DUMMY-Schweiz ist fertig und kommt am 7. Juni raus

Dass hier wochenlang nichts passiert ist, obwohl es mindestens das Aus für Polylux zu feiern gegeben hätte, ist dem Umstand geschuldet, dass die DUMMY-Redaktion sehr oft in der Schweiz war, um dort für das Sommerheft zu recherchieren, zu fotografieren, zu kollaborieren und zu layouten. Bzw. gelayoutet haben die netten Menschen von der Agentur Raffinerie AG. Denn erstmals wurde ein DUMMY woanders als in Berlin gestaltet. Während also Roger Köppels Weltwoche weiter den Sermon von den vorlauten Deutschen in Zürich verbreitet, soll unser Heft ein Produkt der Völkerverbindung sein. Fotos von Linus Bill sind drin, ein Text über den Schweizer Bunkerwahn und Nettes über Jean-Luc Godard. Und Edgar Herbst hat LSD genommen und die Blumen auf der Wiese vor dem Hause des verstorbenen Albert Hofmann fotografiert. Das Heft kommt am 7.6. pünktlich zur EM aus der Druckerei, wenn die Schweiz ihr erstes Vorrundenspiel gegen Tschechien gewinnt. Zwei Tage später ist es am Kiosk.

Wir hatten also eine Menge Spaß in der Schweiz, und irgendwie schwebt diesmal sogar der Geist des Verlegers Mathias Döpfner über dem Projekt: Denn wie der globalhumane Zufall so spielt, war DUMMY vergangene Woche in der Zürcher Galerie Bob van Orsouw. Und wer steht da vor den reichlich seltsamen Bildern der niederländischen Künstlerin Hannah van Bart: Genau. Der Springer-Chef. Man hat es ja geahnt, dass das Kunstfieber auch längst Döpfner ergriffen hat, für den die 22.000 Euro für ein Bart-Werk ja nun auch wirklich erschwinglich sein dürften. Dennoch ist nicht sicher, ob Döpfner zuschlägt, denn eigentlich – man höre und staune – sammle er nur erotische Kunst. Dann doch lieber gleich das Schweiz-DUMMY, wo sich extra für Döpfner nackte Schweizerinnen mit Waffen aus dem aktuellen Armee-Kalender drin tummeln.

Keine Ahnung, aber davon jede Menge:
Deutsche Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb

Immer wieder erstaunlich, wie es dazu kommt, dass in deutschen Leitmedien Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb schreiben, die auf diesem Gebiet nicht mal den Anschein von Kompetenz erwecken und stattdessen unfreiwillig komischen Quatsch produzieren. Verstehe nicht, warum das nie aufhört. Ein schauriges Beispiel, leider nicht untypisch: Dieser kleine Infotext aus der Beilage Beruf und Karriere in der Wochenendausgabe der SZ (03.05.2008).

Da wird das zentrale Stichwort “faculty” mit “Fakultät” übersetzt, obwohl sogar die Autorin dieses Artikels begriffen haben müsste, dass mit “faculty” in diesem Zusammenhang die Professorenschaft eines jeweiligen Hochschulinstituts gemeint ist, und nicht die einer Fakultät, geschweige denn die Fakultät selbst.

Da wird eine “New York State University” erfunden, von der ich nie gehört habe und die es auch nicht gibt aber wo es um angelsächsische Universitäten geht, da müssen Namen scheinbar nie stimmen; den Eindruck habe ich schon lange. Wahrscheinlich meinte die Autorin “State University of New York” (oder etwa die ganz verschiedene “New York University”?), was aber auch wiederum seltsam wäre, denn SUNY ist gar keine Universität, sondern ein Hochschulverbund.

Aber es liegt eh eine glatte Falschmeldung in diesem Zusammenhang vor: Die Firma American Analytics, die jenen Faculty Scholar[l]y Productivity Index herausgibt, sie ist gar nicht im Besitz des SUNY-Verbundes sie ist im Privatbesitz, wie die Firma ausdrücklich auf ihrer Website mitteilt.

Dann noch die Aussage, die “Anzahl der Zitate” durch andere Wissenschaftler gehe in die Erhebungen dieses Produktivitätsindex ein: Was für ein inkompetenter Stuss, geht es doch einfach um die Anzahl der Verweise, wenn “citations” gezählt werden.

Und natürlich und von vornherein ist es sowieso Irrsinn, die Anzahl der Publikationen als Ausweis der “Leistung” eines Lehrkörpers an einem Institut zu beschreiben. Das ist so absurd, als würde man die Qualität eines Popmusikers an der Anzahl der Stücke messen, die er veröffentlicht hat, einschließlich aller Remixes und aller noch so billigen Schrottnummern.

Aber diese stückzahlorientierte Honorierung von Publikationsschrott in den Wissenschaften, das ist nochmal eine weites Feld, und ein noch traurigeres dazu.

Bloggerbeiträge offline / Knutschen, bis der Arzt kommt

Das SZ-Feuilleton brachte am Freitag, den 02.05., eine ganze Seite, auf der Blogger aus Ländern berichteten, in denen es mehr oder weniger schlecht um die Pressefreiheit steht: Birma, Iran, Saudi-Arabien, Weißrussland, Russland, und auch Italien. Die Texte waren unterschiedlich gehaltreich, insgesamt aber gar nicht uninteressant. Bis heute steht nichts davon auf sueddeutsche.de.

Ist das eigentlich Absicht oder ein Versehen? Und wenn das Absicht ist: Kann mir mal jemand erklären, wie das irgendeinen Sinn ergeben soll, dass ausgerechnet solche Inhalte nicht in den Onlineauftritt der SZ eingehen?

Eines noch, da gerade meine PDF-Ausgabe der SZ vom Freitag geöffnet ist. Auf der Wissensseite war diese “Zehn Dinge”-Kuriositätenrubrik wieder kein Anlass zur Freude. Diesmal ging’s ums Küssen:

Das Kiss-Syndrom steht für Kopfgelenk induzierte Symmetrie Störung. Es bezeichnet eine Fehlfunktion im Bereich der Halswirbelsäule.

Was ist depperter: Dass sich das Syndrom selbst bezeichnen soll? Oder der frei zügige um Gang mit leer Zeichen? Ich ent scheide mich für letzt eres.

Außerdem wird der Bonobo als “Zwergschimpansenart” vorgestellt, obwohl Bonobos und Zwergschimpansen dasselbe sind. Und dann wird uns noch erzählt, ein durchschnittlicher Mensch verbringe “in 70 Jahren Lebenszeit etwa 110.000 Minuten mit Küssen”. Zusatz: “Das sind mehr als 76 Tage – am Stück.” Ja genau. Leute. Macht doch mal wenigstens eine kleine Plausibilitätsprüfung, wenn ihr schon keine noch so obskure Studie zitiert.

Vielleicht sollte man diese Rubrik auf der SZ-Wissensseite umbenennen.
Von “10 Dinge, die Sie noch nicht wissen über X” in: “10 Dinge, die ich gerade zusammengegoogelt habe über X (und von denen ich nicht weiß, ob sie stimmen)”. Aber: Ich will nicht groß rumwettern; in den letzten Wochen und Monaten standen ja ansonsten ziemlich viele großartige Stücke in der SZ.