Bitte mal rechts ran: Polizei prüft DUMMY

Sebastian Irrgang (rechts) und Oliver Gehrs vor der Wache

Es war ja schon höchste Zeit, dass wir das Polizei-DUMMY persönlich in der für uns zuständigen Wache vorbeibringen – und so fassten sich Artdirektor Sebastian Irrgang, Bildchef Felix Brüggemann und Herausgeber Oliver Gehrs ein Herz und marschierten zur Direktion 3, Abschnitt 31, in der Brunnenstraße in Mitte, um den dort wachhabenden Beamten drei Exemplare auf den Tisch zu legen.
»Wir sind doch jetzt blau« kam flugs die erste kritische Bemerkung beim Blick auf das grüne Cover. Und auch das flüchtige Blättern im Heft hatte hochgezogene Augenbrauen bei den diversen Wachtmeistern vor Ort zur Folge. Kein Wunder – treffsicher hatten sie die Seiten mit den Ressort-Überschriften »Bullen« und »Ihr Schweine« aufgeschlagen.
Erstmals hellte sich die Stimmung beim Blick auf die Mercedes-Anzeige auf der Rückseite auf – so schöne Polizeiautos hätten sie in Berlin schließlich auch gern. Doch die Landeskasse erlaubt nur Opel Corsa und VW Touran.
Dann aber wurde das Treffen zwischen Ordnungsmacht und dem unabhängigen publizistischen Komplex doch noch versöhnlich. Allein schon der Umstand, dass sich mal jemand um die Polizei gekümmert, sorgte für ein gewisses Zutrauen. Für weitere Stellungnahmen erbaten sich die Polizisten aber ein wenig Zeit für die Lektüre. Geschenkt.
Ein gemeinsames Foto war leider noch nicht drin, zu misstrauisch ist die Polizei gegenüber den Medien. Die Beamten vor Ort hätten wohl gewollt, wurden aber nach einem Anruf bei einem Vorgesetzten, den sie auf der Direktion 3 nur »den Alten« nannten, beschieden, dass ein Foto mit der DUMMY-Redaktion nur nach Rücksprache mit der Pressestelle möglich sei. Schade eigentlich.
(Foto: DUMMY/Felix Brüggemann)

Imagine! Der »Spiegel« verleugnet seine Titel-Autoren

Zuerst denkt man: Ach herrje, wieder so ein Stück Jubiläums-Journalismus. Da werden die Beatles 50 und prompt macht der »Spiegel« eine Titelgeschichte dazu. Aber dann entpuppt sich diese als großartige Geschichtsstunde, als unterhaltsame Aufschlüsselung all dessen, was die Beatles waren und was sie ausgelöst haben. Selbst der Konflikt zwischen 68ern und Konservativen wird ohne Parteinahme auf den Punkt gebracht – in einem angenehmen, gut gelaunten, Spiegel-untypischen Ton, der diese herrliche Pop-Geschichte von Tobias Rapp und Philipp Oehmke durchzieht. Die richtige Mischung aus Demut und Respektlosigkeit: Ringo Starr fährt in Beverly Hills mit einer »silbernen Mercedes-Rakete« und einem ehemaligen Bond-Girl vor, Paul McCartney »strahlt eine unglaubliche Paul McCartneyhaftigkeit aus«.
Und was ist der Dank dafür, dass die beiden Redakteure den irrwitzig umfangreichen Stoff so souverän gebändigt haben? Dass sie auf dem Titel verleugnet werden: Dort steht nämlich: »Die Beatles – Ringo Starr & Paul McCartney über eine unsterbliche Band« – ganz so, als hätte man ein Interview mit den übriggebliebenen Bandmitgliedern im Blatt. Was ja Gott sei Dank so nicht so ist. Schon komisch, wie der »Spiegel« die beste Titelgeschichte seit langem mit dieser Leser- und Redakteursverarschung dann doch noch lädiert.

Alle Redakteure raus! Ein Lob auf den Jahreszeitenverlag

Wie da mal eben Dutzende Redakteure gekündigt und ganz en passent ihres Lebensentwurfs beraubt werden – das zeugt natürlich von einer armseligen Unternehmenskultur beim Jahreszeitenverlag. Auch ist jedes Wort zuviel, mit dem der Mini-Konzern diese Streichorgie zum Geschäftsmodell der Zukunft verbrämt – auf das er ja ohne eine Unternehmensberatung wahrscheinlich nicht mal gekommen wäre. Und dennoch kann man sich ja mal fragen, ob denn wirklich jede Zeitschrift eine eigene Redaktion benötigt oder nicht viel besser führe, wenn ständig frischer Wind durch die Stube wehte.
Es ist ja leider so, dass bei vielen Kollegen kurze Zeit nach der Festanstellung die Verve erlahmt – haben sie doch dann alles erreicht, was sie erreichen wollten. Eine schöne Festanstellung, vielleicht sogar einen kleinen Dienstwagen, die Anzahlung für die Eigentumswohnung und vor allem einen geregelten Tagesablauf, der Sicherheit in unsicheren Zeiten bietet.
Es ist eben nicht so, dass große Redaktionen ein Blatt gleich besser machen – oft stimmt viel mehr, dass viele Köche den Brei verderben. Man muss sich ja manchmal wundern, wie viele feste Redakteure manche Blätter haben – beim Blick in das Impressum des »Stern« kann einem regelrecht schwindelig werden vor lauter Namen – einige darunter, von denen man höchst selten liest. Klar, bei manchen Magazinen ist eine Redaktion – auch eine große – unerlässlich. Der »Spiegel« etwa muss es sich leisten können, seine Leute auch über Wochen zu unterstützen, damit sie wühlen können. Bei »vital« oder »merian« ist das eher nicht der Fall.
Die Saturiertheit vieler festangestellter Journalisten kann man aus ihren Texten herauslesen.
„Die meisten Medienleute leben in einem wohlanständigen Leben, das vor allem verteidigt werden soll“, benennt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister einen Grund für den zahnlosen Wohlfühljournalismus, der einem aus vielen Blättern entgegenschlägt. So betrachtet steckt in dem Modell des Jahreszeitenverlags wirklich die Chance, die etablierte Ideenlosigkeit durch kreative Frische von außen zu ersetzen. Vorausgesetzt natürlich man ist bereit, einen Teil des Ersparten in die Honorare für die Freien zu investieren. Bei Organen wie der »petra« werden sich richtig gute Schreiber, die auch andernorts gefragt sind, noch ein Schmerzensgeld obendrauf zahlen lassen wollen. Das sollte man einkalkulieren.
Wenn man es richtig macht, also die Ideen der Freien durch die Chefredaktionen und deren Anhang vernünftig orchestrieren lässt (und genügend Geld für bereitstellt) hat der Befreiungsschlag des Jalag durchaus Charme. Es gibt ja einige Zeitschriften, die vormachen, wie gut man ohne große Redaktion sein kann – etwa „brand eins“ oder „mare“, beide kreativer als das Gros der deutschen Magazine.
Und wenn es richtig gut läuft, werden aus den rausgeschmissenen Redakteuren freie Journalisten, die wieder näher am echten Leben sind und bei denen aus diesem Initiationserlebnis Nähe neuer schreiberischer Furor erwächst. Politisierter sind sie ja nun allemal. (medium magazin 05/2010)

Leid des Lesers: FAS erwähnt Anti-Atom-Demo gar nicht erst

Geschichten aus dem Mittelalter, aber nicht von gestern: FASVon der »größten Protestveranstaltungen gegen die Atomenergie in der Geschichte der Bundesrepublik« spricht die »Welt«, von einer der »größten Anti-Atom-Demonstrationen« die Fernsehsender in ihren Nachrichten am Wochenende, und »Spiegel.de« schwärmt von »120 Kilometer Widerstand«.
Nur die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« bringt es fertig, dieses generations- und milieuübergreifende Aufbegehren gegen die von der schwarz-gelben Regierung geplante Laufzeitverlängerung mit keiner Silbe zu erwähnen. In der aktuellen Ausgabe stehen zwar die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga und als Aufmacher auf der ersten Seite ein Stück aus dem Mittelalter (über die Geschichte der Fugger) – aber das politische Großereignis von gestern wird völlig ausgeblendet.
So ganz ist die Zeitung aber um das Thema Atom dann doch nicht herumgekommen. Im Politikteil gibt es dann doch eine ganze Seite, die die Problematik sehr gut auf den Punkt bringt. Man sieht darauf ein Fass mit Atommüll und darunter den Spruch »Wir haben ein Werk geschaffen, das die Pyramiden überdauern wird.« Diese Seite ist allerdings nicht redaktionell, sondern eine Anzeige des regenerativen Stromversorgers »entega«, für den der umtriebige Berliner Werbefilmmacher Ralf Schmerberg an diesem Sonntag das sogenannte »Café Endlager« in Stuttgart eröffnet hat, das auf eine künstlerische Art das Atom-Problem ins Bewusstsein rücken soll.
Kaum zu erwarten, dass wir in der »FAS« dazu etwas lesen werden.

Leid des Lesers: Hogrefe in Cicero

Da hätte man sich ja nach Dienstantritt von Michael Naumann als neuer Chefredakteur von Cicero ein bisschen mehr versprochen – als das, was er sich in der April-Ausgabe vom ehemaligen Spiegel-Redakteur und im besten Einvernehmen ausgeschiedenen EnBW-Cheflobbyisten Jürgen Hogrefe zum Thema Atom unterjubeln lässt. In einem ziemlich naseweisen und breitgewalzten Aufsatz über die deutsche Energiepolitik schreibt Hogrefe u.a., dass die Ängste einer Mehrheit der Bevölkerung vor einem GAU sachlich unbegründet seien. Gerade nach den Diskussionen der vergangenen Woche über Proliferation und Terror fragt man sich allerdings, ob nicht die Gefahr eines Anschlags auf einen der deutschen Meiler ziemlich real und alles andere als sachlich unbegründet ist. Die Attentäter des 11. September 2001 wollten ursprünglich in ein Atomkraftwerk unweit von New York fliegen, dachten aber irrtümlicherweise, dass dieses durch Abfangjäger geschützt sei. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center simulierte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit Anschläge auf deutsche AKW. Ergebnis: Jeder zweite Meiler würde bersten – mit katastrophalen Folgen.
Heute braucht man sogar nicht mal mehr ein vollbesetztes Flugzeug, damit es zum GAU kommt, bunkerbrechende Waffen reichen aus, um ein altes AKW wie Krümmel zu attackieren und Hamburg unbewohnbar zu machen. Dort kommt man auch besonders gut ran, mit einem Boot kann man nämlich über die Elbe auf Steinwurfweite heranschippern. Und die Aktivisten von Greenpeace machen es ja oft genug vor, wie man mit ein paar Wurfankern gleich ganz auf den Reaktor kommt. Vor diesem Hintergrund einer völlig desolaten Sicherung der AKW über Laufzeitverlängerungen nachzudenken, ist genauso unverantwortlich wie Hogrefes Unterstellung, die Ängste der Bürger vor einem Unfall wären irrational.
„Hogrefe soll den energiepolitischen Diskurs für das Unternehmen organisieren und die Berliner Repräsentanz des Energiekonzerns zu einem Kristallisationspunkt für die Diskussion über die Zukunft Energie ausbauen – so umschrieb der ehemalige EnBW-Chef Utz Claassen einst Hogrefes Rolle. Für einen der großen am Oligopol beteiligten Stromkonzerne mag das sinnvoll gewesen sein. Cicero sollte sich für seinen energiepolitischen Diskurs aber andere Konfidenten suchen.

Souverän im Glashaus: Die »Zeit« über die Odenwaldschule

Es ist schon verwunderlich, wie sehr es bei einem Thema darauf ankommt, wo und wann es platziert wird. Ein Skandal ist ein Skandal ist eben kein Skandal – wenn er zum falschen Zeitpunkt aufgedeckt wird – oder eben vom falschen Medium. Ein gutes Beispiel dafür ist der  Missbrauch an der Odenwaldschule. Über zehn Jahre ist es her, dass Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift »Der Lack ist ab« sowohl über die Vorwürfe als auch die Verdächtigen schrieb, die heute tagtäglich in allen Medien genannt werden. Ich würde mal tippen, dass es damals nicht nur der Reflex war, ein reformpädagogisches Projekt zu schützen, der viele von Schindlers Kollegen schweigen ließ, sondern auch der übliche Neid im Gewerbe – die Unart, Recherchen der Konkurrenz kleinzureden oder sie ganz zu ignorieren.

Heute, wo sich der Skandal viel größer als gedacht darstellt, mag sich natürlich niemand so recht daran erinnern, dass man 1999 geschlafen hat. Allein die Zeit hat sich Gedanken darüber gemacht, warum der FR-Artikel damals so gut wie nichts auslöste. Und wäre das nicht schon löblich genug, haben die Zeit-Reporter auch das eigene Haus nicht geschont und bei den Kollegen nachgefragt, warum das Thema bei Ihnen totgeschwiegen wurde – obwohl die Zeit sogar „über eine Mittelsfrau Informationen“ angeboten bekommen haben soll. Die damals zuständige Fachredakteurin Sabine Etzold rechtfertigt die Untätigkeit heute u.a. damit, dass die Sache verjährt gewesen und der Hauptbeschuldigte entlassen worden sei. Zudem, man ahnte es, gab es die Befürchtung, dass weitere Berichte der Reformpädagogik schaden könnten.

Großartig, dass die Zeit das Schweigen der Journalisten thematisiert (seltsamerweise ist der Artikel mit »Das Schweigen der Männer« überschrieben, aber Sabine Etzold ist ja schon mal kein Mann) und sich selbst nicht schont. Übrigens nicht zum ersten Mal – in der Medienberichterstattung übt die Zeit regelmäßig Selbstkritik. Das ist so selten in deutschen Medien, dass es wirklich herausragend ist.

Leid des Lesers (3): Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin

Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn es nicht das SZ-Magazin wäre. Nicht dieses Blatt, auf das man sich früher jeden Freitag gefreut hat und das oft das Beste an der SZ war. Mit seinen großartigen Titel-Ideen (Ernie und Bert als Cover-Boys zum Thema ”100 Jahre Schwulenbewegung”), seinen innovativen Rubriken (“Hundert Fragen an….”), seinen langen, wohl recherchierten Geschichten und Fotoreportagen. Ein Magazin, das zurecht etliche Male ausgezeichnet wurde und dessen Redakteuren man die damit einhergehende Eitelkeit zugestand. Sie hatten es sich schlichtweg verdient. “Fesselnde graphische Gestaltung, die ihres Gleichen sucht – Geschichten, die in Erinnerung bleiben. Das SZ-Magazin bringt zusammen, was nur selten zusammenkommt: Lifestyle und Qualitätsjournalismus.” So wirbt der Verlag für sein Magazin, was man für damalige Jahrgänge gern unterschreiben mag – heute  ist das Zitat ein Witz.

Heute besteht der fesselnde Journalismus aus Folgendem: Eine Kolumne, in der die Leser erfahren, dass niemand mehr “Big Brother” schaut, neun kleine Fotos vom SZ-Kinokritiker in verschiedenen Posen, sieben mittelgroße Fotos vom Rapper “will.i.am” in verschiedenen Posen, zwölf Reisetipps auf zwölf Seiten, als redaktionellen Beitrag verbrämte Werbung für Pantoffeln und das Sofa “Nebula 9″, ein weiterer Reisetipp, ein Rezept, ein Rätsel, bei dem man eine Reise gewinnen kann, ein Kreuzworträtsel und eine kindlich illustrierte Titelgeschichte darüber, dass geliebte Menschen seltener krank werden und der Erkenntnis: “So absurd es klingt: Wer einen Hund oder Hamster hat,… bekommt seltener einen Infarkt”. Absurd klingt hier nur der erstaunte Gestus, mit dem solche Banalitäten vorgetragen werden. Und als wenn die Redaktion darum wüsste, dass solch ein Heft auf den Magen schlägt, wird dem Leser noch auf einer Seite hochprozentiger Edelobstgeist offeriert – natürlich eine “limitierte Edition speziell für SZ-Magazin-Leser”. Man muss es so sagen: Gegen dieses Magazin ist jede Kaffeefahrt eine subtile Veranstaltung.

Nein, die Ausgabe von heute ist keine unrühmliche Ausnahme: Es gibt mittlerweile Covergeschichten, die im Hauptblatt gerade mal zu einem Leitartikel reichen würden – wie etwa die Geschichte über die verschieden Pipeline-Engagements von Gerhard Schröder und Joschka Fischer – die letztlich gar keine Geschichte war, sondern nur eine knappe Zusammenfassung von Bekanntem.

Immerhin sitzt man keiner Mogelpackung auf, denn die inhaltliche Marginalisierung geht mit einer Art Anti-Layout einher. Es fängt schon mit den Kolumnen an, die gleich zu Anfang mehr oder weniger ungradiert hintereinander weggedruckt werden. Alle halbspaltig, alle gleich groß, alle mit kleinen gezeichneten Autorenköpfen dekoriert. Die Cover? Mal ein kleines Mädchen mit Strubbelhaaren, heute eine niedliche Zeichnung zweier Kinder, die sich küssen. Irgendwie so, als wäre das fast schon unwirklich schlechte Elternmagazin „Wir“ aus dem SZ-Verlag noch einmal auferstanden.

Das gibt´s ja nun nicht mehr – im Gegensatz zum SZ-Magazin, das immer mal von der Schließung bedroht war, weil es nicht ausreichend Werbegelder einspielte. Das soll, so hört man, inzwischen anders sein. Aber der Preis dafür ist ganz schön hoch.

Leid des Lesers (2): Im Reich des Regenwurms – Landlust

Wie wahnsinnig muss man eigentlich bei Gruner+Jahr werden, diesem eh schon latent panischen Haus, das ständig neue Hybridzeitschriften auf den Markt schmeißt (Business/Punk; Männer/Küche), wenn man sieht, wie ein kleiner Verlag aus Münster mit einem kreuzbraven Programm wie es jede „Brigitte“-Praktikanten-Generation hinbekäme, das große Geschäft macht. Erst geht der Sozialismus baden, dann der Kapitalismus und jetzt stimmt anscheinend nicht mal mehr das Wort von Karl Marx, dass “die Bourgeoisie das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen”.

Im Jahr 2010 stimmt das genaue Gegenteil: Der Idiotismus des Landlebens ist die publizistische Idee der Stunde und macht auch vor der Stadt nicht halt, wo es sich die Menschen nicht nehmen lassen, ihre Townhouses durch Butzenscheiben und Mistelzweige an der Tür gemütlicher zu machen. Die Auflage von „Landlust“ hat innerhalb kürzester Zeit die Größe einer mittleren Großstadt erreicht – über 600.000 Exemplare. Es gibt sogar schon einen Stoß Derivate – Hefte, die alle genauso aussehen und fast genauso heißen – und ebenfalls alle mit mehr oder weniger lilafarbenem Heidekraut auf dem Titel Käufer finden.

Dieser Erfolg verheißt nichts Gutes. Eine ungeheure Sehnsucht nach dem einfachen Leben bricht sich da Bahn, wogegen ja nichts zu sagen wäre, wenn diese nicht mit ungeheuer einfachen Rezepten gestillt würde und sich diese Art von Leser alle zwei Monate auf das kognitive Niveau eines Kaktusses begibt. In der aktuellen Ausgabe gibt die Chefredakteurin Frieling-Huchzermeyer wieder mal die Richtung vor und rät uns, „mal wieder zu einem leibhaftigen Stück Papier zu greifen“.

Das leibhaftige Papier ist in diesem Fall bedruckt mit dem Neuesten zur Zaubernuss und dem Ältesten zur Pomeranze und einem Tipp, wie man aus halben Kokosnussschalen leckere Meisenknödel formt. Gut ist alles, was alt ist: Bommelmützen, Brustwickel, knarrende Holzdielen und Steckrüben-Auflauf. Nach der Lektüre kann man sich vorstellen, dass Frau Frieling-Huchzermeyer in ihrem Keller heimlich ganze Jahrgänge des guten alten „Allgemeinen Teutschen Gartenmagazins“ auswertet und oberirdisch dem Recycling zuführt. Vielleicht hat sie aber auch nur jene “Southpark”-Folge gesehen, in der zwei Programme im Fernsehen laufen: Ein mega-investigatives, das niemand schaut, und eins, das lediglich aus spielenden Welpen besteht und die besten Einschaltquoten hat. Später stellt sich heraus, dass die größten Fans des Welpenprogramms Studenten sind, die sich mit Kodein-Hustensaft weggeschossen haben und bedröhnt vor dem Fernseher liegen. Man wüsste zu gern, auf was die Landlust-Leser sind. Stechapfel? Engelstrompete?

DUMMY im DeutschlandRadio

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Es war wohl der Artikel über Peter Sloterdijk (“der größte Motherfucker von allen”) vom geschätzten taz-Kollegen Arno Frank, der die Redaktion vom DeutschlandRadio aufhorchen ließ. Jedenfalls ließen sie es sich nehmen, mit DUMMY-Herausgeber Oliver Gehrs ein Gespräch über die aktuelle Mama-Ausgabe zu führen. Allein die Ankündigung eines DUMMY-Polizei-Heftes im nächsten Jahr zeitigte anschließend etliche Anrufe von DeutschlandRadio-Hörern in der DUMMY-Redaktion, die teils absurde Begegnungen mit der Polizei schilderten. Da kommt Vorfreude auf!

Nun nimm doch noch was: DUMMY Mama ist da

Wo ist Zuhause, Mama, sang Johnny Cash 1959 in einem der wenigen deutschsprachigen, zugleich rührendsten Songs seines Werks und lieferte Mamas Antwort gleich vierfach mit:
Auf der großen Straße / Hinter blauen Bergen / In den grünen Tälern / Bei den hellen Sternen.
Was uns der Künstler damit sagen will? Möglicherweise, dass Mama vor allem eine Aufgabe zukommt: den Sohn erst großzuziehen, um ihn irgendwann zu überzeugen, wie toll und aufregend es sei da draußen in der Welt, dass er endlich rausgehen solle, anstatt sich auf ewig an ihrem Busen zu wärmen, und sie nun bitte allein zu lassen, nach all den Jahren, mit ihren heimlichen Tränen. Cash selbst hatte zu seiner Mutter Carrie ein sehr enges Verhältnis. Sie gebar sieben Kinder und starb 87-jährig im Jahre 1991, drei Jahre später widmete Cash ihr eines seiner schönsten Alben, »My Mother’s Hymn Book«. Vermutlich glaubte er, wenn irgendjemand uns zeigen kann, wo und wie wir im Leben Halt finden können, dann unsere Mütter.
Ein Heft über »Mama« ohne jedes Pathos zu beginnen, erscheint uns weder möglich noch erstrebenswert. Immerhin geht Mama uns alle emotional an, sie ist es in den meisten Fällen, die unsere ersten Lebensjahre dominiert, und oft weit darüber hinaus, ob wir das nun wollen oder nicht. Mamas Liebe zum Baby ist unbedingt, sie gebärt es, presst es sich aus dem Leib, gibt ihm Milch, sorgt sich am meisten, wenn es vom Stuhl fällt oder einen Schnupfen hat. Sie ist die, die ihr Baby durchbringt, um jeden Preis.
Wie gesagt: in den meisten Fällen. Für die 25. DUMMY-Ausgabe haben wir vor allem nach Geschichten gesucht, die das herkömmliche Mütterbild erweitern, erschüttern oder konterkarieren. Die Kindheits- geschichte unserer Autorin Susanne Frömel zum Beispiel, die ihre Mutter erst kennenlernte, als sie fünf war. Die Gruselgeschichte von Elena Ceausescu, die sich für Rumäniens »Mutter der Nation« hielt und ihre Landsleute zugleich schamlos tyrannisieren ließ. Oder die Schicksalsgeschichte einer 24-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter in der Uckermark anschaffen geht. Wir erzählen von einer Frau, die sich in das Leben eines Geschworenen einschleicht, um ihren wegen Mordes verurteilten Sohn freizubekommen. Von einem mexikanischen Austauschschüler, der eine deutsche Familie in den Wahnsinn trieb. Wir zeigen einen Mann, der die Kleider seiner Mutter trägt, und eine Mutter, die sich von ihrem Sohn beim Akt mit ihren Lovern ablichten lässt. Und wir suchen Antworten auf selten gestellte Fragen: Wie erotisch ist eigentlich Stillen? Warum müssen sich Frauen heute ver- mehrt Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Kinder haben? Und wie kommt es, dass einem beim Stichwort »Motherfucker« so schnell Peter Sloterdijk einfällt?

Schließlich feiern wir mit dieser Ausgabe ein kleines Jubiläum. 25 DUMMYS, das ist nicht nichts, zumindest mehr, als wir uns zugetraut hätten, als wir vor sechs Jahren starteten, mit einer Idee und einem Girokonto, ohne Geldgeber, ohne Verlag. Aus diesem Anlass lassen wir alle bisherigen Hefte in einem Extrateil noch einmal Revue passieren, die besten Storys in Auszügen inklusive. Viel Spaß damit.

Where ist the beef? Neues aus dem journalistischen Neandertal

Was soll man dazu sagen? Gut, dass der Bertelsmann Reinhard Mohn nicht mehr erleben muss, welche Produkte der zu Bertelsmann gehörende Verlag Gruner+Jahr heute auf den Markt schmeißt? Oder sind diese Hefte, die von einem erstaunlich gestrigen Gesellschaftsbild zeugen, womöglich noch vom kürzlich verstorbenen alten Mann aus Gütersloh maßgeblich beeinflusst worden?

Es geht hier um die Zeitschriften „Beef!“, „Gala men“ und „Business Punk“, mit denen der erschlaffte Hamburger Verlag von heute an Kreativität vorschützt. Zu allererst fällt auf, dass G+J die Zielgruppen immer noch in Mann und Frau, in reich & arm und in alt und jung einteilt, anstatt in bestimmte gesellschaftliche Milieus. Was ja ein verlegerisches Denken ist, das man spätestens seit dem Mega-Flop „Vivian“, Burdas vor etwa zehn Jahren grandios gescheitertem “Focus für die Frau”, für ausgestorben hielt. Nicht aber bei Gruner + Jahr, wo mittlerweile ein früherer FDP-Politiker mit juristischem Staatsexamen den Laden schmeißt – oder sagen wir: an die Wand fährt.

Ausriss aus
Business-Punk und G+J-Chef Bernd Buchholz mit seiner Sekretärin auf der Außenalster (naja, fast)

Die Titelgeschichte von Beef, das nicht mal einen originären Titel wert war (das Magazin des Art Directors Club heißt seit Jahren so), handelt natürlich zu allererst vom Steak, von dessen Testosterongehalt die anvisierten Käufer träumen dürften, und später auch davon, ob man eine Frau ins Bett kochen kann. Früher ging der Neandertaler-Mann jagen und gewann das Weibchen durch das schiere Ausmaß seiner Beute für sich, heute wird darauf spekuliert, dass das die weiblichen Hormone in Wallung geraten, wenn das Männchen am Herd kochen kann wie das Molekular-Genie Ferran Adrià. Man darf annehmen, dass neben dem Reißbrett in der G+J-Entwicklungsabteilung ein Fernseher steht, in dem diverse Köche ja seit Jahren Quote machen.
„Gala men“ wiederum klingt wie „Computer für Frauen“, jene Bücher, zu denen Menschen mit ein bisschen Selbstbewusstsein und Antennen für beiläufige Diskriminierung garantiert nicht greifen. Wenn es gut läuft für dieses Blatt, könnte noch eine Story für „Beef!“ rausspringen und sich ein paar schöne Kannibalisierungseffekte ergeben. Dann nämlich, wenn die männlichen „Gala“-Leser plötzlich begreifen, dass das Magazin gar nicht für sie gedacht war – wo sie doch vielleicht nicht ganz zu Unrecht dachten, dass Männer in Zeiten zunehmender Metrosexualisierung ein ähnliches Klatschbedürfnis wie Frauen und vor allem kein Problem haben, dazu zu stehen.

Bliebe noch „Business Punk“ – ein Magazin, das erstaunlicherweise in einer Art „Geolino“-Layout daherkommt und die „Leistungselite der Generation Xing“ ansprechen soll, was klingt wie Helmut Markwort nach zuviel Weißbier in der V.I.P.-Lounge des FC Bayern (Oliver Kahn ist auch im Blatt). Erstaunlich, wie hier ein stromlinienförmiger Laden auf Rock´n`Roll macht, seine wahre Geisteshaltung aber dann doch nicht wirklich unterdrücken kann und als einen der größten Business-Punks ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann vorstellt, dessen Laden gerade 60 Jahre Laufzeit für seine alten Atomkraftwerke gefordert hat. Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz.

Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht. Und so ein Soziologe dürfte ja nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Entwicklung der neuen Titel verschlungen hat.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.

Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.

Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.

Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.

P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Hat es jemand gemerkt? Der Kulturspiegel ist wieder da (das ist dieses Heftchen, das ab und an aus dem Spiegel rausrutscht und kein Katalog von Peek & Cloppenburg ist). Faszinierend ist dieses Magazin ja schon. Es kostet nichts. Es sieht aus wie nichts. Und es enthält unter Garantie keine Geschichten, die man nicht schon irgendwo anders gelesen hat. Vielleicht ist der Kulturspiegel ja auch ein kleines Second-Hand Geschäft, irgendwo in Hamburg. Vielleicht können Journalisten da vorbeigehen und ihre alten, vermufften Texte abliefern, die sonst keiner will? Ich weiß nicht, was der Kulturspiegel ist. Jedenfalls hat es fast schon was von Slapstick, wie die Redaktion jeden Monat Trends herbeischreibt und sich am Ende doch nur hinter abgefahrene Züge schmeißt. George Clooney Superstar (August), Shoppen in New York (September), das supertolle Kindel Lesegerät im Oktober (das, nebenbei gesagt, drei von zehn darüber berichtenden Journalisten noch nie in der Hand gehabt haben, aber trotzdem schon mal vom revolutionären Potential schwärmen). Außerdem ist da diese überraschend schöne Kanzlerin auf dem Cover. Kommt mir irgendwie bekannt vor die Idee. Oder täusche ich mich da? 

 

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Schon wieder Tom Kummer: Story in DUMMY gefälscht!

Die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete der Schweiz-Ausgabe von DUMMY neulich einen kleinen Artikel. „Das Gesellschaftsmagazin Dummy ist eine typische Berlin-Mitte-Marke: kreativ, chic und unabhängig, und es sieht gut aus“, hieß es da zunächst schmeichlerisch, aber dann weiter: „Schaut man genauer hin, ist die Aufmachung besser als das Produkt, wie so oft beim Berlin-Mitte-Chic.“
 
Lobenswert fand die Autorin Sieglinde Geisel aber das bern-deutsche Editorial und die Geschichte über den Fälscher Tom Kummer. Immerhin, so die NZZ, erfahre man in DUMMY einige Neuigkeiten von dem Schweizer Borderline-Journalisten. Dass er nämlich „in einem Club in Hollywood anderen Promis Tischtennis beibringt.“

Soso. Tischtennis also, obwohl im Artikel in DUMMY ausnahmslos von Paddletennis die Rede ist, das Kummer auch nicht in Hollywood sondern in Malibu betreibt. Damit hat es die NZZ geschafft, die einzigen Fakten, die in dem Artikel stecken, auch noch zu verdrehen. Dass Kummer in Malibu Paddletennis spielt, ist nämlich das einzig Wahre an der Geschichte, der Rest ist frei erfunden. So, jetzt ist es raus.

Nicht nur die NZZ ist darauf reingefallen, auch andere Rezensenten haben nicht gemerkt, dass Autor Oliver Geyer passend zum Thema einen echten Kummer abgeliefert und sein Treffen mit dem Fälscher komplett zusammenfantasiert hat. „California Dreaming“ eben – wie es schon in der Überschrift heißt.

Neben der Headline gab es noch andere Hinweise, dass das Thema dialektisch bearbeitet wurde. So griff Geyer auf das urtypischste aller Kummer-Stilmittel zurück – nämlich den exzessiven Einsatz von Promis. „Einmal hat Oliver Geyer Tom Kummer in Los Angeles besucht, dort schlaflose Nächte verbracht, Gwyneth Paltrow und Bruce Willis kennengelernt und Kummer beim, Popp, popp, popp,´ Tennisspielen beobachtet”, schrieb etwa Ronnie Grob anerkennend auf Medienlese.com. Soso. Gwyneth Paltrow und Bruce Willis also.

Kompliment an Geyer, der den Ton des Meisters perfekt getroffen hat. Offen bleibt, ob die nicht entdeckte Fälschung bedeutet, dass ein zweiter Kummer jederzeit wieder möglich ist. Hier auf jeden Fall für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben, der poppige Anfang. Damit sich jeder ein Bild machen kann.

    “Popp, popp, popp, popp. Die gelben Bälle fliegen so schnell über das kleine Paddletennis-Feld, dass sie die ballistische Bahn von Gewehrkugeln beschreiben. Popp, popp, popp. Man sieht nur noch gelbe Streifen. Tom Kummer lässt es auch in seinem neuen Job als Paddletennis-Trainer im Jonathan Club at the Beach in Malibu richtig poppen, er macht Tempo. Er will das Letzte aus seinem Gegenüber herausholen, egal wer sich da abrackert. Heute ist es Bruce Willis, der alles geben muss. Die Sonne steht schon tief über den unwirklich hohen Palmen des Promi-Clubs in Malibu. Gegen Abend bläht sie sich immer noch einmal auf, taucht die Welt in Technicolor und versinkt im Pazifik. Der ganze Himmel ist orange. Hier ist aber auch alles larger than life, denkt der gejetlagte Europäer. Das kann doch nicht wahr sein.
    Der Actionheld hat aufgegeben, Bruce Willis wedelt mit dem triefenden Stirnband: „Lass uns besser noch zusammen einen Drink nehmen Tomás.“ Willis und Kummer kommen hoch auf die Terrasse und setzen sich zu mir. Die letzten Sonnenstrahlen leuchten die Szene perfekt aus. „Das ist Bruce, das ist Oliver, ein Freund aus Deutschland“, stellt Tomás uns vor. „Nice to meet you, Bruce.“ Da ist man 13 Stunden nach Los Angeles geflogen, um etwas über den wahren Tom Kummer zu erfahren, über das Leben unseres Schweizers in Hollywood, über den Bad Guy of German Journalism, der mit seinen gefälschten Promi-Interviews und Reportagen die heile deutsche Medienwelt in eine Identitätskrise gestürzt hat, und schon ist man Teil der Lüge. Für die Mitglieder des Clubs heißt Tom Tomás, kommt nicht aus Bern, sondern aus Brasilien und war immer Tennisspieler. Meine erste Frage, die mir während der Zwischenlandung in Zürich einfiel und klug erschien, muss ich erst mal stecken lassen: Sind alle Schweizer Lügner? Stattdessen gibt es Weibergeschichten von Bruce Willis.“

Nicht vergessen: Holtzbrinck hat die Berliner verschleudert

Neulich konnte man im Berliner „Tagesspiegel“ lesen, wie schlecht es den Redakteuren der „Berliner Zeitung“ unter dem Finanzinvestor David Montgomery, der die Zeitung ganz offensichtlich kaputtspart, geht. „Nicht einmal ordentlich im Netz recherchieren“ könnten die Mitarbeiter, „weil viele Anwendungen auf den veralteten Computern nicht laufen.“ Es existiere ein „massiver Investitionsstau in der Holding, der mit einem Exodus leitender Mitarbeiter in Redaktionen und Verlag einhergeht. Wer nicht freiwillig seinen Platz räumt, wird gegangen.“ Die Auflage des Blattes sei unter dem Cheverolet-Corvette-fahrenden Chefredakteur Depenbrock im ersten Quartal auf 171 893 Exemplare gesunken, die verkauften Abos seien um mehr als zehn Prozent zurückgegegangen – „vor allem, weil weniger Geld in die wichtige Abo-Werbung gesteckt wird.“
Einen Tag später berichtete auch die „Zeit“ vom Trauerspiel bei der „Berliner Zeitung“. Unter der markigen Überschrift „Eins in die Presse“ hieß es, dass die Mecom-Holding, der die „Berliner Zeitung“ gehört, „kein Verlag im herkömmlichen Sinne“ sei, „sondern eine Hülle, geführt von einem ehemaligen Medienmanager, der lauter Finanzinvestoren um sich versammelt hat.“ Der nun „zu erwartende Abbau bei der “Berliner Zeitung” sei „eine journalistische Amputation, die ihresgleichen“ suche.

Das ist natürlich sehr ehrenwert, dass die Kollegen den darbenden Redakteuren bei der „Berliner Zeitung“ im Kampf gegen die Heuschrecke so beispringen. Unbedingt erinnert sei hier aber noch einmal daran, wer eigentlich die „Berliner Zeitung“ an den englischen Finanzinvestor verkauft hat. Das nämlich war der Holtzbrinck-Verlag, in dem der „Tagesspiegel“ und auch die „Zeit“ erscheinen. Da es damals auch andere Angebote gab, etwa vom Verlagshaus DuMont, liegt die Vermutung nicht fern, dass es Holtzbrinck genauso wie Montgomery einzig und allein um`s Geld ging. Für ein paar Millionen mehr hat man die journalistische Amputation der „Berliner Zeitung“ eingeleitet.

Wie gesagt: Man muss sich das nur noch einmal vor Augen halten, wenn man nun in den Holtzbrinck-Blättern Zeilen voller Krokodilstränen vorfindet. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sich bei der „Berliner Zeitung“ so recht niemand über die Solidaritäts-Gesten der Kollegen freuen kann.

Der damals bei Holtzbrinck zuständige Manager, Michael Grabner, sagte übrigens unlängst über David Montgomery, dass er dem „aktuell keinen Gebrauchtwagen mehr abkaufen” würde. Als Gebrauchtwagenverkäufer hingegen könnte man sich Grabner sehr gut vorstellen.

10 Gründe, warum das Magazin nicht “Neger” heißen kann

 

- weil die beabsichtigte Dialektik, dass das Wort auf dem Cover eben nicht nur eine Personengruppe beschreibt, sondern den Diskurs um begriffliche Zuschreibung und Diskriminierung gleich mit, anscheinend von zu wenigen auf Anhieb verstanden wird

- weil wir uns zu sicher waren, dass DUMMY völlig unverdächtig ist, rassistisch oder rechts zu sein

- weil es wohl doch nur Helmut Schmidt nicht übel genommen wird, das Wort in den Mund zu nehmen

- weil ein Cover nicht zuviele Unklarheiten bieten darf

- weil unter den Kommentaren Lösungsvorschläge waren, die der Sache gerechter werden

- weil es tatsächlich zuviele Menschen gibt, die sich dadurch beleidigt fühlen könnten, ob nun zu Recht oder zu Unrecht

- weil der Vorwurf, wir wollten nur provozieren ziemlich dämlich ist, man aber auch dämlichen Vorwürfen nur ungern ausgesetzt sein möchte

- weil es schon erstaunlich ist, wieviel Energie manche Kommentatoren aufbringen, wenn es um ihren Hass auf Berlin-Mitte (wir wohnen da gar nicht) und auf Latte Macchiato (trinken wir gar nicht) geht, andererseits aber Toleranz und Sensibilität einfordern

- weil wir keine Lust auf weitere Hass-Mails haben

- weil uns Tahir ganz schön Angst gemacht hat

DUMMY-Schweiz ist fertig und kommt am 7. Juni raus

Dass hier wochenlang nichts passiert ist, obwohl es mindestens das Aus für Polylux zu feiern gegeben hätte, ist dem Umstand geschuldet, dass die DUMMY-Redaktion sehr oft in der Schweiz war, um dort für das Sommerheft zu recherchieren, zu fotografieren, zu kollaborieren und zu layouten. Bzw. gelayoutet haben die netten Menschen von der Agentur Raffinerie AG. Denn erstmals wurde ein DUMMY woanders als in Berlin gestaltet. Während also Roger Köppels Weltwoche weiter den Sermon von den vorlauten Deutschen in Zürich verbreitet, soll unser Heft ein Produkt der Völkerverbindung sein. Fotos von Linus Bill sind drin, ein Text über den Schweizer Bunkerwahn und Nettes über Jean-Luc Godard. Und Edgar Herbst hat LSD genommen und die Blumen auf der Wiese vor dem Hause des verstorbenen Albert Hofmann fotografiert. Das Heft kommt am 7.6. pünktlich zur EM aus der Druckerei, wenn die Schweiz ihr erstes Vorrundenspiel gegen Tschechien gewinnt. Zwei Tage später ist es am Kiosk.

Wir hatten also eine Menge Spaß in der Schweiz, und irgendwie schwebt diesmal sogar der Geist des Verlegers Mathias Döpfner über dem Projekt: Denn wie der globalhumane Zufall so spielt, war DUMMY vergangene Woche in der Zürcher Galerie Bob van Orsouw. Und wer steht da vor den reichlich seltsamen Bildern der niederländischen Künstlerin Hannah van Bart: Genau. Der Springer-Chef. Man hat es ja geahnt, dass das Kunstfieber auch längst Döpfner ergriffen hat, für den die 22.000 Euro für ein Bart-Werk ja nun auch wirklich erschwinglich sein dürften. Dennoch ist nicht sicher, ob Döpfner zuschlägt, denn eigentlich – man höre und staune – sammle er nur erotische Kunst. Dann doch lieber gleich das Schweiz-DUMMY, wo sich extra für Döpfner nackte Schweizerinnen mit Waffen aus dem aktuellen Armee-Kalender drin tummeln.

Komm’ in mein faules Flussbett: „Humanglobaler Zufall“, Teil 2

humanglobalerzufall.jpgAls Dennis Buchmann erfuhr, dass er in Zukunft sein eigenes Magazin für den Springer-Verlag produzieren darf, trank er erst einmal einen Schnaps. Dazu brachte er noch ein paar Worte wie „krass“, „toll“ und „super“ hervor – was man halt so sagt, wenn man erfährt, dass ein großer Verlag eine halbe Million Euro springen lässt, damit man sein eigenes Magazin machen kann.

Mit der Idee, ein globales Heft zu publizieren, in der die einzelnen Geschichten über die handelnden Personen miteinander verbunden sind – das also fern von jeder einengenden Ressortaufteilung die Möglichkeit bietet, schöne Reportagen und schöne Fotos zu drucken – hatte Buchmann zu Recht den Ideenwettbewerb „Scoop“ des Springer-Verlages gewonnen.

Das Magazin ist formal eine Mischung aus Tyler Brûlés “Monocle”, dem verblichenen “Freund” und einem ganz bestimmten Tintin-Heft. Die goldenen Lettern auf dem Titel sind leicht geprägt – seit dem Erfolg des Internets setzt die Print-Branche ja verstärkt auf sinnliche Erlebnisse, die ein Bildschirm nicht liefern kann. Das Heft ist ein Traum für Fotografen, denn die Bildstrecken sind mitunter 16 Seiten lang und in der ersten Ausgabe fast ausnahmslos sehenswert. Der Artdirektor Mirko Borsche und seine bewährten Fotografenfreunde aus gemeinsamer Zeit beim SZ-Magazin haben so gute Arbeit geleistet, dass man das Magazin gern mit sich herumträgt, anfasst, herumzeigt und anschaut. Nur lesen mag man es leider nicht.

„Sie sind gerade vom Praktikanten zum Chefredakteur berufen worden“, hat Buchmann der Leiter des Projekts und der Springer-Akademie, Jan-Eric Peters, wissen lassen. Und vielleicht war diese Beförderung keine gute Idee. Buchmanns Konzept ist so anspruchsvoll, dass es wohl auch Journalisten, die mehr als ein Praktikum bei der „Frankfurter Rundschau“ vorzuweisen haben, schwer hätten. Denn wenn man den roten Faden rund um die Welt spinnen will, ist man eben nicht nur auf den glücklichen humanglobalen Zufall angewiesen, sondern eben auch auf exzellente Beobachtung, die aus den mitunter recht banalen Lebensläufen der Protagonisten guten Lesestoff macht. Wenn man das nicht gerade rasend abenteuerliche Leben eines deutschen Pärchens beschreibt, das sich in Ecuador freiwillig um vernachlässigte Kinder kümmert, dann reicht eine Mischung aus Stilblüten („Das Problem in Mindo sind viele Probleme“), ziellos herummäandernden Daten („das durchschnittliche Jahreseinkommen ist auf 4500 Dollar gestiegen“) und sentimentalen Betrachtungen überm Pfefferminztee nicht aus. Da wird beim deutschen Entwicklungshelfer das eigene Lächeln zur „Belohnung“, die seine „Seele streichelt“ – auf diesen rhetorischen Salto Mortale muss man auch erst mal kommen.

Buchmann war leider nicht nur in El Salvador, sondern auch noch in New Orleans, wo er den Deutschen Sven getroffen hat, der „schnieke“ aussieht, wie Buchmann etwas maulfaul schreibt. Die Erde riecht „wie nach einem verfaulten Flussbett, das zum ersten Mal seit langem mit Sauerstoff in Berührung kommt“, was wohl daran liegt, dass New Orleans nun schon seit zwei Jahren eine Art verfaultes Flussbett ist. Gut, dass Sven nicht mehr dort ist, denn – so Romantiker Buchmann – der Hurrikan Katarina habe ihn „nach Lafayette direkt in die Arme von Carolyn geweht“. Ein echter „Sturm der Liebe“ eben. Aber auch auf Svens Leben in der Vorstadtsiedlung fällt ein Schatten. Auf der Straße liegt seit zwei Tagen ein überfahrenes Gürteltier – für den Reporter Buchmann eindeutig ein Zeichen moralischen Verfalls. „Keiner hat die Chuzpe, es wegzuräumen“. Armes Amerika.

Noch weniger Glück hatte ein gewisser Robert Green, der es ebenfalls auf den Notizblock schaffte, nicht ganz zu Unrecht. Denn während Sven in Carolyns Arme trieb, musste Green mit seiner Familie vor den Wassermassen auf ein Dach flüchten, wo seine dreijährige Enkelin von den Fluten fortgerissen wurde und ein paar Dächer weiter seine Mutter starb. Das alles ist Buchmann aber nur fünf Zeilen wert. Wichtiger ist, dass er in einer Marginalienspalte, wenige Millimeter von den ertrinkenden Menschen entfernt, erzählt, dass er in „Marley’s Sportsbar ein Bierchen trinken war“. Da riecht dann das ostentativ Menschelnde des Magazins ebenfalls faul wie ein altes Flussbett.

Die von Lisa Sonnabend verfasste Reportage über eine Zuckerrohrplantage in Costa Rica ist leider auch nur Kraut und Rüben. Auch hier hält der rote Faden nicht mal bis zur nächsten Geschichte. Eben noch erzählt Alejandro, dass nur 25 Prozent seines Zuckerrohrs zu Ethanol verarbeitet werden, der Rest aber den Menschen zuliebe zu Rum und Zucker, da wird sein Land schon in der nächsten Reportage (über seinen Freund Victor in Montreal) zu einer „riesigen Bioethanol-Plantage“ umgelogen. Schöne Freunde sind das.

Die Überleitungen zwischen den Geschichten sind eh reichlich bemüht, mitunter klingelt am Ende des Artikels das Telefon, an dem sich der Protagonist der nächsten Story meldet. So ein Zufall aber auch. Schön wäre, wenn das Telefon auch bei Buchmann mal wieder läuten würde und am anderen Ende wieder Jan-Eric Peters wäre – diesmal mit der guten Nachricht, dass der Springer-Verlag dem „Humanglobalen Zufall“ noch einen echten Chefredakteur spendiert. Dann könnte man als Leser auch mal einen Schnaps trinken.

So ein humanglobaler Zufall!

humanglobalerzufall.jpgSchön sieht es aus, das neue Magazin Humanglobaler Zufall, das dem Axel-Springer-Verlag nach dem Verscheiden des Freundes als kleines Feigenblatt gilt, damit sich der tendenziöse Kram des Verlages wie etwa die momentane Pro-Tempelhof-Kampagne unbeschwert verkaufen lässt (die mit einer unglaublichen Vehemenz für die wenigen Geschäftsflüge nach Graz, Friedrichshafen oder Brüssel kämpft, dass man sich fragt, ob es nicht eher um einen günstig gelegenen Flughafen für die Geschäftsflüge der Springer-Manager geht, die ja ganz in der Nähe in ihren Büros sitzen).

tim-und-struppi-cover.jpgJedenfalls sieht das neue Magazin, das aus dem Wettbewerb “Scoop!” hervorgegangen ist, so schön aus wie das Tintin-Heft “Coke en stock” (1958 erschienen; auf deutsch: “Kohle an Bord”) – und es ist ja auch ganz im Sinne Tintins angelegt: Mit der Lust am weltweiten Abenteuer.

Davon hat man auf der gestrigen Launch-Party im Berliner Münzsalon aber nicht wirklich etwas gespürt. Dort rannten alle mit Namensschildchen herum und irgendwie setzte sich so die devote Haltung des Chefredakteurs Dennis Buchmann fort, der im Editorial des neuen Heftes berichtet, wie er sein Konzept im Axel-Springer-Verlag vorstellte und ihm angesichts der “14 Topleute aus den verschiedensten Kreativbranchen” eine “Gänsehaut den Nacken hochkroch”. Dabei ist es doch eher so, dass die einfallslosen Verlagsmanager froh sein können, wenn Ihnen jemand eine schöne Magazin-Idee serviert, die sie schon lange selber nicht mehr hatten. Und die Idee von Humanglobaler Zufall ist ja auch bestechend: Geschichten über Menschen in aller Welt zu erzählen, die zu Geschichten über andere Menschen in aller Welt überleiten. Deswegen folgt hier bald eine ausführliche Rezension.

Eines fällt aber jetzt schon auf: Der Verlag unterstützt das Projekt mit einer halben Million Euro, was eine Menge Geld für drei oder vier Ausgaben ist – vor allem, wenn der Chef, in diesem Falle Buchmann, vieles selber schreibt. Dennoch heißt es im Editorial, Buchmann danke allen Beteiligten, “obwohl es nicht viel zu verdienen gibt”. Wo bleibt denn bloß das ganze Geld? Hat das alles der Artdirektor Mirko Borsche bekommen?

Jacobi weg: Der Stern sieht bald besser aus

jacobi.pngBeim Stern ist seit neuestem ein Posten frei. Der langjährige Artdirector Tom Jacobi verlässt die Illustrierte aus Hamburg und geht… Ja, wohin? Zur Bunten? Zum Focus? Zum Spiegel? Nein: Tom Jacobi wechselt in den Vorstand des riesenhaften Immobilienmaklers Engel & Völkers. Obwohl man sich angesichts des Erscheinungsbildes des Stern, der ja irgendwie seit 20 Jahren aussieht wie aus den 80ern, fragen kann, ob Jacobi nicht schon viel früher in den Vorstand des Hamburger Luxusimmobilien-Multis und Yachten-Händlers hätte wechseln sollen, ist das eine erstaunliche Karriere. Oder ist man naiv, wenn man solche fliegenden Wechsel aus dem Journalismus in die Wirtschaft seltsam findet? Jacobi, Sohn des Springer-Schlachtrosses Claus Jacobi, und ausgestattet mit einem gusseisernen Lächeln, ist nicht der erste, der mal eben die Seiten wechselt. In ganz unguter Erinnerung ist noch Michael J. Inacker, von dem man nie weiß, ob er gerade Lobbyist bei Daimler Benz ist oder Ressortleiter bei der FAZ, Wirtschaftswoche oder der Welt. Aber vielleicht muss man das auch nicht so eng sehen.

Immobilienfirmen scheinen übrigens ganz wild zu sein auf Journalisten – vielleicht, weil die einem alles mögliche aufschwatzen können. Verbürgt ist jedenfalls die Geschichte von einem Reporter der Berliner Zeitung, der seine Wohnung verkaufen wollte und dem sich mühenden Makler Tipps für die Verkaufsgespräche gab. So gute offenbar, dass ihn Tage später der Chef der Immobilienfirma anrief und abwerben wollte. Es lockte ein besseres Gehalt und ein “Dreier-BMW mit Vollausstattung.” Der Reporter blieb aber standhaft. Geht doch.