sitzt nämlich in verschiedenen wichtigen Kaffeekränzchen, und die Angst vor der Rache dieses konservativen Netzwerks lässt den RBB in Paralyse verharren. Gräfin Hardenberg zählt zu ihren Kunden den Axel-Springer-Verlag genauso wie Bertelsmann oder den Verband der Deutschen Zeitschriftenverleger.

So wie es aussieht, bleibt wohl nur, Tita von Hardenbergs Ratschlag, den sie am Ende jeder Sendung gibt, zu beherzigen: „Bleiben Sie stark!“

Jacobi weg: Der Stern sieht bald besser aus

jacobi.pngBeim Stern ist seit neuestem ein Posten frei. Der langjährige Artdirector Tom Jacobi verlässt die Illustrierte aus Hamburg und geht… Ja, wohin? Zur Bunten? Zum Focus? Zum Spiegel? Nein: Tom Jacobi wechselt in den Vorstand des riesenhaften Immobilienmaklers Engel & Völkers. Obwohl man sich angesichts des Erscheinungsbildes des Stern, der ja irgendwie seit 20 Jahren aussieht wie aus den 80ern, fragen kann, ob Jacobi nicht schon viel früher in den Vorstand des Hamburger Luxusimmobilien-Multis und Yachten-Händlers hätte wechseln sollen, ist das eine erstaunliche Karriere. Oder ist man naiv, wenn man solche fliegenden Wechsel aus dem Journalismus in die Wirtschaft seltsam findet? Jacobi, Sohn des Springer-Schlachtrosses Claus Jacobi, und ausgestattet mit einem gusseisernen Lächeln, ist nicht der erste, der mal eben die Seiten wechselt. In ganz unguter Erinnerung ist noch Michael J. Inacker, von dem man nie weiß, ob er gerade Lobbyist bei Daimler Benz ist oder Ressortleiter bei der FAZ, Wirtschaftswoche oder der Welt. Aber vielleicht muss man das auch nicht so eng sehen.

Immobilienfirmen scheinen übrigens ganz wild zu sein auf Journalisten – vielleicht, weil die einem alles mögliche aufschwatzen können. Verbürgt ist jedenfalls die Geschichte von einem Reporter der Berliner Zeitung, der seine Wohnung verkaufen wollte und dem sich mühenden Makler Tipps für die Verkaufsgespräche gab. So gute offenbar, dass ihn Tage später der Chef der Immobilienfirma anrief und abwerben wollte. Es lockte ein besseres Gehalt und ein “Dreier-BMW mit Vollausstattung.” Der Reporter blieb aber standhaft. Geht doch.

Tom Lehrer zum Achtzigsten

Nun ist Mittwoch, der 9. April angebrochen, und das bemerkenswerte amerikanische Genie Tom Lehrer wird heute 80 Jahre alt. Dazu gratulieren wir ganz herzlich. Macht auch nichts, dass er hier garantiert nicht mitliest und in Kalifornien noch einige Stunden hinterherhinkt.

Mit 15 nahm er in Harvard das Mathematikstudium auf, später machte er sich für satirische Kleinkunst am Klavier einen Namen, und keinen geringen. Etliche Menschen, die sich für ihn eigentlich interessieren würden, kennen den Mann noch gar nicht. Man sollte sich das nicht nehmen lassen, hören Sie ihn mal an. Hier sind meine zwei liebsten Kleinode von ihm, direkt aus den YouTube-Favourites herausgegriffen:

—– The Element Song —–

Denkwürdigster Vers: “These are the only ones of which the news has come to Hah-vard / And there may be many others, but they haven’t been discah-vered.”

—– Wernher von Braun —–

Denkwürdigster Vers: “Once ze rockets are up, who cares whäre zey comm down / Zät’s not my department, says Wernher von Braun.” Zudem klingt der außerordentlich komische Schluss prophetisch: “Und I’m lörning Chinese”…

Mal schauen, was in der Feuilleton-Rundschau vom Perlentaucher diesen Mittwoch stehen wird. Das ist ja manchmal sehr interessant zu beobachten an Jubiläums- und Todestagen: Welche Zeitungen haben das auf der Rechnung gehabt, welche nicht. Und welche ziehen verspätet nach. [Nachtrag, 09.04.2008: Gar keine berichtete.]

In der SZ hatte eigentlich Willi Winkler den runden Geburtstag übernehmen sollen, und bei dem wäre die Sache ja auch gut aufgehoben gewesen. Tatsächlich aber ist nichts damit. In der Mittwochs-SZ steht nichts über Tom Lehrer, nur über Schullehrer. Vielleicht hat Winkler ja einfach alles stehen- und liegenlassen, weil ein Alarmeinsatz für Bob Dylan rief? Irgendjemand muss ja schließlich noch die Pulitzerpreis-Vergabe an Bob Dylan kommentieren und nochmal höflich daran erinnern, dass der Mann noch nicht den Literatur-Nobelpreis hat.

Aber viel mehr als den in diesem Fall vorzüglichen wikipedia-Eintrag zu Tom Lehrer wird man schwerlich brauchen. Und Zeitungspapier kann ja auch keine Musikstücke einspielen.

Übersetzungselend

Hier kommt die Königin aller Deppenübersetzungen.

Der Nordamerikaner sagt:
—- “He is smart.”

Der deutschsprachige Journalist nun übersetzt — und ich glaube, irgendwann mache ich den Quatsch nicht mehr mit:
—- “Er ist smart.”

Mit atemberaubender Zuverlässigkeit ist dieser Schwachsinn in hiesigen Qualitätsmedien zu lesen, wenn Amerikaner interviewt oder Übersetzungen ihrer Texte abgedruckt werden. Obwohl es einfachstes amerikanisches Englisch ist, das es da zu übersetzen gilt. Schlimmer ist vielleicht gerade noch die “Diät”-Sache aus meiner Leib-und-Magen-Zeitung, von der hier im Februar die Rede war.

Es juckt einen auch nicht einmal ansatzweise in den Fingern, irgendwelche neuerlichen Anlässe für diesen Eintrag zu benennen. Denn es gibt kaum ein Medium, das diesen Deppenfehler nicht ständig von neuem begeht.

Eine klare Durchsage ist da mal nötig, auch an die Kollegen, die hier mitlesen: Der Amerikaner meint so gut wie nie etwas anderes als “intelligent”, wenn er “smart” sagt. Die beiden Ausdrücke werden meist exakt bedeutungsgleich verwendet – der eine Ausdruck ist förmlich, der andere alltagssprachlich und weitaus gebräuchlicher. Das ist alles. Jeder weiß das, der Amerikaner auch nur ein paarmal über kluge Menschen hat reden hören oder der überhaupt einen elementaren Englisch-Wortschatz beherrscht.

Im Deutschen dagegen heißt “smart” laut Wahrigs Deutschem Wörterbuch nichts anderes als folgendes, und diese Bedeutungserklärung muss doch einmal als abschreckende Kontrastmaßnahme in voller Länge zitiert werden. Schon weil die ganzen souveränen Übersetzer da draußen anscheinend selbst nie zu Wörterbüchern greifen:

smart [Adj.] hübsch, elegant, und dabei gewandt u. schneidig, liebenswürdig u. dabei geschickt u. durchtrieben

Es ist ein Rätsel, wie Profis, die auch noch den jeweiligen Sinnzusammenhang vor Augen haben, es immer wieder schaffen, diese Fehlübersetzung zustandezubringen. Man könnte einen Finderlohn für Beispiele aussetzen, in denen “smart” in einer deutschen Übersetzung aus dem Amerikanischen einmal zurecht verwendet wurde.

Ein Einzelfall ist das mit “smart”–”smart” nicht. Englisch-deutsche Übersetzungen sind ein Elendsviertel des hiesigen Journalismus. Und dabei ist doch offensichtlich: Hier geht es nicht um besserwisserische Sprachpedanterien. Es geht um die inhaltliche Substanz. Wahrscheinlich machen wir das jetzt wie in der Sesamstraße hier: Kleine Fortsetzungen folgen. Und jedesmal lernen wir eine neues Wort.

Spiegel 15/08: China doch nicht gut

spiegel-15.pngAls sich der Spiegel Anfang vergangenen Jahres fragte, ob der „Kommunismus doch der bessere Kapitalismus ist”, da fiel die Antwort verblüffend uneindeutig aus. In der Titelgeschichte über die ehrfurchtsvoll „Rotchina-AG“ genannte Diktatur standen so schöne Passagen wie die folgende: „Doch China blüht. Mit einer Mischung aus Planwirtschaft und entfesseltem Kapitalismus, wie sie in keinem Lehrbuch steht, rollt das Land die Weltmärkte auf und erzielt Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten.” Schön natürlich nur für die Machthaber in Peking, die auf solche Artikel in westlichen Medien lange gewartet haben dürften.

Mit diesem Text und einigen weiteren neoliberalen Schwelgereien über ein Land, das mal soeben mir nichts, dir nichts, ein paar Bauern enteignet, um den Transrapid zu bauen, reihte sich der Spiegel ein in die „blinde Begeisterung des Westens“, wie es der langjährige SZ-Korrespondent Kai Strittmatter kürzlich nannte.

Diese Woche nun macht der Spiegel einiges gut – mit seiner Titelgeschichte über die Repressalien in China im Vorfeld der Olympischen Spiele. Etwas unoriginell hat man die Titelgeschichte „Die Herren der Ringe“ genannt, wie schon so manche Geschichte über das IOC, und auch im Heft gehören die Seiten über China eher zum Hausbackenen. Alles drin, was man so kennt: unterdrückte Mönche, inhaftierte Dissidenten, Ehefrauen unter Hausarrest, aber irgendwie nichts neues, bewegendes – nicht mal die Reue des Künstlers Ai Weiwei, der die Architekten Herzog und de Meuron beim Bau des Olympiastadions beraten hat. Und die Schweizer Stararchitekten hätte man ja auch mal fragen können, was sie über ihr Engagement mittlerweile denken. Im Spiegel findet sich auch kein Appell, wie man denn nun mit der Olympiade umgehen soll – boykottieren, Blogs schreiben, demonstrieren? Der Spiegel bleibt eigentümlich im Vagen und bringt stattdessen einen recht verqueren Verweis auf die Spiele von 1936. Als müsste man das China von heute mit dem Dritten Reich vergleichen, um es endlich böse finden zu können.

Dass es nicht immer sechs Autoren braucht, sondern manchmal weniger mehr ist, zeigte Kai Strittmatter mit seinem Stück zum selben Thema im SZ-Magazin von vergangener Woche, in dem schöne, wahre Sätze stehen. Etwa der, dass „nicht die Kapitalisten die Partei übernehmen, sondern die Partei die Kapitalisten“.

Ansonsten sei im Spiegel das Stück von Michael Maier (ehemals Chefredakteur der Berliner Zeitung) empfohlen, der darüber schreibt, wie sich der eben als IM enttarnte Redakteur der Berliner Zeitung, Thomas Leinkauf, ihm schon 1996 offenbarte und Maier ihn fragte, ob eine Akte existierte. Weil die damals noch nicht aufgetaucht war, war für Maier die Sache gegessen; Pech für Leinkauf, dass sie dieser Tage auftaucht. Obwohl eine solche Akte viele gern hätten, schließlich umfasst sie lediglich 20 Monate zwischen 1975 und 1977 und stellt Leinkauf als alles andere als einen zuverlässigen Zuträger dar, sondern als latenten Querulanten, auf den die Stasi nicht vertrauen konnte.

Und wunderbar ist natürlich auch, dass der fast unisono vom Feuilleton gelobte Roman Die Wohlgesinnten nur auf Platz 15 steht (weniger schön, dass Charlotte Roches Unterleibsintrospektion „Feuchtgebiete“ die Liste anführt – aber das ist eine andere Geschichte).

Todesanzeige

Gespenstisch auch dies, wenngleich anders als die Weltkriegsmeldung von neulich. Letzte Herrenreiter traben nun ein in ihre Familiengrüfte. Zugangsvoraussetzung ist offenbar das Latinum, und fragen Sie besser nicht, ob es auch das Kleine tut.

Am gestrigen Samstag kurz gedacht, mich tritt ein Alfred Dregger, als ich die größtflächige Todesanzeige in der Süddeutschen von diesem Wochenende sah. “Weltkriegsteilnehmer 1939-1945″ steht da unter den Lebensleistungen des York-[X] von [X]-[X]. Dienstgrad und militärische Einheit werden präzise gemeldet, Eisernes Kreuz erster Klasse, zweiter Klasse, sogar das Allgemeine Sturmabzeichen wird aufgeführt.

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Schwer vorzustellen, dass sich etwa die zerfetzten Zivilisten jener Länder, die von der deutschen Militärmaschine überfallen wurden, “Weltkriegsteilnehmer” auf ihre Todesanzeige hätten setzen lassen, wenn sie denn eine erhalten hätten. Aber vielleicht kann man das ja auch nicht vergleichen. Bei diesen Kardinaltugenden.

Liest sich wie aus einer vergangenen Ära der Bundesrepublik.
Eher nicht aus wie aus der Süddeutschen.

Nieder mit dem End-Geld

Das muss ein Ende haben, er muss doch einmal wirklich ein Ende haben, dieser unsägliche Deppensprech-Spuk, bei dem “Entgelt” auf der ersten Silbe betont wird. Als schriebe es sich “Endgeld”. Als klänge es wie das andere irre Wort.

Ich frage mich ernsthaft, ob das nur mein Eindruck ist: Hat sich dieser Quatsch erst in jüngeren Jahren verbreitet? Oder ist das vielleicht vor allem ein Berliner Problem?

Letztens “Éntgelt” gehört: auf der Post, bei der Aufgabe eines Päckchens, es war auch noch eine von diesen gerne belehrenden Spießerangestellten, die da “Éntgelt” sagte. Und am nächsten Tag dann wieder gehört, mehrmals, von einer Nachrichtensprecherin auf dem öffentlich-rechtlichen InfoRadio. Und heute, ja: heute wieder, auf einem der Hauptsymposien beim Blogger-Kongress re:publica. Da war eine ARD-Vertreterin anwesend, die sprach auch von einem Éntgelt.

Warum tun die das? Können nicht einmal öffentlich-rechtliche Nachrichtensprecher und Honoratioren drei Sekunden lang nachdenken und sich überlegen, was “ent-” bedeutet? Ich begreife überhaupt nicht, wie sich dieser Quatsch schon so weitgehend einbürgern konnte.

“Entgelt” endet auf “t” und beschreibt keine Geldart. “Ent-” ist ein Derivationsmorphem, mein Gott – seit wann werden denn bitte Derivationsmorpheme am Wortanfang bétont? Klingt das nicht vérblödet und béhämmert? Ist da niemand éntgeistert?