Bitte mal rechts ran: Polizei prüft DUMMY
Es war ja schon höchste Zeit, dass wir das Polizei-DUMMY persönlich in der für uns zuständigen Wache vorbeibringen – und so fassten sich Artdirektor Sebastian Irrgang, Bildchef Felix Brüggemann und Herausgeber Oliver Gehrs ein Herz und marschierten zur Direktion 3, Abschnitt 31, in der Brunnenstraße in Mitte, um den dort wachhabenden Beamten drei Exemplare auf den Tisch zu legen.»Wir sind doch jetzt blau« kam flugs die erste kritische Bemerkung beim Blick auf das grüne Cover. Und auch das flüchtige Blättern im Heft hatte hochgezogene Augenbrauen bei den diversen Wachtmeistern vor Ort zur Folge. Kein Wunder – treffsicher hatten sie die Seiten mit den Ressort-Überschriften »Bullen« und »Ihr Schweine« aufgeschlagen.
Erstmals hellte sich die Stimmung beim Blick auf die Mercedes-Anzeige auf der Rückseite auf – so schöne Polizeiautos hätten sie in Berlin schließlich auch gern. Doch die Landeskasse erlaubt nur Opel Corsa und VW Touran.
Dann aber wurde das Treffen zwischen Ordnungsmacht und dem unabhängigen publizistischen Komplex doch noch versöhnlich. Allein schon der Umstand, dass sich mal jemand um die Polizei gekümmert, sorgte für ein gewisses Zutrauen. Für weitere Stellungnahmen erbaten sich die Polizisten aber ein wenig Zeit für die Lektüre. Geschenkt.
Ein gemeinsames Foto war leider noch nicht drin, zu misstrauisch ist die Polizei gegenüber den Medien. Die Beamten vor Ort hätten wohl gewollt, wurden aber nach einem Anruf bei einem Vorgesetzten, den sie auf der Direktion 3 nur »den Alten« nannten, beschieden, dass ein Foto mit der DUMMY-Redaktion nur nach Rücksprache mit der Pressestelle möglich sei. Schade eigentlich.
(Foto: DUMMY/Felix Brüggemann)
Mit dem Cop durch die Wand: Das neue DUMMY ist da
Als wir mit diesem Heft anfingen, waren wir echt genervt von der Polizei. Von der rotzigen Art, in der einem bierbäuchige Beamte ihre Gardinenpredigten halten, wenn man mal wieder falsch herum auf dem Radweg gefahren ist. Ihrem sozialen Dünkel, wenn sie auf Menschen treffen, die Abitur haben, Frauen oder Ausländer sind. Ihrer Mackerhaftigkeit, wenn sie in ihrem Ninja-Turtle-Outfit auf Demos herumstehen und befugt ins Ungefähre schauen. Das fehlende Augenmaß, wenn sie Partys auflösen, weil sich ein Nachbar beschwert hat …
Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigten und je mehr wir mit Polizisten gesprochen haben, desto mehr verrauchte unsere Rachlust. Nicht, weil es diese spießigen, naseweisen, ignoranten Polypen nicht gäbe – aber weil es eben auch die anderen gibt. Die, die für einen Hungerlohn einen Gutteil der Sozialarbeit machen, ohne die die Gesellschaft an den Rändern implodieren würde.
Nach 1945 konnten sich viele Polizisten vom alten Schlag in die neue Zeit hinüberretten. Doch die deutsche Polizei hat sich schnell gewandelt – immer als Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche. In den 60ern stand den Beamten noch eine relativ kleine Gruppe von Protestlern gegenüber, die man im Zusammenspiel mit der Springer-Presse recht einfach kriminalisieren konnte. In den 70ern und 80ern begegneten den Polizisten auf den großen Demos gegen die Atomkraft und für den Frieden bereits öfter die eigenen Nachbarn auf der anderen Seite. Der Protest gegen den Staat war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dafür, dass auch die Polizei mit ein wenig Verspätung dorthin gelangte, hat u. a. die verstärkte Aufnahme von Frauen und Migranten in den Dienst gesorgt.
Dieses Heft, das ab heute am Kiosk ist, soll helfen, »die Bullen« etwas differenzierter zu sehen. Dafür haben wir so manchen Kriminalkommissar vernommen, wir waren in L. A. mit auf Streife und sind gen Helgoland gefahren, um den Inselbeamten zu sprechen. Wir haben im Fotoarchiv von Amsterdam gewühlt und mal geschaut, wo man Polizisten mit wie viel Geld bestechen kann. Eins vorweg: In Deutschland klappt es nicht.
DUMMY im DeutschlandRadio
Hier clicken und hören
Es war wohl der Artikel über Peter Sloterdijk (“der größte Motherfucker von allen”) vom geschätzten taz-Kollegen Arno Frank, der die Redaktion vom DeutschlandRadio aufhorchen ließ. Jedenfalls ließen sie es sich nehmen, mit DUMMY-Herausgeber Oliver Gehrs ein Gespräch über die aktuelle Mama-Ausgabe zu führen. Allein die Ankündigung eines DUMMY-Polizei-Heftes im nächsten Jahr zeitigte anschließend etliche Anrufe von DeutschlandRadio-Hörern in der DUMMY-Redaktion, die teils absurde Begegnungen mit der Polizei schilderten. Da kommt Vorfreude auf!
Nun nimm doch noch was: DUMMY Mama ist da
Wo ist Zuhause, Mama, sang Johnny Cash 1959 in einem der wenigen deutschsprachigen, zugleich rührendsten Songs seines Werks und lieferte Mamas Antwort gleich vierfach mit:
Auf der großen Straße / Hinter blauen Bergen / In den grünen Tälern / Bei den hellen Sternen.
Was uns der Künstler damit sagen will? Möglicherweise, dass Mama vor allem eine Aufgabe zukommt: den Sohn erst großzuziehen, um ihn irgendwann zu überzeugen, wie toll und aufregend es sei da draußen in der Welt, dass er endlich rausgehen solle, anstatt sich auf ewig an ihrem Busen zu wärmen, und sie nun bitte allein zu lassen, nach all den Jahren, mit ihren heimlichen Tränen. Cash selbst hatte zu seiner Mutter Carrie ein sehr enges Verhältnis. Sie gebar sieben Kinder und starb 87-jährig im Jahre 1991, drei Jahre später widmete Cash ihr eines seiner schönsten Alben, »My Mother’s Hymn Book«. Vermutlich glaubte er, wenn irgendjemand uns zeigen kann, wo und wie wir im Leben Halt finden können, dann unsere Mütter.
Ein Heft über »Mama« ohne jedes Pathos zu beginnen, erscheint uns weder möglich noch erstrebenswert. Immerhin geht Mama uns alle emotional an, sie ist es in den meisten Fällen, die unsere ersten Lebensjahre dominiert, und oft weit darüber hinaus, ob wir das nun wollen oder nicht. Mamas Liebe zum Baby ist unbedingt, sie gebärt es, presst es sich aus dem Leib, gibt ihm Milch, sorgt sich am meisten, wenn es vom Stuhl fällt oder einen Schnupfen hat. Sie ist die, die ihr Baby durchbringt, um jeden Preis.
Wie gesagt: in den meisten Fällen. Für die 25. DUMMY-Ausgabe haben wir vor allem nach Geschichten gesucht, die das herkömmliche Mütterbild erweitern, erschüttern oder konterkarieren. Die Kindheits- geschichte unserer Autorin Susanne Frömel zum Beispiel, die ihre Mutter erst kennenlernte, als sie fünf war. Die Gruselgeschichte von Elena Ceausescu, die sich für Rumäniens »Mutter der Nation« hielt und ihre Landsleute zugleich schamlos tyrannisieren ließ. Oder die Schicksalsgeschichte einer 24-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter in der Uckermark anschaffen geht. Wir erzählen von einer Frau, die sich in das Leben eines Geschworenen einschleicht, um ihren wegen Mordes verurteilten Sohn freizubekommen. Von einem mexikanischen Austauschschüler, der eine deutsche Familie in den Wahnsinn trieb. Wir zeigen einen Mann, der die Kleider seiner Mutter trägt, und eine Mutter, die sich von ihrem Sohn beim Akt mit ihren Lovern ablichten lässt. Und wir suchen Antworten auf selten gestellte Fragen: Wie erotisch ist eigentlich Stillen? Warum müssen sich Frauen heute ver- mehrt Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Kinder haben? Und wie kommt es, dass einem beim Stichwort »Motherfucker« so schnell Peter Sloterdijk einfällt?
Schließlich feiern wir mit dieser Ausgabe ein kleines Jubiläum. 25 DUMMYS, das ist nicht nichts, zumindest mehr, als wir uns zugetraut hätten, als wir vor sechs Jahren starteten, mit einer Idee und einem Girokonto, ohne Geldgeber, ohne Verlag. Aus diesem Anlass lassen wir alle bisherigen Hefte in einem Extrateil noch einmal Revue passieren, die besten Storys in Auszügen inklusive. Viel Spaß damit.
Warum wir bald ein DUMMY Polizei machen
Eine Horrorgeschichte aus Charlottenburg vom letzten Mittwochabend: Ein großer Mercedes aus Brandenburg fährt an der Joachimsthaler/Ecke Kantstraße auf einen Volvo auf, dessen Fahrer aussteigt und sich beschwert. Der Mercedesfahrer will aber nicht diskutieren, stattdessen greift er den anderen Mann an und schubst ihn mit voller Wucht um. Der Mann fällt so unglücklich über den Bordstein, dass er sich sowohl das Schien- als auch das Wadenbeinbein bricht. Und zwar vierfach. Der Mercedesfahrer verlangt, dass der Mann aufsteht, doch dieser kann gar nicht aufstehen und ruft die Polizei. Das Erste, was der eintreffende Polizist macht: Er fordert den am Boden liegenden Mann auf, sein Auto wegzufahren, es stehe nämlich im Weg. Außerdem wolle er die Fahrzeugpapiere sehen. Als der Mann mit dem gebrochenen Bein sagt, er könne den Wagen nicht wegfahren, droht ihm der Polizist damit, das Auto abschleppen zu lassen.
Mittlerweile ist auch ein Notarztwagen da. Die Besatzung fordert den Mann am Boden auf, sich nicht so anzustellen und aufzustehen, eine Prellung tue zwar ein bisschen weh, aber sonst sei doch nichts. Gut, dass der Mann am Boden den Anweisungen nicht folgt. Im Krankenhaus stellt sich heraus, wie schlimm die Fraktur ist: Wäre der Mann aufgetreten, wäre der Knochen durchgebrochen und hätte vorne aus dem Bein herausgeschaut. Nur vier Tage später ist der Mann bereits zweimal operiert worden, jeweils mehrere Stunden lang, aus seinem Bein schauen große Metallstäbe, er hat Angst vor Infektionen und davor, später zu humpeln. Er wird den Mercedesfahrer anzeigen, den Polizisten auch.
War dieser Berliner Polizist ein Einzelfall? Ich würde sagen: nein.
Eine andere Geschichte aus Prenzlauerberg, Wins/Ecke Jablonskistraße, im Herbst. Morgens um halb neun regnet es plötzlich Steine von einem Dach, richtig große Brocken klatschen auf die Straße. Unten im Haus ist ein Kinderladen, man kann froh sein, dass niemand zu Schaden kommt. Nur ein kleines Auto vor der Tür, ein schwarzer Twingo: Der Lack platzt ab, Kratzer entstehen. Die Frau, der der Wagen gehört, ruft die Polizei. Mittlerweile sind auch die Bauarbeiter da, die den Steinschlag bei Dacharbeiten ausgelöst haben. Das erste, was der eintreffende Polizist sagt, ist, dass der Wagen der Frau auf einem Behindertenparkplatz steht, was für den Zeitpunkt des Schadens aber nicht mal stimmt. Dann sagt der Polizist, dass es sich um einen Versicherungsfall handle. Er geht nicht aufs Dach, um zu schauen, was dort für Gefahren bestehen. Es interessiert ihn nicht, dass Steine auf die Köpfe von Passanten hätten fallen können. Ihn interessiert nur, warum ihn die Frau gerufen hat.
Eine ähnliche Sache, die im Herbst in Schöneberg passierte, in der Goltzstraße: Aus einem Haus fliegt ein Pflasterstein in hohem Bogen auf ein Autodach. Der Autobesitzer ruft die Polizei, die den Vorfall aufnimmt. Als die Beamten gehen wollen, fragt der Mann, ob sie denn nicht mal im Hause nachfragen wollten, wer den Stein geworfen habe. Der Polizist dreht sich um und sagt, man wisse schon selbst, wie man zu ermitteln habe.
Ja, so ist sie, die Berliner Polizei.
(tip; 2009)
Tanz den Lukaschenko: DUMMY in Weißrussland (2)
Das Treffen fand in einem kleinen, von Nadelwald gesäumten Dorf auf dem Land statt. Soweit ich das verstanden habe, gehörte das Haus einer Frau, die früher einmal die wichtigste Oppositionspolitikerin Weißrusslands war, aber wegen der gefälschten Wahlen und den Einschüchterungen durch den KGB (Drohung der Familie etwas anzutun) keinen Sinn mehr darin gesehen hat, Politikerin in diesem Land zu sein.
Das klingt jetzt ein bisschen deprimierend, aber die Veranstaltung war genau das Gegenteil davon: sehr fröhlich, herzlich, irgendwie auch produktiv. Vor allem ging es ja um Magazine und Ähnliches, die Diktatur war Hintergrundrauschen, mehr nicht. Zwei Polinnen erzählten zum Beispiel von ihrem sehr ansehnlichen und irgendwie auch progressiven Popkultur-Heft Aktivist!, die Dänen brachten eine Zeitung und ein angesextes Jugendmagazin mit, ein grenzverrückter estnischer Karikaturist (eine art baltischer hoi polloi, der nebenbei auch
eine Werbeagentur und eine Pornoproduktionsfirma betreibt) stellte einen meckernden Maulwurf vor, und auch die DUMMY-Präsentation kam bei den Weißrussen spätestens in dem Moment gut an, als sie in einem wüsten Crescendo aus Titten und Sperma endete.
Am beeindruckendsten waren die Gastgeber selbst, das 34-magazin aus Minsk, das wegen Druckverbot nur illegal auf CDs vertrieben wird. Die sehr jungen Redakteure und Programmierer, die nur anonym arbeiten können, gestalten jede Ausgabe in Flash mit kurzen Filmchen, Animationen und Musik, in denen es nicht, wie ich Anfangs gedacht habe, um den Aufruf zur Revolution geht, sondern um die kleinen, alltäglichen Dinge, die Jugendliche bei uns vielleicht auch so oder so ähnlich umtreiben: Partys, Mode, Was man so in langweiligen Ideologie-Vorlesungen machen kann, Anleitungen zum Schwarzfahren, ein bisschen gutes Leben und ein bisschen Spaß. Die ganze Situation hat mich dann doch immer wieder an die DDR
erinnert, wo der Staat ja auch bis zuletzt eine völlig irrationale Angst vor seinen Jugendlichen hatte.
Am Abend dann, als alle weg, Dank und Rückeinladungen verteilt waren, saß ich alleine in dem Haus und guckte erst ein bisschen Lukaschenko-TV (ich war sehr fasziniert von dieser knochigen Ansagerin) und dann die Bundestagswahl auf Deutsche Welle über Satellit. Was soll ich sagen? Keine bösen Gedanken über das Ergebnis. Eher so was wie Demut und Dankbarkeit, dass es so was wie freie Wahlen bei uns überhaupt gibt.
P.S. Das mit den gefälschten Schönheitswettbewerben war übrigens Mist. Bin auf dem Rückflug Miss Niederlande und Miss Türkei begegnet, die waren echt. Die Nacht zuvor hatte ich aber trotzdem noch mal einen ziemlichen George-Orwell-Moment: Ein Plastikradio im Hotelzimmer in MInsk, das durch irgendeinen unsichtbaren Mechanismus plötzlich gegen 5h morgens von alleine an und dann wieder ausging, nachdem es die Nationalhymne in Konzertlautstärke gespielt hatte.
Tanz den Lukaschenko: DUMMY In Minsk
War ja klar. Der Einzige, der gestern Nacht ernsthaft Stress gemacht hat, war ein Deutscher, ein ehemaliger KFZ-Mechaniker aus Hessen. Er hieß André und sah im schummerigen Licht dieses weißrussischen Irish-Pubs aus wie eine zerrupfte Krähe. Zur Begrüßung zerschlug er ein Glas und schüttete mir Bier über meine Hose. Seine einheimische Freundin flehte mich erst an, sie vor ihm zu beschützen, dann lobte sie die arische Nase meines dänischen Begleiters, entschuldigte sich für ihre eigene „Judennase“, und ich verlor die Lust an Rettungsaktionen jeder Art. Erst zwei Stunden zuvor war ich vom Flughafen abgeholt worden, wo die absurd kleine, zweimotorige Fokker 50 aus Riga gelandet war. Wir fuhren an Plakaten mit lachenden Bauern auf Traktoren vorbei, links und rechts Nadelwald. Der Fahrer erzählte mir, dass er unabhängiger Sportreporter sei und mit seinen Freunden Fußball im Netz kommentiere, mir kam es vor, als seien wir die Einzigen auf dieser Straße nach Minsk.
Ein weißrussisches Magazin hat mich eingeladen, DUMMY vorzustellen – und da sich die ganze Redaktion sehr für Diktaturen interessiert, bin ich hin. Außerdem passt die Reise gut zum aktuellen DUMMY-Atom, schließlich ist Weißrussland das Land, das am meisten unter dem GAU von Tschernobyl gelitten hat. Ein Viertel des Staatsgebietes ist noch immer atomar verseucht, trotztem lässt Lukaschenko zur Zeit den ersten eigenen Reaktor bauen.
Eine Art Konfer
enz oder ein informelles Treffen europäischer und weißrussischer Magazin-Macher soll das also werden, alles very underground, und gleich zu Beginn, also noch vor dem KFZ-Mechaniker, ist klar geworden, dass Magazinmachen in Weißrussland eine nicht ganz ungefährliche Sache ist. Auflagenzahlen sind geheim, nicht weil sie über den Preis der Anzeigen entscheiden, sondern womöglich über die Dauer der Gefängnisstrafe. Der KGB, der in der Innenstadt in einem klassizistischen Monsterbau sitzt, konfisziert unliebsame Zeitungen mit fadenscheinigen Begründungen und hetzt dann die Steuerbehörden auf die Redakteure. Die staatlichen Medien beschränken sich auf Jubelarien auf den Diktator. Aktuelle Schlagzeilen der „Minsk-Times“: „Der Pragmatismus des Präsidenten zerstört westliche Vorurteile“, „Weißrussland könnte bald zu den 30 Ländern mit dem besten Wirtschaftsklima gehören“, “Geschichstvereine stellen heldenhafte schlachten nach“.
Verwirrende Informationen in der ersten Nacht: Alexander Lukaschenko steht auf Eishockey und hat das Spiel zum Nationalsport erklärt. Die dänische Delegation hat ein unheimliches Gerücht gestreut: Jeden Tag finden hier internationale Schönheits-, Blumendekorations- und Eiskunstlaufwettbewerbe statt, doch die Teilnehmer aus den anderen Ländern werden in Wahrheit von weißrussischen Statisten gespielt. Bald mehr.
Moratorium für dieses Blog aufgehoben
Machen wir es uns einfach. Sagen wir, dass dieses Blog eine Art Gorleben ist. Dass es einem Moratorium unterlag, währenddessen hier nicht weiter gebuddelt werden durfte. Dass es eine Art Erkundungs-Blog war, in dem probeweise gebuddelt wurde. Sagen wir ferner, dass dieses Moratorium nun aufgehoben wird und ab heute die Arbeit weitergeht. Ja, es ist peinlich, dass hier solange nichts passiert ist. Und dennoch wollen wir es noch einmal mit einer Rückkehr versuchen. Es gibt einfach zuviel, über dass es sich in der Welt der Medien zu bloggen lohnt. Zur Zeit könnte man über den ziemlich peinlichen Spiegel schreiben – der in dieser Woche die positiven Leserbriefe zu der recht eitlen Krebserkrankungsgeschichte des Reporters Jürgen Leinemann nachreicht, die man noch in der vergangenen Woche mutigerweise nicht gedruckt hatte… (weil die negativen die Meinung in der Redaktion über Leinemanns Text wohl wesentlich besser widergaben)
Ja, es ist viel passiert, seit wir hier zum letzten mal die Zeit fanden, zu räsonieren. Gab es nicht sogar damals noch „Vanity Fair“, dessen Chefredakteur Ulf Poschardt nun wieder bei der Welt am Sonntag arbeitet? So wie Robin Alexander, der von der „taz“ über „Vanity Fair“ zu Springer einen erstaunlichen Weg ging und uns DUMMY-Machern in der „WamS“ unlängst ein seltsames Zitat in den Mund legte: „Wir machen richtig geile Modefotos von den Jungbauern auf den Treckern“ – was ja eher wie der Aufgalopp zu einer Pornofilmreihe aus dem Wendland klingt. Das sei also hiermit mal gegendargestellt.
Es stimmt aber, dass wir eine Modestrecke mit den Demonstranten gemacht und den stutzigen Polizisten vor Ort erzählt haben, dass die großen Mode-Label der Welt nun voll auf die Anti-Atomkraft-Bewegung setzen, weil die irgendwie frischer wären als die Junge Union in Reinickendorf. Die Fotos gibt es dann im nächsten DUMMY zum Thema Atom, das ab dem 22.9. am Kiosk und vorher schon bei den Abonnenten ist, und neben den feschen Jungbauern aus Gorleben viele Geschichten rund um diese bizarre Technologie bringt: Etwa darüber, wie Rentner in Bad Schlema Rheuma gaben Krebs tauschen oder wie im Endlager Asse die Decke herunterkommt.
Das Magazinmachen hat wieder eine Menge Spaß gemacht, aber das Bloggen haben wir auch vermisst.
Wir fahren nach Berlin
Warum haben wir in den letzten Monaten so wenig gebloggt? Ich weiss es nicht. Vielleicht lag es zumindest ein bisschen daran, dass uns die Produktion des neuen DUMMYs verschluckt hat. Es ging um Berlin – und das ist beileibe kein einfaches Thema, weil man ja alles, was diese Stadt betrifft, in der wir nebenbei gesagt auch leben und arbeiten, schon gelesen und gesehen zu haben meint. Jetzt ist das Heft, die 22te Nummer, jedenfalls fertig und wir sind froh, es in den Händen zu halten. Gestaltet wurde diese Ausgabe wie immer von komplett neuen Art-Direktoren. Diesmal haben Markus Büsges und Björn Wolf das Heft in Form gebracht. Es ist eine sehr aufgeräumte und klare Ausgabe geworden, gespickt mit vielen liebevollen Infografiken. Alle Bilder wurden vom Maler Edward B. Gordon in Öl gemalt. Fotos konnten wir dieses Mal einfach nicht mehr sehen. Am letzten Wochenende haben wir dann spontan die Kamera mitlaufen lassen. Enstanden ist dabei ein Dokument der Aufregung und Erschöpfung, aber auch des Glücks während so einer Schlußproduktion.
P.S.:
An den Kiosk kommt Dummy-Berlin übrigens am 23.03.2009
Der Mann, der bei Dummy … war
Dass Dummy “Schwarze” Wellen schlägt, haben wir ja verstanden. Brisant berichtete, und auch die Bunte und das Feuilleton der SZ schrieben darüber. Im Internet kursieren zudem Gerüchte, es gäbe demnächst eine Demo mit Menschenkette vor dem Dummy-Büro. Aber es war doch ein ziemlicher Schock, als gestern das Sekretariat von Günter Wallraff anrief und eine Ausgabe von Dummy “Schwarze” für den Meister des Undercover-Journalismus bestellte. Hat Günter Wallraff Lunte gerochen? Wird er Dummy unterwandern und des Rassismus überführen? War er vielleicht schon hier? Herausgeber Oliver Gehrs ist auf eine Mittelmeerinsel geflüchtet. Bei den übrigen Mitarbeitern liegen die Nerven blank. Jeder beschuldigt jeden, in Wirklichkeit ein anderer zu sein.
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Hat es jemand gemerkt? Der Kulturspiegel ist wieder da (das ist dieses Heftchen, das ab und an aus dem Spiegel rausrutscht und kein Katalog von Peek & Cloppenburg ist). Faszinierend ist dieses Magazin ja schon. Es kostet nichts. Es sieht aus wie nichts. Und es enthält unter Garantie keine Geschichten, die man nicht schon irgendwo anders gelesen hat. Vielleicht ist der Kulturspiegel ja auch ein kleines Second-Hand Geschäft, irgendwo in Hamburg. Vielleicht können Journalisten da vorbeigehen und ihre alten, vermufften Texte abliefern, die sonst keiner will? Ich weiß nicht, was der Kulturspiegel ist. Jedenfalls hat es fast schon was von Slapstick, wie die Redaktion jeden Monat Trends herbeischreibt und sich am Ende doch nur hinter abgefahrene Züge schmeißt. George Clooney Superstar (August), Shoppen in New York (September), das supertolle Kindel Lesegerät im Oktober (das, nebenbei gesagt, drei von zehn darüber berichtenden Journalisten noch nie in der Hand gehabt haben, aber trotzdem schon mal vom revolutionären Potential schwärmen). Außerdem ist da diese überraschend schöne Kanzlerin auf dem Cover. Kommt mir irgendwie bekannt vor die Idee. Oder täusche ich mich da?
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Schon wieder Tom Kummer: Story in DUMMY gefälscht!
Die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete der Schweiz-Ausgabe von DUMMY neulich einen kleinen Artikel. „Das Gesellschaftsmagazin Dummy ist eine typische Berlin-Mitte-Marke: kreativ, chic und unabhängig, und es sieht gut aus“, hieß es da zunächst schmeichlerisch, aber dann weiter: „Schaut man genauer hin, ist die Aufmachung besser als das Produkt, wie so oft beim Berlin-Mitte-Chic.“
Lobenswert fand die Autorin Sieglinde Geisel aber das bern-deutsche Editorial und die Geschichte über den Fälscher Tom Kummer. Immerhin, so die NZZ, erfahre man in DUMMY einige Neuigkeiten von dem Schweizer Borderline-Journalisten. Dass er nämlich „in einem Club in Hollywood anderen Promis Tischtennis beibringt.“
Soso. Tischtennis also, obwohl im Artikel in DUMMY ausnahmslos von Paddletennis die Rede ist, das Kummer auch nicht in Hollywood sondern in Malibu betreibt. Damit hat es die NZZ geschafft, die einzigen Fakten, die in dem Artikel stecken, auch noch zu verdrehen. Dass Kummer in Malibu Paddletennis spielt, ist nämlich das einzig Wahre an der Geschichte, der Rest ist frei erfunden. So, jetzt ist es raus.
Nicht nur die NZZ ist darauf reingefallen, auch andere Rezensenten haben nicht gemerkt, dass Autor Oliver Geyer passend zum Thema einen echten Kummer abgeliefert und sein Treffen mit dem Fälscher komplett zusammenfantasiert hat. „California Dreaming“ eben – wie es schon in der Überschrift heißt.
Neben der Headline gab es noch andere Hinweise, dass das Thema dialektisch bearbeitet wurde. So griff Geyer auf das urtypischste aller Kummer-Stilmittel zurück – nämlich den exzessiven Einsatz von Promis. „Einmal hat Oliver Geyer Tom Kummer in Los Angeles besucht, dort schlaflose Nächte verbracht, Gwyneth Paltrow und Bruce Willis kennengelernt und Kummer beim, Popp, popp, popp,´ Tennisspielen beobachtet”, schrieb etwa Ronnie Grob anerkennend auf Medienlese.com. Soso. Gwyneth Paltrow und Bruce Willis also.
Kompliment an Geyer, der den Ton des Meisters perfekt getroffen hat. Offen bleibt, ob die nicht entdeckte Fälschung bedeutet, dass ein zweiter Kummer jederzeit wieder möglich ist. Hier auf jeden Fall für alle, die die Geschichte noch nicht gelesen haben, der poppige Anfang. Damit sich jeder ein Bild machen kann.
- “Popp, popp, popp, popp. Die gelben Bälle fliegen so schnell über das kleine Paddletennis-Feld, dass sie die ballistische Bahn von Gewehrkugeln beschreiben. Popp, popp, popp. Man sieht nur noch gelbe Streifen. Tom Kummer lässt es auch in seinem neuen Job als Paddletennis-Trainer im Jonathan Club at the Beach in Malibu richtig poppen, er macht Tempo. Er will das Letzte aus seinem Gegenüber herausholen, egal wer sich da abrackert. Heute ist es Bruce Willis, der alles geben muss. Die Sonne steht schon tief über den unwirklich hohen Palmen des Promi-Clubs in Malibu. Gegen Abend bläht sie sich immer noch einmal auf, taucht die Welt in Technicolor und versinkt im Pazifik. Der ganze Himmel ist orange. Hier ist aber auch alles larger than life, denkt der gejetlagte Europäer. Das kann doch nicht wahr sein.
- Der Actionheld hat aufgegeben, Bruce Willis wedelt mit dem triefenden Stirnband: „Lass uns besser noch zusammen einen Drink nehmen Tomás.“ Willis und Kummer kommen hoch auf die Terrasse und setzen sich zu mir. Die letzten Sonnenstrahlen leuchten die Szene perfekt aus. „Das ist Bruce, das ist Oliver, ein Freund aus Deutschland“, stellt Tomás uns vor. „Nice to meet you, Bruce.“ Da ist man 13 Stunden nach Los Angeles geflogen, um etwas über den wahren Tom Kummer zu erfahren, über das Leben unseres Schweizers in Hollywood, über den Bad Guy of German Journalism, der mit seinen gefälschten Promi-Interviews und Reportagen die heile deutsche Medienwelt in eine Identitätskrise gestürzt hat, und schon ist man Teil der Lüge. Für die Mitglieder des Clubs heißt Tom Tomás, kommt nicht aus Bern, sondern aus Brasilien und war immer Tennisspieler. Meine erste Frage, die mir während der Zwischenlandung in Zürich einfiel und klug erschien, muss ich erst mal stecken lassen: Sind alle Schweizer Lügner? Stattdessen gibt es Weibergeschichten von Bruce Willis.“
10 Gründe, warum das Magazin nicht “Neger” heißen kann
- weil die beabsichtigte Dialektik, dass das Wort auf dem Cover eben nicht nur eine Personengruppe beschreibt, sondern den Diskurs um begriffliche Zuschreibung und Diskriminierung gleich mit, anscheinend von zu wenigen auf Anhieb verstanden wird
- weil wir uns zu sicher waren, dass DUMMY völlig unverdächtig ist, rassistisch oder rechts zu sein
- weil es wohl doch nur Helmut Schmidt nicht übel genommen wird, das Wort in den Mund zu nehmen
- weil ein Cover nicht zuviele Unklarheiten bieten darf
- weil unter den Kommentaren Lösungsvorschläge waren, die der Sache gerechter werden
- weil es tatsächlich zuviele Menschen gibt, die sich dadurch beleidigt fühlen könnten, ob nun zu Recht oder zu Unrecht
- weil der Vorwurf, wir wollten nur provozieren ziemlich dämlich ist, man aber auch dämlichen Vorwürfen nur ungern ausgesetzt sein möchte
- weil es schon erstaunlich ist, wieviel Energie manche Kommentatoren aufbringen, wenn es um ihren Hass auf Berlin-Mitte (wir wohnen da gar nicht) und auf Latte Macchiato (trinken wir gar nicht) geht, andererseits aber Toleranz und Sensibilität einfordern
- weil wir keine Lust auf weitere Hass-Mails haben
- weil uns Tahir ganz schön Angst gemacht hat
Darf ein Magazin “Neger” heißen?
Wir wollen mal nicht so tun, als hätten wir es nicht kommen sehen. Als hätten wir nicht gewusst, dass es bald im Posteingang rappelt. Dass uns in aufgeregten mails Rassismus, Irrsinn, politischer Amoklauf und sonstwas vorgeworfen wird. Warum? Weil wir ein Heft zum Thema „Neger“ machen wollen. Das nächste Dummy im Herbst.
Wir hatten uns das nämlich so schön gedacht: Ein Magazin voller Geschichten über Schwarze, über black culture, Malcolm X, Obama, HipHop, Roberto Blanco, den Sarotti-Mohr, über Rassismus und Afrika. 138 Seiten black power. Ein aufregendes, journalistisches Projekt. Wir wollten das Heft Dummy-„Neger“ nennen, um gleich mal mit der Diskussion um inkriminierte Bezeichnungen loszulegen. Um Lust zu machen auf eine anregende Debatte fern einer beschränkten politischen Korrektheit. Wir recherchierten also, wie das denn jetzt genau ist: Ob man denn überhaupt „Neger“ sagen darf? Wir sprachen mit weißen und schwarzen Menschen und kamen zu dem Ergebnis: Man kann. Und mit einiger Hybris dachten wir sogar: Wenn, dann wir. Schließlich haben 19 Hefte (darunter heikle Themen wie Juden, Sex und Frauen) gezeigt, dass man gerade vorbelastete Themen ohne Denkverbote und mit Unbefangenheit aufarbeiten muss. Und für rechts hat uns noch niemand gehalten.
So, und jetzt sehen wir: Es geht wohl doch nicht. Die Wut ist bereits so groß, dass täglich mails kommen, die uns aufrufen, das Projekt zu stoppen – oder zumindest umzubennen. Andere wiederum loben das Dialektische an dem Vorhaben. Aber wie soll man denn nun das Heft taufen: Dummy „farbige Mitbürger“, Dummy-„maximal Pigmentierte“, Dummy-„black“?? Vielleicht hilft es, die Diskussion hiermit öffentlich zu machen. Das Thema ist uns zu wichtig, um es fahren zu lassen. Die Fahrt wurde bereits aufgenommen. Wir sind gespannt auf Eure Gedanken.
DUMMY-Schweiz ist fertig und kommt am 7. Juni raus
Dass hier wochenlang nichts passiert ist, obwohl es mindestens das Aus für Polylux zu feiern gegeben hätte, ist dem Umstand geschuldet, dass die DUMMY-Redaktion sehr oft in der Schweiz war, um dort für das Sommerheft zu recherchieren, zu fotografieren, zu kollaborieren und zu layouten. Bzw. gelayoutet haben die netten Menschen von der Agentur Raffinerie AG. Denn erstmals wurde ein DUMMY woanders als in Berlin gestaltet. Während also Roger Köppels Weltwoche weiter den Sermon von den vorlauten Deutschen in Zürich verbreitet, soll unser Heft ein Produkt der Völkerverbindung sein. Fotos von Linus Bill sind drin, ein Text über den Schweizer Bunkerwahn und Nettes über Jean-Luc Godard. Und Edgar Herbst hat LSD genommen und die Blumen auf der Wiese vor dem Hause des verstorbenen Albert Hofmann fotografiert. Das Heft kommt am 7.6. pünktlich zur EM aus der Druckerei, wenn die Schweiz ihr erstes Vorrundenspiel gegen Tschechien gewinnt. Zwei Tage später ist es am Kiosk.
Wir hatten also eine Menge Spaß in der Schweiz, und irgendwie schwebt diesmal sogar der Geist des Verlegers Mathias Döpfner über dem Projekt: Denn wie der globalhumane Zufall so spielt, war DUMMY vergangene Woche in der Zürcher Galerie Bob van Orsouw. Und wer steht da vor den reichlich seltsamen Bildern der niederländischen Künstlerin Hannah van Bart: Genau. Der Springer-Chef. Man hat es ja geahnt, dass das Kunstfieber auch längst Döpfner ergriffen hat, für den die 22.000 Euro für ein Bart-Werk ja nun auch wirklich erschwinglich sein dürften. Dennoch ist nicht sicher, ob Döpfner zuschlägt, denn eigentlich – man höre und staune – sammle er nur erotische Kunst. Dann doch lieber gleich das Schweiz-DUMMY, wo sich extra für Döpfner nackte Schweizerinnen mit Waffen aus dem aktuellen Armee-Kalender drin tummeln.








