Der Spiegel mal ganz luzide: “Es wird Streit geben”

Man weiß gar nicht, was einen mehr wundern soll: Wie schnell der „Spiegel“ eine Titelgeschichte aus dem Hut zaubert, die die schwarz-gelbe Koalition verreißt oder der Umstand, dass die darin bemängelte Politik von der „Spiegel“-Redaktion nicht schon vor der Bundestagswahl antizipiert wurde. „Streit wird ein Thema von Schwarz-Gelb werden – soviel ist nach den Koalitionsverhandlungen gewiss“ reportiert das Magazin leutselig – und ehrlich gesagt hätte man das ja vor der Wahl ahnen können. Genauso wie den Umstand, dass eine vernünftige Energiepoltik unter der neuen Koalition mit ihren seltsamen Verrenkungen zum Thema Atomausstieg zum Erliegen kommt, wie der „Spiegel“ staunend feststellt. Übrigens schlägt sich das Magazin hier ganz elegant auf die Seite der Energie-Oligopolisten und bemängelt, dass die Laufzeitverlängerung nicht längst beschlossen und somit Planungssicherheit geschaffen wurde. Als Neuigkeit in der dürren Titelgeschichte wird auch das Zitat eines anonymen „FDP-Mannes“ ausgegeben, der die Geisteshaltung der CDU-Unterhändler so beschreibt: „Wir ändern hier gar nix“.
Das trifft im übrigen auch ganz gut auf die „Spiegel“-Redaktion zu: Seit Jahren gibt es in dem Blatt keine politische Haltung, die nicht in der nächsten Woche durch eine amüsante Pointe gekippt werden könnte. Wobei Amüsement hier auf sehr anstrengendem Niveau stattfindet – etwa dann, wenn sich die Autoren zwei Absätze nur damit beschäftigen, welcher Apfelsaft bei den Koalitionsverhandlungen getrunken wurde. Was immer das dem Leser auch sagen soll, außer: Der „Spiegel“-Reporter war wieder mittenmang statt nur dabei.
Noch vor Wochen war der ehemalige Umweltminister Sigmar Gabriel, der im „Spiegel“ über all die Jahre runtergeschrieben wurde wie kaum ein anderer, noch die letzte Pfeife – im aktuellen „Spiegel“ nun heißt es, es fehle das „heiße Blut“ wie es Gabriel in der Großen Koalition gezeigt habe. Andere Passagen der Titelgeschichte wirken, als fänden die Verschwörungstheorien einiger Parlamentarier mittlerweile eins zu eins ins Blatt. Wenn etwa Karl-Theodor zu Guttenbergs Versetzung ins Verteidigungsministerium damit erklärt wird, dass er als Finanzminister zu viele Möglichkeiten bekäme, sich als symphatischer Strahlemann in Szene zu setzen. Wenn das doch nur Peer Steinbrück gewusst hätte. Schlimm findet der „Spiegel“ übrigens auch, dass das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger erhöht und selbstgenutzte Immobilien geschützt werden. Das Land mag sozialdemokratischer geworden sein, der “Spiegel” nahm zwar nicht die umgekehrte Richtung, aber den Weg in die Indifferenz: Er schreibt halt immer gegen die an, die gerade regieren und versichert sich mit diesen Schnellschüssen seiner eigenen Kritikfähigkeit. So wie Schwarz-Gelb auf dem aktuellen Titelbild schlingert der “Spiegel” schon lange.
PS: Wirklich lesenswert ist übrigens die Geschichte über das Paris-Bar-Bild von Martin Kippenberger, oder eben gerade nicht von Kippenberger.
Kein Schmarrn: Lob der Einseitigkeit
Das ist ja eine Bombe: Die Süddeutsche Zeitung, die sonst wenig gute Haare an DUMMY lässt, ja vielmehr schon die erste Ausgabe vor sechs Jahren beherzt in die Tonne trat („Das Heft hat kaum Emotionen, wenig Begeisterung, null Wut, keinen Stolz, kaum Haltung.“
Hajo Schumacher, SZ v. 25.10.2003) und im DUMMY Schwarze nur eine öde Provokation zu erblicken vermochte („Was Dummy dafür umso eindringlicher belegt: Dass die Vergötzung der Provokation per se zu einer Orientierungslosigkeit führen kann, die Mittel und Ziel nicht mehr unterscheidet.“ SZ v. 13.10.08) – ja, diese Süddeutsche Zeitung ringt sich in ihrer heutigen Ausgabe zu einem veritablen Lob durch. „Einseitig, aber schön einseitig“ ist der Artikel auf der Medienseite überschrieben. Dass das DUMMY Atom schon vor der Bundestagswahl fertig war, wird staunend vermerkt – wo doch die Anti-AKW-Bewegung erst jetzt, nach der beschlossenen Laufzeitverlängerung, an Fahrt gewinne. Dass bereits vor der Wahl große Anti-Atom-Treks durch Deutschland zogen, die Medien permanent über die skandalösen Umstände im Endlager Asse berichteten und am 5. September 50.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor gegen längere Laufzeiten demonstrierten – an das alles wollen wir jetzt mal nicht erinnern, sondern uns in aller Stille über das Kollegenlob freuen. Kein Schmarrn.
Lektor an Kalbsravioli: Blick zurück auf die Buchmesse
Am Einlass eines Verlagsempfangs im Hotel zum Frankfurter Hof wird ein Hardcover mit neu aufgelegten Shortstories verschenkt, außerdem ein Bon, auf dem steht: „ein Glas Wein“. Der Bon ist Zeichen der Krise. Noch im Frühling 2008 gab es auf Verlagsempfängen Cuba-Libres, GinTonics und White Russians umsonst. Ein Freund, der eigentlich Designer und neu auf der Buchmesseabenden ist, behauptet: „Die Leute hier sehen alle irgendwie schlau aus.“ Wir gehören zu den Jüngsten, zusammen mit den Volontären; manche haben rote Ohren vom Wein. Der Freund meint, dass auf Designmeetings alles anders ist: „Da haben die Leute Kapuzen auf und Bärte und leicht abgerissene Hosen.“ Wir stehen inmitten einer Traube dunkel gekleideter Männer und Frauen. Der Literatubetrieb als verkappt warmherziger Verein. Man trinkt sieben Gläser trockenen Weisswein und fängt trotzdem nicht an zu tanzen.
Ich halte mein drittes Glas fest umklammert. Im Lauf des Abends sind neue Bons aus den Jacketttaschen der Verlagsmitarbeiter aufgetaucht. Zusammen mit Glas fünf halte ich einen DUMMY-Verlag-Sticker in die Luft. Eine Vertriebsdame fragt: „Was ist das?“ – „Das ist ein Gesellschafts-Magazin. Alle drei Monate ein neues Thema, immer von neuen Designern gestaltet. Aktuell ist Atom, im Dezember kommt Mama.“ Die Vertriebsdame hat einen stechenden Blick: „Das klingt interessant.“ Ich sage: „Ja. Ich mache dort ein Praktikum und werde den Blog bald mit klugen Miniaturen bespielen. Verkappte journalistische Arbeiten. http://blog.dummy-magazin.de/.“ Die Vertriebsdame nickt.
Erstaunlich, wie viele Fachbesucher es gibt. Voll besetzte Shuttlebusse rollen zwischen den Hallen im Kreis. Vor Halle 4 raucht ein Junglektor seine zweite Lucky Strike und erzählt, dass er am Abend zuvor nach drei Gläsern Sekt auf Wasser umgestiegen sei. Er habe heute Termine im 30-Minuten-Takt, primär seien das Gespräche mit Agenten. In Halle 3.0 stellen am Donnerstag Nachmittag drei Hessen ein Sachbuch vor: „Genusskultur – Kitchen Music 2“. Sie sprechen von einer „Kreativität, die sich wie ein roter Faden durch die Genusskultur-Materie zieht“. Der Älteste der drei sagt über den Jüngsten: „In dem Lebensabschnitt vom Martin habe ich noch gar nicht über Kalbsravioli nachgedacht. Da habe ich noch an ganz andere Sachen gedacht… Aber es ist ja schön, dass sich jetzt auch junge Leute gesund ernähren.“ Am Ende Applaus.
Auf der ICE-Fahrt in Richtung DUMMY-24-Party geht die Sonne unter. Hinter den Scheiben der überfüllten Abteile bildet sich streifenweise zitronengelb glühender Herbsthimmel. Einige Mitreisende kauern auf den Gängen, ringsherum sind Windows-Start-Sirenen zu hören. Ich gehe wiederholt davon aus, noch von Verlagsmenschen umgeben zu sein. Beim Umstieg in Niedersachsen legt sich dieser Eindruck. Der Zug nach Berlin hat Verspätung. Ich betrete die hell erleuchtete Hannoveraner Bahnhofspassage und kaufe einen Fleischkäse am Wurst-Basar.
Drei Stunden später in der Kreuzberger Paloma-Bar knutscht Chefredakteur Oliver Gehrs mit seiner Lebensgefährtin. Das Paar scheint einen schönen Abend zu haben. Die anderen Dummys spielen Platten oder tanzen. Es gibt keine Getränke umsonst, dafür günstiges Bier und eine Wodka-Ahoi-Happy-Hour all night long. Es ist die erste Verlagsparty, auf der diese Woche getanzt wird!
Leif Randt
Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal
Was soll man dazu sagen? Gut, dass der Bertelsmann Reinhard Mohn nicht mehr erleben muss, welche Produkte der zu Bertelsmann gehörende Verlag Gruner+Jahr heute auf den Markt schmeißt? Oder sind diese Hefte, die von einem erstaunlich gestrigen Gesellschaftsbild zeugen, womöglich noch vom kürzlich verstorbenen alten Mann aus Gütersloh maßgeblich beeinflusst worden?
Es geht hier um die Zeitschriften „Beef!“, „Gala men“ und „Business Punk“, mit denen der erschlaffte Hamburger Verlag von heute an Kreativität vorschützt. Zu allererst fällt auf, dass G+J die Zielgruppen immer noch in Mann und Frau, in reich & arm und in alt und jung einteilt, anstatt in bestimmte gesellschaftliche Milieus. Was ja ein verlegerisches Denken ist, das man spätestens seit dem Mega-Flop „Vivian“, Burdas vor etwa zehn Jahren grandios gescheitertem “Focus für die Frau”, für ausgestorben hielt. Nicht aber bei Gruner + Jahr, wo mittlerweile ein früherer FDP-Politiker mit juristischem Staatsexamen den Laden schmeißt – oder sagen wir: an die Wand fährt.
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| Business-Punk und G+J-Chef Bernd Buchholz mit seiner Sekretärin auf der Außenalster (naja, fast) |
Die Titelgeschichte von Beef, das nicht mal einen originären Titel wert war (das Magazin des Art Directors Club heißt seit Jahren so), handelt natürlich zu allererst vom Steak, von dessen Testosterongehalt die anvisierten Käufer träumen dürften, und später auch davon, ob man eine Frau ins Bett kochen kann. Früher ging der Neandertaler-Mann jagen und gewann das Weibchen durch das schiere Ausmaß seiner Beute für sich, heute wird darauf spekuliert, dass das die weiblichen Hormone in Wallung geraten, wenn das Männchen am Herd kochen kann wie das Molekular-Genie Ferran Adrià. Man darf annehmen, dass neben dem Reißbrett in der G+J-Entwicklungsabteilung ein Fernseher steht, in dem diverse Köche ja seit Jahren Quote machen.
„Gala men“ wiederum klingt wie „Computer für Frauen“, jene Bücher, zu denen Menschen mit ein bisschen Selbstbewusstsein und Antennen für beiläufige Diskriminierung garantiert nicht greifen. Wenn es gut läuft für dieses Blatt, könnte noch eine Story für „Beef!“ rausspringen und sich ein paar schöne Kannibalisierungseffekte ergeben. Dann nämlich, wenn die männlichen „Gala“-Leser plötzlich begreifen, dass das Magazin gar nicht für sie gedacht war – wo sie doch vielleicht nicht ganz zu Unrecht dachten, dass Männer in Zeiten zunehmender Metrosexualisierung ein ähnliches Klatschbedürfnis wie Frauen und vor allem kein Problem haben, dazu zu stehen.
Bliebe noch „Business Punk“ – ein Magazin, das erstaunlicherweise in einer Art „Geolino“-Layout daherkommt und die „Leistungselite der Generation Xing“ ansprechen soll, was klingt wie Helmut Markwort nach zuviel Weißbier in der V.I.P.-Lounge des FC Bayern (Oliver Kahn ist auch im Blatt). Erstaunlich, wie hier ein stromlinienförmiger Laden auf Rock´n`Roll macht, seine wahre Geisteshaltung aber dann doch nicht wirklich unterdrücken kann und als einen der größten Business-Punks ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann vorstellt, dessen Laden gerade 60 Jahre Laufzeit für seine alten Atomkraftwerke gefordert hat. Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz.
Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht. Und so ein Soziologe dürfte ja nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Entwicklung der neuen Titel verschlungen hat.
Wasted Youth: Die “Junge Presse” in Mainz
Vielleicht ist Mainz ja ganz schön – gestern war es allerdings grauenhaft. Was vielleicht auch daran lag, dass das Jugendmedienevent an grässlichen Orten stattfand wie zum Beispiel dem ZDF auf dem Lerchenberg oder der Katholischen Fachhochschule, die eingeklemmt zwischen einem Krematorium und dem Mainzer Arbeitsamt liegt.
Ich durfte dort einen Workshop zum Thema „Blattmachen – Magazin-Journalismus“ leiten, zu dem kein einziger Junge, dafür aber neun Mädchen kamen, die vielleicht alle zu Tobias Zick von Neon wollten, der an meiner Stelle im Programmheft stand. Man kann also sagen, dass das Ganze eine ziemlich uncharmante Veranstaltung war – für die Referenten, aber auch für die 500 jugendlichen Teilnehmer, die man in einer Turnhalle untergebracht hatte, aus der sie um 6 Uhr morgen raus mussten, damit der Schulsport dort stattfinden konnte.
Mein Workshop dauerte 8 Stunden, und in dieser Zeit bemühte ich mich, den beflissenen Schülerzeitungsredakteurinnen meinen Beruf schmackhaft zu machen. Es ging um das nächste fluter-Heft zum Thema Ernährung. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten (wie gesagt: Sie mussten nach der ersten Partynacht um sechs Uhr raus!) hatten die Teilnehmerinnen richtig gute Einfälle: Am Besten gefiel mir die Idee, die Lebensmittel zu Wort kommen zu lassen: Karotten, denen man die Haut bei lebendigem Leib abzieht, Kartoffeln, die man zerschneidet und in kochendes Wasser wirft. Ich glaube, dass Wiglaf Droste so was in der Art sogar schon mal geschrieben hat.
Was mich aber wirklich schockierte, war: Dass all diese 16-18-Jährigen eine totale Angst vor der Zukunft hatten und davor, keinen Job oder eben den falschen zu bekommen. Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.
Vielleicht waren sie auch einfach weniger naiv als ich, denn das nächste schwarz-gelbe Regierungsprogramm sieht solche notwendigen Selbstfindungstrips wahrscheinlich gar nicht mehr vor.
Ich glaube, die Eltern der Jugendlichen, die ich gestern sah, haben sich schon im Kleinkindalter Sorgen gemacht, die Karriere ihrer Kinder mit der Wahl des falschen Kindergartens negativ zu beeinflussen. Es waren Kinder von Eltern also, wie es sie heute fast nur noch gibt. Und die ihren Söhnen und Töchtern durch ihre jahrelange Aufgeregtheit bei der Wahl der richtigen Schule und ihren falschen Ehrgeiz allen Mut und alles Selbstbewusstsein austreiben.
Diese Erkenntnis war fast so traurig wie das Wetter gestern in Mainz.


