4 von 6.313.023: Auf der Suche nach dem FDP-Wähler
Seit Tagen versuche ich einen FDP-Wähler zu finden, denn bei fast 15 Prozent müssen doch auch welche in der näheren Umgebung existieren. Bislang blieb die Suche ohne Erfolg. Es kann natürlich auch sein, dass sich niemand mehr dazu bekennen mag, nachdem Guido Westerwelle in seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl einen BBC-Journalisten beschied, seine Frage doch bitte sehr in deutsch zu stellen . Das dürften selbst die Werber in Mitte (die ich im Verdacht habe) und Ulf Poschardt etwas unsexy finden.
Poschardt muss Gustav Seibt im Kopf gehabt haben, als er gestern in der SZ eine gewagte These aufstellte, wonach die neue FDP-Klientel aus Kreativen besteht, die nach Schlachtensee gezogen sind, weil es in Mitte zu oft nach Babynahrung riecht . Da hat er wohl Poschardt einfach mal zum Prototypen hochgejazzt, was dem ja sicherlich gefallen wird.
Ich maße mir auch mal seibtsche Fabulierfreiheit an und behaupte, dass der neue FDP-Wähler zuhauf in der Spiegel-Redaktion sitzt. Ich traf nämlich unlängst zwei Nachwuchs-Redakteure aus dem Spiegel-Parlamentsbüro auf einer Party, die mir erzählten, wie toll das Buch „Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ von ihrem Kollegen Jan Fleischhauer sei. Mal abgesehen, davon, dass Florian Illies das Anrennen gegen die vermeintlichen Gutmenschen schon vor langer Zeit in Buchform besorgte, wusste ich den forschen Magazinmachern zu entgegnen, dass Jan Fleischhauer schon sehr sehr lange konservativ ist –jedenfalls war er es schon, als er vor 10 Jahren beim Spiegel mein Zimmernachbar war und zur Entourage des neoliberalen Gabor Steingart gehörte – immer im korrekten dreiteiligen Anzug mit Weste.
Das Gespräch, das letztlich zum verfrühten Aufbruch von der Party führte, kam mir wieder in den Sinn, als ich nun den Sonder-Spiegel zur Wahl in der Hand hielt – mit dem eine Spur zu heroisierenden André-Rival-Foto von Guido Westerwelle vorne drauf. Am besten fand ich noch die Stimmen der Kreativen, die allesamt kurz vor dem Auswandern zu sein scheinen – bis auf den trutschigen Leander Haußmann, der sich als FDP-Fan outet. Poschardt, Haußmann, die Spiegel-Jungs. Das sind schon mal vier. Ich bleib dran.
Alles halb so schlimm im SZ-Tower
Nach den traurig stimmenden Meldungen der letzten Wochen, die einen aus der SZ-Redaktion ereichten, war man ja schon in größter Sorge um das Blatt. Tränenreiche Artikel wurden darüber geschrieben, dass die SZ-Redaktion und der Verlag nun nicht mehr länger in der Münchner Innenstadt unweit der gemütlichen Bierstuben beheimatet sind, sondern am Stadtrand in einem modernen Gebäude, das aussieht wie der Sitz einer Versicherung – sagen wir von Axa.
Um zu schauen, ob denn den Kollegen wirklich jener Tort angetan wird, den sie die ganze Zeit beklagen, habe ich mich aufgemacht in die Hultschiner Straße in München-Ost. Und ich muss sagen: die Ankunft in der S-Bahnstation Berg am Laim verheißt erst einmal nichts Gutes. Man muss durch eine furchtbare und furchtbar gefährliche Gleis-Unterführung hindurch und dann steht man vor dem Glas-Tower, der von der Aufteilung her an das Spiegel-Haus in Hamburg erinnert, nur eben viel schöner. Die verglaste Fassade mit ihren abwechselnden Fensterstürzen sieht schon mal klasse aus, die Münchener Sonne spiegelt sich darin und taucht den Platz davor in gleißendes Licht. Auch in der Kantine hat man sich sichtlich um eine spiegeleske Farbigkeit bemüht, leider ist es viel weniger psychedelisch geworden. Die Bedienungen wurden sorgfältig nach Hautfarbe gecastet, man isst nun wie im Inneren einer Benetton-Werbung. Ich hatte so eine Art Tafelspitz mit Schnittlauchsoße, nach dem man sich im Berliner Verlag – diesem schäbigen Plattenbau mit seiner Sodexo-Kantine – die Finger lecken würde.
Auch sonst klagen die SZ-Mitarbeiter auf hohem Niveau. Das Foyer ist ein mehrstöckiges Atrium mit Video-Wall, die wohl bedeuten soll, dass man hier alles im Blick hat. Klar, das ist bemüht, aber irgendwie hofft man, dass dieser mondäne Auftritt mit den gläsernen Büros der SZ ihre Münchener Spießigkeit austreibt. Denn all die Berlin-Hassartikel konnten schließlich nur in der Meister-Ederhaftigkeit der Sendlinger Straße gedeihen, wo man halt gern am Mittag schon auf ein Weißbier ging. Dortselbst habe ich Büros wie die der Medienredaktion gesehen, die an Alcatraz erinnerten.
Nun sitzen die Redakteure in lichtdurchfluteten Zimmern mit einem schönen Ausblick auf den hässlichen Teil von München und klagen über die Kinderkrankheiten, die so ein modernes Haus nun mal hat. Die Jalousien gehen bei Sonneneinstrahlung automatisch runter und das Licht geht an. Die Klimaanlage regelt sich selbstständig, und ab und zu gibt es einen Feuer-Fehlalarm. Was wirklich unschön ist, ist dass die einzelnen Redaktionen relativ abgeschottet auf den Etagen sitzen, es kaum Möglichkeiten der Begegnung gibt. Bei einem Wochenmagazin wie dem Spiegel mag das noch hinhauen, aber bei einer Tagesszeitung wäre mehr Kommunikation schon dienlich.
Ansonsten aber möchte man den selbstmitleidigen Kollegen mit einem Wort von Werner Funk zurufen: „Licht und Luft geben Saft und Kraft“!
Keine Ahnung, aber davon jede Menge:
Deutsche Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb
Immer wieder erstaunlich, wie es dazu kommt, dass in deutschen Leitmedien Journalisten über den internationalen Wissenschaftsbetrieb schreiben, die auf diesem Gebiet nicht mal den Anschein von Kompetenz erwecken und stattdessen unfreiwillig komischen Quatsch produzieren. Verstehe nicht, warum das nie aufhört. Ein schauriges Beispiel, leider nicht untypisch: Dieser kleine Infotext aus der Beilage Beruf und Karriere in der Wochenendausgabe der SZ (03.05.2008).
Da wird das zentrale Stichwort “faculty” mit “Fakultät” übersetzt, obwohl sogar die Autorin dieses Artikels begriffen haben müsste, dass mit “faculty” in diesem Zusammenhang die Professorenschaft eines jeweiligen Hochschulinstituts gemeint ist, und nicht die einer Fakultät, geschweige denn die Fakultät selbst.
Da wird eine “New York State University” erfunden, von der ich nie gehört habe und die es auch nicht gibt – aber wo es um angelsächsische Universitäten geht, da müssen Namen scheinbar nie stimmen; den Eindruck habe ich schon lange. Wahrscheinlich meinte die Autorin “State University of New York” (oder etwa die ganz verschiedene “New York University”?), was aber auch wiederum seltsam wäre, denn SUNY ist gar keine Universität, sondern ein Hochschulverbund.
Aber es liegt eh eine glatte Falschmeldung in diesem Zusammenhang vor: Die Firma American Analytics, die jenen Faculty Scholar[l]y Productivity Index herausgibt, sie ist gar nicht im Besitz des SUNY-Verbundes – sie ist im Privatbesitz, wie die Firma ausdrücklich auf ihrer Website mitteilt.
Dann noch die Aussage, die “Anzahl der Zitate” durch andere Wissenschaftler gehe in die Erhebungen dieses Produktivitätsindex ein: Was für ein inkompetenter Stuss, geht es doch einfach um die Anzahl der Verweise, wenn “citations” gezählt werden.
Und natürlich und von vornherein ist es sowieso Irrsinn, die Anzahl der Publikationen als Ausweis der “Leistung” eines Lehrkörpers an einem Institut zu beschreiben. Das ist so absurd, als würde man die Qualität eines Popmusikers an der Anzahl der Stücke messen, die er veröffentlicht hat, einschließlich aller Remixes und aller noch so billigen Schrottnummern.
Aber diese stückzahlorientierte Honorierung von Publikationsschrott in den Wissenschaften, das ist nochmal eine weites Feld, und ein noch traurigeres dazu.
Bloggerbeiträge offline / Knutschen, bis der Arzt kommt
Das SZ-Feuilleton brachte am Freitag, den 02.05., eine ganze Seite, auf der Blogger aus Ländern berichteten, in denen es mehr oder weniger schlecht um die Pressefreiheit steht: Birma, Iran, Saudi-Arabien, Weißrussland, Russland, und auch Italien. Die Texte waren unterschiedlich gehaltreich, insgesamt aber gar nicht uninteressant. Bis heute steht nichts davon auf sueddeutsche.de.
Ist das eigentlich Absicht oder ein Versehen? Und wenn das Absicht ist: Kann mir mal jemand erklären, wie das irgendeinen Sinn ergeben soll, dass ausgerechnet solche Inhalte nicht in den Onlineauftritt der SZ eingehen?
Eines noch, da gerade meine PDF-Ausgabe der SZ vom Freitag geöffnet ist. Auf der Wissensseite war diese “Zehn Dinge”-Kuriositätenrubrik wieder kein Anlass zur Freude. Diesmal ging’s ums Küssen:
Das Kiss-Syndrom steht für Kopfgelenk induzierte Symmetrie Störung. Es bezeichnet eine Fehlfunktion im Bereich der Halswirbelsäule.
Was ist depperter: Dass sich das Syndrom selbst bezeichnen soll? Oder der frei zügige um Gang mit leer Zeichen? Ich ent scheide mich für letzt eres.
Außerdem wird der Bonobo als “Zwergschimpansenart” vorgestellt, obwohl Bonobos und Zwergschimpansen dasselbe sind. Und dann wird uns noch erzählt, ein durchschnittlicher Mensch verbringe “in 70 Jahren Lebenszeit etwa 110.000 Minuten mit Küssen”. Zusatz: “Das sind mehr als 76 Tage – am Stück.” Ja genau. Leute. Macht doch mal wenigstens eine kleine Plausibilitätsprüfung, wenn ihr schon keine noch so obskure Studie zitiert.
Vielleicht sollte man diese Rubrik auf der SZ-Wissensseite umbenennen.
Von “10 Dinge, die Sie noch nicht wissen über X” in: “10 Dinge, die ich gerade zusammengegoogelt habe über X (und von denen ich nicht weiß, ob sie stimmen)”. Aber: Ich will nicht groß rumwettern; in den letzten Wochen und Monaten standen ja ansonsten ziemlich viele großartige Stücke in der SZ.
Rezensentenkritik: So geht es auch
Als ich mich vor anderthalb Wochen an den Blogartikel über den Hörisch-Amoklauf im Meta-Feuilleton machte und an einer Stelle bemerkte, Burkhard Müller könne durchaus wieder härter trainieren, da hatte ich auch eine kuriose Leserbriefseite aus der SZ vom 08.04.2008 im Hinterkopf. Dort war die Hölle los gewesen; es war eine ungewöhnlich markige Zusammenstellung von Zuschriften eines ganzen Monats zu literarischen und sprachlichen Themen. Und in der rechten Randspalte antwortete der junge Großschriftsteller Daniel Kehlmann auf Burkhard Müller. Dabei zeigte er ganz nebenbei, unbemerkt von der breiteren Kulturöffentlichkeit, wie es richtig geht – wie sie auch aussehen könnte, so eine Rezensentenkritik.
In seiner Besprechung einer kürzlich erschienenen Biographie des Mathematikers Gauß (SZ vom 01.03.2008) hatte Burkhard Müller ein paar Seitenhiebe gegen Kehlmanns Klassiker Die Vermessung der Welt ausgeteilt: Er beklagte, in Kehlmanns Umgang mit den historischen Fakten “streift die dichterische Freiheit an die entstellende Schlamperei”. Und er lobte den Gauß-Biographen Hubert Mania (der heißt wirklich so) unter anderem dafür, dass er Kehlmann im “umsichtigen Gebrauch der Quellen” übertreffe.
Kehlmann erteilte Müller dann mal eine kleine Lektion in Sachen “umsichtiger Gebrauch mit den Quellen”, und er setzte ohne peinliches Rumgefuchtel eine Handvoll präziser Schwinger an, die Müller geradewegs auf den Ringboden beförderten:

Was für eine runde kleine Sache, dieser Leserbrief. Da hat jemand die Fakten im Griff, da macht einer nicht auf Klaus Kinski oder Jochen Hörisch, sondern macht eine redundanzfreie, deutliche und dennoch souveräne Ansage – und man wird auch davon ausgehen können, dass er in der Cc-Zeile seiner E-Mail nicht mit den Big Shots aus seinem elektronischen Adressbuch herumgewedelt hat.
Wenn man mal kurz träumen darf – was könnte das wohl für ein schönes Celebrity-Deathmatch der zeitgenössischen Germanistik sein: Daniel “Big Time” Kehlmann vs. Jochen “Bananas” Hörisch.
Todesanzeige
Gespenstisch auch dies, wenngleich anders als die Weltkriegsmeldung von neulich. Letzte Herrenreiter traben nun ein in ihre Familiengrüfte. Zugangsvoraussetzung ist offenbar das Latinum, und fragen Sie besser nicht, ob es auch das Kleine tut.
Am gestrigen Samstag kurz gedacht, mich tritt ein Alfred Dregger, als ich die größtflächige Todesanzeige in der Süddeutschen von diesem Wochenende sah. “Weltkriegsteilnehmer 1939-1945″ steht da unter den Lebensleistungen des York-[X] von [X]-[X]. Dienstgrad und militärische Einheit werden präzise gemeldet, Eisernes Kreuz erster Klasse, zweiter Klasse, sogar das Allgemeine Sturmabzeichen wird aufgeführt.

Schwer vorzustellen, dass sich etwa die zerfetzten Zivilisten jener Länder, die von der deutschen Militärmaschine überfallen wurden, “Weltkriegsteilnehmer” auf ihre Todesanzeige hätten setzen lassen, wenn sie denn eine erhalten hätten. Aber vielleicht kann man das ja auch nicht vergleichen. Bei diesen Kardinaltugenden.
Liest sich wie aus einer vergangenen Ära der Bundesrepublik.
Eher nicht aus wie aus der Süddeutschen.
Dr. Dr. Moralist
Kürzlich geschah in der SZ etwas gar Furchtbares. Man frug dort den Dr. Dr. Erlinger um Rat, den Gewissenskolumnisten des SZ-Magazins, und der erstellte ein kurzes deontisches Gutachten für das Vermischten-Ressort seiner Hauszeitung, Panorama. Doch beim Abdruck in der Donnerstagsausgabe unterschlug man alle beide Doktorgrade. Außerdem stellte man ihn, recht zutreffend, als Moralisten vor. Uns ist nicht überliefert, wie lustig er das fand.

Aarrondissement Glucksmann
Im ganzseitigen Interview der SZ-Wochenendbeilage, diesmal mit André Glucksmann (übrigens wirklich interessant und gar nicht prätentiös), ist viel von einem einflussreichen französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts die Rede: “Denken Sie an diese großen Dispute zwischen Camus, Sartre, Aaron” heißt es zunächst, und wir versuchen es beim dritten Namen auch kurz, aber es kommt nichts.
Dann wird klar, dass Raymond Aron gemeint ist. Und er wird nicht ein einziges Mal versehentlich “Aaron” genannt, auch nicht zweimal, sondern in jeder Erwähnung, volle achtmal. Oh Mann.
Eine Aussage Glucksmanns im Rückblick auf die 1980er Jahre ist in ihr Gegenteil verkehrt worden: “Ich war gegen die Stationierung von SS-20- und Pershing-II-Raketen” steht im Interview. Tatsächlich war er dafür, hatte sogar ein Buch darüber geschrieben. Und er erinnert sich daran sehr gut.
Wissensvermittlung
Die Wissensseite der SZ referierte an diesem Dienstag (5. Feb. 2008) einen interessanten Kurzartikel aus Science, einer der zwei Überzeitschriften in den Naturwissenschaften. Es geht um sprachliche Evolution. Die Science-Autoren haben Belege dafür geliefert, dass sich menschliche Sprachen vorwiegend in kurzen, ausbruchsartigen Phasen weiterentwickeln und dass neue Sprachen sich innerhalb genau solcher Phasen abspalten. Die SZ teilt mit: “Das haben nun Wissenschaftler des Instituts für kognitive und evolutionäre Anthropologie an der Universität Oxford anhand eines linguistischen Stammbaums gezeigt.”
Die sind vielleicht schnell, staunte man da zunächst, wenn man wusste, dass dieses Oxforder Institut (ICEA) nagelneu ist und erst im Herbst 2007 seinen Betrieb aufgenommen hat. Dann, bei einem Blick auf das Abstract bei Science, stellte sich raus: Tatsächlich ist keiner der fünf Autoren des Artikels mit ihrer Forschungsarbeit auch nur an die Oxford University angegliedert gewesen.
Augenfälliger: Der SZ-Beitrag enthält eine Art von Fehlübersetzung, der längst kaum mehr zu entkommen ist. Es ist nicht nur von einem “linguistischen Stammbaum”, sondern auch von einem “linguistischen Gründereffekt” die Rede. (Die Idee eines Gründereffekts stammt aus der Populationsgenetik; die Science-Autoren hatten sie auf den Bereich der Sprache übertragen).
Und jetzt wird es prinzipiell: Etliche deutschsprachige Journalisten würden sich und ihren Lesern einen großen Gefallen tun, wenn sie damit Schluss machten, bei der Übersetzung englischer Vokabeln ständig ihre sprachliche Kompetenz zu überschätzen und sich mit halbgeöffneten Augen auf ungefähre Ausdrucksähnlichkeiten zu verlassen. Hier zum Beispiel, es ist typisch.
Das englische “linguistic” ist zweideutig. Der Ausdruck kann auf der einen Seite “sprachlich” heißen, auf der anderen Seite aber auch “sprachwissenschaftlich”, “linguistisch” (was das gleiche ist). Während das Deutsche hier über drei Ausdrücke für zwei Bedeutungen verfügt, gibt es im Englischen, warum auch immer, nur einen einzigen Ausdruck. Und der von den Wissenschaftlern beschriebene “linguistic founder effect” ist ein “sprachlicher Gründungseffekt”. Und der darf auch gerne so genannt werden, jedenfalls wenn Leser, die wissen, was “linguistisch” bedeutet, nicht unnötig mit der Frage beschäftigt werden sollen, was denn mit dem “linguistischen Gründereffekt” gemeint sein könnte.
Immerhin, auch der Übersetzungsfehler im Beitrag über Sprachevolution verursacht noch keine größeren Schäden. Dafür kommt es weiter links auf derselben Wissensseite dann aber wirklich knüppeldick.
Es geht um Ernährungsexperimente mit Mäusen, die eine Forschergruppe vom MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt hat. Verschiedene Gruppen von Labormäusen waren nach unterschiedlichen Ernährungsplänen gefüttert worden; die anschließenden Ergebnisse wurden kürzlich in einem Online-Journal veröffentlicht. Und nun – kein Witz: Das englische “diet”, das zunächst einmal vor allem “Ernährung” bedeutet und in dieser Bedeutung den gesamten wissenschaftlichen Aufsatz durchzieht, übersetzt der SZ-Autor mit “Diät”.
Nein, wirklich: mit “Diät”. Hier etwa: “In der Leber fanden [die Wissenschaftler] große Unterschiede zwischen den einzelnen Diät-Typen.” Oder hier: “Somel hat mit seinen Kollegen Mäuse nach unterschiedlichen Diätplänen gefüttert”.
Nicht einmal vom selbst wiedergegebenen Sinnzusammenhang wollte sich der sprachlich herausgeforderte Autor oder sonst ein Korrekturleser retten lassen. “Die erste Gruppe bekam alles, was die Instituts-Kantine hergab”. Noch Fragen? Die zweite Mäusegruppe “wurde mit den fett- und zuckerreichen Menüs einer Fast-Food-Kette gefüttert”. Diät.
SZ-Korrekturen

Unter den überregionalen deutschsprachigen Abonnementszeitungen ist die Süddeutsche Zeitung mit Abstand die meistverkaufte, im letzten Quartal 2007 erreichte sie sogar die höchste Auflage ihrer Geschichte. Und so lange, wie wir zurückdenken können, ist sie eine der zwei einflussreichsten Zeitungen ihrer Art in Deutschland gewesen.
Das hat sehr gute Gründe, und diese Gründe müssen wir hier nicht eigens aufzählen. Ausgezeichnet allerdings, das finden wir auch, ist die SZ damit noch lange nicht. Und ein wichtiges Element, das ihr dazu fehlt, ist, dass sie endlich damit ernst macht, ihre Sachfehler sorgfältig zu identifizieren und öffentlich zu korrigieren.
Vor wenigen Jahren führte die Süddeutsche auf ihrer zweiten Seite eine kleine Korrekturrubrik ein, mit einem Fehlerteufel als Maskottchen. Dieses Fehlerteufelchen ist ein Ärgernis. Fast möchte man sagen, es ist ein Feigenblatt, aber das wäre keine gute Metapher, denn ein Feigenblatt erfüllt seine Funktion bedeutend besser als der SZ-Fehlerteufel die seine.
Der SZ-Fehlerteufel ist ein halbkomatöser Zeitgenosse, in letzter Zeit kommt er nicht im Traum auf ein Pensum von einer Korrektur pro Tag. (Und das wäre bei netto 30 bis 40 Seiten voller Text schon verdächtig wenig.) Wenn er sich einmal richtig ins Zeug gelegt hat, dann liefert er zwei Korrekturen am Stück. Diese Herkulesarbeit ist so häufig zu bestaunen wie eine Mondfinsternis, und wenn der Teufel danach nur wenige Tage in der Versenkung verschwindet, dann ist von Glück zu reden. In den vergangenen zwei Wochen mit ihren zwölf SZ-Ausgaben gab es insgesamt zwei Korrekturen:
+++++ Mo, 14.01. bis Mi, 16.01.2008: keine Korrekturen. +++++ Do, 17.01.2008: 1 Korrektur: „Auf Seite 4 der SZ vom 16. Januar stand in dem kleinen Editorial, dass der Leipziger CDU-Parteitag 2005 stattgefunden habe. Richtig wäre das Jahr 2003 gewesen.“ +++++ Fr, 18.01. bis Fr, 25.01.2008: keine Korrekturen. +++++ Sa, 26.01.2008: 1 Korrektur: „Im Bayernteil vom Freitag wird behauptet, Ludwig Erhard sei Bundeskanzler von 1963 bis 1969 gewesen. Tatsächlich war er Kanzler von 1963 bis 1966. Danach gab es eine Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger.“ +++++
Bei einem Blick auf solch eine Übersicht drängen sich mehrere prinzipielle Überlegungen auf – vor allem aber zwei mögliche Erklärungen für die homöopathische Dosierung der SZ-Selbstkorrekturen:
Eine Möglichkeit ist, dass die Süddeutsche Zeitung, bei der das Wissen hunderter schreibender und SZ-lesender Profis zusammenläuft, insgesamt weniger Fehler bei sich registriert als ein einzelner SZ-Abonnent bei aufmerksamer Lektüre alleine ausmachen kann. Diese Möglichkeit darf man hoffentlich ausschließen.
Eine andere Möglichkeit scheint realistischer, sie ist darum aber kaum erheiternder, und sie sieht so aus: Die Süddeutsche Zeitung registriert intern ein Vielfaches ihrer öffentlich eingestandenen Fehler, nimmt aber ihre öffentlichen Selbstkorrekturen schlechterdings nicht ernst (vom Leser zu schweigen). Es wäre der SZ dann egal, ob sie versehentlich falsche Informationen vielhundertausendfach gedruckt hat oder nicht. Doch anstatt dabei ehrlich zu sein, abzuwinken und die Korrekturen wenigstens ganz bleiben zu lassen, wird ab und zu noch gönnerhaft eine Brotkrume der Selbstkorrektur unter die Leute gestreut – frech suggerierend, es sei nach dem bestem Wissen und Gewissen der SZ ansonsten nichts danebengegangen. Vielleicht gibt es diese Brotkrume ja nur dann, wenn keinem mehr eine bessere Idee dafür eingefallen ist, wie man die zweite Seite vollbekommen könnte.
Nein, einen Ombudsmann hat es bei der SZ wohl noch nie gegeben. Dazu wird der eine oder andere vielleicht sagen: Nun, Ombudsmänner gibt es bei deutschen Qualitätszeitungen ganz generell nicht. Das ist richtig beobachtet, es ist aber erst recht nicht gut.
Wenn die Süddeutsche ihre Sache ernst nähme, dann stünde auf ihrer zweiten Seite täglich eine ganze Korrekturspalte, aber sie steht dort nicht, und sie steht auch nirgends sonst in diesem Blatt. Mit unserer fortlaufenden Korrekturspalte wollen wir zumindest einen Anfang damit machen, diese Lücke zu schließen. Und ehrlich gesagt, wir denken, dass uns die SZ dafür dankbar sein sollte.



