Souverän im Glashaus: Die »Zeit« über die Odenwaldschule

Es ist schon verwunderlich, wie sehr es bei einem Thema darauf ankommt, wo und wann es platziert wird. Ein Skandal ist ein Skandal ist eben kein Skandal – wenn er zum falschen Zeitpunkt aufgedeckt wird – oder eben vom falschen Medium. Ein gutes Beispiel dafür ist der  Missbrauch an der Odenwaldschule. Über zehn Jahre ist es her, dass Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift »Der Lack ist ab« sowohl über die Vorwürfe als auch die Verdächtigen schrieb, die heute tagtäglich in allen Medien genannt werden. Ich würde mal tippen, dass es damals nicht nur der Reflex war, ein reformpädagogisches Projekt zu schützen, der viele von Schindlers Kollegen schweigen ließ, sondern auch der übliche Neid im Gewerbe – die Unart, Recherchen der Konkurrenz kleinzureden oder sie ganz zu ignorieren.

Heute, wo sich der Skandal viel größer als gedacht darstellt, mag sich natürlich niemand so recht daran erinnern, dass man 1999 geschlafen hat. Allein die Zeit hat sich Gedanken darüber gemacht, warum der FR-Artikel damals so gut wie nichts auslöste. Und wäre das nicht schon löblich genug, haben die Zeit-Reporter auch das eigene Haus nicht geschont und bei den Kollegen nachgefragt, warum das Thema bei Ihnen totgeschwiegen wurde – obwohl die Zeit sogar „über eine Mittelsfrau Informationen“ angeboten bekommen haben soll. Die damals zuständige Fachredakteurin Sabine Etzold rechtfertigt die Untätigkeit heute u.a. damit, dass die Sache verjährt gewesen und der Hauptbeschuldigte entlassen worden sei. Zudem, man ahnte es, gab es die Befürchtung, dass weitere Berichte der Reformpädagogik schaden könnten.

Großartig, dass die Zeit das Schweigen der Journalisten thematisiert (seltsamerweise ist der Artikel mit »Das Schweigen der Männer« überschrieben, aber Sabine Etzold ist ja schon mal kein Mann) und sich selbst nicht schont. Übrigens nicht zum ersten Mal – in der Medienberichterstattung übt die Zeit regelmäßig Selbstkritik. Das ist so selten in deutschen Medien, dass es wirklich herausragend ist.

Im Kopf mit den Gedanken des Springer-Verlags

Man kann ja schon längere Zeit der Auffassunsg sein, dass der “Rolling Stone” das einzige Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag ist, das man lesen kann und eigentlich etwas besseres verdient hätte als diesen verdummenden und verhetzenden Verlag, der gerade erst durch seine peinliche Eigenamnestie in Sachen 68 gezeigt hat, dass er weder zu einer intelligenten Geschichtsbetrachtung noch zu Selbstkritik fähig ist.

In diesem Monat aber beweist der “Rolling  Stone”, dass es auch anders geht. Auf der beigelegten CD befindet sich nämlich auch Jan Delays Song ”Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” mit der schönen Zeile: ”Ich  möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluß vom Axel-Springer-Verlag entstanden”.

Dass der Springer-Verlag selbst dazu beiträgt, diese Haltung unter´s Volk zu bringen, kann man den Dialektikern vom “Rolling Stone” nicht genug danken, die Delay in der dazugehörigen Kritik auch noch mal ausdrücklich für seinen politische Furor danken:  ”Delay mag inzwischen dem glamourösen Funk frönen, doch seine engagierte Haltung hat sich nicht geändert.” Die der “Rolling Stone”-Redaktion auch nicht.

In jedem Kaff: DUMMY Provinz ist fast da!

In Großstädten gibt es ja die etwas unangenehme Art, auf die Menschen in der Provinz hinunter zuschauen und so zu tun, als würden die quasi in Ihrem beschaulichen Heimat ein Leben zweiter Klasse führen. Wobei ganze Kaskaden des Belächelns existieren: München zeigt auf Ingolstadt, Berlin auf München, Menschen aus New York auf Berlin. Und es sind oft die Zugezogenen, die sich flugs als neues Distinktionsmerkmal eine ablehnende Haltung der Provinz gegenüber aneignen, sobald sie in eine Großstadt gezogen sind. Wobei Großstadt laut deutscher Verordnung ein Ort mit mehr als 100.000 Einwohnern ist. Das dient also kaum als Maßeinheit.

Aber nicht nur deshalb ist nichts provinzieller als das ständige Verweisen auf und das Benennen von Provinz. Es ist ganz im Gegenteil ein ziemlich verräterisches Zeichen für

provinzielles Denken, denn der wahre Kosmopolit kennt keine Provinz, spricht nicht von ihr, muss sich ihr gegenüber nicht abgrenzen, weil er darum weiß, wie tendenziös und fragil solche Zuschreibungen sind. Wer doch so argumentiert, dem sei hier von einem Bruder im Geiste berichtet: Herrlich wie Goebbels noch in den Zwanzigerjahren in seinen Tagebüchern von Berlin aus über das „provinzielle“ München schimpft, wo sich Hitler „mit Hinterwäldlern“ umgebe, wogegen er, Goebbels, der einzig fortschrittliche, weil urbane Nazi  sei … usw. usf.

Umgekehrt wäre doch womöglich die Frage danach ergiebig, wo Provinz eben NICHT ist, was also ihr Gegenteil sein könnte. Die Metropole? Der urbane Moloch als pumpende Herzkammer und Durchlauferhitzer globalisierter kultureller Strömungen? Und wie verhält sich dann ein Molöchlein wie das ach so weltläufige Berlin zu Shanghai, Los Angeles,

Dubai? Ist denn in einer dezentralen, zentrifugal sich beschleunigenden Welt nicht ALLES Provinz, also stets spürbar im Rückstand gegenüber einer Welt, die ja immer schon mindestens einen Schritt weiter ist? Gibt es überhaupt noch Provinz oder nur noch Peripherie?

Provinz ist also eher „im Kopf“, eine Hirnregion, also das Reservoir all meiner Prägungen,  die naturgemäß und zunächst immer topografisch oder kulturräumlich eingefärbt sind … eben auch dann, wenn ich von den Milieus in Berlin-Mitte oder Manhattan geprägt wurde.  Wenn ich aber auf der trügerischen Basis dieser Prägungen urteile, bin ich tatsächlich „engstirnig“ und „hinterwäldlerisch“. Und erst wenn ich sie überwinde, korrigiere oder überhaupt erst als solche erkenne, habe ich mich von der Provinz emanzipiert.

Deswegen ist das neue DUMMY (fertig, aber erst vom 15. März an am Kiosk oder im Briefkasten), weltoffen wie immer. Und welch anderes Covergirl könnte es bei diesem Thema geben als Heidi Klum, die mit der Kraft der Sauerkrautsuppe aus Bergisch Gladbach die internationalen Laufstege eroberte und ländlichen Anticharme versprüht. Außerdem dabei:

- Der Versuch, Deutsch zur Weltsprache zu machen

- Die Gesetze der Taliban

- Das ganze Leid, das man erfährt, wenn man drei Buchstaben auf dem Kennzeichen hat

- Cowboys, die in Harvard studieren

- Bauern, die an Schweineköpfen knabbern

und mit vielen anderen Geschichten und Fotos vom Land und aus der Stadt.

Und das Tollste: DUMMY Provinz gibt´s in jedem Kaff. (Zumindest im Abo)