Warum wir bald ein DUMMY Polizei machen

Eine Horrorgeschichte aus Charlottenburg vom letzten Mittwochabend: Ein großer Mercedes aus Brandenburg fährt an der Joachimsthaler/Ecke Kantstraße auf einen Volvo auf, dessen Fahrer aussteigt und sich beschwert. Der Mercedesfahrer will aber nicht diskutieren, stattdessen greift er den anderen Mann an und schubst ihn mit voller Wucht um. Der Mann fällt so unglücklich über den Bordstein, dass er sich sowohl das Schien- als auch das Wadenbeinbein bricht. Und zwar vierfach. Der Mercedesfahrer verlangt, dass der Mann aufsteht, doch dieser kann gar nicht aufstehen und ruft die Polizei. Das Erste, was der eintreffende Polizist macht: Er fordert den am Boden liegenden Mann auf, sein Auto wegzufahren, es stehe nämlich im Weg. Außerdem wolle er die Fahrzeugpapiere sehen. Als der Mann mit dem gebrochenen Bein sagt, er könne den Wagen nicht wegfahren, droht ihm der Polizist damit, das Auto abschleppen zu lassen.
Mittlerweile ist auch ein Notarztwagen da. Die Besatzung fordert den Mann am Boden auf, sich nicht so anzustellen und aufzustehen, eine Prellung tue zwar ein bisschen weh, aber sonst sei doch nichts. Gut, dass der Mann am Boden den Anweisungen nicht folgt. Im Krankenhaus stellt sich heraus, wie schlimm die Fraktur ist: Wäre der Mann aufgetreten, wäre der Knochen durchgebrochen und hätte vorne aus dem Bein herausgeschaut. Nur vier Tage später ist der Mann bereits zweimal operiert worden, jeweils mehrere Stunden lang, aus seinem Bein schauen große Metallstäbe, er hat Angst vor Infektionen und davor, später zu humpeln. Er wird den Mercedesfahrer anzeigen, den Polizisten auch.
War dieser Berliner Polizist ein Einzelfall? Ich würde sagen: nein.
Eine andere Geschichte aus Prenzlauerberg, Wins/Ecke Jablonskistraße, im Herbst. Morgens um halb neun regnet es plötzlich Steine von einem Dach, richtig große Brocken klatschen auf die Straße. Unten im Haus ist ein Kinderladen, man kann froh sein, dass niemand zu Schaden kommt. Nur ein kleines Auto vor der Tür, ein schwarzer Twingo: Der Lack platzt ab, Kratzer entstehen. Die Frau, der der Wagen gehört, ruft die Polizei. Mittlerweile sind auch die Bauarbeiter da, die den Steinschlag bei Dacharbeiten ausgelöst haben. Das erste, was der eintreffende Polizist sagt, ist, dass der Wagen der Frau auf einem Behindertenparkplatz steht, was für den Zeitpunkt des Schadens aber nicht mal stimmt. Dann sagt der Polizist, dass es sich um einen Versicherungsfall handle. Er geht nicht aufs Dach, um zu schauen, was dort für Gefahren bestehen. Es interessiert ihn nicht, dass Steine auf die Köpfe von Passanten hätten fallen können. Ihn interessiert nur, warum ihn die Frau gerufen hat.
Eine ähnliche Sache, die im Herbst in Schöneberg passierte, in der Goltzstraße: Aus einem Haus fliegt ein Pflasterstein in hohem Bogen auf ein Autodach. Der Autobesitzer ruft die Polizei, die den Vorfall aufnimmt. Als die Beamten gehen wollen, fragt der Mann, ob sie denn nicht mal im Hause nachfragen wollten, wer den Stein geworfen habe. Der Polizist dreht sich um und sagt, man wisse schon selbst, wie man zu ermitteln habe.
Ja, so ist sie, die Berliner Polizei.
(tip; 2009)

Hört bloß auf zu loben! (Kritik an der Buchkritik)

Das Buch, das ich gerade lese, wird wahrscheinlich die Literaturgeschichte verändern. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Dieses Buch ist das Ende der Bücher wie wir sie kennen, es ist Meisterwerk und Meilenstein in Einem. Mit dem Buch, das ich vorher gelesen habe, war es ganz genauso. Es war ein Bravourstück, ein Stück aus der Zukunft der Literatur. Ähnlich wie die anderen Bücher, die ich in diesem Jahr gekauft habe: allesamt lassen sie den Leser Zeit und Raum vergessen.
Zumindest wenn man dem Feuilleton glaubt, dem die Superlativismen nie ausgehen und das die Autoren gruppenweise unter Genieverdacht stellt. In keinem anderen Ressort wird so schwelgerisch gelobt, wird sich so affirmativ rangeschmissen wie im Literaturteil. Und selbst für die schlechten Bücher findet sich immer noch jemand, der schon aus Angst, nicht mehr mit Rezensionsexemplaren beschickt zu werden, lobhudelt, dass es kracht.
Das Buch, das ich gerade lese, heißt „2666“ von dem chilenischen Autoren Roberto Bolana. „Für 2666 muss man eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen“ schrieb die FAZ, es handele sich um einen „Meilenstein der literarischen Evolution“, schrieb Ijoma Mangold (in der Zeit), den die Evolution ins Fernsehen trieb und man nicht weiß, ob sie das hätte machen sollen. Der Spiegel verwendete das Wort, das in gefühlten 90 Prozent aller Kritiken Verwendung findet: „Ein Meisterwerk“. Ich bin gerade bei Seite 400 von 1000 und noch ist es ziemlich normal – weder besonders toll noch besonders schlecht. Im Freitag stand immerhin, dass es anfangs etwas zäh sei, aber dann das Beste, was man je im Leben gelesen habe. Ich habe also Hoffnung.

Ich weiß nicht, was los wäre, wenn sich andere Redaktionen mit solcher Inbrunst des Schwelgens hingeben würden. Wenn der Sportredakteur von einem Fußballspiel berichtete, wie es noch nie eins gegeben hat, der Autotester von einem Wagen, der mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, der Politikredakteur von einer Rede, die einen nicht mehr loslässt und der Medienjournalist von einer Sendung, die Geschichte schreiben wird. Buchkritiker merkt Euch: Es gibt auch in anderen Lebensbereichen Positives zu berichten – aber deswegen belästigt keiner die Leser mit seinem Dauererregungszustand. Was man im Feuilleton tagtäglich vorgesetzt bekommt, würde man in anderen Zeitungsteilen garantiert nicht dulden.

„Mit diesem Buch beginnt eine neue Zeitrechnung in der Literaturgeschichte“, bramarbasierte die Welt über „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Das Buch vereine “literarische Innovation und Lesbarkeit auf eigene, unerhörte, markerschütternde Weise“, schrieb die FAZ. Uuuuargghhhh –markerschütternd ist höchstens dieser permanente Ausnahmezustand im Feuilleton, der selbst Bücher voller windschiefer Metaphern wie „der Turm“ zu Heldentaten verklärt. Oft geht es nicht um die Qualität des Geschriebenen, sondern um andere Kriterien, die dem Rezensenten den Stift führen. So hat ein Buch größere Chancen, gelobt zu werden, wenn

A) der Autor eine Autorin und diese Autorin jung und hübsch ist (kommt besonders gut beim Spiegel an).
B) Der Autor oder die Autorin aus demselben Milieu wie der Rezensent kommt.
C) Der Autor oder die Autorin für dieselbe Zeitung arbeitet wie der Rezensent.
D) Der Autor oder die Autorin sich gerade erhängt hat oder krank ist.

Früher dachte ich immer, dass es in den Presseabteilungen Menschen gibt, die auch noch aus dem ärgsten Verriss die wenigen positiven Worte aus dem Zusammenhang reißen, um sie dann in Anzeigen und auf Rückseiten von Büchern zu drucken. Aus „unglaublich schlecht“ wird so das Gegenteil, nämlich „unglaublich“. Heute bin ich davon überzeugt, dass dieser Job abgeschafft ist.
(medium-magazin, November 2009)