In jedem Kaff: DUMMY Provinz ist fast da!

In Großstädten gibt es ja die etwas unangenehme Art, auf die Menschen in der Provinz hinunter zuschauen und so zu tun, als würden die quasi in Ihrem beschaulichen Heimat ein Leben zweiter Klasse führen. Wobei ganze Kaskaden des Belächelns existieren: München zeigt auf Ingolstadt, Berlin auf München, Menschen aus New York auf Berlin. Und es sind oft die Zugezogenen, die sich flugs als neues Distinktionsmerkmal eine ablehnende Haltung der Provinz gegenüber aneignen, sobald sie in eine Großstadt gezogen sind. Wobei Großstadt laut deutscher Verordnung ein Ort mit mehr als 100.000 Einwohnern ist. Das dient also kaum als Maßeinheit.

Aber nicht nur deshalb ist nichts provinzieller als das ständige Verweisen auf und das Benennen von Provinz. Es ist ganz im Gegenteil ein ziemlich verräterisches Zeichen für

provinzielles Denken, denn der wahre Kosmopolit kennt keine Provinz, spricht nicht von ihr, muss sich ihr gegenüber nicht abgrenzen, weil er darum weiß, wie tendenziös und fragil solche Zuschreibungen sind. Wer doch so argumentiert, dem sei hier von einem Bruder im Geiste berichtet: Herrlich wie Goebbels noch in den Zwanzigerjahren in seinen Tagebüchern von Berlin aus über das „provinzielle“ München schimpft, wo sich Hitler „mit Hinterwäldlern“ umgebe, wogegen er, Goebbels, der einzig fortschrittliche, weil urbane Nazi  sei … usw. usf.

Umgekehrt wäre doch womöglich die Frage danach ergiebig, wo Provinz eben NICHT ist, was also ihr Gegenteil sein könnte. Die Metropole? Der urbane Moloch als pumpende Herzkammer und Durchlauferhitzer globalisierter kultureller Strömungen? Und wie verhält sich dann ein Molöchlein wie das ach so weltläufige Berlin zu Shanghai, Los Angeles,

Dubai? Ist denn in einer dezentralen, zentrifugal sich beschleunigenden Welt nicht ALLES Provinz, also stets spürbar im Rückstand gegenüber einer Welt, die ja immer schon mindestens einen Schritt weiter ist? Gibt es überhaupt noch Provinz oder nur noch Peripherie?

Provinz ist also eher „im Kopf“, eine Hirnregion, also das Reservoir all meiner Prägungen,  die naturgemäß und zunächst immer topografisch oder kulturräumlich eingefärbt sind … eben auch dann, wenn ich von den Milieus in Berlin-Mitte oder Manhattan geprägt wurde.  Wenn ich aber auf der trügerischen Basis dieser Prägungen urteile, bin ich tatsächlich „engstirnig“ und „hinterwäldlerisch“. Und erst wenn ich sie überwinde, korrigiere oder überhaupt erst als solche erkenne, habe ich mich von der Provinz emanzipiert.

Deswegen ist das neue DUMMY (fertig, aber erst vom 15. März an am Kiosk oder im Briefkasten), weltoffen wie immer. Und welch anderes Covergirl könnte es bei diesem Thema geben als Heidi Klum, die mit der Kraft der Sauerkrautsuppe aus Bergisch Gladbach die internationalen Laufstege eroberte und ländlichen Anticharme versprüht. Außerdem dabei:

- Der Versuch, Deutsch zur Weltsprache zu machen

- Die Gesetze der Taliban

- Das ganze Leid, das man erfährt, wenn man drei Buchstaben auf dem Kennzeichen hat

- Cowboys, die in Harvard studieren

- Bauern, die an Schweineköpfen knabbern

und mit vielen anderen Geschichten und Fotos vom Land und aus der Stadt.

Und das Tollste: DUMMY Provinz gibt´s in jedem Kaff. (Zumindest im Abo)

Nun nimm doch noch was: DUMMY Mama ist da

Wo ist Zuhause, Mama, sang Johnny Cash 1959 in einem der wenigen deutschsprachigen, zugleich rührendsten Songs seines Werks und lieferte Mamas Antwort gleich vierfach mit:
Auf der großen Straße / Hinter blauen Bergen / In den grünen Tälern / Bei den hellen Sternen.
Was uns der Künstler damit sagen will? Möglicherweise, dass Mama vor allem eine Aufgabe zukommt: den Sohn erst großzuziehen, um ihn irgendwann zu überzeugen, wie toll und aufregend es sei da draußen in der Welt, dass er endlich rausgehen solle, anstatt sich auf ewig an ihrem Busen zu wärmen, und sie nun bitte allein zu lassen, nach all den Jahren, mit ihren heimlichen Tränen. Cash selbst hatte zu seiner Mutter Carrie ein sehr enges Verhältnis. Sie gebar sieben Kinder und starb 87-jährig im Jahre 1991, drei Jahre später widmete Cash ihr eines seiner schönsten Alben, »My Mother’s Hymn Book«. Vermutlich glaubte er, wenn irgendjemand uns zeigen kann, wo und wie wir im Leben Halt finden können, dann unsere Mütter.
Ein Heft über »Mama« ohne jedes Pathos zu beginnen, erscheint uns weder möglich noch erstrebenswert. Immerhin geht Mama uns alle emotional an, sie ist es in den meisten Fällen, die unsere ersten Lebensjahre dominiert, und oft weit darüber hinaus, ob wir das nun wollen oder nicht. Mamas Liebe zum Baby ist unbedingt, sie gebärt es, presst es sich aus dem Leib, gibt ihm Milch, sorgt sich am meisten, wenn es vom Stuhl fällt oder einen Schnupfen hat. Sie ist die, die ihr Baby durchbringt, um jeden Preis.
Wie gesagt: in den meisten Fällen. Für die 25. DUMMY-Ausgabe haben wir vor allem nach Geschichten gesucht, die das herkömmliche Mütterbild erweitern, erschüttern oder konterkarieren. Die Kindheits- geschichte unserer Autorin Susanne Frömel zum Beispiel, die ihre Mutter erst kennenlernte, als sie fünf war. Die Gruselgeschichte von Elena Ceausescu, die sich für Rumäniens »Mutter der Nation« hielt und ihre Landsleute zugleich schamlos tyrannisieren ließ. Oder die Schicksalsgeschichte einer 24-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter in der Uckermark anschaffen geht. Wir erzählen von einer Frau, die sich in das Leben eines Geschworenen einschleicht, um ihren wegen Mordes verurteilten Sohn freizubekommen. Von einem mexikanischen Austauschschüler, der eine deutsche Familie in den Wahnsinn trieb. Wir zeigen einen Mann, der die Kleider seiner Mutter trägt, und eine Mutter, die sich von ihrem Sohn beim Akt mit ihren Lovern ablichten lässt. Und wir suchen Antworten auf selten gestellte Fragen: Wie erotisch ist eigentlich Stillen? Warum müssen sich Frauen heute ver- mehrt Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Kinder haben? Und wie kommt es, dass einem beim Stichwort »Motherfucker« so schnell Peter Sloterdijk einfällt?

Schließlich feiern wir mit dieser Ausgabe ein kleines Jubiläum. 25 DUMMYS, das ist nicht nichts, zumindest mehr, als wir uns zugetraut hätten, als wir vor sechs Jahren starteten, mit einer Idee und einem Girokonto, ohne Geldgeber, ohne Verlag. Aus diesem Anlass lassen wir alle bisherigen Hefte in einem Extrateil noch einmal Revue passieren, die besten Storys in Auszügen inklusive. Viel Spaß damit.

Warum wir bald ein DUMMY Polizei machen

Eine Horrorgeschichte aus Charlottenburg vom letzten Mittwochabend: Ein großer Mercedes aus Brandenburg fährt an der Joachimsthaler/Ecke Kantstraße auf einen Volvo auf, dessen Fahrer aussteigt und sich beschwert. Der Mercedesfahrer will aber nicht diskutieren, stattdessen greift er den anderen Mann an und schubst ihn mit voller Wucht um. Der Mann fällt so unglücklich über den Bordstein, dass er sich sowohl das Schien- als auch das Wadenbeinbein bricht. Und zwar vierfach. Der Mercedesfahrer verlangt, dass der Mann aufsteht, doch dieser kann gar nicht aufstehen und ruft die Polizei. Das Erste, was der eintreffende Polizist macht: Er fordert den am Boden liegenden Mann auf, sein Auto wegzufahren, es stehe nämlich im Weg. Außerdem wolle er die Fahrzeugpapiere sehen. Als der Mann mit dem gebrochenen Bein sagt, er könne den Wagen nicht wegfahren, droht ihm der Polizist damit, das Auto abschleppen zu lassen.
Mittlerweile ist auch ein Notarztwagen da. Die Besatzung fordert den Mann am Boden auf, sich nicht so anzustellen und aufzustehen, eine Prellung tue zwar ein bisschen weh, aber sonst sei doch nichts. Gut, dass der Mann am Boden den Anweisungen nicht folgt. Im Krankenhaus stellt sich heraus, wie schlimm die Fraktur ist: Wäre der Mann aufgetreten, wäre der Knochen durchgebrochen und hätte vorne aus dem Bein herausgeschaut. Nur vier Tage später ist der Mann bereits zweimal operiert worden, jeweils mehrere Stunden lang, aus seinem Bein schauen große Metallstäbe, er hat Angst vor Infektionen und davor, später zu humpeln. Er wird den Mercedesfahrer anzeigen, den Polizisten auch.
War dieser Berliner Polizist ein Einzelfall? Ich würde sagen: nein.
Eine andere Geschichte aus Prenzlauerberg, Wins/Ecke Jablonskistraße, im Herbst. Morgens um halb neun regnet es plötzlich Steine von einem Dach, richtig große Brocken klatschen auf die Straße. Unten im Haus ist ein Kinderladen, man kann froh sein, dass niemand zu Schaden kommt. Nur ein kleines Auto vor der Tür, ein schwarzer Twingo: Der Lack platzt ab, Kratzer entstehen. Die Frau, der der Wagen gehört, ruft die Polizei. Mittlerweile sind auch die Bauarbeiter da, die den Steinschlag bei Dacharbeiten ausgelöst haben. Das erste, was der eintreffende Polizist sagt, ist, dass der Wagen der Frau auf einem Behindertenparkplatz steht, was für den Zeitpunkt des Schadens aber nicht mal stimmt. Dann sagt der Polizist, dass es sich um einen Versicherungsfall handle. Er geht nicht aufs Dach, um zu schauen, was dort für Gefahren bestehen. Es interessiert ihn nicht, dass Steine auf die Köpfe von Passanten hätten fallen können. Ihn interessiert nur, warum ihn die Frau gerufen hat.
Eine ähnliche Sache, die im Herbst in Schöneberg passierte, in der Goltzstraße: Aus einem Haus fliegt ein Pflasterstein in hohem Bogen auf ein Autodach. Der Autobesitzer ruft die Polizei, die den Vorfall aufnimmt. Als die Beamten gehen wollen, fragt der Mann, ob sie denn nicht mal im Hause nachfragen wollten, wer den Stein geworfen habe. Der Polizist dreht sich um und sagt, man wisse schon selbst, wie man zu ermitteln habe.
Ja, so ist sie, die Berliner Polizei.
(tip; 2009)

Kein Schmarrn: Lob der Einseitigkeit

Das ist ja eine Bombe: Die Süddeutsche Zeitung, die sonst wenig gute Haare an DUMMY lässt, ja vielmehr schon die erste Ausgabe vor sechs Jahren beherzt in die Tonne trat („Das Heft hat kaum Emotionen, wenig Begeisterung, null Wut, keinen Stolz, kaum Haltung.“
Hajo Schumacher, SZ v. 25.10.2003) und im DUMMY Schwarze nur eine öde Provokation zu erblicken vermochte („Was Dummy dafür umso eindringlicher belegt: Dass die Vergötzung der Provokation per se zu einer Orientierungslosigkeit führen kann, die Mittel und Ziel nicht mehr unterscheidet.“ SZ v. 13.10.08) – ja, diese Süddeutsche Zeitung ringt sich in ihrer heutigen Ausgabe zu einem veritablen Lob durch. „Einseitig, aber schön einseitig“ ist der Artikel auf der Medienseite überschrieben. Dass das DUMMY Atom schon vor der Bundestagswahl fertig war, wird staunend vermerkt – wo doch die Anti-AKW-Bewegung erst jetzt, nach der beschlossenen Laufzeitverlängerung, an Fahrt gewinne. Dass bereits vor der Wahl große Anti-Atom-Treks durch Deutschland zogen, die Medien permanent über die skandalösen Umstände im Endlager Asse berichteten und am 5. September 50.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor gegen längere Laufzeiten demonstrierten – an das alles wollen wir jetzt mal nicht erinnern, sondern uns in aller Stille über das Kollegenlob freuen. Kein Schmarrn.

Moratorium für dieses Blog aufgehoben

 

Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)

Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.

Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.

 


Wir fahren nach Berlin

Warum haben wir in den letzten Monaten so wenig gebloggt? Ich weiss es nicht. Vielleicht lag es zumindest ein bisschen daran, dass uns die Produktion des neuen DUMMYs verschluckt hat. Es ging um Berlin – und das ist beileibe kein einfaches Thema, weil man ja alles, was diese Stadt betrifft, in der wir nebenbei gesagt auch leben und arbeiten, schon gelesen und gesehen zu haben meint. Jetzt ist das Heft, die 22te Nummer, jedenfalls fertig und wir sind froh, es in den Händen zu halten. Gestaltet wurde diese Ausgabe wie immer von komplett neuen Art-Direktoren. Diesmal haben Markus Büsges und Björn Wolf das Heft in Form gebracht. Es ist eine sehr aufgeräumte und klare Ausgabe geworden, gespickt mit vielen liebevollen Infografiken. Alle Bilder wurden vom Maler Edward B. Gordon in Öl gemalt. Fotos konnten wir dieses Mal einfach nicht mehr sehen. Am letzten Wochenende haben wir dann spontan die Kamera mitlaufen lassen. Enstanden ist dabei ein Dokument der Aufregung und Erschöpfung, aber auch des Glücks während so einer Schlußproduktion.

P.S.:

An den Kiosk kommt Dummy-Berlin übrigens am 23.03.2009

Der Mann, der bei Dummy … war

Dass Dummy “Schwarze” Wellen schlägt, haben wir ja verstanden. Brisant berichtete, und auch die Bunte und das Feuilleton der SZ schrieben darüber. Im Internet kursieren zudem Gerüchte, es gäbe demnächst eine Demo mit Menschenkette vor dem Dummy-Büro. Aber es war doch ein ziemlicher Schock, als gestern das Sekretariat von Günter Wallraff anrief und eine Ausgabe von Dummy “Schwarze” für den Meister des Undercover-Journalismus bestellte. Hat Günter Wallraff Lunte gerochen? Wird er Dummy unterwandern und des Rassismus überführen? War er vielleicht schon hier? Herausgeber Oliver Gehrs ist auf eine Mittelmeerinsel geflüchtet. Bei den übrigen Mitarbeitern liegen die Nerven blank. Jeder beschuldigt jeden, in Wirklichkeit ein anderer zu sein.

Wenn das kein Zeichen ist

Just in der Woche, in der die Produktion von Dummy “Glück” so richtig anlief, bekam Herausgeber Oliver Gehrs eine vielversprechende Email.

Schon wieder Tom Kummer: Story in DUMMY gefälscht!

Die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete der Schweiz-Ausgabe von DUMMY neulich einen kleinen Artikel. „Das Gesellschaftsmagazin Dummy ist eine typische Berlin-Mitte-Marke: kreativ, chic und unabhängig, und es sieht gut aus“, hieß es da zunächst schmeichlerisch, aber dann weiter: „Schaut man genauer hin, ist die Aufmachung besser als das Produkt, wie so oft beim Berlin-Mitte-Chic.“
 
Lobenswert fand die Autorin Sieglinde Geisel aber das bern-deutsche Editorial und die Geschichte über den Fälscher Tom Kummer. Immerhin, so die NZZ, erfahre man in DUMMY einige Neuigkeiten von dem Schweizer Borderline-Journalisten. Dass er nämlich „in einem Club in Hollywood anderen Promis Tischtennis beibringt.“

Soso. Tischtennis also, obwohl im Artikel in DUMMY ausnahmslos von Paddletennis die Rede ist, das Kummer auch nicht in Hollywood sondern in Malibu betreibt. Damit hat es die NZZ geschafft, die einzigen Fakten, die in dem Artikel stecken, auch noch zu verdrehen. Dass Kummer in Malibu Paddletennis spielt, ist nämlich das einzig Wahre an der Geschichte, der Rest ist frei erfunden. So, jetzt ist es raus.

Nicht nur die NZZ ist darauf reingefallen, auch andere Rezensenten haben nicht gemerkt, dass Autor Oliver Geyer passend zum Thema einen echten Kummer abgeliefert und sein Treffen mit dem Fälscher komplett zusammenfantasiert hat. „California Dreaming“ eben – wie es schon in der Überschrift heißt.

Neben der Headline gab es noch andere Hinweise, dass das Thema dialektisch bearbeitet wurde. So griff Geyer auf das urtypischste aller Kummer-Stilmittel zurück – nämlich den exzessiven Einsatz von Promis. „Einmal hat Oliver Geyer Tom Kummer in Los Angeles besucht, dort schlaflose Nächte verbracht, Gwyneth Paltrow und Bruce Willis kennengelernt und Kummer beim, Popp, popp, popp,´ Tennisspielen beobachtet”, schrieb etwa Ronnie Grob anerkennend auf Medienlese.com. Soso. Gwyneth Paltrow und Bruce Willis also.

Kompliment an Geyer, der den Ton des Meisters perfekt getroffen hat. Offen bleibt, ob die nicht entdeckte Fälschung bedeutet, dass ein zweiter Kummer jederzeit wieder möglich ist. Hier auf jeden Fall für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben, der poppige Anfang. Damit sich jeder ein Bild machen kann.

    “Popp, popp, popp, popp. Die gelben Bälle fliegen so schnell über das kleine Paddletennis-Feld, dass sie die ballistische Bahn von Gewehrkugeln beschreiben. Popp, popp, popp. Man sieht nur noch gelbe Streifen. Tom Kummer lässt es auch in seinem neuen Job als Paddletennis-Trainer im Jonathan Club at the Beach in Malibu richtig poppen, er macht Tempo. Er will das Letzte aus seinem Gegenüber herausholen, egal wer sich da abrackert. Heute ist es Bruce Willis, der alles geben muss. Die Sonne steht schon tief über den unwirklich hohen Palmen des Promi-Clubs in Malibu. Gegen Abend bläht sie sich immer noch einmal auf, taucht die Welt in Technicolor und versinkt im Pazifik. Der ganze Himmel ist orange. Hier ist aber auch alles larger than life, denkt der gejetlagte Europäer. Das kann doch nicht wahr sein.
    Der Actionheld hat aufgegeben, Bruce Willis wedelt mit dem triefenden Stirnband: „Lass uns besser noch zusammen einen Drink nehmen Tomás.“ Willis und Kummer kommen hoch auf die Terrasse und setzen sich zu mir. Die letzten Sonnenstrahlen leuchten die Szene perfekt aus. „Das ist Bruce, das ist Oliver, ein Freund aus Deutschland“, stellt Tomás uns vor. „Nice to meet you, Bruce.“ Da ist man 13 Stunden nach Los Angeles geflogen, um etwas über den wahren Tom Kummer zu erfahren, über das Leben unseres Schweizers in Hollywood, über den Bad Guy of German Journalism, der mit seinen gefälschten Promi-Interviews und Reportagen die heile deutsche Medienwelt in eine Identitätskrise gestürzt hat, und schon ist man Teil der Lüge. Für die Mitglieder des Clubs heißt Tom Tomás, kommt nicht aus Bern, sondern aus Brasilien und war immer Tennisspieler. Meine erste Frage, die mir während der Zwischenlandung in Zürich einfiel und klug erschien, muss ich erst mal stecken lassen: Sind alle Schweizer Lügner? Stattdessen gibt es Weibergeschichten von Bruce Willis.“

10 Gründe, warum das Magazin nicht “Neger” heißen kann

 

- weil die beabsichtigte Dialektik, dass das Wort auf dem Cover eben nicht nur eine Personengruppe beschreibt, sondern den Diskurs um begriffliche Zuschreibung und Diskriminierung gleich mit, anscheinend von zu wenigen auf Anhieb verstanden wird

- weil wir uns zu sicher waren, dass DUMMY völlig unverdächtig ist, rassistisch oder rechts zu sein

- weil es wohl doch nur Helmut Schmidt nicht übel genommen wird, das Wort in den Mund zu nehmen

- weil ein Cover nicht zuviele Unklarheiten bieten darf

- weil unter den Kommentaren Lösungsvorschläge waren, die der Sache gerechter werden

- weil es tatsächlich zuviele Menschen gibt, die sich dadurch beleidigt fühlen könnten, ob nun zu Recht oder zu Unrecht

- weil der Vorwurf, wir wollten nur provozieren ziemlich dämlich ist, man aber auch dämlichen Vorwürfen nur ungern ausgesetzt sein möchte

- weil es schon erstaunlich ist, wieviel Energie manche Kommentatoren aufbringen, wenn es um ihren Hass auf Berlin-Mitte (wir wohnen da gar nicht) und auf Latte Macchiato (trinken wir gar nicht) geht, andererseits aber Toleranz und Sensibilität einfordern

- weil wir keine Lust auf weitere Hass-Mails haben

- weil uns Tahir ganz schön Angst gemacht hat

DUMMY-Schweiz ist fertig und kommt am 7. Juni raus

Dass hier wochenlang nichts passiert ist, obwohl es mindestens das Aus für Polylux zu feiern gegeben hätte, ist dem Umstand geschuldet, dass die DUMMY-Redaktion sehr oft in der Schweiz war, um dort für das Sommerheft zu recherchieren, zu fotografieren, zu kollaborieren und zu layouten. Bzw. gelayoutet haben die netten Menschen von der Agentur Raffinerie AG. Denn erstmals wurde ein DUMMY woanders als in Berlin gestaltet. Während also Roger Köppels Weltwoche weiter den Sermon von den vorlauten Deutschen in Zürich verbreitet, soll unser Heft ein Produkt der Völkerverbindung sein. Fotos von Linus Bill sind drin, ein Text über den Schweizer Bunkerwahn und Nettes über Jean-Luc Godard. Und Edgar Herbst hat LSD genommen und die Blumen auf der Wiese vor dem Hause des verstorbenen Albert Hofmann fotografiert. Das Heft kommt am 7.6. pünktlich zur EM aus der Druckerei, wenn die Schweiz ihr erstes Vorrundenspiel gegen Tschechien gewinnt. Zwei Tage später ist es am Kiosk.

Wir hatten also eine Menge Spaß in der Schweiz, und irgendwie schwebt diesmal sogar der Geist des Verlegers Mathias Döpfner über dem Projekt: Denn wie der globalhumane Zufall so spielt, war DUMMY vergangene Woche in der Zürcher Galerie Bob van Orsouw. Und wer steht da vor den reichlich seltsamen Bildern der niederländischen Künstlerin Hannah van Bart: Genau. Der Springer-Chef. Man hat es ja geahnt, dass das Kunstfieber auch längst Döpfner ergriffen hat, für den die 22.000 Euro für ein Bart-Werk ja nun auch wirklich erschwinglich sein dürften. Dennoch ist nicht sicher, ob Döpfner zuschlägt, denn eigentlich – man höre und staune – sammle er nur erotische Kunst. Dann doch lieber gleich das Schweiz-DUMMY, wo sich extra für Döpfner nackte Schweizerinnen mit Waffen aus dem aktuellen Armee-Kalender drin tummeln.