Alles halb so schlimm im SZ-Tower

Nach den traurig stimmenden Meldungen der letzten Wochen, die einen aus der SZ-Redaktion ereichten, war man ja schon in größter Sorge um das Blatt. Tränenreiche Artikel wurden darüber geschrieben, dass die SZ-Redaktion und der Verlag nun nicht mehr länger in der Münchner Innenstadt unweit der gemütlichen Bierstuben beheimatet sind, sondern am Stadtrand in einem modernen Gebäude, das aussieht wie der Sitz einer Versicherung – sagen wir von Axa.

Um zu schauen, ob denn den Kollegen wirklich jener Tort angetan wird, den sie die ganze Zeit beklagen, habe ich mich aufgemacht in die Hultschiner Straße in München-Ost. Und ich muss sagen: die Ankunft in der S-Bahnstation Berg am Laim verheißt erst einmal nichts Gutes. Man muss durch eine furchtbare und furchtbar gefährliche Gleis-Unterführung hindurch und dann steht man vor dem Glas-Tower, der von der Aufteilung her an das Spiegel-Haus in Hamburg erinnert, nur eben viel schöner. Die verglaste Fassade mit ihren abwechselnden Fensterstürzen sieht schon mal klasse aus, die Münchener Sonne spiegelt sich darin und taucht den Platz davor in gleißendes Licht. Auch in der Kantine hat man sich sichtlich um eine spiegeleske Farbigkeit bemüht, leider ist es viel weniger psychedelisch geworden. Die Bedienungen wurden sorgfältig nach Hautfarbe gecastet, man isst nun wie im Inneren einer Benetton-Werbung. Ich hatte so eine Art Tafelspitz mit Schnittlauchsoße, nach dem man sich im Berliner Verlag – diesem schäbigen Plattenbau mit seiner Sodexo-Kantine – die Finger lecken würde.

Auch sonst klagen die SZ-Mitarbeiter auf hohem Niveau. Das Foyer ist ein mehrstöckiges Atrium mit Video-Wall, die wohl bedeuten soll, dass man hier alles im Blick hat. Klar, das ist bemüht, aber irgendwie hofft man, dass dieser mondäne Auftritt mit den gläsernen Büros der SZ ihre Münchener Spießigkeit austreibt. Denn all die Berlin-Hassartikel konnten schließlich nur in der Meister-Ederhaftigkeit der Sendlinger Straße gedeihen, wo man halt gern am Mittag schon auf ein Weißbier ging. Dortselbst habe ich Büros wie die der Medienredaktion gesehen, die an Alcatraz erinnerten.

Nun sitzen die Redakteure in lichtdurchfluteten Zimmern mit einem schönen Ausblick auf den hässlichen Teil von München und klagen über die Kinderkrankheiten, die so ein modernes Haus nun mal hat. Die Jalousien gehen bei Sonneneinstrahlung automatisch runter und das Licht geht an. Die Klimaanlage regelt sich selbstständig, und ab und zu gibt es einen Feuer-Fehlalarm. Was wirklich unschön ist, ist dass die einzelnen Redaktionen relativ abgeschottet auf den Etagen sitzen, es kaum Möglichkeiten der Begegnung gibt. Bei einem Wochenmagazin wie dem Spiegel mag das noch hinhauen, aber bei einer Tagesszeitung wäre mehr Kommunikation schon dienlich.

Ansonsten aber möchte man den selbstmitleidigen Kollegen mit einem Wort von Werner Funk zurufen: „Licht und Luft geben Saft und Kraft“!