Im Kopf mit den Gedanken des Springer-Verlags

Man kann ja schon längere Zeit der Auffassunsg sein, dass der “Rolling Stone” das einzige Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag ist, das man lesen kann und eigentlich etwas besseres verdient hätte als diesen verdummenden und verhetzenden Verlag, der gerade erst durch seine peinliche Eigenamnestie in Sachen 68 gezeigt hat, dass er weder zu einer intelligenten Geschichtsbetrachtung noch zu Selbstkritik fähig ist.

In diesem Monat aber beweist der “Rolling  Stone”, dass es auch anders geht. Auf der beigelegten CD befindet sich nämlich auch Jan Delays Song ”Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” mit der schönen Zeile: ”Ich  möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluß vom Axel-Springer-Verlag entstanden”.

Dass der Springer-Verlag selbst dazu beiträgt, diese Haltung unter´s Volk zu bringen, kann man den Dialektikern vom “Rolling Stone” nicht genug danken, die Delay in der dazugehörigen Kritik auch noch mal ausdrücklich für seinen politische Furor danken:  ”Delay mag inzwischen dem glamourösen Funk frönen, doch seine engagierte Haltung hat sich nicht geändert.” Die der “Rolling Stone”-Redaktion auch nicht.

Der Spiegel mal ganz luzide: “Es wird Streit geben”


Man weiß gar nicht, was einen mehr wundern soll: Wie schnell der „Spiegel“ eine Titelgeschichte aus dem Hut zaubert, die die schwarz-gelbe Koalition verreißt oder der Umstand, dass die darin bemängelte Politik von der „Spiegel“-Redaktion nicht schon vor der Bundestagswahl antizipiert wurde. „Streit wird ein Thema von Schwarz-Gelb werden – soviel ist nach den Koalitionsverhandlungen gewiss“ reportiert das Magazin leutselig – und ehrlich gesagt hätte man das ja vor der Wahl ahnen können. Genauso wie den Umstand, dass eine vernünftige Energiepoltik unter der neuen Koalition mit ihren seltsamen Verrenkungen zum Thema Atomausstieg zum Erliegen kommt, wie der „Spiegel“ staunend feststellt. Übrigens schlägt sich das Magazin hier ganz elegant auf die Seite der Energie-Oligopolisten und bemängelt, dass die Laufzeitverlängerung nicht längst beschlossen und somit Planungssicherheit geschaffen wurde. Als Neuigkeit in der dürren Titelgeschichte wird auch das Zitat eines anonymen „FDP-Mannes“ ausgegeben, der die Geisteshaltung der CDU-Unterhändler so beschreibt: „Wir ändern hier gar nix“.

Das trifft im übrigen auch ganz gut auf die „Spiegel“-Redaktion zu: Seit Jahren gibt es in dem Blatt keine politische Haltung, die nicht in der nächsten Woche durch eine amüsante Pointe gekippt werden könnte. Wobei Amüsement hier auf sehr anstrengendem Niveau stattfindet – etwa dann, wenn sich die Autoren zwei Absätze nur damit beschäftigen, welcher Apfelsaft bei den Koalitionsverhandlungen getrunken wurde. Was immer das dem Leser auch sagen soll, außer: Der „Spiegel“-Reporter war wieder mittenmang statt nur dabei.

Noch vor Wochen war der ehemalige Umweltminister Sigmar Gabriel, der im „Spiegel“ über all die Jahre runtergeschrieben wurde wie kaum ein anderer, noch die letzte Pfeife – im aktuellen „Spiegel“ nun heißt es, es fehle das „heiße Blut“ wie es Gabriel in der Großen Koalition gezeigt habe. Andere Passagen der Titelgeschichte wirken, als fänden die Verschwörungstheorien einiger Parlamentarier mittlerweile eins zu eins ins Blatt. Wenn etwa Karl-Theodor zu Guttenbergs Versetzung ins Verteidigungsministerium damit erklärt wird, dass er als Finanzminister zu viele Möglichkeiten bekäme, sich als symphatischer Strahlemann in Szene zu setzen. Wenn das doch nur Peer Steinbrück gewusst hätte. Schlimm findet der „Spiegel“ übrigens auch, dass das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger erhöht und selbstgenutzte Immobilien geschützt werden. Das Land mag sozialdemokratischer geworden sein, der “Spiegel” nahm zwar nicht die umgekehrte Richtung, aber den Weg in die Indifferenz: Er schreibt halt immer gegen die an, die gerade regieren und versichert sich mit diesen Schnellschüssen seiner eigenen Kritikfähigkeit. So wie Schwarz-Gelb auf dem aktuellen Titelbild schlingert der “Spiegel” schon lange.

PS: Wirklich lesenswert ist übrigens die Geschichte über das Paris-Bar-Bild von Martin Kippenberger, oder eben gerade nicht von Kippenberger.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)

Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.

Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.

Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.

Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.

P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.

Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk

War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.

Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat.  Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko  zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.

Eine Art Konferenz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.

Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.

Wenige Sätze (11) zum Spiegel Nr. 39: Bitte nicht wackeln

Nie war es so teuer, keine Meinung zu haben: Der Spiegel klebt auf sein aktuelles Cover ein Wackelbildchen, das mal Angela Merkel und mal Frank-Walter Steinmeier auf dem Thron zeigt. Und als hätte man es nicht gleich kapiert, erfährt man es in der Hausmitteilung noch mal: „Eine Wahlempfehlung gibt der Spiegel nicht ab.“ Erstaunlich, dass man aus seiner Mutlosigkeit auch noch so ein großes Ding machen kann.

Das Stück über Steinmeier erzählt das Übliche, das Steinmeier nämlich immer noch ein wenig steif ist – das aber wortreich und lang und mit der schönen Erkenntnis, dass „Steinmeiers Ausstrahlung seinen Körper nicht verlässt.“ Das Stück über Merkel hält sich auch nicht groß mit politischen Inhalten auf, lieber rezensiert der Autor Gesten, Mimik und CDU-interne Befindlichkeiten. Die Politikberichterstattung des Spiegel ist ja eh zunehmend eine Berichterstattung über die Oberfläche des Politikbetriebs geworden. Man gehört eben zum eher unintellektuellen „Berliner Kommentariat“ – das ist übrigens ein schöner Begriff aus dem Merkel-Text von Christoph Schwennicke, den man anscheinend von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel geholt hat, damit er da möglichst wenig schreibt.

Und sonst: Im Interview mit dem George-Bush-Senior-Verehrer James Baker erfährt man auch nichts Neues über die deutsche Einheit, im Gespräch mit dem sonst Butterfahrt-tauglichen G+J-Vorsitzenden Bernd Buchholz über die Krise bei Gruner + Jahr gibt sich dieser imageschädigend schmallippig – und es gibt, aus welchem Grund auch immer, ein sage und schreibe fünfseitiges Stück über die Band No Angels, zu dem auch noch der fleißige Rechercheur Sven Röbel abkommandiert wurde. Schon das ist ein Grund, den Spiegel diese Woche am Kiosk liegen zu lassen.

Moratorium für dieses Blog aufgehoben

 

Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)

Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.

Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.

 


Moralpolitischer Wochenrückblick

In New York, dem drittbevölkerungsreichsten Staat der USA, dessen Bruttosozialprodukt in einem internationalen Ländervergleich immerhin auf Rang 16 käme, im Staat New York wird kommenden Montag ein neuer Gouverneur eingeschworen. Er heißt David A. Paterson, und er ist blind. Nebenbei ist er ein Afroamerikaner aus Harlem. Ich finde das außerordentlich berichtenswert. Von dem hätte ich in deutschsprachigen Medien gerne mehr gesehen als fast gar nichts. Die SZ widmete ihm am Freitag immerhin ein ordentliches Kurzporträt in der Profil-Rubrik auf ihrer Meinungsseite.

Paterson scheint außerdem ein interessanter Typ zu sein. Unter anderem sagt er von sich, wenn er Fehler in der Politik mache, dann normalerweise insofern, als er “zu sehr versuche, Leute zusammenzuhalten und jeden glücklich zu machen”. Keine Ahnung, wie sich Paterson in Rip-Off City New York durchgesetzt hat.

Für Moral- und Rechtsphilosophen war es eine hochinteressante politische Woche; jede Menge guter Stoff für Klausuraufgaben war dabei.

Eliot Spitzer, Patersons Vorgänger, trat am Dienstag mit Gattin vor die Presse, um sich zu entschuldigen. Bei seiner Frau und seinen Kindern, natürlich – aber auch bei allen anderen, und vor den Augen aller anderen. Warum muss das sein? Bei dem verlogenen Theater drückte er die Lippen derart zusammen, dass man sich Sorgen machte, er könne sich verschlucken. Er hatte Beziehungen zu einem Edelcallgirl unterhalten. Weiter nichts? Nein. Unter Frankreichs Präsidenten dürfte so etwas schon fast zum guten Ton gehört haben. Am lustigsten war noch die Meldung am Rande, dass Spitzer “beim Emperor’s Club VIP, der Prostituiertenvermittlung, als schwieriger Kunde galt, weil er Sexpraktiken verlangte, die ohne Schutz nicht sicher sind”.

Aber wie man darauf kommt, dass die Glaubwürdigkeit eines Politikers, der sich in der Korruptionsbekämpfung einen kompromisslosen Namen gemacht hat, unter dessen Sexualverhalten leiden müsse, das ist mir ein Rätsel. Das würde wohl auch Bill Maher meinen.

Und sonst? Gegen Wochenbeginn präsentierten manche parteipolitische Kommentatoren ein paar phantasievolle Abwandlungen des Versprechensbegriffs. Davon wollen wir mal, schon aus Zeitgründen, höflich schweigen.

Und am Donnerstag bestätigte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe: Ja, für Inzest kommt man in Deutschland noch ins Gefängnis. Begründung: vollkommen nebulös. Wenn das eugenische Argument wegfällt – das man bei Schwerbehinderten ja auch nicht anwendet – dann bleibt wenig übrig. Erst recht gibt es kein Opfer. Nur eine zugegebenermaßen tiefverwurzelte emotionale Abscheu, die strafrechtlich irrelevant ist.

Es ist verrückt: Für schlimme Gewaltdelikte hat man in Deutschland mitunter weniger Strafe zu befürchten als für konsensuellen geschwisterlichen Beischlaf. Und noch weniger natürlich dann, wenn man besoffen war. Das soll einer verstehen.

Spiegel Online: Brauchen gar nicht antreten!

Spät am Sonntagabend und die ganze Nacht auf Montag hindurch knallte Spiegel Online seinen Besuchern eine dramatische Top-Schlagzeile auf den Schirm – eine Schlagzeile von der Sorte, bei deren erster Betrachtung man leicht seinen Kaffee auf der Tastatur vergießt:

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Sie haben richtig gelesen: “Steinbrück gibt Wahl 2009 verloren”. Der “sieht kaum noch Chancen [...], die Bundestagswahl 2009 zu gewinnen.” Noch einmal langsam: Am 9. und 10. März 2008 titelt Spiegel Online also, der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück habe die anderthalb Jahre später stattfindende Bundestagswahl verloren gegeben.

Erster Gedanke: Steinbrück unter starker Belastung plötzlich irre geworden. Gedanken an ein altes Titanic-Cover schießen durch den Kopf (“Rudolf Scharping: Rinderwahnsinn jetzt auch bei Ziegen?”). Sagt der doch etwas, was die meisten Spitzenkandidaten nicht einmal denken, wenn sie zwei Wochen vor einer Wahl hoffnungslos hinten liegen. Wer hat sich denn jemals in der Politikgeschichte anderthalb Jahre vor einer Wahl verloren gegeben?

Und welche Substanz steuert der Artikel zu dieser Schlagzeile eigentlich bei? Nun, exakt dies berichtet Spiegel Online dort über Steinbrück:

Er hält das Rennen nach SPIEGEL-Informationen bereits für gelaufen. “Wir haben der Merkel doch den Teller sauber geleckt.”

Ja, genau: den Teller sauber geleckt. Mit anderen Worten natürlich: Rennen gelaufen. Oder besser: Wahl verloren. Ich sage mal: Brauchen gar nicht antreten. Hat denn Minister Steinbrück nicht eigentlich, recht betrachtet, genau das behauptet?

Zu einer derart sensationsgeilen Wahrheitsdehnung ist nicht einmal Bild.de bereit gewesen.

Deutschland in der New York Times

Es kann nicht davon die Rede sein, dass dem außeramerikanischen Rest der Welt in der New York Times besonders gründliche Berichterstattung zuteil wird, und für Deutschland macht man dort keine Ausnahme. Der Erfurter Schulamoklauf im April 2002 war für die NYT big news, aber für Nachrangiges wie eine bundesdeutsche Kanzlerwahl musste man sich auf deren Website schon mal erst an absurden US-Sportnachrichten vorbeiscrollen.

Heute genoss Deutschland ein paar seltene Stunden des Ruhms auf der Online-Startseite. Nicht als Papst diesmal, aber als Küche. “Feines Essen schreitet voran in Deutschland” (“Fine Dining Takes Strides in Germany”). Es geht um zahlreicher werdende Sterneköche, die allgemeine Esskultur und eine Haute-cuisine-Version eines “traditional ham-and-egg sandwich called a strammer Max” (sic).

Immer gut zu wissen, was das Ausland gerade über einen denkt.

NYT 2008.03.06

Türkei: Die Diva und das Militär

Interessanter Bericht des Türkeikorrespondenten der SZ, der in der Freitagsausgabe unten auf der Seite Drei stand. Da hat offenbar am Montag vor sechs Tagen eine türkeiweit berühmte Gesangsdiva, Transfrau und Jurorin in der Casting-Show Popstar Alaturka anlässlich der türkischen Nordirak-Offensive über das Militär gewettert. Und nun ermittelt wieder der Staatsanwalt.

Das folgende Video hat zwar keine Untertitel [Nachtrag: und es enthält auch nicht die fraglichen Äußerungen, wie uns türkischsprechende Kommentatoren mitteilen] – dafür lässt sich in Strittmatters SZ-Artikel immerhin der eine oder andere O-Ton wörtlich nachlesen.

[Auf eine zumindest teilweise Aufzeichnung der fraglichen Äußerungen verlinkt "Ali" in den Kommentaren.] Offenbar hat hier nicht die türkische Internetzensur zugeschlagen. Bekanntlich wird in der Türkei mittlerweile “das Türkentum” auch gerne im Internet geschützt – etwa indem ein Strafgerichtshof schon einmal den Zugang zu youtube sperren lässt.

Zumwinkel=Rushdie: Roger Köppel vergleicht Steuerfahndung mit Fatwa

weltwoche.pngRoger Köppel beschäftigt sich in seiner Freizeit gern mit Kriegsführung – nun hat der Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“ und vormalige Chef der „Welt“ ein neues Schlachtfeld für sich entdeckt: Die Diskussion um die Steuerhinterziehungen mit Hilfe Liechtensteiner Stiftungen. Mit dem Gestapo-Vergleich hat ja schon der Chef der Schweizer Bankiersvereinigung, Pierre Mirabeau, rhetorisch mächtig etwas vorgelegt, aber Köppel, der geübte Provokateur lässt Mirabeau im Editorial der neuesten „Weltwoche“ wie einen Chorknaben aussehen. Er vergleicht die Jagd auf Steuersünder mit der Fatwa, also dem Todesurteil, die einst gegen Salman Rushdie ausgesprochen wurde und ihn zu einem Leben auf der Flucht vor Mördern zwang. Für Köppel kommt die Zahlung von fünf Millionen Euro an den anonymen Informaten dem Kopfgeld von drei Millionen Dollar gleich, das das iranische Staatsoberhaupt Khomeini einst auf Rushdie aussetzen ließ.

Als den „grössten Diebstahl geistigen Eigentums in der Geschichte der modernen Steuerfahndung“, bezeichnet Köppel die Aktion der Bochumer Staatsanwaltschaft und weiter: „Die Berliner Regierung belohnt den Rechtsbruch eines Bankangestellten, der Kundendaten geraubt und widerrechtlich außer Landes geschafft hat, mit einer Prämie.“ Der organisierte Rechtsbruch der Steuersünder ist Köppel dagegen egal.

Überhaupt, so Köppel weiter in seiner Suada, gehe es in Deutschland mächtig bergab. Hetzjagden auf Reiche seien nicht das einzige Übel, es gebe auch unter der neuen Regierung „keine Entlastung des Staatshaushalts“, was ja eine verwegene Ferndiagnose ist – angesichts des Umstands, dass der Staatshaushalt 2007 nach Jahren der Milliardendefizite erstmals seit 1989 ausgeglichen war.

Dass es Köppel mit den Bilanzen nicht so hat, zeigt sich auch im Rest des Editorials. So habe der scheidende Fidel Castro „mehr Leute auf dem Gewissen als Chiles Ex-Diktator Pinochet“, so Köppel. Und weiter: „Pinochet hinterliess eine Demokratie samt blühender Marktwirtschaft“.

Da haben die deutschen Steuerfahnder aber echt noch mal Glück gehabt, dass sie nur mit islamistischen Mördern verglichen wurden.