Im Kopf mit den Gedanken des Springer-Verlags
Man kann ja schon längere Zeit der Auffassunsg sein, dass der “Rolling Stone” das einzige Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag ist, das man lesen kann und eigentlich etwas besseres verdient hätte als diesen verdummenden und verhetzenden Verlag, der gerade erst durch seine peinliche Eigenamnestie in Sachen 68 gezeigt hat, dass er weder zu einer intelligenten Geschichtsbetrachtung noch zu Selbstkritik fähig ist.
In diesem Monat aber beweist der “Rolling Stone”, dass es auch anders geht. Auf der beigelegten CD befindet sich nämlich auch Jan Delays Song ”Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” mit der schönen Zeile: ”Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluß vom Axel-Springer-Verlag entstanden”.
Dass der Springer-Verlag selbst dazu beiträgt, diese Haltung unter´s Volk zu bringen, kann man den Dialektikern vom “Rolling Stone” nicht genug danken, die Delay in der dazugehörigen Kritik auch noch mal ausdrücklich für seinen politische Furor danken: ”Delay mag inzwischen dem glamourösen Funk frönen, doch seine engagierte Haltung hat sich nicht geändert.” Die der “Rolling Stone”-Redaktion auch nicht.
Warum wir bald ein DUMMY Polizei machen
Eine Horrorgeschichte aus Charlottenburg vom letzten Mittwochabend: Ein großer Mercedes aus Brandenburg fährt an der Joachimsthaler/Ecke Kantstraße auf einen Volvo auf, dessen Fahrer aussteigt und sich beschwert. Der Mercedesfahrer will aber nicht diskutieren, stattdessen greift er den anderen Mann an und schubst ihn mit voller Wucht um. Der Mann fällt so unglücklich über den Bordstein, dass er sich sowohl das Schien- als auch das Wadenbeinbein bricht. Und zwar vierfach. Der Mercedesfahrer verlangt, dass der Mann aufsteht, doch dieser kann gar nicht aufstehen und ruft die Polizei. Das Erste, was der eintreffende Polizist macht: Er fordert den am Boden liegenden Mann auf, sein Auto wegzufahren, es stehe nämlich im Weg. Außerdem wolle er die Fahrzeugpapiere sehen. Als der Mann mit dem gebrochenen Bein sagt, er könne den Wagen nicht wegfahren, droht ihm der Polizist damit, das Auto abschleppen zu lassen.
Mittlerweile ist auch ein Notarztwagen da. Die Besatzung fordert den Mann am Boden auf, sich nicht so anzustellen und aufzustehen, eine Prellung tue zwar ein bisschen weh, aber sonst sei doch nichts. Gut, dass der Mann am Boden den Anweisungen nicht folgt. Im Krankenhaus stellt sich heraus, wie schlimm die Fraktur ist: Wäre der Mann aufgetreten, wäre der Knochen durchgebrochen und hätte vorne aus dem Bein herausgeschaut. Nur vier Tage später ist der Mann bereits zweimal operiert worden, jeweils mehrere Stunden lang, aus seinem Bein schauen große Metallstäbe, er hat Angst vor Infektionen und davor, später zu humpeln. Er wird den Mercedesfahrer anzeigen, den Polizisten auch.
War dieser Berliner Polizist ein Einzelfall? Ich würde sagen: nein.
Eine andere Geschichte aus Prenzlauerberg, Wins/Ecke Jablonskistraße, im Herbst. Morgens um halb neun regnet es plötzlich Steine von einem Dach, richtig große Brocken klatschen auf die Straße. Unten im Haus ist ein Kinderladen, man kann froh sein, dass niemand zu Schaden kommt. Nur ein kleines Auto vor der Tür, ein schwarzer Twingo: Der Lack platzt ab, Kratzer entstehen. Die Frau, der der Wagen gehört, ruft die Polizei. Mittlerweile sind auch die Bauarbeiter da, die den Steinschlag bei Dacharbeiten ausgelöst haben. Das erste, was der eintreffende Polizist sagt, ist, dass der Wagen der Frau auf einem Behindertenparkplatz steht, was für den Zeitpunkt des Schadens aber nicht mal stimmt. Dann sagt der Polizist, dass es sich um einen Versicherungsfall handle. Er geht nicht aufs Dach, um zu schauen, was dort für Gefahren bestehen. Es interessiert ihn nicht, dass Steine auf die Köpfe von Passanten hätten fallen können. Ihn interessiert nur, warum ihn die Frau gerufen hat.
Eine ähnliche Sache, die im Herbst in Schöneberg passierte, in der Goltzstraße: Aus einem Haus fliegt ein Pflasterstein in hohem Bogen auf ein Autodach. Der Autobesitzer ruft die Polizei, die den Vorfall aufnimmt. Als die Beamten gehen wollen, fragt der Mann, ob sie denn nicht mal im Hause nachfragen wollten, wer den Stein geworfen habe. Der Polizist dreht sich um und sagt, man wisse schon selbst, wie man zu ermitteln habe.
Ja, so ist sie, die Berliner Polizei.
(tip; 2009)
Der Spiegel mal ganz luzide: “Es wird Streit geben”

Man weiß gar nicht, was einen mehr wundern soll: Wie schnell der „Spiegel“ eine Titelgeschichte aus dem Hut zaubert, die die schwarz-gelbe Koalition verreißt oder der Umstand, dass die darin bemängelte Politik von der „Spiegel“-Redaktion nicht schon vor der Bundestagswahl antizipiert wurde. „Streit wird ein Thema von Schwarz-Gelb werden – soviel ist nach den Koalitionsverhandlungen gewiss“ reportiert das Magazin leutselig – und ehrlich gesagt hätte man das ja vor der Wahl ahnen können. Genauso wie den Umstand, dass eine vernünftige Energiepoltik unter der neuen Koalition mit ihren seltsamen Verrenkungen zum Thema Atomausstieg zum Erliegen kommt, wie der „Spiegel“ staunend feststellt. Übrigens schlägt sich das Magazin hier ganz elegant auf die Seite der Energie-Oligopolisten und bemängelt, dass die Laufzeitverlängerung nicht längst beschlossen und somit Planungssicherheit geschaffen wurde. Als Neuigkeit in der dürren Titelgeschichte wird auch das Zitat eines anonymen „FDP-Mannes“ ausgegeben, der die Geisteshaltung der CDU-Unterhändler so beschreibt: „Wir ändern hier gar nix“.
Das trifft im übrigen auch ganz gut auf die „Spiegel“-Redaktion zu: Seit Jahren gibt es in dem Blatt keine politische Haltung, die nicht in der nächsten Woche durch eine amüsante Pointe gekippt werden könnte. Wobei Amüsement hier auf sehr anstrengendem Niveau stattfindet – etwa dann, wenn sich die Autoren zwei Absätze nur damit beschäftigen, welcher Apfelsaft bei den Koalitionsverhandlungen getrunken wurde. Was immer das dem Leser auch sagen soll, außer: Der „Spiegel“-Reporter war wieder mittenmang statt nur dabei.
Noch vor Wochen war der ehemalige Umweltminister Sigmar Gabriel, der im „Spiegel“ über all die Jahre runtergeschrieben wurde wie kaum ein anderer, noch die letzte Pfeife – im aktuellen „Spiegel“ nun heißt es, es fehle das „heiße Blut“ wie es Gabriel in der Großen Koalition gezeigt habe. Andere Passagen der Titelgeschichte wirken, als fänden die Verschwörungstheorien einiger Parlamentarier mittlerweile eins zu eins ins Blatt. Wenn etwa Karl-Theodor zu Guttenbergs Versetzung ins Verteidigungsministerium damit erklärt wird, dass er als Finanzminister zu viele Möglichkeiten bekäme, sich als symphatischer Strahlemann in Szene zu setzen. Wenn das doch nur Peer Steinbrück gewusst hätte. Schlimm findet der „Spiegel“ übrigens auch, dass das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger erhöht und selbstgenutzte Immobilien geschützt werden. Das Land mag sozialdemokratischer geworden sein, der “Spiegel” nahm zwar nicht die umgekehrte Richtung, aber den Weg in die Indifferenz: Er schreibt halt immer gegen die an, die gerade regieren und versichert sich mit diesen Schnellschüssen seiner eigenen Kritikfähigkeit. So wie Schwarz-Gelb auf dem aktuellen Titelbild schlingert der “Spiegel” schon lange.
PS: Wirklich lesenswert ist übrigens die Geschichte über das Paris-Bar-Bild von Martin Kippenberger, oder eben gerade nicht von Kippenberger.
Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal
Was soll man dazu sagen? Gut, dass der Bertelsmann Reinhard Mohn nicht mehr erleben muss, welche Produkte der zu Bertelsmann gehörende Verlag Gruner+Jahr heute auf den Markt schmeißt? Oder sind diese Hefte, die von einem erstaunlich gestrigen Gesellschaftsbild zeugen, womöglich noch vom kürzlich verstorbenen alten Mann aus Gütersloh maßgeblich beeinflusst worden?
Es geht hier um die Zeitschriften „Beef!“, „Gala men“ und „Business Punk“, mit denen der erschlaffte Hamburger Verlag von heute an Kreativität vorschützt. Zu allererst fällt auf, dass G+J die Zielgruppen immer noch in Mann und Frau, in reich & arm und in alt und jung einteilt, anstatt in bestimmte gesellschaftliche Milieus. Was ja ein verlegerisches Denken ist, das man spätestens seit dem Mega-Flop „Vivian“, Burdas vor etwa zehn Jahren grandios gescheitertem “Focus für die Frau”, für ausgestorben hielt. Nicht aber bei Gruner + Jahr, wo mittlerweile ein früherer FDP-Politiker mit juristischem Staatsexamen den Laden schmeißt – oder sagen wir: an die Wand fährt.
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| Business-Punk und G+J-Chef Bernd Buchholz mit seiner Sekretärin auf der Außenalster (naja, fast) |
Die Titelgeschichte von Beef, das nicht mal einen originären Titel wert war (das Magazin des Art Directors Club heißt seit Jahren so), handelt natürlich zu allererst vom Steak, von dessen Testosterongehalt die anvisierten Käufer träumen dürften, und später auch davon, ob man eine Frau ins Bett kochen kann. Früher ging der Neandertaler-Mann jagen und gewann das Weibchen durch das schiere Ausmaß seiner Beute für sich, heute wird darauf spekuliert, dass das die weiblichen Hormone in Wallung geraten, wenn das Männchen am Herd kochen kann wie das Molekular-Genie Ferran Adrià. Man darf annehmen, dass neben dem Reißbrett in der G+J-Entwicklungsabteilung ein Fernseher steht, in dem diverse Köche ja seit Jahren Quote machen.
„Gala men“ wiederum klingt wie „Computer für Frauen“, jene Bücher, zu denen Menschen mit ein bisschen Selbstbewusstsein und Antennen für beiläufige Diskriminierung garantiert nicht greifen. Wenn es gut läuft für dieses Blatt, könnte noch eine Story für „Beef!“ rausspringen und sich ein paar schöne Kannibalisierungseffekte ergeben. Dann nämlich, wenn die männlichen „Gala“-Leser plötzlich begreifen, dass das Magazin gar nicht für sie gedacht war – wo sie doch vielleicht nicht ganz zu Unrecht dachten, dass Männer in Zeiten zunehmender Metrosexualisierung ein ähnliches Klatschbedürfnis wie Frauen und vor allem kein Problem haben, dazu zu stehen.
Bliebe noch „Business Punk“ – ein Magazin, das erstaunlicherweise in einer Art „Geolino“-Layout daherkommt und die „Leistungselite der Generation Xing“ ansprechen soll, was klingt wie Helmut Markwort nach zuviel Weißbier in der V.I.P.-Lounge des FC Bayern (Oliver Kahn ist auch im Blatt). Erstaunlich, wie hier ein stromlinienförmiger Laden auf Rock´n`Roll macht, seine wahre Geisteshaltung aber dann doch nicht wirklich unterdrücken kann und als einen der größten Business-Punks ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann vorstellt, dessen Laden gerade 60 Jahre Laufzeit für seine alten Atomkraftwerke gefordert hat. Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz.
Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht. Und so ein Soziologe dürfte ja nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Entwicklung der neuen Titel verschlungen hat.
Wasted Youth: Die “Junge Presse” in Mainz
Vielleicht ist Mainz ja ganz schön – gestern war es allerdings grauenhaft. Was vielleicht auch daran lag, dass das Jugendmedienevent an grässlichen Orten stattfand wie zum Beispiel dem ZDF auf dem Lerchenberg oder der Katholischen Fachhochschule, die eingeklemmt zwischen einem Krematorium und dem Mainzer Arbeitsamt liegt.
Ich durfte dort einen Workshop zum Thema „Blattmachen – Magazin-Journalismus“ leiten, zu dem kein einziger Junge, dafür aber neun Mädchen kamen, die vielleicht alle zu Tobias Zick von Neon wollten, der an meiner Stelle im Programmheft stand. Man kann also sagen, dass das Ganze eine ziemlich uncharmante Veranstaltung war – für die Referenten, aber auch für die 500 jugendlichen Teilnehmer, die man in einer Turnhalle untergebracht hatte, aus der sie um 6 Uhr morgen raus mussten, damit der Schulsport dort stattfinden konnte.
Mein Workshop dauerte 8 Stunden, und in dieser Zeit bemühte ich mich, den beflissenen Schülerzeitungsredakteurinnen meinen Beruf schmackhaft zu machen. Es ging um das nächste fluter-Heft zum Thema Ernährung. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten (wie gesagt: Sie mussten nach der ersten Partynacht um sechs Uhr raus!) hatten die Teilnehmerinnen richtig gute Einfälle: Am Besten gefiel mir die Idee, die Lebensmittel zu Wort kommen zu lassen: Karotten, denen man die Haut bei lebendigem Leib abzieht, Kartoffeln, die man zerschneidet und in kochendes Wasser wirft. Ich glaube, dass Wiglaf Droste so was in der Art sogar schon mal geschrieben hat.
Was mich aber wirklich schockierte, war: Dass all diese 16-18-Jährigen eine totale Angst vor der Zukunft hatten und davor, keinen Job oder eben den falschen zu bekommen. Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.
Vielleicht waren sie auch einfach weniger naiv als ich, denn das nächste schwarz-gelbe Regierungsprogramm sieht solche notwendigen Selbstfindungstrips wahrscheinlich gar nicht mehr vor.
Ich glaube, die Eltern der Jugendlichen, die ich gestern sah, haben sich schon im Kleinkindalter Sorgen gemacht, die Karriere ihrer Kinder mit der Wahl des falschen Kindergartens negativ zu beeinflussen. Es waren Kinder von Eltern also, wie es sie heute fast nur noch gibt. Und die ihren Söhnen und Töchtern durch ihre jahrelange Aufgeregtheit bei der Wahl der richtigen Schule und ihren falschen Ehrgeiz allen Mut und alles Selbstbewusstsein austreiben.
Diese Erkenntnis war fast so traurig wie das Wetter gestern in Mainz.
Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)
Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.
Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch
eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.
Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR
erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.
Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.
P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.
Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk
War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.
Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat. Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.
Eine Art Konfer
enz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.
Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.
Wenige Sätze (11) zum Spiegel Nr. 39: Bitte nicht wackeln
Nie war es so teuer, keine Meinung zu haben: Der Spiegel klebt auf sein aktuelles Cover ein Wackelbildchen, das mal Angela Merkel und mal Frank-Walter Steinmeier auf dem Thron zeigt. Und als hätte man es nicht gleich kapiert, erfährt man es in der Hausmitteilung noch mal: „Eine Wahlempfehlung gibt der Spiegel nicht ab.“ Erstaunlich, dass man aus seiner Mutlosigkeit auch noch so ein großes Ding machen kann.
Das Stück über Steinmeier erzählt das Übliche, das Steinmeier nämlich immer noch ein wenig steif ist – das aber wortreich und lang und mit der schönen Erkenntnis, dass „Steinmeiers Ausstrahlung seinen Körper nicht verlässt.“ Das Stück über Merkel hält sich auch nicht groß mit politischen Inhalten auf, lieber rezensiert der Autor Gesten, Mimik und CDU-interne Befindlichkeiten. Die Politikberichterstattung des Spiegel ist ja eh zunehmend eine Berichterstattung über die Oberfläche des Politikbetriebs geworden. Man gehört eben zum eher unintellektuellen „Berliner Kommentariat“ – das ist übrigens ein schöner Begriff aus dem Merkel-Text von Christoph Schwennicke, den man anscheinend von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel geholt hat, damit er da möglichst wenig schreibt.
Und sonst: Im Interview mit dem George-Bush-Senior-Verehrer James Baker erfährt man auch nichts Neues über die deutsche Einheit, im Gespräch mit dem sonst Butterfahrt-tauglichen G+J-Vorsitzenden Bernd Buchholz über die Krise bei Gruner + Jahr gibt sich dieser imageschädigend schmallippig – und es gibt, aus welchem Grund auch immer, ein sage und schreibe fünfseitiges Stück über die Band No Angels, zu dem auch noch der fleißige Rechercheur Sven Röbel abkommandiert wurde. Schon das ist ein Grund, den Spiegel diese Woche am Kiosk liegen zu lassen.
Moratorium für dieses Blog aufgehoben
Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)
Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.
Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.
Alles halb so schlimm im SZ-Tower
Nach den traurig stimmenden Meldungen der letzten Wochen, die einen aus der SZ-Redaktion ereichten, war man ja schon in größter Sorge um das Blatt. Tränenreiche Artikel wurden darüber geschrieben, dass die SZ-Redaktion und der Verlag nun nicht mehr länger in der Münchner Innenstadt unweit der gemütlichen Bierstuben beheimatet sind, sondern am Stadtrand in einem modernen Gebäude, das aussieht wie der Sitz einer Versicherung – sagen wir von Axa.
Um zu schauen, ob denn den Kollegen wirklich jener Tort angetan wird, den sie die ganze Zeit beklagen, habe ich mich aufgemacht in die Hultschiner Straße in München-Ost. Und ich muss sagen: die Ankunft in der S-Bahnstation Berg am Laim verheißt erst einmal nichts Gutes. Man muss durch eine furchtbare und furchtbar gefährliche Gleis-Unterführung hindurch und dann steht man vor dem Glas-Tower, der von der Aufteilung her an das Spiegel-Haus in Hamburg erinnert, nur eben viel schöner. Die verglaste Fassade mit ihren abwechselnden Fensterstürzen sieht schon mal klasse aus, die Münchener Sonne spiegelt sich darin und taucht den Platz davor in gleißendes Licht. Auch in der Kantine hat man sich sichtlich um eine spiegeleske Farbigkeit bemüht, leider ist es viel weniger psychedelisch geworden. Die Bedienungen wurden sorgfältig nach Hautfarbe gecastet, man isst nun wie im Inneren einer Benetton-Werbung. Ich hatte so eine Art Tafelspitz mit Schnittlauchsoße, nach dem man sich im Berliner Verlag – diesem schäbigen Plattenbau mit seiner Sodexo-Kantine – die Finger lecken würde.
Auch sonst klagen die SZ-Mitarbeiter auf hohem Niveau. Das Foyer ist ein mehrstöckiges Atrium mit Video-Wall, die wohl bedeuten soll, dass man hier alles im Blick hat. Klar, das ist bemüht, aber irgendwie hofft man, dass dieser mondäne Auftritt mit den gläsernen Büros der SZ ihre Münchener Spießigkeit austreibt. Denn all die Berlin-Hassartikel konnten schließlich nur in der Meister-Ederhaftigkeit der Sendlinger Straße gedeihen, wo man halt gern am Mittag schon auf ein Weißbier ging. Dortselbst habe ich Büros wie die der Medienredaktion gesehen, die an Alcatraz erinnerten.
Nun sitzen die Redakteure in lichtdurchfluteten Zimmern mit einem schönen Ausblick auf den hässlichen Teil von München und klagen über die Kinderkrankheiten, die so ein modernes Haus nun mal hat. Die Jalousien gehen bei Sonneneinstrahlung automatisch runter und das Licht geht an. Die Klimaanlage regelt sich selbstständig, und ab und zu gibt es einen Feuer-Fehlalarm. Was wirklich unschön ist, ist dass die einzelnen Redaktionen relativ abgeschottet auf den Etagen sitzen, es kaum Möglichkeiten der Begegnung gibt. Bei einem Wochenmagazin wie dem Spiegel mag das noch hinhauen, aber bei einer Tagesszeitung wäre mehr Kommunikation schon dienlich.
Ansonsten aber möchte man den selbstmitleidigen Kollegen mit einem Wort von Werner Funk zurufen: „Licht und Luft geben Saft und Kraft“!
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Hat es jemand gemerkt? Der Kulturspiegel ist wieder da (das ist dieses Heftchen, das ab und an aus dem Spiegel rausrutscht und kein Katalog von Peek & Cloppenburg ist). Faszinierend ist dieses Magazin ja schon. Es kostet nichts. Es sieht aus wie nichts. Und es enthält unter Garantie keine Geschichten, die man nicht schon irgendwo anders gelesen hat. Vielleicht ist der Kulturspiegel ja auch ein kleines Second-Hand Geschäft, irgendwo in Hamburg. Vielleicht können Journalisten da vorbeigehen und ihre alten, vermufften Texte abliefern, die sonst keiner will? Ich weiß nicht, was der Kulturspiegel ist. Jedenfalls hat es fast schon was von Slapstick, wie die Redaktion jeden Monat Trends herbeischreibt und sich am Ende doch nur hinter abgefahrene Züge schmeißt. George Clooney Superstar (August), Shoppen in New York (September), das supertolle Kindel Lesegerät im Oktober (das, nebenbei gesagt, drei von zehn darüber berichtenden Journalisten noch nie in der Hand gehabt haben, aber trotzdem schon mal vom revolutionären Potential schwärmen). Außerdem ist da diese überraschend schöne Kanzlerin auf dem Cover. Kommt mir irgendwie bekannt vor die Idee. Oder täusche ich mich da?
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Schon wieder Tom Kummer: Story in DUMMY gefälscht!
Die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete der Schweiz-Ausgabe von DUMMY neulich einen kleinen Artikel. „Das Gesellschaftsmagazin Dummy ist eine typische Berlin-Mitte-Marke: kreativ, chic und unabhängig, und es sieht gut aus“, hieß es da zunächst schmeichlerisch, aber dann weiter: „Schaut man genauer hin, ist die Aufmachung besser als das Produkt, wie so oft beim Berlin-Mitte-Chic.“
Lobenswert fand die Autorin Sieglinde Geisel aber das bern-deutsche Editorial und die Geschichte über den Fälscher Tom Kummer. Immerhin, so die NZZ, erfahre man in DUMMY einige Neuigkeiten von dem Schweizer Borderline-Journalisten. Dass er nämlich „in einem Club in Hollywood anderen Promis Tischtennis beibringt.“
Soso. Tischtennis also, obwohl im Artikel in DUMMY ausnahmslos von Paddletennis die Rede ist, das Kummer auch nicht in Hollywood sondern in Malibu betreibt. Damit hat es die NZZ geschafft, die einzigen Fakten, die in dem Artikel stecken, auch noch zu verdrehen. Dass Kummer in Malibu Paddletennis spielt, ist nämlich das einzig Wahre an der Geschichte, der Rest ist frei erfunden. So, jetzt ist es raus.
Nicht nur die NZZ ist darauf reingefallen, auch andere Rezensenten haben nicht gemerkt, dass Autor Oliver Geyer passend zum Thema einen echten Kummer abgeliefert und sein Treffen mit dem Fälscher komplett zusammenfantasiert hat. „California Dreaming“ eben – wie es schon in der Überschrift heißt.
Neben der Headline gab es noch andere Hinweise, dass das Thema dialektisch bearbeitet wurde. So griff Geyer auf das urtypischste aller Kummer-Stilmittel zurück – nämlich den exzessiven Einsatz von Promis. „Einmal hat Oliver Geyer Tom Kummer in Los Angeles besucht, dort schlaflose Nächte verbracht, Gwyneth Paltrow und Bruce Willis kennengelernt und Kummer beim, Popp, popp, popp,´ Tennisspielen beobachtet”, schrieb etwa Ronnie Grob anerkennend auf Medienlese.com. Soso. Gwyneth Paltrow und Bruce Willis also.
Kompliment an Geyer, der den Ton des Meisters perfekt getroffen hat. Offen bleibt, ob die nicht entdeckte Fälschung bedeutet, dass ein zweiter Kummer jederzeit wieder möglich ist. Hier auf jeden Fall für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben, der poppige Anfang. Damit sich jeder ein Bild machen kann.
- “Popp, popp, popp, popp. Die gelben Bälle fliegen so schnell über das kleine Paddletennis-Feld, dass sie die ballistische Bahn von Gewehrkugeln beschreiben. Popp, popp, popp. Man sieht nur noch gelbe Streifen. Tom Kummer lässt es auch in seinem neuen Job als Paddletennis-Trainer im Jonathan Club at the Beach in Malibu richtig poppen, er macht Tempo. Er will das Letzte aus seinem Gegenüber herausholen, egal wer sich da abrackert. Heute ist es Bruce Willis, der alles geben muss. Die Sonne steht schon tief über den unwirklich hohen Palmen des Promi-Clubs in Malibu. Gegen Abend bläht sie sich immer noch einmal auf, taucht die Welt in Technicolor und versinkt im Pazifik. Der ganze Himmel ist orange. Hier ist aber auch alles larger than life, denkt der gejetlagte Europäer. Das kann doch nicht wahr sein.
- Der Actionheld hat aufgegeben, Bruce Willis wedelt mit dem triefenden Stirnband: „Lass uns besser noch zusammen einen Drink nehmen Tomás.“ Willis und Kummer kommen hoch auf die Terrasse und setzen sich zu mir. Die letzten Sonnenstrahlen leuchten die Szene perfekt aus. „Das ist Bruce, das ist Oliver, ein Freund aus Deutschland“, stellt Tomás uns vor. „Nice to meet you, Bruce.“ Da ist man 13 Stunden nach Los Angeles geflogen, um etwas über den wahren Tom Kummer zu erfahren, über das Leben unseres Schweizers in Hollywood, über den Bad Guy of German Journalism, der mit seinen gefälschten Promi-Interviews und Reportagen die heile deutsche Medienwelt in eine Identitätskrise gestürzt hat, und schon ist man Teil der Lüge. Für die Mitglieder des Clubs heißt Tom Tomás, kommt nicht aus Bern, sondern aus Brasilien und war immer Tennisspieler. Meine erste Frage, die mir während der Zwischenlandung in Zürich einfiel und klug erschien, muss ich erst mal stecken lassen: Sind alle Schweizer Lügner? Stattdessen gibt es Weibergeschichten von Bruce Willis.“
Nicht vergessen: Holtzbrinck hat die Berliner verschleudert
Neulich konnte man im Berliner „Tagesspiegel“ lesen, wie schlecht es den Redakteuren der „Berliner Zeitung“ unter dem Finanzinvestor David Montgomery, der die Zeitung ganz offensichtlich kaputtspart, geht. „Nicht einmal ordentlich im Netz recherchieren“ könnten die Mitarbeiter, „weil viele Anwendungen auf den veralteten Computern nicht laufen.“ Es existiere ein „massiver Investitionsstau in der Holding, der mit einem Exodus leitender Mitarbeiter in Redaktionen und Verlag einhergeht. Wer nicht freiwillig seinen Platz räumt, wird gegangen.“ Die Auflage des Blattes sei unter dem Cheverolet-Corvette-fahrenden Chefredakteur Depenbrock im ersten Quartal auf 171 893 Exemplare gesunken, die verkauften Abos seien um mehr als zehn Prozent zurückgegegangen – „vor allem, weil weniger Geld in die wichtige Abo-Werbung gesteckt wird.“
Einen Tag später berichtete auch die „Zeit“ vom Trauerspiel bei der „Berliner Zeitung“. Unter der markigen Überschrift „Eins in die Presse“ hieß es, dass die Mecom-Holding, der die „Berliner Zeitung“ gehört, „kein Verlag im herkömmlichen Sinne“ sei, „sondern eine Hülle, geführt von einem ehemaligen Medienmanager, der lauter Finanzinvestoren um sich versammelt hat.“ Der nun „zu erwartende Abbau bei der “Berliner Zeitung” sei „eine journalistische Amputation, die ihresgleichen“ suche.
Das ist natürlich sehr ehrenwert, dass die Kollegen den darbenden Redakteuren bei der „Berliner Zeitung“ im Kampf gegen die Heuschrecke so beispringen. Unbedingt erinnert sei hier aber noch einmal daran, wer eigentlich die „Berliner Zeitung“ an den englischen Finanzinvestor verkauft hat. Das nämlich war der Holtzbrinck-Verlag, in dem der „Tagesspiegel“ und auch die „Zeit“ erscheinen. Da es damals auch andere Angebote gab, etwa vom Verlagshaus DuMont, liegt die Vermutung nicht fern, dass es Holtzbrinck genauso wie Montgomery einzig und allein um`s Geld ging. Für ein paar Millionen mehr hat man die journalistische Amputation der „Berliner Zeitung“ eingeleitet.
Wie gesagt: Man muss sich das nur noch einmal vor Augen halten, wenn man nun in den Holtzbrinck-Blättern Zeilen voller Krokodilstränen vorfindet. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sich bei der „Berliner Zeitung“ so recht niemand über die Solidaritäts-Gesten der Kollegen freuen kann.
Der damals bei Holtzbrinck zuständige Manager, Michael Grabner, sagte übrigens unlängst über David Montgomery, dass er dem „aktuell keinen Gebrauchtwagen mehr abkaufen” würde. Als Gebrauchtwagenverkäufer hingegen könnte man sich Grabner sehr gut vorstellen.
Schockerziehung per DVD-Trailer: Auch was für Vorschulkinder
Ich hatte mir vor einigen Wochen ein paar DVDs bestellt, und darunter war eine aufwendige DVD-Box von The Wizard of Oz – dem größten Kinderfilm-Klassiker aller Zeiten, erschienen bei Warner Brothers. Kürzlich riss ich die Verpackung auf, klappte die fünfseitige, kaugummibunte Faltpappe in all ihrer Herrlichkeit auf, und ich legte die Film-DVD ein. “Somewhere Over the Rainbow” hören und ein bisschen träumen.
Nur: Da gab es erst einmal ein 43 Sekunden langes Schock-Video zu ertragen. Hämmernde, treibende, laute Musik, in die Crime-Sounds vom Brandausbruch bis zur Polizeisirene hineingesampelt worden waren und bei der jeder Herzkranke übern Jordan gegangen wäre. Extrem nervöse und verwackelte Aufnahmen von diversen Kriminaldelikten. Wildes Flackern allenthalben. Und fortwährend dazwischen-geschnitten, im Stile dessen, wie man sich Gehirnwäsche bei der psychologischen Kriegsführung vorstellt: flackernde, wabernde Textbrocken in ganz großen Buchstaben.
Diese Textbrocken, Wort für Wort auf den Bildschirm geschmettert, fügten sich zu Mitteilungen. Und weil das Ganze dankenswerterweise immer wieder erneut anläuft, wenn man die DVD noch einmal einlegt, habe ich es Einstellung für Einstellung einmal mitgeschrieben (Interpunktion zur Lesbarkeit nachträglich eingefügt):
YOU WOULDN’T
STEAL A CAR.
YOU WOULDN’T
STEAL A HANDBAG.
YOU WOULDN’T
STEAL A MOBILE PHONE.
YOU WOULDN’T
STEAL A MOVIE.
MOVIE
PIRACY
IS
STEALING.
STEALING
IS AGAINST
THE LAW.
PIRACY.
IT’S A CRIME.
Also: So eine nützliche Verbraucherinformation und Rechtsberatung ist doch mal wirklich überzeugend. (Vielleicht finden das ja auch die Verfasser des “Offenen Briefs zum Tag des Geistigen Eigentums” vom 25.04.2008.) Doch was mir beim Angucken schon die Sprache verschlug: Welcher losgelassene Irre hat denn dafür gesorgt, dass dieser Schocker aus der Abteilung Psycho-Attacke nicht selbst unter die Altersbeschränkung fällt? Kann man kleine Kinder mit gar nichts alleine lassen?
Es ist ja nicht nur so, dass die ganze DVD, der dieses Filmchen vorangestellt wurde, von der zuständigen britischen Behörde als UNIVERSAL, Suitable for all eingestuft wurde – also freigegeben ohne Altersbeschränkung. Die Komikertruppe, durch deren Hände das gegangen ist, hat sogar den Trailer selbst entsprechend klassifiziert. Zu sehen unten rechts, am Anfang des Stücks. Nicht zu fassen.
Glückwunsch: Gruner+Jahr zeichnet sich selbst aus
[FALSCHMELDUNG -- siehe Kommentare!]
Der Großverlag Gruner + Jahr schreibt ja sehr gern Preise aus. Neben dem Henri-Nannen-Preis seit Neuestem auch den „G+J photo award“ für Fotografie. Im Januar lud der Verlag Fotografen ein, sich mit ihren Arbeiten zu bewerben. „Der Wettbewerb wendet sich an angehende, professionelle Fotografen bis 35 Jahre, die entweder noch in Ausbildung sind, oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben oder aber bereits erste Aufträge für Magazine und Werbung umgesetzt haben“, so stand es in der Ausschreibung. Insgesamt wurden 602 Arbeiten eingereicht.
Wir können hier exklusiv schon mal vorab die Gewinner verkünden, denn in den sechs journalistischen Kategorien sind ausschließlich Arbeiten aus Gruner + Jahr-Zeitschriften nominiert. Es sind: Stern, stern.de, Neon, Living at home, view und Brigitte. Herzlichen Glückwunsch!
In der Jury saßen übrigens Bildredakteure und Artdirektoren von: Stern, stern.de, Neon, Living at Home, view und Brigitte.
Ein schöner Tag also für Bernd Buchholz, Zeitschriften-Vorstand von G+J, der im Vorfeld verlautbaren ließ, dass sich der G+J-photo award „mit dieser überwältigenden Resonanz vom Start weg in der Fotografie-Szene etabliert.“ Bedauerlich nur, dass Gruner+Jahr nicht noch die Kategorie „Werbefotografie“ für sich entscheiden konnte, aber leider hat man keine eigene Werbeagentur.
Die Nominierten werden übrigens laut Homepage „zur Vernissage am Fr. 18. April 2008 ins G+J Pressehaus und zur Preisverleihung im Rahmen der Triennale der Photographie am 20. April 2008 eingeladen.“ Reisekosten sind selbst zu tragen. Gut, dass es die meisten Gewinner nicht weit haben.
Actionkino im Meta-Feuilleton:
Professor Hörischs rasende Rundmail und die Kritikerkritik-Kontroverse
Der Germanistik-Professor Jochen Hörisch (Mannheim) veröffentlichte vergangenes Jahr eine Sammlung seiner Aufsätze, sie hieß “Das Wissen der Literatur”. Der Literaturkritiker und Lateindozent Burkhard Müller (Chemnitz) besprach das Buch in der SZ vom 07.03.2008. Er schien genuin enttäuscht. (Die Rezension findet sich nur hier.)
Einen Monat später hat es ein beträchtliches Bohai gegeben. Denn bei Perlentaucher.de wurde am 06.04. ein offener Brief von Hörisch an Müller veröffentlicht – textidentisch mit einer Rundmail, die Hörisch in einer wohl beispiellosen Aktion in die Republik hinaus versendet hatte: Unter Burkhard Müller im Adressatenfeld fanden sich in der Cc-Zeile “leitende Redakteure, Feuilletonredakteure, Lehrstuhlinhaber, Literaturkritiker, Publizisten, Schriftsteller und andere im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb tätige Zeitgenossen”, wie Georg Klein in einem Zwischenruf mitteilte. Burkhard Müller veröffentlichte am 08.04. seine Erwiderung beim Perlentaucher; Hörisch antwortete seinerseits am 11.04.
Hörischs Brief liest sich, als höre man einem cholerischen Würdenträger aus dem vorletzten Jahrhundert bei einer Privatbrüllerei zu, mit der er zunächst einmal ein paar kritische Körperwerte runterreguliert, bevor er der nächsten Schritt plant und an die Öffentlichkeit geht. Nur: Dieser Brief war bereits Hörischs nächster Schritt – es waren Wochen verstrichen, bevor er sich zu ihm entschied. Und er entschied, sich zum vielleicht größten Horst zu machen, den deutsche Feuilletonredaktionen seit Erfindung der E-Mail erlebt haben.
Der Brief ist repetitiv, und er ist laut, und zwar außerordentlich repetitiv und laut. Er ist so aufgeplustert und derart überzogen angesichts des Wortlauts der ursprünglichen Rezension, dass man mehrmals leise lachen muss. Doch das war keine Spaßguerilla-Aktion. Jochen Hörisch und sein Buch sind echt, und sein Brief ist es auch. Und er meint ihn ernst, sogar das peinliche und redundante Gekreische nach einer Entschuldigung meint er ernst – das offenbar vor allem.
Was für eine Erwartung, zu glauben, ein Literaturrezensent werde in so einer Situation eine Entschuldigung abliefern. Und, was viel wichtiger ist: Wie kann ein Buchautor mit Selbstrespekt und einem Funken Verstand bloß seine Genugtuung davon abhängig machen, ob sich sein Rezensent entschuldigt – anstatt eher davon, ob er die anderen, die er erreichen will, von der Verfehltheit der Kritik überzeugt?
Nun liegen die Dinge nicht schwarz-weiß in dieser Sache. Müllers Rezension – zum Erscheinungszeitpunkt durchschnittlich unbeachtet, seit Hörischs Brief hat sich das natürlich vollkommen erledigt – war ein seltsames Ding. Ich las die Rezension nachträglich, im Ohr noch das Pfeifen vom Hörisch-Megaphon, und ich begriff zunächst einmal kaum, was hier los war: Was große Teile dieser Rezension betrifft, habe ich noch nie einen Verriss gelesen, der so wohlmeinend geschrieben war.
Nur: Burkhard Müllers Bemängelungen waren erstens sachlich fehlerbehaftet. Und zweitens schloss seine Besprechung mit einer persönlichen Bemerkung, die er wohl besser weggelassen hätte. Zunächst zum zweiten. Seltsam, wie gesagt: Müllers persönliche Bemerkung leitete einen der geradezu zärtlichsten Schlussabsätze ein, die jemals in einem sogenannten Verriss zu lesen sein werden. Dennoch lässt er sich leicht als überheblich lesen – über so etwas schläft man eine Nacht, und am nächsten Tag tilgt man dann lieber den persönlichen Kram, der mit dem “ernsten Freund” zusammenhängt:
Was Jochen Hörisch not täte, ist ein ernster Freund. Denn er weiß viel und kann auch viel, wie sich bei seiner sensiblen und intelligenten Analyse von Wilhelm Müllers Gedichten und Schuberts Musik zeigt. Aber er besitzt keine Widerstandskraft gegen den eigenen plaudernden Charme, der sich mündlich weit besser macht als in geschriebener Form – wie jeder bestätigen kann, der schon mal bei einer Podiumsdiskussion erlebt hat, wie Hörisch das Publikum unterhält und den Moderator zur Verzweiflung treibt. Ein Freund müsste es sein, der nicht mitlacht, wenn Hörisch mal wieder den Fiesco als Tatort-Krimi, den Don Carlos als Politthriller anpreist, und der ihn, wenn er zu einer seiner assoziativen Pirouetten ansetzt, sanft, doch nachdrücklich fragt, was er uns denn eigentlich sagen wollte.
Und der eigentliche Kern der Kritik? Burkhard Müller warf Hörisch inhaltliche Ziellosigkeit und Beliebigkeit vor. Dieser Hauptkritikpunkt lässt sich nur beurteilen, wenn man Hörischs Aufsatzsammlung gelesen hat. Aber um ihn geht es gar nicht in dem Briefwechsel.
Der halbwegs sachorientierte Teil der Auseinandersetzung im Briefwechsel betrifft eine Handvoll Beispiele, die Müller zur Ergänzung, und offenbar auch zur Illustration seiner Hauptkritik vorbrachte. Wen das Ganze interessiert, der wird sich die Beiträge von Müller und Hörisch drüben ohnehin durchlesen. Aber auch wenn das dummyblog kein Dokumentationszentrum ist: Eine kleine Übersicht und das Scorekeeping lässt sich schon noch übernehmen. Fünf Streitpunkte greift Hörischs rasender erster Brief auf. Wir begeben uns jetzt zum Fußball – abgerechnet wird in der Reihenfolge der Nennungen in Hörischs Brief:
1. Zum Begriff der Paradoxie: 1:0 für Hörisch. Schlimmes Eigentor von Müller, der hier nicht gut aussieht und Paradoxien mit Kontradiktionen zu verwechseln scheint. Müller sollte in dem Zustand kein Philosophieseminar betreten, da würde er ausgepfiffen werden.
2. Umfang des lateinischen Alphabets: 1:1, Müller gleicht aus. Müllers Erwiderung hier ist klar, konzis und überzeugend, lässt Hörisch mächtig alt aussehen mit dessen “plus/minus 25 Buchstaben”. Doch Vorsicht, jetzt wird’s kompliziert: In Müllers Rezension ist evidenterweise das verkehrte Vorzeichenwort abgedruckt (“eher plus!”), als er die richtige Buchstabenzahl einklagt, die er einen Monat später dann benennt und stützt. Das kann nur ein Druckfehler sein, weil sämtliche diesbezüglichen Bemerkungen Müllers unzweideutig in die Richtung “eher minus!” weisen. Hörisch aber ist hier orientierungslos, Hörisch ist völlig aus dem Spiel. Klammert sich in seiner Erwiderungserwiderung nur empört daran, den Vorzeichenfehler für bare Münze zu nehmen – als sei sonst nichts gewesen. Offenbar hat er nicht einmal gemerkt, was passiert ist. Sieht gar nicht gut aus. Trotzdem Freistoß für Hörisch: Denn auch Müller verschweigt seinen Flüchtigkeitsfehler mit dem bedeutungsinvertierenden Vorzeichen.
3. “[D]ie vielen Fehler in Hörischs zahlreichen lateinischen Zitaten und Floskeln”, die Müller in seiner Rezension am Rande “wenigstens erwähnt” haben wollte: 2:1 für Müller. Was hat sich Hörisch hier eigentlich gedacht? Versichert empört, er habe in seinem Buch “nichts grob Fehlerhaftes” finden können, und als Müller ruhig kontert und fünf sinnentstellende Fehler auftischt, die alleine innerhalb von knapp drei Seiten vorkommen (mit dem Verweis darauf, das ganze Buch enthalte “noch viel mehr” davon), da sagt Hörisch nichts. Dabei steht ein gut belegter Vorwurf im Raum: Da scheint einer mit Latein jongliert zu haben, ohne dass es nötig gewesen wäre – und dann hat er’s nicht nur nicht gekonnt, er hat offenbar nicht einmal vor der Veröffentlichung eine Gegenprüfung unternommen. Keine gute Kombination. Doch wie gesagt, von Hörisch kommt dazu nichts in seiner Erwiderungserwiderung – nicht einmal ein taktisches Foul, keine Erwähnung.
4. BGB, Strafgesetz, rechtliche Zulässigkeit: 2:2, für diesen Ausgleich muss Hörisch nicht lange ackern. Wenn derlei zum Besten gehört, was Müller im Blick auf die “Nebenbefunde der eigentlichen Falschmeldungen” von Hörisch aufzubieten hat, dann sind Müllers Aussichten auf diesem Sektor schlecht.
5. Brückenschlag zwischen einem Goethe- und einem Raabe-Zitat: Nicht entscheidbar ohne die Buchlektüre, und selbst dann gibt es wahrscheinlich erheblichen Ermessensspielraum. Möglich, dass Hörischs Brückenschläge weniger unbegründet sind als Müller nahelegt. Zumindest vorläufig aber gelten meine Sympathien hier Müller. Denn Hörisch behauptet lächerlicherweise auch von Müllers Weigerung, Hörischs Assoziation für gerechtfertigt oder relevant zu halten, sie sei “unfassbar”. Eine selbstherrliche Übertreibung auf notorisch spekulativem Interpretationsterrain, das – sie wird aber noch getoppt: Hörisch nennt allen Ernstes seine Darlegungen, die die Assoziation stützen sollen, “zustimmungspflichtig”. Zustimmungspflichtig. Da wird langsam klar: Der Mann braucht Hilfe. Dieser Streitpunkt wird aber nicht in die Wertung aufgenommen.
Endergebnis der Sachdiskussion: 2:2. Müller hat Hörisch an der Lateinfront locker glattgebügelt – peinlich dabei, wie Hörisch ausgerechnet die Latein-Angelegenheiten unter lautem Geschrei ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. In der zentralen Rezensionssache bleibt das meiste offen. Müller hingegen: müsste wieder härter trainieren, so kann man nicht in die Spiele gehen.
Nein, es war in Müllers Buchrezension vielleicht nicht ganz fair, Hörisch mit dem Ratschlag zu kommen, er brauche einen “ernsten Freund”, der sich von dessen “plauderndem Charme” nicht einlullen lasse. Dafür hat Hörisch nun bestens bestätigt, dass dieser Ratschlag nicht nur grosso modo in die richtige Richtung wies – sondern auch, dass die Wahrheit noch eine ganze Ecke schlimmer aussieht. Dass ein Professor von Mitte 50 bereit ist, sich derart zu blamieren, das ist das eine. Dass er keine Freunde hat, denen er so einen Quatsch zum Gegenlesen geben kann und die ihm dann sagen: “Hör mal, Jochen, lass das bloß sein und lauf’ jetzt nicht Amok” – das, ja: das wissen wir jetzt garantiert.
Stark bleiben: Polylux sendet immer weiter
Die ARD-Sendung Polylux hat schlechte Quoten, z.B. gestern wieder: Gerade mal 3,9 Prozent der Zuschauer haben um 23:30 Uhr angeschaltet, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es noch weniger. Das Durchschnittsalter der Zuschauer der ja eigentlich für Jüngere gedachten Sendung liegt bei 53. Schon ewig.
Nun ist eine maue Quote nicht unbedingt aussagekräftig für die Qualität einer Sendung – in diesem Fall aber funktioniert sie bestens als Indikator. Denn die Sendung ist schlechtes Fernsehen seit Anbeginn – und das war vor über zehn Jahren. Unbeirrt hält Polylux an diesem seltsamen ironischen Gestus fest, den man nur noch antrifft, wenn man sich die Berliner Seiten der FAZ im Archiv anschaut. Jahrgang 1998–2002. An dieser Uneigentlichkeit, die zur Jahrtausendwende ganz gut gepasst hat, als die Menschen nichts Wichtigeres im Kopf hatten, als sich in Büchern wie „Generation Golf“ an ihre Jugend vor “Wetten, dass…?” und dem Playmobil-Fort zu erinnern oder Interesse an Verona Feldbusch zeigten, hält Polylux fest. Mit einem süffisanten Silberblick präsentiert die Polylux-Moderatorin und Macherin Tita von Hardenberg ihre sprachlichen Klischees. Ein Beitrag über Werbung wurde gestern mit den Worten angekündigt: „Was noch vor Jahren schockte, hängt heute schon im Museum.“
Ja, so ist die Welt. Und das Problem von Polylux ist, dass man ständig über Dinge berichtet, die nicht mal die Halbwertzeit einer Benetton-Kampagne haben. Mal geht es um Tischtennisplatten in Kneipen, mal um Car-Ports für Kinderwagen – wobei völlig egal ist, was davon nun satirisch gemeint ist. Über American Apparel berichtete der Sender gestern so enthusiastisch, als würde nicht in etlichen Blogs über die sexuelle Ausbeutung der Angestellten diskutiert. Aus der gusseisernen Polylux-Sicht aber sind alle zufrieden.
Wenn es mal nicht um Uneigentlichkeiten oder missratene Glossen geht (wie die gestrige über die olympische Fackel, die man gut mit China-Böllern löschen könne… Hahahaha), ist es mit der Recherche nicht weit her: Gestern berichtete Polylux über einen Speed-Abhängigen und fiel dabei auf einen Schauspieler rein, der lediglich vorgab, Drogen zu nehmen und tatsächlich dem “Kommando Tito von Hardenberg” angehörte. “Die ARD-Zeitgeistsendung Polylux ist einer Fälschung … aufgesessen”, heißt es auf der Website dieses “Kommandos” (unten das Bekennervideo) – und weiter:
[Polylux] strahlte heute einen Beitrag über die „Alltagsdroge Speed“ aus. Der dort gezeigte Speed-User „Tim“ ist eine Erfindung des Kommandos. Er mag in Wirklichkeit gar kein Speed und macht auch keine „Speed-Diät”. [...] Wir haben die plumpe Internetrecherche von Polylux zum Anlass genommen, die Legende des Speed-Patienten Tim zu erfinden und zum Drehtermin ein kleines Schauspiel vorzuführen. Erschreckend, wie einfach es ist, selbst gewählte Inhalte in Massenmedien zu platzieren und so gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.
In ihren verschiedentlichen Babypausen konnte Hardenberg bereits beweisen, dass sie abkömmlich ist: Erst machte es Steffen Hallaschka besser, dann Jörg Thadeusz. Vielleicht ist ja der Speed-Klamauk endlich ein Anlass, die Sendung aus dem Programm zu nehmen. Der RBB darf ja nicht viel zuliefern zum ARD-Programm – umso seltsamer, dass er einen Sendeplatz so verschleudert. Und möglicherweise nur damit erklärbar, was Programmverantwortliche hinter vorgehaltener Hand erzählen. Dass Polylux nämlich quasi unabsetzbar ist – aufgrund familiärer Bindungen. Tita von Hardenbergs Mutter, Gräfin Isa von Hardenberg, sitzt nämlich in verschiedenen wichtigen Kaffeekränzchen, und die Angst vor der Rache dieses konservativen Netzwerks lässt den RBB in Paralyse verharren. Gräfin Hardenberg zählt zu ihren Kunden den Axel-Springer-Verlag genauso wie Bertelsmann oder den Verband der Deutschen Zeitschriftenverleger.
So wie es aussieht, bleibt wohl nur, Tita von Hardenbergs Ratschlag, den sie am Ende jeder Sendung gibt, zu beherzigen: „Bleiben Sie stark!“
Jacobi weg: Der Stern sieht bald besser aus
Beim Stern ist seit neuestem ein Posten frei. Der langjährige Artdirector Tom Jacobi verlässt die Illustrierte aus Hamburg und geht… Ja, wohin? Zur Bunten? Zum Focus? Zum Spiegel? Nein: Tom Jacobi wechselt in den Vorstand des riesenhaften Immobilienmaklers Engel & Völkers. Obwohl man sich angesichts des Erscheinungsbildes des Stern, der ja irgendwie seit 20 Jahren aussieht wie aus den 80ern, fragen kann, ob Jacobi nicht schon viel früher in den Vorstand des Hamburger Luxusimmobilien-Multis und Yachten-Händlers hätte wechseln sollen, ist das eine erstaunliche Karriere. Oder ist man naiv, wenn man solche fliegenden Wechsel aus dem Journalismus in die Wirtschaft seltsam findet? Jacobi, Sohn des Springer-Schlachtrosses Claus Jacobi, und ausgestattet mit einem gusseisernen Lächeln, ist nicht der erste, der mal eben die Seiten wechselt. In ganz unguter Erinnerung ist noch Michael J. Inacker, von dem man nie weiß, ob er gerade Lobbyist bei Daimler Benz ist oder Ressortleiter bei der FAZ, Wirtschaftswoche oder der Welt. Aber vielleicht muss man das auch nicht so eng sehen.
Immobilienfirmen scheinen übrigens ganz wild zu sein auf Journalisten – vielleicht, weil die einem alles mögliche aufschwatzen können. Verbürgt ist jedenfalls die Geschichte von einem Reporter der Berliner Zeitung, der seine Wohnung verkaufen wollte und dem sich mühenden Makler Tipps für die Verkaufsgespräche gab. So gute offenbar, dass ihn Tage später der Chef der Immobilienfirma anrief und abwerben wollte. Es lockte ein besseres Gehalt und ein “Dreier-BMW mit Vollausstattung.” Der Reporter blieb aber standhaft. Geht doch.
Lob der New York Times, Part II
Gestern und heute berichtete die New York Times über ein Waffengeschäft wie aus einem Satireroman. Demnach hat ein 22-Jähriger einen 300-Millionen-Dollar-Auftrag vom Pentagon bekommen, um für den Kampf gegen den Terror Waffen nach Afghanistan an die dortigen Streitkräfte zu liefern. Anstatt ordentlicher Munition lieferte die in Miami ansässige Firma allerdings mehrere Jahrzehnte alte Munition aus chinesischer Produktion, die man irgendwo im ehemaligen Ostblock zusammenkaufte, bevor sie verschrottet werden konnte.
Die Geschichte basiert auf einer mehrmonatigen Recherche und ist voller irrer Wendungen: Es gibt einen Vizepräsidenten, der eigentlich Masseur ist, natürlich einen Schweizer Waffenhändler als Mittelsmann (wie in Kir Royal), es gibt explodierenden Waffenschrott, und es gibt korrupte albanische Politiker. Obwohl die New York Times haarklein nachweist, dass der Waffen-Twen aus Miami gegen den Vertrag verstoßen hat, darf er wohl weiter liefern (bisher ging Schrott für 150 Millionen Dollar nach Afghanistan) – nur von zukünftigen Aufträgen wurde die Firma ausgeschlossen. Die NYT widmete der Story zwei volle Seiten, die zum Besten gehören dürften, was in diesem Jahr an investigativen Geschichten veröffentlich wurde.
In Deutschland haben sich manche Medien des Themas angenommen. Zum Beispiel Spiegel Online, wo man aber schon im ersten Satz einen dicken Fehler einbaut: “Eine vom Pentagon beauftragte US-Firma hat über 40 Jahre lang alte Waffen und Munition nach Afghanistan geliefert” heißt es da. Dabei hat die Firma nicht 40 Jahre lang, sondern 40 Jahre alte Munition geliefert, und zwar seit 2007.
Gespannt darf man mal sein, ob die Geschichte in der New-York-Times-Beilage der Süddeutschen Zeitung nachgedruckt wird. Denn wenn nicht diese Geschichte, weiß man nicht, welche es verdient hätte.
Warum sich die New York Times für tote DDR-Bürger interessiert
(und hier niemand)
Ich bin gerade in New York und neben dem Wetter (sonnig, den ganzen Tag) kann man hier auch die Zeitung genießen, die vielleicht nicht jeden Tag besser ist als die Zeitungen in Deutschland, aber oft. Und manchmal fällt es einem schmerzlich auf (nicht nur, weil die New York Times ehrlicherweise fast täglich eine halbe Seite Korrekturen druckt, die Größe würde man deutschen Blättern wünschen).
Gestern war zum Beispiel ein großer Bericht in der New York Times über die vielen DDR-Bürger, die beim Versuch, während ihres Urlaubs von Bulgarien aus in den Westen zu gelangen, kaltblütig erschossen wurden. Entweder landeten diese armen Schweine in einem anonymen Grab in Sofia oder der Sarg wurde verplombt in die DDR geschickt, damit niemand die Schusswunden sehen konnte. Insgesamt sind auf diese Art mehrere hundert Menschen an der Grenze zur Türkei und zu Griechenland umgekommen. Das ist eine völlig unaufgearbeitete Geschichte über etliche DDR-Bürger, deren Urlaub am Schwarzen Meer in einem Grab am Todesstreifen endete und darüber, dass die bulgarischen Behörden bis heute den Zugang zu wichtigen Dokumenten verweigern. Und dennoch hat das hierzulande kaum eine Redaktion interessiert – mal abgesehen von einer Spalte in der FAZ im vergangenen Frühjahr und einem recht skandalisierenden Artikel im Berliner Kurier. Die Welt, die SZ, die taz und wie sie alle heißen, ließ das Thema kalt.
Der deutsche Professor Stefan Appelius, der eine ungeheure Energie auf die Aufarbeitung verwendet, blitzte auch beim Spiegel ab, wo das Thema dann irgendwann auf der Mitmachseite „Meine Geschichte” landete. Für Dummy war das Desinteresse ein Glück, denn so war Appelius bereit, die Geschichte für unser Türken-Heft aufzuschreiben und uns ein Interview zu geben. Nun hat er Gott sei Dank auch noch bei der New York Times Gehör gefunden. Und vielleicht landet diese Geschichte auf diesem Umweg auch in deutschen Zeitungen – denn statt selber gesellschaftlich relevante Themen jenseits des Mainstreams aufzuspüren und auf die Frontpage zu heben, delegieren deutsche Zeitungsredaktionen ja gern die Auswahl und Bewertung von Sujets an andere Medien – um sich dann ebenfalls zu trauen. Ich kann nur hoffen, dass für dieses traurige und wichtige Thema die alte Sinatra-Zeile gilt: If you can make it here…





