4 von 6.313.023: Auf der Suche nach dem FDP-Wähler

Seit Tagen versuche ich einen FDP-Wähler zu finden, denn bei fast 15 Prozent müssen doch auch welche in der näheren Umgebung existieren. Bislang blieb die Suche ohne Erfolg. Es kann natürlich auch sein, dass sich niemand mehr dazu bekennen mag, nachdem Guido Westerwelle in seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl einen BBC-Journalisten beschied, seine Frage doch bitte sehr in deutsch zu stellen . Das dürften selbst die Werber in Mitte (die ich im Verdacht habe) und Ulf Poschardt etwas unsexy finden.

Poschardt muss Gustav Seibt im Kopf gehabt haben, als er gestern in der SZ eine gewagte These aufstellte, wonach die neue FDP-Klientel aus Kreativen besteht, die nach Schlachtensee gezogen sind, weil es in Mitte zu oft nach Babynahrung riecht . Da hat er wohl Poschardt einfach mal zum Prototypen hochgejazzt, was dem ja sicherlich gefallen wird.

Ich maße mir auch mal seibtsche Fabulierfreiheit an und behaupte, dass der neue FDP-Wähler zuhauf in der Spiegel-Redaktion sitzt. Ich traf nämlich unlängst zwei Nachwuchs-Redakteure aus dem Spiegel-Parlamentsbüro auf einer Party, die mir erzählten, wie toll das Buch „Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ von ihrem Kollegen Jan Fleischhauer sei. Mal abgesehen, davon, dass Florian Illies das Anrennen gegen die vermeintlichen Gutmenschen schon vor langer Zeit in Buchform besorgte, wusste ich den forschen Magazinmachern zu entgegnen, dass Jan Fleischhauer schon sehr sehr lange konservativ ist –jedenfalls war er es schon, als er vor 10 Jahren beim Spiegel mein Zimmernachbar war und zur Entourage des neoliberalen Gabor Steingart gehörte – immer im korrekten dreiteiligen Anzug mit Weste.

Das Gespräch, das letztlich zum verfrühten Aufbruch von der Party führte, kam mir wieder in den Sinn, als ich nun den Sonder-Spiegel zur Wahl in der Hand hielt – mit dem eine Spur zu heroisierenden André-Rival-Foto von Guido Westerwelle vorne drauf. Am besten fand ich noch die Stimmen der Kreativen, die allesamt kurz vor dem Auswandern zu sein scheinen – bis auf den trutschigen Leander Haußmann, der sich als FDP-Fan outet. Poschardt, Haußmann, die Spiegel-Jungs. Das sind schon mal vier. Ich bleib dran.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.

Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.

Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.

Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.

P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk

War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.

Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat.  Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko  zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.

Eine Art Konferenz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.

Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.

Wenige Sätze (11) zum Spiegel Nr. 39: Bitte nicht wackeln

Nie war es so teuer, keine Meinung zu haben: Der Spiegel klebt auf sein aktuelles Cover ein Wackelbildchen, das mal Angela Merkel und mal Frank-Walter Steinmeier auf dem Thron zeigt. Und als hätte man es nicht gleich kapiert, erfährt man es in der Hausmitteilung noch mal: „Eine Wahlempfehlung gibt der Spiegel nicht ab.“ Erstaunlich, dass man aus seiner Mutlosigkeit auch noch so ein großes Ding machen kann.

Das Stück über Steinmeier erzählt das Übliche, das Steinmeier nämlich immer noch ein wenig steif ist – das aber wortreich und lang und mit der schönen Erkenntnis, dass „Steinmeiers Ausstrahlung seinen Körper nicht verlässt.“ Das Stück über Merkel hält sich auch nicht groß mit politischen Inhalten auf, lieber rezensiert der Autor Gesten, Mimik und CDU-interne Befindlichkeiten. Die Politikberichterstattung des Spiegel ist ja eh zunehmend eine Berichterstattung über die Oberfläche des Politikbetriebs geworden. Man gehört eben zum eher unintellektuellen „Berliner Kommentariat“ – das ist übrigens ein schöner Begriff aus dem Merkel-Text von Christoph Schwennicke, den man anscheinend von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel geholt hat, damit er da möglichst wenig schreibt.

Und sonst: Im Interview mit dem George-Bush-Senior-Verehrer James Baker erfährt man auch nichts Neues über die deutsche Einheit, im Gespräch mit dem sonst Butterfahrt-tauglichen G+J-Vorsitzenden Bernd Buchholz über die Krise bei Gruner + Jahr gibt sich dieser imageschädigend schmallippig – und es gibt, aus welchem Grund auch immer, ein sage und schreibe fünfseitiges Stück über die Band No Angels, zu dem auch noch der fleißige Rechercheur Sven Röbel abkommandiert wurde. Schon das ist ein Grund, den Spiegel diese Woche am Kiosk liegen zu lassen.

Moratorium für dieses Blog aufgehoben

 

Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)

Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.

Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.