4 von 6.313.023: Auf der Suche nach dem FDP-Wähler
Seit Tagen versuche ich einen FDP-Wähler zu finden, denn bei fast 15 Prozent müssen doch auch welche in der näheren Umgebung existieren. Bislang blieb die Suche ohne Erfolg. Es kann natürlich auch sein, dass sich niemand mehr dazu bekennen mag, nachdem Guido Westerwelle in seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl einen BBC-Journalisten beschied, seine Frage doch bitte sehr in deutsch zu stellen . Das dürften selbst die Werber in Mitte (die ich im Verdacht habe) und Ulf Poschardt etwas unsexy finden.
Poschardt muss Gustav Seibt im Kopf gehabt haben, als er gestern in der SZ eine gewagte These aufstellte, wonach die neue FDP-Klientel aus Kreativen besteht, die nach Schlachtensee gezogen sind, weil es in Mitte zu oft nach Babynahrung riecht . Da hat er wohl Poschardt einfach mal zum Prototypen hochgejazzt, was dem ja sicherlich gefallen wird.
Ich maße mir auch mal seibtsche Fabulierfreiheit an und behaupte, dass der neue FDP-Wähler zuhauf in der Spiegel-Redaktion sitzt. Ich traf nämlich unlängst zwei Nachwuchs-Redakteure aus dem Spiegel-Parlamentsbüro auf einer Party, die mir erzählten, wie toll das Buch „Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ von ihrem Kollegen Jan Fleischhauer sei. Mal abgesehen, davon, dass Florian Illies das Anrennen gegen die vermeintlichen Gutmenschen schon vor langer Zeit in Buchform besorgte, wusste ich den forschen Magazinmachern zu entgegnen, dass Jan Fleischhauer schon sehr sehr lange konservativ ist –jedenfalls war er es schon, als er vor 10 Jahren beim Spiegel mein Zimmernachbar war und zur Entourage des neoliberalen Gabor Steingart gehörte – immer im korrekten dreiteiligen Anzug mit Weste.
Das Gespräch, das letztlich zum verfrühten Aufbruch von der Party führte, kam mir wieder in den Sinn, als ich nun den Sonder-Spiegel zur Wahl in der Hand hielt – mit dem eine Spur zu heroisierenden André-Rival-Foto von Guido Westerwelle vorne drauf. Am besten fand ich noch die Stimmen der Kreativen, die allesamt kurz vor dem Auswandern zu sein scheinen – bis auf den trutschigen Leander Haußmann, der sich als FDP-Fan outet. Poschardt, Haußmann, die Spiegel-Jungs. Das sind schon mal vier. Ich bleib dran.
Der liebe Herr Blumencolo: Gute Stimmung beim Spiegel
Anfang vergangener Woche erhob das ancien régime noch einmal sein böses Haupt. Mitten in die seit Wochen ungeahnt konstruktiv verlaufende Redaktionskonferenz polterte der Kultur-Ressortleiter Mathias Schreiber mit einer fein durchdachten Verschwörungstheorie: Der aus München angereiste Gastkritiker, Neon-Chefredakteur Timm Klotzek, sei von den Gesellschaftsreportern des Blattes instruiert worden, gegen das Feuilleton zu schießen. Die kleine Schreierei, die daraufhin anhob, führte allen Anwesenden noch mal vor Augen, wie es früher öfter war – bevor die Herrenreiter Aust, Matussek, Steingart und Preuß das Blatt verließen oder ins Glied zurücktraten. Und wie harmonisch es jetzt ist.
Denn mehr als inhaltlich hat sich in den Monaten seit dem Antritt der neuen Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo klimatisch getan. Wo früher jeder einfache Redakteur eine Liste mit Denkverboten im Kopf hatte, darf jetzt zumindest alles vorgeschlagen werden, ohne dass man mit einem mittelfristigen Karriere-Aus rechnen muss: Ausgeglichenen Stücke über die Gewerkschaften, kritische Berichte über die Stromkonzerne bis hin zu Generalverrissen der „Bild“-Zeitung. Und natürlich gibt’s auch nicht mehr soviel Pferdesport im Blatt wir früher.
Ansonsten hat sich inhaltlich noch nicht soviel getan, schließlich arbeiten Mascolo und Blumencron auch noch viele Geschichten aus der Aust-Ära ab. Der war schließlich Profi und hatte noch einige Titel für schlechte Zeiten gebunkert. So ist denn auch die Mischung eher eine Altbewährte: Ab und zu einen schönen Hitler, der sich am Kiosk rasend verkauft (bestes Heft in diesem Jahr: „Der Anfang vom Untergang“), dann mal wieder Neuigkeiten von Jesus und für Spiegel-Liebhaber aufwendig recherchierte Riemen wie der über die Korruption bei Siemens. So ist neben der Mischung auch die Auflage gleich geblieben – nämlich über einer Million, was für das Wohlbefinden in der Geschäftsführung immer ganz wichtig ist.
„Die Angst die Aust oder Steingart verbreitet haben, ist weg“, sagt ein Redakteur – und wie kuschelig es zugeht, zeigt auch der Betriebsausflug vom vergangenen Wochenende, auf dem Korrespondenten und Ressortleiter über das Heft plauderten und gemeinsam im Hamburger Norden Fußball spielten. Entschieden wurde nix oder wohl nur die Einstellung der bemühten Glosse auf den ersten Seiten, die erst neulich eingeführt worden war, aber nur zeigte, dass sich der Spiegel mit verordnetem Humor nach wie vor schwer tut.
Nun geht es darum, ob vom vernünftigen Ton im Inneren des Magazins auch die Leser profitieren. Ob etwa der Hang zu leidigen Geschichten über irgendwelche gesellschaftlichen Trends, die meist nur eine Halbwertzeit von einer Woche haben, verschwindet und der Gestus des allwissenden Journalisten gleich mit – der besser als die Politiker weiß, was für das Land gut tut oder der sich im Zweifelsfall selbst zum Politiker aufschwingt wie der geschasste Stefan Aust weiland im Kampf gegen die Rechtschreibreform.
Und der wohl immer dachte, dass Frauen keine Leitungspositionen bekleiden sollten, was schwer an der Glaubwürdigkeit des Blattes in allen Fragen der Moderne genagt hat. Nun gibt es schon bald mit Susanne Weingarten die erste Ressortleiterin – zuständig für Kultur, jener Teil, der immer noch reichlich affirmativ geschrieben ist, aber immerhin keinen nationalen Aufbruch mehr feiert wie einst unter Matussek. Die Besucherzahlen des deutschen Films sind ja auch nicht danach.
Dieser Eintrag ist eine gekürzte Fassung eines Artikels, der am 18.04.2008 auf taz.de und am 19.04.2008 in der taz erschien.
Spiegel 15/08: China doch nicht gut
Als sich der Spiegel Anfang vergangenen Jahres fragte, ob der „Kommunismus doch der bessere Kapitalismus ist”, da fiel die Antwort verblüffend uneindeutig aus. In der Titelgeschichte über die ehrfurchtsvoll „Rotchina-AG“ genannte Diktatur standen so schöne Passagen wie die folgende: „Doch China blüht. Mit einer Mischung aus Planwirtschaft und entfesseltem Kapitalismus, wie sie in keinem Lehrbuch steht, rollt das Land die Weltmärkte auf und erzielt Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten.” Schön natürlich nur für die Machthaber in Peking, die auf solche Artikel in westlichen Medien lange gewartet haben dürften.
Mit diesem Text und einigen weiteren neoliberalen Schwelgereien über ein Land, das mal soeben mir nichts, dir nichts, ein paar Bauern enteignet, um den Transrapid zu bauen, reihte sich der Spiegel ein in die „blinde Begeisterung des Westens“, wie es der langjährige SZ-Korrespondent Kai Strittmatter kürzlich nannte.
Diese Woche nun macht der Spiegel einiges gut – mit seiner Titelgeschichte über die Repressalien in China im Vorfeld der Olympischen Spiele. Etwas unoriginell hat man die Titelgeschichte „Die Herren der Ringe“ genannt, wie schon so manche Geschichte über das IOC, und auch im Heft gehören die Seiten über China eher zum Hausbackenen. Alles drin, was man so kennt: unterdrückte Mönche, inhaftierte Dissidenten, Ehefrauen unter Hausarrest, aber irgendwie nichts neues, bewegendes – nicht mal die Reue des Künstlers Ai Weiwei, der die Architekten Herzog und de Meuron beim Bau des Olympiastadions beraten hat. Und die Schweizer Stararchitekten hätte man ja auch mal fragen können, was sie über ihr Engagement mittlerweile denken. Im Spiegel findet sich auch kein Appell, wie man denn nun mit der Olympiade umgehen soll – boykottieren, Blogs schreiben, demonstrieren? Der Spiegel bleibt eigentümlich im Vagen und bringt stattdessen einen recht verqueren Verweis auf die Spiele von 1936. Als müsste man das China von heute mit dem Dritten Reich vergleichen, um es endlich böse finden zu können.
Dass es nicht immer sechs Autoren braucht, sondern manchmal weniger mehr ist, zeigte Kai Strittmatter mit seinem Stück zum selben Thema im SZ-Magazin von vergangener Woche, in dem schöne, wahre Sätze stehen. Etwa der, dass „nicht die Kapitalisten die Partei übernehmen, sondern die Partei die Kapitalisten“.
Ansonsten sei im Spiegel das Stück von Michael Maier (ehemals Chefredakteur der Berliner Zeitung) empfohlen, der darüber schreibt, wie sich der eben als IM enttarnte Redakteur der Berliner Zeitung, Thomas Leinkauf, ihm schon 1996 offenbarte und Maier ihn fragte, ob eine Akte existierte. Weil die damals noch nicht aufgetaucht war, war für Maier die Sache gegessen; Pech für Leinkauf, dass sie dieser Tage auftaucht. Obwohl eine solche Akte viele gern hätten, schließlich umfasst sie lediglich 20 Monate zwischen 1975 und 1977 und stellt Leinkauf als alles andere als einen zuverlässigen Zuträger dar, sondern als latenten Querulanten, auf den die Stasi nicht vertrauen konnte.
Und wunderbar ist natürlich auch, dass der fast unisono vom Feuilleton gelobte Roman Die Wohlgesinnten nur auf Platz 15 steht (weniger schön, dass Charlotte Roches Unterleibsintrospektion „Feuchtgebiete“ die Liste anführt – aber das ist eine andere Geschichte).
Lob der New York Times, Part II
Gestern und heute berichtete die New York Times über ein Waffengeschäft wie aus einem Satireroman. Demnach hat ein 22-Jähriger einen 300-Millionen-Dollar-Auftrag vom Pentagon bekommen, um für den Kampf gegen den Terror Waffen nach Afghanistan an die dortigen Streitkräfte zu liefern. Anstatt ordentlicher Munition lieferte die in Miami ansässige Firma allerdings mehrere Jahrzehnte alte Munition aus chinesischer Produktion, die man irgendwo im ehemaligen Ostblock zusammenkaufte, bevor sie verschrottet werden konnte.
Die Geschichte basiert auf einer mehrmonatigen Recherche und ist voller irrer Wendungen: Es gibt einen Vizepräsidenten, der eigentlich Masseur ist, natürlich einen Schweizer Waffenhändler als Mittelsmann (wie in Kir Royal), es gibt explodierenden Waffenschrott, und es gibt korrupte albanische Politiker. Obwohl die New York Times haarklein nachweist, dass der Waffen-Twen aus Miami gegen den Vertrag verstoßen hat, darf er wohl weiter liefern (bisher ging Schrott für 150 Millionen Dollar nach Afghanistan) – nur von zukünftigen Aufträgen wurde die Firma ausgeschlossen. Die NYT widmete der Story zwei volle Seiten, die zum Besten gehören dürften, was in diesem Jahr an investigativen Geschichten veröffentlich wurde.
In Deutschland haben sich manche Medien des Themas angenommen. Zum Beispiel Spiegel Online, wo man aber schon im ersten Satz einen dicken Fehler einbaut: “Eine vom Pentagon beauftragte US-Firma hat über 40 Jahre lang alte Waffen und Munition nach Afghanistan geliefert” heißt es da. Dabei hat die Firma nicht 40 Jahre lang, sondern 40 Jahre alte Munition geliefert, und zwar seit 2007.
Gespannt darf man mal sein, ob die Geschichte in der New-York-Times-Beilage der Süddeutschen Zeitung nachgedruckt wird. Denn wenn nicht diese Geschichte, weiß man nicht, welche es verdient hätte.
Spiegel Online: Brauchen gar nicht antreten!
Spät am Sonntagabend und die ganze Nacht auf Montag hindurch knallte Spiegel Online seinen Besuchern eine dramatische Top-Schlagzeile auf den Schirm – eine Schlagzeile von der Sorte, bei deren erster Betrachtung man leicht seinen Kaffee auf der Tastatur vergießt:

Sie haben richtig gelesen: “Steinbrück gibt Wahl 2009 verloren”. Der “sieht kaum noch Chancen [...], die Bundestagswahl 2009 zu gewinnen.” Noch einmal langsam: Am 9. und 10. März 2008 titelt Spiegel Online also, der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück habe die anderthalb Jahre später stattfindende Bundestagswahl verloren gegeben.
Erster Gedanke: Steinbrück unter starker Belastung plötzlich irre geworden. Gedanken an ein altes Titanic-Cover schießen durch den Kopf (“Rudolf Scharping: Rinderwahnsinn jetzt auch bei Ziegen?”). Sagt der doch etwas, was die meisten Spitzenkandidaten nicht einmal denken, wenn sie zwei Wochen vor einer Wahl hoffnungslos hinten liegen. Wer hat sich denn jemals in der Politikgeschichte anderthalb Jahre vor einer Wahl verloren gegeben?
Und welche Substanz steuert der Artikel zu dieser Schlagzeile eigentlich bei? Nun, exakt dies berichtet Spiegel Online dort über Steinbrück:
Er hält das Rennen nach SPIEGEL-Informationen bereits für gelaufen. “Wir haben der Merkel doch den Teller sauber geleckt.”
Ja, genau: den Teller sauber geleckt. Mit anderen Worten natürlich: Rennen gelaufen. Oder besser: Wahl verloren. Ich sage mal: Brauchen gar nicht antreten. Hat denn Minister Steinbrück nicht eigentlich, recht betrachtet, genau das behauptet?
Zu einer derart sensationsgeilen Wahrheitsdehnung ist nicht einmal Bild.de bereit gewesen.
Spiegel-TV und “Die Macht des Orgasmus”
Da haben sie ja auf Spiegel Online etwas angekündigt für diesen Samstagabend. Mehr als zwei Stunden und bis nach Mitternacht soll es bei einem SPIEGEL-TV-Special auf VOX um den menschlichen Orgasmus gehen, und zwar wissenschaftlich. Interessant. Die Macht des Orgasmus. Aber könnte man denn bei der Spiegel-Gruppe nicht ein paar ordentliche Wissenschaftsjournalisten an so etwas ranlassen?
Mit “Magnetresonanz-Therapie haben Forscher ein Paar bei der Liebe quasi durchleuchtet”, steht in der Ankündigung geschrieben. Als müsse Beischlaf therapiert werden, anstatt Magnetresonanz-Bildgebung zu verwenden. Aber vielleicht meinen sie das ja auch nur “quasi”. Jedenfalls, das kurze Vorschau-Filmchen zur Vorankündigung verkündet schon allerhand Einsichten:
Sprecherin: “Ein schöner Busen ist nicht nur attraktiv, sondern sichert den Bestand unserer Spezies.”
O-Ton, später: “Eine Erektion ist für den Mann sehr wichtig, sie sichert den Erhalt unserer Spezies.”
Was auch immer das, abgesehen von den Trivialitäten, heißen soll: Es klingt gut. Schon auf dem Cover des Spiegel-Magazins fiel neulich der Ausdruck “Spezies”. Der bedeutet nichts anderes als “Art”, ein Ausdruck, der in der deutschsprachigen Biologie gebräuchlicher ist. Aber wenn sich einer nicht sicher ist, dann übersetzt er das englische “species” eben lieber mit “Spezies”. Das ist übersetzungstechnische Risikominimierung. Vor allem klingt es auch wissenschaftlicher.
Sieht man sich die Vorschau an, dann gelangt man schnell zu dem Eindruck, dass von diesem Film jede Menge an bequemen und vorschnellen evolutionstheoretischen Rekonstruktionen zu erwarten ist. Eine Herangehensweise, in der für so ziemlich alles, was an uns ist, wie es ist, eine rationalisierende Erklärung nachgereicht wird. In der evolutionäre Nebenprodukte und Zufälle nicht vorkommen, sondern jedes Merkmal als Resultat biologischer Anpassungen erscheint.
“Beim Sex hat die Natur nichts dem Zufall überlassen” teilt die Vorschau-Sprecherin mit, und der in diesem Zusammenhang nicht ignorierbare Professor David Buss (University of Texas, Austin) erklärt gleich, welche Funktion vaginale Kontraktionen erfüllen.
Tatsächlich herrscht unter Wissenschaftlern nicht einmal Einigkeit darüber, ob weibliche Orgasmusfähigkeit überhaupt ein Ergebnis natürlicher Selektion ist. Es ist, im offensichtlichen Gegensatz zum männlichen Orgasmus, nicht einmal klar, ob der weibliche Orgasmus einen nennenswerten Reproduktionsvorteil bietet. Und worin der denn bestehen könnte. Das ist, anders gesagt, eine offene Frage.
Gute Wissenschaftsvermittlung nennt offene Fragen beim Namen.
Spiegel Online, nicht immer in D.C. unterwegs
In hiesigen Leitmedien verkaufen ja deutsche USA-Berichterstatter ganz gerne Ideen ihrer amerikanischen Kollegen als eigenes Gedankengut und tänzeln dabei öfters an der Grenze zum Plagiat. In der Blogbar ist vor wenigen Stunden ein nettes Beispiel dafür dokumentiert worden, wie einer nicht rumtänzelt, sondern stattdessen einfach mal ganze Passagen abschreibt und fremde Inneneinblicke als seine eigenen ausgibt.
Ob Spiegel Onlines USA-Korrespondent Gregor P. Schmitz oft in Washington D.C. unterwegs ist, ist nicht ganz klar, aber immerhin ist er in der Washington Post unterwegs. Für seinen Artikel vom 18.02.2008 über Barack Obamas Wahlkampfteam bedient er sich ungeniert bei einem Artikel in der Washington Post vom 08.10.2007.
Im ersten Absatz von Schmitz’ Artikel fällt im Zusammenhang mit einer Detailschilderung der unspezifische Verweis: “war in der Washington Post zu lesen”. Damit wird wohl nicht nur die Information als abgegolten betrachtet, dass Obama einen Klappstuhl heranzog und sich seiner Wahlkampfhelferin Julianna Smoot gegenübersetzte. Auch nicht die komplett nachgeschriebenen beiden Eingangsabsätze. Sondern auch weitere Passagen, die erst viel später im Text auftauchen.
Aber selbst mit dem Abschreiben scheint es nicht recht geklappt zu haben, wenn man die Passagen über Wahlhelferin Smoot aus den beiden Artikeln einmal miteinander vergleicht: Aus “Smoot, 40, … fast-talking” wird “Smoot, eine sehr schnell redende”, nun ja, “Mittvierzigerin”. Abschreiben muss man eben auch können.
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Nachtrag, 13:50 Uhr: Damit keine Missverständnisse aufkommen: “Don Alphonso” fügte seiner Meldung in der Blogbar nach unserem Austausch in den Kommentaren in großen Lettern hinzu: “[Update:] Fehler meinerseits.” Das scheint dazu geführt zu haben, dass von vielen der ganze Eintrag dort als Falschmeldung betrachtet wurde. Das ist er nicht. Das Dementi betrifft nur eine unnötige Verschärfung, die Fonsi in den anschließenden Kommentaren hinzugefügt hatte: seine Behauptung, der SpOn-Artikel vom 18. Februar sei erst nachträglich mit einem Verweis auf die Washington Post versehen worden.
Fonsi behauptete in einem Kommentar, er habe einen Screenshot einer älteren Version, in der noch kein Verweis auf die Washington Post enthalten sei. Als ich den Screenshot zum Beweis gerne sehen wollte und er die relevanten, eng umrissenen Ausschnitte unter den Eintrag in sein Blog gestellt hatte, stellte sich drolligerweise raus, dass die “ältere” und die “neuere” Version identisch waren und beide den Verweis auf die Post enthielten. Fonsi stellte das auch fest, als er die Textausschnitte mal betrachtete, und gab den Fehler zu. Ich habe das Ganze von vornherein aus dem obigen Eintrag herausgehalten.
Das hat er nun auch nicht verdient
Langsam kann einem Stefan Aust richtig leid tun. Erst wird ihm Knall auf Fall und auch noch im Urlaub gekündigt und nun stellt man ihn auch noch frei, damit er keinen Schaden mehr anrichten kann. Dieser plötzliche Stimmungsumschwung beim Spiegel mutet schon bigott an, schließlich hat sich die feige Redaktion jahrelang demonstrativ vor Aust gestellt, obwohl dessen weitere Eignung schon vor einiger Zeit mit Recht hinterfragt werden konnte: Die Nähe zu Springer und zu den großen Wirtschaftsunternehmen, die unselige Klüngelei mit Schirrmacher, das Politikmachenwollen und der Hang zu Geschichten über die Estonia. Aber als Franziska Augstein diese Art der Chefredaktion vor Jahren mit Fug und Recht kritisierte, gab es einen Aufschrei.
Nun aber sind alle ganz mutig und jagen den armen Aust vom Hof. Wohl auch, weil er sich beim Pokern um eine Abfindung bislang unnachgiebig gibt. Wer will es ihm verdenken.
Inhaltlich hat sich der gefühlte Abgang von Aust allerdings schon ausbezahlt. Diese Woche findet sich die Meldung im Blatt, dass Homo-Paare genauso glücklich sind wie Hetero-Paare, was außer dem Spiegel wohl niemanden überrascht, im traditionell homophoben Nachrichtenmagazin (man lese nur noch einmal die Berichterstattung über Ole von Beust) aber eine kleine Revolution ist. Außerdem ist diese Woche ein seit Jahren vermisster Beitrag über den Niedergang der Bild-Zeitung im Blatt, nachdem der Spiegel es unter Aust stets vermieden hat, die Bild unter Kai Diekmann ernsthaft zu kritisieren. Nur die Gründe, die die Spiegel-Redakteure für den Niedergang des Schmuddelblatts anführen, könnten auch noch von Aust stammen: Nicht die ständigen Persönlichkeitsverletzungen sind schuld oder die Gaga-Geschichten über Dieter Bohlen, auch nicht der Umstand, dass Bild nur noch über B-Prominente berichten kann, weil sich viele der anderen dem Blatt verweigern – nein. Schuld ist laut Spiegel das Internet, in dem sich soviel Schund befindet, dass Bild nicht mehr konkurrieren kann.
Spiegel & Vattenfall Seit an Seit
Unter der Überschrift „Teurer Schmusekurs“ berichtete der Spiegel im Herbst vergangenen Jahres erstaunlich kritisch über den Stromriesen Vattenfall. Der deutsche Vattenfall-Chef Klaus Rauscher habe den Brand im AKW Krümmel „spröde als `Störung konventioneller Art`“ abgetan, hieß es darin und weiter: „Um die 707 amtlich festgestellten Mängel im Atomkraftwerk Brunsbüttel, die eigentlich bis 2003 behoben sein sollten, hatte er sich bis 2007 kaum gekümmert.“ Das waren völlig neue Töne im Blatt, aber schon eine Woche später dementierte sich der Spiegel quasi selbst. Mit einem Artikel, der die Angriffe auf Vattenfall als Hysterie brandmarkte und zu dem Schluss kam, dass der Störfall im AKW Krümmel von Behörden und Medien hochgespielt worden sei. Das Schlimmste am Unfalltag sei der Insektenstich bei einem Arbeiter gewesen – so das nassforsche Fazit.
Damit war der Spiegel wieder voll auf Linie der Stromkonzerne, und auch bei Vattenfall wusste man den Artikel zu schätzen – sogar so sehr, dass man die Spiegel-Leute gleich in seine eigene PR-Abteilung integrierte. Jedenfalls schickt der Sprecher des Vattenfall-Vorstands, Hans Jürgen Cramer, seitdem den Spiegel-Artikel in Redaktionen, zusammen mit einem Brief, in dem er sich gegen die schweren Beschuldigungen richtet, denen das Unternehmen ausgesetzt gewesen sei. Man habe ein „Höchstmaß an Zusammenarbeit und Offenheit praktiziert.” Und zum Beweis dieser – angesichts der Bunker-Taktik des geschassten Deutschland-Geschäftsführers Bruno Thomauske – doch recht abstrusen Behauptung, schickt Cramer eben den Spiegel-Artikel mit. „Ich möchte Ihnen empfehlen, im (…) Spiegel (…) die Seiten 48 bis 60 zu lesen.“
Auf diese Art wird die Spiegel-Geschichte den Kollegen anderer Medien als Richtschnur für die weitere Berichterstattung über Vattenfall anempfohlen. Allerdings haben sich die Spiegel-Redakteure selbst nicht sehr lang an die Linie gehalten. Schon wenig später wurde Vattenfall in das „Kartell der Abkassierer“ eingereiht und Preisabsprachen der Stromversorger bemängelt. Diesen Artikel schickt Cramer übrigens nicht herum.
10-Punkte-Plan für den Spiegel
Die Redaktion: In den vergangenen Jahren ist die Spiegel-Redaktion zu einer Zwei-Klassengesellschaft geworden: auf der einen Seite wenige Starschreiber auf der anderen Seite ein Heer von Redakteuren, die fleißig Infohappen zu den Artikeln liefern, die Auserwählte wie Mathias Geyer oder Dirk Kurbjuweit dann zusammenschreiben. Diese Zweiteilung gehört abgeschafft, weil sie beim Spiegel in den letzten Jahren für so viele Absagen gesorgt hat wie nie zuvor, weil sich gute Leute natürlich überlegen, ob sie nicht woanders glücklicher werden.
2. Die Tiefe: Der Spiegel kann es sich nicht leisten, erfahrene Journalisten, die sich z.B. in zukunftsweisenden Politikfeldern wie Umwelt & Technologie auskennen und aufgrund Ihres Wissens eine klare Haltung haben, zu vergraulen. Der Eklat um den Weggang von Harald Schumann und Gerd Rosenkranz – der eine Globalisierungsexperte, der andere Umweltprofi – war der Tiefpunkt einer Entwicklung. Die beiden müssen schleunigst zurückgeholt werden.
3. Im Zweifel links: Die Gesellschaft ist nach links gerutscht, nur der Spiegel nicht. Während soziales Engagement und kritischer Konsum immer höher im Kurs stehen, erzählte der Spiegel weiter Schnurren von der neuen Bürgerlichkeit und vom visionären Charakter des Berliner Stadtschlosses. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf beim Einschätzen gesellschaftlicher Zustände.
4. Demut: Braucht der Spiegel dringend statt Überheblichkeit. Das Leitungspersonal muss realisieren, dass die Attitüde des allwissenden, rechthaberischen Journalisten von gestern ist.
5. Trennschärfe: Noch immer macht der Spiegel in einer immer ausdifferenzierteren Gesellschaft, in der etliche Lebensstile nebeneinander existieren, leidige Trendgeschichten die an der Realität haarscharf vorbeigehen. In Zukunft werden alle Geschichten verboten, die mit “immer mehr” beginnen.
6. Auch mal was kaputtrecherchieren: Wenn es denn nun einfach nicht mehr stimmt, dass der Maler Norbert Bisky wegen der Verherrlichung eines blonden Knabenideals gemieden wird, dass er im Gegenteil längst anerkannter Mainstream ist – dann muss man die Geschichte einfach mal streichen.
7. Die Unabhängigkeit: Der Spiegel darf keine Mitarbeiter haben, die einfach mal im Firmenjet eines Wirtschaftsbosses mitfliegen, weil es gerade gut passt. Die gratis Autos für Konzerne testen. Die sich mit anderen mächtigen Journalisten vom Springer-Verlag oder der FAZ zusammentun, um Politik zu machen oder Geschäfte.
8. Die Optik: Der Spiegel benötigt unbedingt eine neue Titeloptik. Tiefpunkt war neulich ein Titelbild zur neuen Pisa-Studie mit dermaßen hässlichen Kindern, als hätte sie Manfred Deix gezeichnet.
9. Kommentare: Der Spiegel braucht dringend Meinungsstücke, die auch als solche erkennbar sind. Eine Meinung, die länger als eine Woche hält, wäre auch nicht schlecht.
10. Der Chefredakteur: Muss akzeptieren, dass die Zeit der Alphamännchen vorbei ist. Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind ja auch in der Kulissse.
Matusseks Popjournalismus war nur Trashrock
Nachdem die Kündigung von Spiegel-Chef Stefan Aust bekannt geworden war, wurde Matthias Matussek im DeutschlandRadio interviewt und sagte dort in etwa, dass Aust ein Genie gewesen sei, und niemand in der Redaktion verstehe, wie man diesen Mann wegschicken könne. Schon da wurde deutlich, dass es Matussek aus seinem sorgsam errichteten Paralleluniversum nicht mehr rausschaffen würde.
Als Reporter begnadet, versuchte sich Mattusek selbst zu verjüngen, indem er mit dem Kulturteil des Spiegel noch einmal die neobürgerliche Uneigentlichkeit der Berliner Seiten der FAZ nachahmte. Doch damit kam er um Jahre zu spät. Ein selbsternannter Großvater der Generation Golf, die – als Matussek zu ihr stieß – schon längst weiter war. Wie die gesamte Gesellschaft.
Es war ja schon damals verwunderlich, dass der in Rio und London gediente Auslandskorrespondent des Spiegel plötzlich Kulturchef wurde und erklärbar war das eigentlich nur damit, dass sich Stefan Aust nie so recht für die Kultur interessiert, weil es da verhältnismäßig wenig Akten gibt. Einzig, wie es die Rolling Stones schafften, mit über 60 noch auf die Bühne zu klettern, habe Aust interessiert, heißt es in Redaktion. Mit Matusseks, so muss Aust wohl gedacht haben, hole er sich wenigstens ein bisschen Rock´n`Roll in den Laden.
Aber Matussek war eben nur Trash-Rock, eine Spielart, die letztlich keinen nachhaltigen Wert besitzt: Unter ihm wetterte der Kulturteil des Spiegel gegen das Regietheater, feierte den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als visionäre Tat und jauchzte den Stauffenberg-Flm mit Tom Cruise zum Erweckungserlebnis hoch.
Seiner seltsam zusammengecasteten Redaktion stand Matussek als Lordsigelbewahrer des Pop-Journalismus vor: Die Schauspielerin Verena Araghi hatte zuvor die Erotiksendung Peep! im Fernsehen moderiert, was ja nichts heißen muss, dann aber eben doch hieß. Moritz von Uslar ist natürlich ein kreativer Autor aber im Spiegel-Kulturteil eben auch eine Fehlbesetzung, und bei Rebecca Casati fragt man sich bei jeder Zeile, ob sie nicht nur im Kulturteil gelandet war, weil sie die Freundin von Frank Schirrmacher ist, mit dem Matussek ja auch sehr gut können soll. Zuletzt ging der Nepotismus so weit, dass im Spiegel eine lobhudelnde Rezension eines Buches des SZ-Redakteurs Alexander Gorkow abgedruckt wurde, geschrieben vom Münchener Dramatiker Albert Ostermaier, der eben dieses Buch gemeinsam mit eben diesem Gorkow in München auf Lesungen promotete.
Dass nun Mathias Schreiber für ein paar Monate Interimsleiter wird, ist natürlich ein Witz. Denn den hatte man ja damals als Kulturchef loswerden wollen. Es zeigt aber, dass man nun nichts überstürzen und in Ruhe nach einem Nachfolger suchen will. Dafür braucht man Zeit, denn beim Spiegel selbst wird man ihn nicht finden.
Imre dasselbe
Eine inhaltliche Erneuerung brauche der Spiegel, eine frische, neue Kraft. So ließen sich die Vertreter der Mitarbeiter KG nach der Kündigung von Stefan Aust vernehmen – und man kann nur hoffen, dass sie das auch ernst meinen und gruselt sich doch etwas, dass derzeit der Name Gabor (Imre) Steingart so oft fällt. Schließlich steht der in die USA abgewanderte ehemalige Berliner Büroleiter für alles Schreckliche, was unter Austs Ägide beim Magazin Einzug hielt: Diese seltsame Männerbündelei mit Springer (Steingart hält den Bild-Chef Kai Diekmann für ein Vorbild) und der FAZ, das Kippen von wichtigen Geschichten aus dem Blatt, ob es Ron Sommers Entlassung war oder eine wirtschaftskritische Geschichte über die Windkraft die Windkraft . Angesprochen auf das interne Betriebsklima hält der aus Ungarn stammende Steingart den Spruch für passend, dass Angst die Währung beim Spiegel ist. Mit anderen Worten: Steingart ist genau die Sorte Alpha-Männchen und Machtmensch, die man mit Aust gerade loswerden will. Der Wegbereiter eines festen hierarchischen Systems, in dem nur wenige etwas zu melden haben und die Meinung von oben nach unten durchgereicht wird. Unter ihm ist das Berliner Büro eine Ansammlung von braven Redaktionssoldaten geworden, die froh sind, wenn sie ihren Namen unter zehn anderen am Ende einer Geschichte finden – und die in den Konferenzen tunlichst den Mund halten. Etliche gute Rechercheure und Autoren verließen in Steingarts Berliner Zeit das Blatt: darunter Ulrich Deupmann, Tina Hildebrandt, Gerd Rosenkranz oder Harald Schumann, allesamt versierte Politikredakteure. Dass überhaupt erwogen wird, Steingart zum Chefredakteur zu machen, ist allein schon deshalb seltsam, weil er bei den unlängst abgehaltenen Wahlen zur Mitarbeiter-KG die wenigstens Stimmen von allen bekam. Eigentlich könnte man Aust dann auch behalten. Und Steingart eine Karriere als Michael-Douglas-Double wünschen.
Wir sind das Volk – Spiegel-Leute entdecken die Demokratie
Schon komisch. Jahrelang hält man beim Spiegel schön still und wagt es nicht, bei den Konferenzen aufzubegehren – und kaum ist der Chefredakteur gekündigt, werden plötzlich alle ganz mutig. Plötzlich entdecken die Redakteure des Spiegel ihre eigene Meinung und fordern Mitsprache bei der Neubesetzung des Chefpostens. Dabei haben sie die ja gar nicht, denn zu sagen haben strenggenommen nur die fünf gewählten Vertreter in der Mitarbeiter KG etwas (die Aust ja auch gekündigt haben), und die müssen sich nicht ständig ihrem Wahlvolk erklären oder Plebiszite abhalten.
Dennoch haben schon die Ressortleiter am Freitag zu erkennen gegeben, dass sie bitteschön bei der Auswahl des Aust-Nachfolgers mitreden wollen. Und hinter den Kulissen kommt es schon zur Gruppenbildung. So soll sich der stellvertretende Berliner Büroleiter Konstantin von Hammerstein nach einem gescheiterten Versuch, den Ressortleitern eine Solidaritätsbekundung für Aust abzuringen, nun für Gabor Steingarts Rückkehr aus den USA stark machen, der von dort immer so schöne Ferndiagnosen über den Zustand der SPD schreibt. Und der bei der Mitarbeiter-KG-Wahl vor einigen Monaten gnadenlos durchgefallen war. In Hamburg wiederum sammelt nach Aussage dort lebender Redakteure der Gesellschaftsressortleiter Cordt Schnibben seine Truppen, um Giovanni di Lorenzo von der Zeit zum Spiegel zu holen. Bei Gruner + Jahr dürfte man das alles eher amüsiert betrachten, schließlich spielen die Wünsche aus der Redaktionsgesamtheit des Spiegel eine eher kleine Rolle bei der Chefredakteurswahl. Zumindest das hat sich seit Rudolf Augsteins Zeiten nicht geändert.
Warum Aust gehen muss
Eigentlich ist die Angelegenheit ja undramatisch: Einem Chefredakteur wird nach 13 Jahren im Amt gekündigt – er kann sogar noch bis zum 31.12.2008 bleiben. Dass diese doch eher schnöde Personalie für einen mittleren Aufruhr in den Medien und einen großen in der Redaktion sorgt, zeigt, dass der Spiegel immer noch ein besonders Blatt ist. Und das ist das eigentlich Verwunderliche: dass der Spiegel den Menschen trotz Austs Wirken nicht völlig egal geworden ist – schließlich war er es Aust zuletzt ja auch.
Zumindest las sich der Spiegel zuletzt so und die Geschichten, die man aus der Redaktion hörte, verstärkten den Eindruck. Im Grunde, so hieß es, interessiere sich Aust nur noch für eine Freundschaft zum FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und seine Pferde, von denen er unlängst einen rassigen Renner für eine mittlere sechstellige Summe verkauft hat. Gern würde er auch für die ARD RAF-Dokus basteln.Tatsächlich wirkte der Spiegel in diesem viel zu oft so, als säße der Chefredakteur irgendwo in Stade im Pferdestall oder so tief in die Ledersitze eines VW-Touaregs oder Porsche 911versunken, dass man kaum noch rausschauen kann. Mal erklärte das Nachrichtenmagazin auf dem Titel Hamburg zur coolsten Stadt der Welt, dann entdeckte er das Second Life oder pries die Klimakatastrophe als touristischen Heilsbringer für Sibirien an. Die Strom-Industrie wird quasi jede Woche anders bewertet: Mal klarsichtig als oligarchische Krake, dann wieder als letzter Hort der Vernunft in Zeiten der Klimahysterie. Einem ernsten Thema wie dem Erbe der 68er konnte sich der intellektuell ausgehöhlte Spiegel zuletzt nur noch in Herrenwitz-Manier nähern: „Es war nicht alles schlecht“ lautet die Zeile vor wenigen Wochen, dazu stellte man eine schlechte Karikatur von Reiner Langhans. Das sah schon alles mehr nach Eulenspiegel als nach Spiegel aus.In einer Zeit, in der im Web massenhaft Gegenöffentlichkeit entsteht, ist Aust ein Mann von gestern: ein passionierter Rechthaber, der weder die Niederlage im Kampf gegen die Rechtschreibreform einräumen konnte, noch jemals verstanden haben dürfte, warum es sich für einen Spiegel-Chef nicht schickt, in einem Beirat der Telekom zu sitzen. Oder mit dem Springer-Verlag Geschäfte zu machen. Nun wird er eben fortgejagt: Obwohl Austs Amtszeit nun noch bis zum 31.12. nächsten Jahres geht, wird er früher ersetzt werden – es gilt schließlich, den Abstand des Spiegels zu den gesellschaftlichen Realitäten wieder zu verringern. Denn mittlerweile ist die Gesellschaft im Zweifel links, nur der Spiegel ist nicht hinterhergekommen.
Stefan Aus
Der Spiegel ist nicht gerade dafür bekannt dass er spart: Die Gehälter sind überdurchschnittlich, das viel zu teure Berliner Büro residiert mitten in den Blumenrabatten am Pariser Platz und manchmal kann es sein, dass einen der Ressortleiter anhält, mehr Spesen zu machen. Öfter mit Informanten schick essen zu gehen. Aber nun brechen andere Zeiten an. Unter dem neuen Geschäftsführer Mario Frank wird gespart. Und man nimmt es sympathischerweise nicht den Kleinen, sondern fängt mit dem größten Posten im Personal-Etat an. Denn Aust wird bestimmt eine Million im Jahr bekommen haben – das heißt, die Kündigung spart richtig Geld. Aust hat einen 5-Jahresvertrag bis zum 31.12.2010, der aber jetzt erstmals vorzeitig gekündigt werden kann. Hätte man die Gelegenheit verstreichen lassen, wäre eine hohe Abfindung fällig geworden.
Es wird aber auch Zeit. Noch nie hat ein Chefredakteur den Spiegel so wurstig gemacht wie Aust in den letzten Monaten. Während er daheim in Stade Rennpferde züchtete, von denen denn auch prompt das Schnellste für eine mittlere, sechsstellige Sommer verkauft wurde oder für die ARD spannende RAF-Dokus produzierte, ließ er seine Hintersassen (copyright Kurt Kister, SZ) unterirdische Titel produzieren. Mal wurden Hamburg und Riga zu Topstädten hochgejazzt, mal die Klimakatastrophe als Heil für die nördliche Welt beschrieben, dann wieder belangloses 68er-Workshop-Gewäsch gedruckt. Aust war der Spiegel völlig egal geworden und dass konnte man jeden Montag am Kiosk merken.
Gut, dass damit Schluss ist und das Tollste ist, Aust weiß es vielleicht noch gar nicht, er ist gerade im Urlaub.

