Leid des Lesers (3): Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin

Vielleicht wäre es nicht so schlimm, wenn es nicht das SZ-Magazin wäre. Nicht dieses Blatt, auf das man sich früher jeden Freitag gefreut hat und das oft das Beste an der SZ war. Mit seinen großartigen Titel-Ideen (Ernie und Bert als Cover-Boys zum Thema ”100 Jahre Schwulenbewegung”), seinen innovativen Rubriken (“Hundert Fragen an….”), seinen langen, wohl recherchierten Geschichten und Fotoreportagen. Ein Magazin, das zurecht etliche Male ausgezeichnet wurde und dessen Redakteuren man die damit einhergehende Eitelkeit zugestand. Sie hatten es sich schlichtweg verdient. “Fesselnde graphische Gestaltung, die ihres Gleichen sucht – Geschichten, die in Erinnerung bleiben. Das SZ-Magazin bringt zusammen, was nur selten zusammenkommt: Lifestyle und Qualitätsjournalismus.” So wirbt der Verlag für sein Magazin, was man für damalige Jahrgänge gern unterschreiben mag – heute  ist das Zitat ein Witz.

Heute besteht der fesselnde Journalismus aus Folgendem: Eine Kolumne, in der die Leser erfahren, dass niemand mehr “Big Brother” schaut, neun kleine Fotos vom SZ-Kinokritiker in verschiedenen Posen, sieben mittelgroße Fotos vom Rapper “will.i.am” in verschiedenen Posen, zwölf Reisetipps auf zwölf Seiten, als redaktionellen Beitrag verbrämte Werbung für Pantoffeln und das Sofa “Nebula 9″, ein weiterer Reisetipp, ein Rezept, ein Rätsel, bei dem man eine Reise gewinnen kann, ein Kreuzworträtsel und eine kindlich illustrierte Titelgeschichte darüber, dass geliebte Menschen seltener krank werden und der Erkenntnis: “So absurd es klingt: Wer einen Hund oder Hamster hat,… bekommt seltener einen Infarkt”. Absurd klingt hier nur der erstaunte Gestus, mit dem solche Banalitäten vorgetragen werden. Und als wenn die Redaktion darum wüsste, dass solch ein Heft auf den Magen schlägt, wird dem Leser noch auf einer Seite hochprozentiger Edelobstgeist offeriert – natürlich eine “limitierte Edition speziell für SZ-Magazin-Leser”. Man muss es so sagen: Gegen dieses Magazin ist jede Kaffeefahrt eine subtile Veranstaltung.

Nein, die Ausgabe von heute ist keine unrühmliche Ausnahme: Es gibt mittlerweile Covergeschichten, die im Hauptblatt gerade mal zu einem Leitartikel reichen würden – wie etwa die Geschichte über die verschieden Pipeline-Engagements von Gerhard Schröder und Joschka Fischer – die letztlich gar keine Geschichte war, sondern nur eine knappe Zusammenfassung von Bekanntem.

Immerhin sitzt man keiner Mogelpackung auf, denn die inhaltliche Marginalisierung geht mit einer Art Anti-Layout einher. Es fängt schon mit den Kolumnen an, die gleich zu Anfang mehr oder weniger ungradiert hintereinander weggedruckt werden. Alle halbspaltig, alle gleich groß, alle mit kleinen gezeichneten Autorenköpfen dekoriert. Die Cover? Mal ein kleines Mädchen mit Strubbelhaaren, heute eine niedliche Zeichnung zweier Kinder, die sich küssen. Irgendwie so, als wäre das fast schon unwirklich schlechte Elternmagazin „Wir“ aus dem SZ-Verlag noch einmal auferstanden.

Das gibt´s ja nun nicht mehr – im Gegensatz zum SZ-Magazin, das immer mal von der Schließung bedroht war, weil es nicht ausreichend Werbegelder einspielte. Das soll, so hört man, inzwischen anders sein. Aber der Preis dafür ist ganz schön hoch.

Leid des Lesers (1): Zeit-Magazin

Neulich hörte ich jemanden stöhnen, der aussah wie ein langgedienter Zeit-Leser: Was ist nur aus dem Zeit-Magazin geworden? In dieser Woche fällt die Antwort nicht schwer. Ich würde sagen: Ein sich unfassbar schamlos an die Werbetreibenden ranwanzendes Lifestyle-Produkt. War die Fülle der ganzen Style- und Fashion-Themen zum Nachteil von Reportagen schon in der Vergangenheit verwunderlich, so ist mit der aktuellen Ausgabe der Wandel zur Modeillustrierten vollzogen: Nicht eins, sondern gleich vier Mode-Cover bietet das Magazin, wobei der publizistische Coup darin besteht, dass immer dasselbe Model posiert, fotografiert von vier verschiedenen Fotografen. Runtergezählt werden die Cover “3,2,1, Meins” – vielleicht bekommt man neben den Anzeigen für Modelabel auch noch Geld von ebay. Drinnen lobt man sich erstmal für diese geniale Idee, ein paar Seiten später erzählt der pofixierte Fotograf Jürgen Teller, was er so Schönes für den Designer Marc Jacobs macht und Wolfram Siebeck, wie man ein großes Kotelett brät. Es gibt Neues von Caroline von Monaco, eine 13-seitige Strecke über das Model vom Cover, Sudoku, Scrabbel und einen wohlwollenden Fahrbericht über den Mercedes Benz GL 350, der sich trotz einer CO2-Emission von 239 g/km BlueTEC nennen darf. ”Das ZEITmagazin zeichnet sich aus durch ein unverwechselbares Konzept sowie durch starke Einzelleistungen aus” heißt es im Werbedeutsch des Holtzbrinck-Verlags. Gelten lassen mag man das diese Woche einzig für die Infografik über die Parteigeschichte der Grünen, in der man u.a. Joschka Fischers Silhouette verfolgen kann.

Während die Zeit über die vergangenen Jahre besser geworden ist – auch diese Woche wichtige, lesenswerte Artikel zum Atomendlager Asse oder zum skrupellosen Pharmakonzern Roche bringt – ist aus dem Zeit-Magazin ein recht selbstzufriedenes Blatt geworden, das in dieser Zeit nichts weiter zu bieten hat als geschmäcklerische Statements zu Mode- und Lifestylefragen. Die Gesellschaftskritik wurde an das Büro Günter Wallraff outgesourct, der ab und zu eine Erlebnisreportage zuliefert – etwa darüber, was man für Reaktionen erhält, wenn man sich als Schwarzer so kostümiert, dass jeder sieht, dass man gar kein Schwarzer ist. Diese Woche ist wenigstens ein echter Schwarzer dabei: In der seit gefühlten 100 Jahren existierenden Rubrik “Ich habe einen Traum” sagt Snoop Dogg: “Ich habe es geschafft, jedes meiner Ziele zu erreichen”. Aus der Ecke darf man also auch nichts mehr erwarten.

DUMMY im DeutschlandRadio

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Es war wohl der Artikel über Peter Sloterdijk (“der größte Motherfucker von allen”) vom geschätzten taz-Kollegen Arno Frank, der die Redaktion vom DeutschlandRadio aufhorchen ließ. Jedenfalls ließen sie es sich nehmen, mit DUMMY-Herausgeber Oliver Gehrs ein Gespräch über die aktuelle Mama-Ausgabe zu führen. Allein die Ankündigung eines DUMMY-Polizei-Heftes im nächsten Jahr zeitigte anschließend etliche Anrufe von DeutschlandRadio-Hörern in der DUMMY-Redaktion, die teils absurde Begegnungen mit der Polizei schilderten. Da kommt Vorfreude auf!

Hört bloß auf zu loben! (Kritik an der Buchkritik)

Das Buch, das ich gerade lese, wird wahrscheinlich die Literaturgeschichte verändern. Sie wird nicht mehr dieselbe sein. Dieses Buch ist das Ende der Bücher wie wir sie kennen, es ist Meisterwerk und Meilenstein in Einem. Mit dem Buch, das ich vorher gelesen habe, war es ganz genauso. Es war ein Bravourstück, ein Stück aus der Zukunft der Literatur. Ähnlich wie die anderen Bücher, die ich in diesem Jahr gekauft habe: allesamt lassen sie den Leser Zeit und Raum vergessen.
Zumindest wenn man dem Feuilleton glaubt, dem die Superlativismen nie ausgehen und das die Autoren gruppenweise unter Genieverdacht stellt. In keinem anderen Ressort wird so schwelgerisch gelobt, wird sich so affirmativ rangeschmissen wie im Literaturteil. Und selbst für die schlechten Bücher findet sich immer noch jemand, der schon aus Angst, nicht mehr mit Rezensionsexemplaren beschickt zu werden, lobhudelt, dass es kracht.
Das Buch, das ich gerade lese, heißt „2666“ von dem chilenischen Autoren Roberto Bolana. „Für 2666 muss man eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen“ schrieb die FAZ, es handele sich um einen „Meilenstein der literarischen Evolution“, schrieb Ijoma Mangold (in der Zeit), den die Evolution ins Fernsehen trieb und man nicht weiß, ob sie das hätte machen sollen. Der Spiegel verwendete das Wort, das in gefühlten 90 Prozent aller Kritiken Verwendung findet: „Ein Meisterwerk“. Ich bin gerade bei Seite 400 von 1000 und noch ist es ziemlich normal – weder besonders toll noch besonders schlecht. Im Freitag stand immerhin, dass es anfangs etwas zäh sei, aber dann das Beste, was man je im Leben gelesen habe. Ich habe also Hoffnung.

Ich weiß nicht, was los wäre, wenn sich andere Redaktionen mit solcher Inbrunst des Schwelgens hingeben würden. Wenn der Sportredakteur von einem Fußballspiel berichtete, wie es noch nie eins gegeben hat, der Autotester von einem Wagen, der mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, der Politikredakteur von einer Rede, die einen nicht mehr loslässt und der Medienjournalist von einer Sendung, die Geschichte schreiben wird. Buchkritiker merkt Euch: Es gibt auch in anderen Lebensbereichen Positives zu berichten – aber deswegen belästigt keiner die Leser mit seinem Dauererregungszustand. Was man im Feuilleton tagtäglich vorgesetzt bekommt, würde man in anderen Zeitungsteilen garantiert nicht dulden.

„Mit diesem Buch beginnt eine neue Zeitrechnung in der Literaturgeschichte“, bramarbasierte die Welt über „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Das Buch vereine “literarische Innovation und Lesbarkeit auf eigene, unerhörte, markerschütternde Weise“, schrieb die FAZ. Uuuuargghhhh –markerschütternd ist höchstens dieser permanente Ausnahmezustand im Feuilleton, der selbst Bücher voller windschiefer Metaphern wie „der Turm“ zu Heldentaten verklärt. Oft geht es nicht um die Qualität des Geschriebenen, sondern um andere Kriterien, die dem Rezensenten den Stift führen. So hat ein Buch größere Chancen, gelobt zu werden, wenn

A) der Autor eine Autorin und diese Autorin jung und hübsch ist (kommt besonders gut beim Spiegel an).
B) Der Autor oder die Autorin aus demselben Milieu wie der Rezensent kommt.
C) Der Autor oder die Autorin für dieselbe Zeitung arbeitet wie der Rezensent.
D) Der Autor oder die Autorin sich gerade erhängt hat oder krank ist.

Früher dachte ich immer, dass es in den Presseabteilungen Menschen gibt, die auch noch aus dem ärgsten Verriss die wenigen positiven Worte aus dem Zusammenhang reißen, um sie dann in Anzeigen und auf Rückseiten von Büchern zu drucken. Aus „unglaublich schlecht“ wird so das Gegenteil, nämlich „unglaublich“. Heute bin ich davon überzeugt, dass dieser Job abgeschafft ist.
(medium-magazin, November 2009)

Lektor an Kalbsravioli: Blick zurück auf die Buchmesse

Am Einlass eines Verlagsempfangs im Hotel zum Frankfurter Hof wird ein Hardcover mit neu aufgelegten Shortstories verschenkt, außerdem ein Bon, auf dem steht: „ein Glas Wein“. Der Bon ist Zeichen der Krise. Noch im Frühling 2008 gab es auf Verlagsempfängen Cuba-Libres, GinTonics und White Russians umsonst. Ein Freund, der eigentlich Designer und neu auf der Buchmesseabenden ist, behauptet: „Die Leute hier sehen alle irgendwie schlau aus.“ Wir gehören zu den Jüngsten, zusammen mit den Volontären; manche haben rote Ohren vom Wein. Der Freund meint, dass auf Designmeetings alles anders ist: „Da haben die Leute Kapuzen auf und Bärte und leicht abgerissene Hosen.“ Wir stehen inmitten einer Traube dunkel gekleideter Männer und Frauen. Der Literatubetrieb als verkappt warmherziger Verein. Man trinkt sieben Gläser trockenen Weisswein und fängt trotzdem nicht an zu tanzen.
Ich halte mein drittes Glas fest umklammert. Im Lauf des Abends sind neue Bons aus den Jacketttaschen der Verlagsmitarbeiter aufgetaucht. Zusammen mit Glas fünf halte ich einen DUMMY-Verlag-Sticker in die Luft. Eine Vertriebsdame fragt: „Was ist das?“ – „Das ist ein Gesellschafts-Magazin. Alle drei Monate ein neues Thema, immer von neuen Designern gestaltet. Aktuell ist Atom, im Dezember kommt Mama.“ Die Vertriebsdame hat einen stechenden Blick: „Das klingt interessant.“ Ich sage: „Ja. Ich mache dort ein Praktikum und werde den Blog bald mit klugen Miniaturen bespielen. Verkappte journalistische Arbeiten. http://blog.dummy-magazin.de/.“ Die Vertriebsdame nickt.
Erstaunlich, wie viele Fachbesucher es gibt. Voll besetzte Shuttlebusse rollen zwischen den Hallen im Kreis. Vor Halle 4 raucht ein Junglektor seine zweite Lucky Strike und erzählt, dass er am Abend zuvor nach drei Gläsern Sekt auf Wasser umgestiegen sei. Er habe heute Termine im 30-Minuten-Takt, primär seien das Gespräche mit Agenten. In Halle 3.0 stellen am Donnerstag Nachmittag drei Hessen ein Sachbuch vor: „Genusskultur – Kitchen Music 2“. Sie sprechen von einer „Kreativität, die sich wie ein roter Faden durch die Genusskultur-Materie zieht“. Der Älteste der drei sagt über den Jüngsten: „In dem Lebensabschnitt vom Martin habe ich noch gar nicht über Kalbsravioli nachgedacht. Da habe ich noch an ganz andere Sachen gedacht… Aber es ist ja schön, dass sich jetzt auch junge Leute gesund ernähren.“ Am Ende Applaus.

Auf der ICE-Fahrt in Richtung DUMMY-24-Party geht die Sonne unter. Hinter den Scheiben der überfüllten Abteile bildet sich streifenweise zitronengelb glühender Herbsthimmel. Einige Mitreisende kauern auf den Gängen, ringsherum sind Windows-Start-Sirenen zu hören. Ich gehe wiederholt davon aus, noch von Verlagsmenschen umgeben zu sein. Beim Umstieg in Niedersachsen legt sich dieser Eindruck. Der Zug nach Berlin hat Verspätung. Ich betrete die hell erleuchtete Hannoveraner Bahnhofspassage und kaufe einen Fleischkäse am Wurst-Basar.

Drei Stunden später in der Kreuzberger Paloma-Bar knutscht Chefredakteur Oliver Gehrs mit seiner Lebensgefährtin. Das Paar scheint einen schönen Abend zu haben. Die anderen Dummys spielen Platten oder tanzen. Es gibt keine Getränke umsonst, dafür günstiges Bier und eine Wodka-Ahoi-Happy-Hour all night long. Es ist die erste Verlagsparty, auf der diese Woche getanzt wird!
Leif Randt

Moratorium für dieses Blog aufgehoben

 

Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)

Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.

Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.

 


Der Mann, der bei Dummy … war

Dass Dummy “Schwarze” Wellen schlägt, haben wir ja verstanden. Brisant berichtete, und auch die Bunte und das Feuilleton der SZ schrieben darüber. Im Internet kursieren zudem Gerüchte, es gäbe demnächst eine Demo mit Menschenkette vor dem Dummy-Büro. Aber es war doch ein ziemlicher Schock, als gestern das Sekretariat von Günter Wallraff anrief und eine Ausgabe von Dummy “Schwarze” für den Meister des Undercover-Journalismus bestellte. Hat Günter Wallraff Lunte gerochen? Wird er Dummy unterwandern und des Rassismus überführen? War er vielleicht schon hier? Herausgeber Oliver Gehrs ist auf eine Mittelmeerinsel geflüchtet. Bei den übrigen Mitarbeitern liegen die Nerven blank. Jeder beschuldigt jeden, in Wirklichkeit ein anderer zu sein.

Rezensentenkritik: So geht es auch

Als ich mich vor anderthalb Wochen an den Blogartikel über den Hörisch-Amoklauf im Meta-Feuilleton machte und an einer Stelle bemerkte, Burkhard Müller könne durchaus wieder härter trainieren, da hatte ich auch eine kuriose Leserbriefseite aus der SZ vom 08.04.2008 im Hinterkopf. Dort war die Hölle los gewesen; es war eine ungewöhnlich markige Zusammenstellung von Zuschriften eines ganzen Monats zu literarischen und sprachlichen Themen. Und in der rechten Randspalte antwortete der junge Großschriftsteller Daniel Kehlmann auf Burkhard Müller. Dabei zeigte er ganz nebenbei, unbemerkt von der breiteren Kulturöffentlichkeit, wie es richtig geht – wie sie auch aussehen könnte, so eine Rezensentenkritik.

In seiner Besprechung einer kürzlich erschienenen Biographie des Mathematikers Gauß (SZ vom 01.03.2008) hatte Burkhard Müller ein paar Seitenhiebe gegen Kehlmanns Klassiker Die Vermessung der Welt ausgeteilt: Er beklagte, in Kehlmanns Umgang mit den historischen Fakten “streift die dichterische Freiheit an die entstellende Schlamperei”. Und er lobte den Gauß-Biographen Hubert Mania (der heißt wirklich so) unter anderem dafür, dass er Kehlmann im “umsichtigen Gebrauch der Quellen” übertreffe.

Kehlmann erteilte Müller dann mal eine kleine Lektion in Sachen “umsichtiger Gebrauch mit den Quellen”, und er setzte ohne peinliches Rumgefuchtel eine Handvoll präziser Schwinger an, die Müller geradewegs auf den Ringboden beförderten:

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Was für eine runde kleine Sache, dieser Leserbrief. Da hat jemand die Fakten im Griff, da macht einer nicht auf Klaus Kinski oder Jochen Hörisch, sondern macht eine redundanzfreie, deutliche und dennoch souveräne Ansage – und man wird auch davon ausgehen können, dass er in der Cc-Zeile seiner E-Mail nicht mit den Big Shots aus seinem elektronischen Adressbuch herumgewedelt hat.

Wenn man mal kurz träumen darf – was könnte das wohl für ein schönes Celebrity-Deathmatch der zeitgenössischen Germanistik sein: Daniel “Big Time” Kehlmann vs. Jochen “Bananas” Hörisch.

Actionkino im Meta-Feuilleton:
Professor Hörischs rasende Rundmail und die Kritikerkritik-Kontroverse

Der Germanistik-Professor Jochen Hörisch (Mannheim) veröffentlichte vergangenes Jahr eine Sammlung seiner Aufsätze, sie hieß “Das Wissen der Literatur”. Der Literaturkritiker und Lateindozent Burkhard Müller (Chemnitz) besprach das Buch in der SZ vom 07.03.2008. Er schien genuin enttäuscht. (Die Rezension findet sich nur hier.)

Einen Monat später hat es ein beträchtliches Bohai gegeben. Denn bei Perlentaucher.de wurde am 06.04. ein offener Brief von Hörisch an Müller veröffentlicht – textidentisch mit einer Rundmail, die Hörisch in einer wohl beispiellosen Aktion in die Republik hinaus versendet hatte: Unter Burkhard Müller im Adressatenfeld fanden sich in der Cc-Zeile “leitende Redakteure, Feuilletonredakteure, Lehrstuhlinhaber, Literaturkritiker, Publizisten, Schriftsteller und andere im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb tätige Zeitgenossen”, wie Georg Klein in einem Zwischenruf mitteilte. Burkhard Müller veröffentlichte am 08.04. seine Erwiderung beim Perlentaucher; Hörisch antwortete seinerseits am 11.04.

Hörischs Brief liest sich, als höre man einem cholerischen Würdenträger aus dem vorletzten Jahrhundert bei einer Privatbrüllerei zu, mit der er zunächst einmal ein paar kritische Körperwerte runterreguliert, bevor er der nächsten Schritt plant und an die Öffentlichkeit geht. Nur: Dieser Brief war bereits Hörischs nächster Schritt – es waren Wochen verstrichen, bevor er sich zu ihm entschied. Und er entschied, sich zum vielleicht größten Horst zu machen, den deutsche Feuilletonredaktionen seit Erfindung der E-Mail erlebt haben.

Der Brief ist repetitiv, und er ist laut, und zwar außerordentlich repetitiv und laut. Er ist so aufgeplustert und derart überzogen angesichts des Wortlauts der ursprünglichen Rezension, dass man mehrmals leise lachen muss. Doch das war keine Spaßguerilla-Aktion. Jochen Hörisch und sein Buch sind echt, und sein Brief ist es auch. Und er meint ihn ernst, sogar das peinliche und redundante Gekreische nach einer Entschuldigung meint er ernst – das offenbar vor allem.

Was für eine Erwartung, zu glauben, ein Literaturrezensent werde in so einer Situation eine Entschuldigung abliefern. Und, was viel wichtiger ist: Wie kann ein Buchautor mit Selbstrespekt und einem Funken Verstand bloß seine Genugtuung davon abhängig machen, ob sich sein Rezensent entschuldigt – anstatt eher davon, ob er die anderen, die er erreichen will, von der Verfehltheit der Kritik überzeugt?

Nun liegen die Dinge nicht schwarz-weiß in dieser Sache. Müllers Rezension – zum Erscheinungszeitpunkt durchschnittlich unbeachtet, seit Hörischs Brief hat sich das natürlich vollkommen erledigt – war ein seltsames Ding. Ich las die Rezension nachträglich, im Ohr noch das Pfeifen vom Hörisch-Megaphon, und ich begriff zunächst einmal kaum, was hier los war: Was große Teile dieser Rezension betrifft, habe ich noch nie einen Verriss gelesen, der so wohlmeinend geschrieben war.

Nur: Burkhard Müllers Bemängelungen waren erstens sachlich fehlerbehaftet. Und zweitens schloss seine Besprechung mit einer persönlichen Bemerkung, die er wohl besser weggelassen hätte. Zunächst zum zweiten. Seltsam, wie gesagt: Müllers persönliche Bemerkung leitete einen der geradezu zärtlichsten Schlussabsätze ein, die jemals in einem sogenannten Verriss zu lesen sein werden. Dennoch lässt er sich leicht als überheblich lesen – über so etwas schläft man eine Nacht, und am nächsten Tag tilgt man dann lieber den persönlichen Kram, der mit dem “ernsten Freund” zusammenhängt:

Was Jochen Hörisch not täte, ist ein ernster Freund. Denn er weiß viel und kann auch viel, wie sich bei seiner sensiblen und intelligenten Analyse von Wilhelm Müllers Gedichten und Schuberts Musik zeigt. Aber er besitzt keine Widerstandskraft gegen den eigenen plaudernden Charme, der sich mündlich weit besser macht als in geschriebener Form – wie jeder bestätigen kann, der schon mal bei einer Podiumsdiskussion erlebt hat, wie Hörisch das Publikum unterhält und den Moderator zur Verzweiflung treibt. Ein Freund müsste es sein, der nicht mitlacht, wenn Hörisch mal wieder den Fiesco als Tatort-Krimi, den Don Carlos als Politthriller anpreist, und der ihn, wenn er zu einer seiner assoziativen Pirouetten ansetzt, sanft, doch nachdrücklich fragt, was er uns denn eigentlich sagen wollte.

Und der eigentliche Kern der Kritik? Burkhard Müller warf Hörisch inhaltliche Ziellosigkeit und Beliebigkeit vor. Dieser Hauptkritikpunkt lässt sich nur beurteilen, wenn man Hörischs Aufsatzsammlung gelesen hat. Aber um ihn geht es gar nicht in dem Briefwechsel.

Der halbwegs sachorientierte Teil der Auseinandersetzung im Briefwechsel betrifft eine Handvoll Beispiele, die Müller zur Ergänzung, und offenbar auch zur Illustration seiner Hauptkritik vorbrachte. Wen das Ganze interessiert, der wird sich die Beiträge von Müller und Hörisch drüben ohnehin durchlesen. Aber auch wenn das dummyblog kein Dokumentationszentrum ist: Eine kleine Übersicht und das Scorekeeping lässt sich schon noch übernehmen. Fünf Streitpunkte greift Hörischs rasender erster Brief auf. Wir begeben uns jetzt zum Fußball – abgerechnet wird in der Reihenfolge der Nennungen in Hörischs Brief:

1. Zum Begriff der Paradoxie: 1:0 für Hörisch. Schlimmes Eigentor von Müller, der hier nicht gut aussieht und Paradoxien mit Kontradiktionen zu verwechseln scheint. Müller sollte in dem Zustand kein Philosophieseminar betreten, da würde er ausgepfiffen werden.

2. Umfang des lateinischen Alphabets: 1:1, Müller gleicht aus. Müllers Erwiderung hier ist klar, konzis und überzeugend, lässt Hörisch mächtig alt aussehen mit dessen “plus/minus 25 Buchstaben”. Doch Vorsicht, jetzt wird’s kompliziert: In Müllers Rezension ist evidenterweise das verkehrte Vorzeichenwort abgedruckt (“eher plus!”), als er die richtige Buchstabenzahl einklagt, die er einen Monat später dann benennt und stützt. Das kann nur ein Druckfehler sein, weil sämtliche diesbezüglichen Bemerkungen Müllers unzweideutig in die Richtung “eher minus!” weisen. Hörisch aber ist hier orientierungslos, Hörisch ist völlig aus dem Spiel. Klammert sich in seiner Erwiderungserwiderung nur empört daran, den Vorzeichenfehler für bare Münze zu nehmen – als sei sonst nichts gewesen. Offenbar hat er nicht einmal gemerkt, was passiert ist. Sieht gar nicht gut aus. Trotzdem Freistoß für Hörisch: Denn auch Müller verschweigt seinen Flüchtigkeitsfehler mit dem bedeutungsinvertierenden Vorzeichen.

3. “[D]ie vielen Fehler in Hörischs zahlreichen lateinischen Zitaten und Floskeln”, die Müller in seiner Rezension am Rande “wenigstens erwähnt” haben wollte: 2:1 für Müller. Was hat sich Hörisch hier eigentlich gedacht? Versichert empört, er habe in seinem Buch “nichts grob Fehlerhaftes” finden können, und als Müller ruhig kontert und fünf sinnentstellende Fehler auftischt, die alleine innerhalb von knapp drei Seiten vorkommen (mit dem Verweis darauf, das ganze Buch enthalte “noch viel mehr” davon), da sagt Hörisch nichts. Dabei steht ein gut belegter Vorwurf im Raum: Da scheint einer mit Latein jongliert zu haben, ohne dass es nötig gewesen wäre – und dann hat er’s nicht nur nicht gekonnt, er hat offenbar nicht einmal vor der Veröffentlichung eine Gegenprüfung unternommen. Keine gute Kombination. Doch wie gesagt, von Hörisch kommt dazu nichts in seiner Erwiderungserwiderung – nicht einmal ein taktisches Foul, keine Erwähnung.

4. BGB, Strafgesetz, rechtliche Zulässigkeit: 2:2, für diesen Ausgleich muss Hörisch nicht lange ackern. Wenn derlei zum Besten gehört, was Müller im Blick auf die “Nebenbefunde der eigentlichen Falschmeldungen” von Hörisch aufzubieten hat, dann sind Müllers Aussichten auf diesem Sektor schlecht.

5. Brückenschlag zwischen einem Goethe- und einem Raabe-Zitat: Nicht entscheidbar ohne die Buchlektüre, und selbst dann gibt es wahrscheinlich erheblichen Ermessensspielraum. Möglich, dass Hörischs Brückenschläge weniger unbegründet sind als Müller nahelegt. Zumindest vorläufig aber gelten meine Sympathien hier Müller. Denn Hörisch behauptet lächerlicherweise auch von Müllers Weigerung, Hörischs Assoziation für gerechtfertigt oder relevant zu halten, sie sei “unfassbar”. Eine selbstherrliche Übertreibung auf notorisch spekulativem Interpretationsterrain, das – sie wird aber noch getoppt: Hörisch nennt allen Ernstes seine Darlegungen, die die Assoziation stützen sollen, “zustimmungspflichtig”. Zustimmungspflichtig. Da wird langsam klar: Der Mann braucht Hilfe. Dieser Streitpunkt wird aber nicht in die Wertung aufgenommen.

Endergebnis der Sachdiskussion: 2:2. Müller hat Hörisch an der Lateinfront locker glattgebügelt – peinlich dabei, wie Hörisch ausgerechnet die Latein-Angelegenheiten unter lautem Geschrei ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. In der zentralen Rezensionssache bleibt das meiste offen. Müller hingegen: müsste wieder härter trainieren, so kann man nicht in die Spiele gehen.

Nein, es war in Müllers Buchrezension vielleicht nicht ganz fair, Hörisch mit dem Ratschlag zu kommen, er brauche einen “ernsten Freund”, der sich von dessen “plauderndem Charme” nicht einlullen lasse. Dafür hat Hörisch nun bestens bestätigt, dass dieser Ratschlag nicht nur grosso modo in die richtige Richtung wies – sondern auch, dass die Wahrheit noch eine ganze Ecke schlimmer aussieht. Dass ein Professor von Mitte 50 bereit ist, sich derart zu blamieren, das ist das eine. Dass er keine Freunde hat, denen er so einen Quatsch zum Gegenlesen geben kann und die ihm dann sagen: “Hör mal, Jochen, lass das bloß sein und lauf’ jetzt nicht Amok” – das, ja: das wissen wir jetzt garantiert.

Tom Lehrer zum Achtzigsten

Nun ist Mittwoch, der 9. April angebrochen, und das bemerkenswerte amerikanische Genie Tom Lehrer wird heute 80 Jahre alt. Dazu gratulieren wir ganz herzlich. Macht auch nichts, dass er hier garantiert nicht mitliest und in Kalifornien noch einige Stunden hinterherhinkt.

Mit 15 nahm er in Harvard das Mathematikstudium auf, später machte er sich für satirische Kleinkunst am Klavier einen Namen, und keinen geringen. Etliche Menschen, die sich für ihn eigentlich interessieren würden, kennen den Mann noch gar nicht. Man sollte sich das nicht nehmen lassen, hören Sie ihn mal an. Hier sind meine zwei liebsten Kleinode von ihm, direkt aus den YouTube-Favourites herausgegriffen:

—– The Element Song —–

Denkwürdigster Vers: “These are the only ones of which the news has come to Hah-vard / And there may be many others, but they haven’t been discah-vered.”

—– Wernher von Braun —–

Denkwürdigster Vers: “Once ze rockets are up, who cares whäre zey comm down / Zät’s not my department, says Wernher von Braun.” Zudem klingt der außerordentlich komische Schluss prophetisch: “Und I’m lörning Chinese”…

Mal schauen, was in der Feuilleton-Rundschau vom Perlentaucher diesen Mittwoch stehen wird. Das ist ja manchmal sehr interessant zu beobachten an Jubiläums- und Todestagen: Welche Zeitungen haben das auf der Rechnung gehabt, welche nicht. Und welche ziehen verspätet nach. [Nachtrag, 09.04.2008: Gar keine berichtete.]

In der SZ hatte eigentlich Willi Winkler den runden Geburtstag übernehmen sollen, und bei dem wäre die Sache ja auch gut aufgehoben gewesen. Tatsächlich aber ist nichts damit. In der Mittwochs-SZ steht nichts über Tom Lehrer, nur über Schullehrer. Vielleicht hat Winkler ja einfach alles stehen- und liegenlassen, weil ein Alarmeinsatz für Bob Dylan rief? Irgendjemand muss ja schließlich noch die Pulitzerpreis-Vergabe an Bob Dylan kommentieren und nochmal höflich daran erinnern, dass der Mann noch nicht den Literatur-Nobelpreis hat.

Aber viel mehr als den in diesem Fall vorzüglichen wikipedia-Eintrag zu Tom Lehrer wird man schwerlich brauchen. Und Zeitungspapier kann ja auch keine Musikstücke einspielen.

Frank Schirrmacher rettet unsere Hirne

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Das FAZ-Feuilleton hat eine neue Serie gestartet. Sie soll sich um den gegenwärtigen Kenntnisstand der Hirnforschung drehen (tatsächlich scheint es allgemeiner um Kognitionswissenschaft zu gehen). Und zwar mit einer Ausrichtung auf die praktischen Konsequenzen, die sich daraus ableiten lassen. Schöne Idee.

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher leitete ein; sein Artikel stand am Freitag im Netz, am Samstag in der Druckausgabe. Aber recht schnell wird bei der Lektüre deutlich: Schirrmacher macht es wieder einmal nicht unterhalb von epochalen Zeitenwenden und Menschheitsrettung. Schon zu Beginn des Artikels ist wieder dieser emotionsmanipulierende Schirrmacher-Sound im Spiel:

Jedermann spürt, dass der unleugbare Verlust an Lesefähigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens und der Denkleistungen führen.

Dieser Sound, der raunt und der keine Ausnahmen macht: Da wird etwas “gespürt”, von “jedermann”. Diesmal einen “Verlust an Lesefähigkeit”, ja, an “Aufmerksamkeit” überhaupt. Und der Verlust ist “unleugbar”, das wird vorsorglich auch gleich festgenagelt, bevor einer noch auf die Idee kommt, nach empirischen Belegen zu fragen.

Da wünscht man sich doch eines: dass so jemand, der ja generell vollkommen richtig damit liegt, naturwissenschaftliche Erkenntnisse auch ins Feuilleton zu tragen, sich einmal selbst am Methodenideal naturwissenschaftlicher Praxis ausrichtet. Einem Ideal der Nüchternheit und Redlichkeit, ohne das jene Resultate doch nie zutagegefördert würden, die er dann revolutionskündend verwursten kann. Dass er verfügbare empirischen Daten nüchtern wägt und die Schlussfolgerungen daraus mit angemessener Behutsamkeit wiedergibt. Egal welche Wünsche ihn umtreiben und welche Trends er gerne ausmachen würde.

Aber Trends und Meinungslagen identifiziert Schirrmacher gerne. Vor allen Dingen meint er hier, im Alltag herrsche die Meinung vor, unser Gehirn sei im Erwachsenenalter nicht modifizierbar!

Es ist, und das muss man wirklich betonen, überhaupt nicht klar, was er damit meinen könnte. Denn es ist trivial, dass sich unser Hirn laufend verändert. Aber er vertritt die Aussage ganz enthusiastisch:

Es ist traurig zu sehen, wie schlecht eine alternde Gesellschaft immer noch über ihr Hirn denkt: Immer noch glauben Menschen, was sie einst in der Schule lernten: dass das Hirn, ähnlich wie das Skelett, nach dem zwanzigsten Lebensjahr sich nicht mehr modifiziere.

Oder hier – da fällt dann das Wort “revolutionär”:

Was wollen wir? Die Vorstellung wecken, dass das Hirn veränderbar ist, dass es sich verbessern kann, dass die im Alter wachsende Selbstdiskriminierung des Denkens obsolet ist – auch hier wird die alternde Gesellschaft eine revolutionäre Gesellschaft sein.

Ehrlich gesagt: Ich habe noch nie von der angeblichen Schulweisheit gehört, das Gehirn sei ab 20 unveränderbar wie das Skelett. Ich vermute eher: Wenn Sie sich unter Laien umhören würden, dann würden Ihnen die meisten ehrlich antwortenden Leute sagen, dass sie schlechterdings keine Meinung dazu haben, ob das Gehirn im Erwachsenenalter “veränderbar” ist, “ähnlich wie das Skelett”, oder nicht. (So etwas gibt es nämlich auch.) Falls sie nicht gleich, und das wäre das einzig Sinnvolle, zurückfragen würden: Was meinen Sie damit überhaupt?

Aarrondissement Glucksmann

Paris MetroIm ganzseitigen Interview der SZ-Wochenendbeilage, diesmal mit André Glucksmann (übrigens wirklich interessant und gar nicht prätentiös), ist viel von einem einflussreichen französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts die Rede: “Denken Sie an diese großen Dispute zwischen Camus, Sartre, Aaron” heißt es zunächst, und wir versuchen es beim dritten Namen auch kurz, aber es kommt nichts.

Dann wird klar, dass Raymond Aron gemeint ist. Und er wird nicht ein einziges Mal versehentlich “Aaron” genannt, auch nicht zweimal, sondern in jeder Erwähnung, volle achtmal. Oh Mann.

Eine Aussage Glucksmanns im Rückblick auf die 1980er Jahre ist in ihr Gegenteil verkehrt worden: “Ich war gegen die Stationierung von SS-20- und Pershing-II-Raketen” steht im Interview. Tatsächlich war er dafür, hatte sogar ein Buch darüber geschrieben. Und er erinnert sich daran sehr gut.

Neurononsens im Politikfeuilleton

feddersen.pngDer taz-Autor Jan Feddersen beteiligte sich heute an der allgemeinen Begriffsanalyse um Assimilierung und Integration, die nach der Kölner Arena-Rede des türkischen Ministerpräsidenten eingesetzt hat. Als Feddersen sich die eigentlich recht einfache Aufgabe vornahm, die Idee der Assimilierung gegen den abstrusen Vorwurf eines “Verbrechens gegen die Menschlichkeit” zu verteidigen, wird er sich gedacht haben, er werde das jetzt besonders clever anstellen. Und er glänzte mit folgendem pseudowissenschaftlichen Brückenschlag zu seiner ungefähren gesellschaftspolitischen Grundaussage, es sei eine gute Sache, wenn sich Migranten assimilieren:

Aus der Neurobiologie ist überliefert, dass es keine Integration ohne Assimilierung gibt. Wer in ein System will, muss sich an es anpassen – und wird sich verändern. So wie auch das gegebene System sich mit den neuen Teilen verändert. Gesellschaftlich gesprochen: So wie die Attributierung “deutsch” schon immer eine künstliche Anordnung des nicht Anzuordnenden war, so hat sich dieses Land grundsätzlich durch Migranten verändert.

Keine Sorge, wenn Sie nicht verstehen, wo da der Zusammenhang sein soll. Es gibt keinen. Dafür gibt es später noch einmal eine ähnliche Argumentationsfigur:

Aus der Neurobiologie ist wiederum bekannt: Nur Systeme (und die in ihnen wirkenden Synapsen), die offen für Einflüsse durch hinzukommende Elemente sind, überleben. Purifizierungen (“das Deutsche”, “das Türkische”) sind mit dem wahren Leben nie in Deckung zu bringen.

Auch überliefert aus der Neurobiologie ist zum Beispiel, dass Neuronen jede Menge Dendriten haben. Könnte das denn nicht nun – es ist ja kein großer Schritt – als Rechtfertigung der, sagen wir, Vielweiberei missbraucht werden, Herr Feddersen? Und wo wir schon einmal darüber nachdenken: Ist nicht die Doktrin von der Diskontinuität benachbarter Neuronen, recht betrachtet, eine gewaltige kulturtheoretische Herausforderung für das Konzept der Migrantenintegration?

Möglich, dass Feddersen seinen Hinweisen auf die Neurobiologie überhaupt gar keine argumentative Rolle zuweisen will. Vielleicht sollen sie nur ein bisschen danach aussehen. Vielleicht weiß er auch selbst nicht genau, was der Quatsch soll.