Actionkino im Meta-Feuilleton:
Professor Hörischs rasende Rundmail und die Kritikerkritik-Kontroverse
Der Germanistik-Professor Jochen Hörisch (Mannheim) veröffentlichte vergangenes Jahr eine Sammlung seiner Aufsätze, sie hieß “Das Wissen der Literatur”. Der Literaturkritiker und Lateindozent Burkhard Müller (Chemnitz) besprach das Buch in der SZ vom 07.03.2008. Er schien genuin enttäuscht. (Die Rezension findet sich nur hier.)
Einen Monat später hat es ein beträchtliches Bohai gegeben. Denn bei Perlentaucher.de wurde am 06.04. ein offener Brief von Hörisch an Müller veröffentlicht – textidentisch mit einer Rundmail, die Hörisch in einer wohl beispiellosen Aktion in die Republik hinaus versendet hatte: Unter Burkhard Müller im Adressatenfeld fanden sich in der Cc-Zeile “leitende Redakteure, Feuilletonredakteure, Lehrstuhlinhaber, Literaturkritiker, Publizisten, Schriftsteller und andere im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb tätige Zeitgenossen”, wie Georg Klein in einem Zwischenruf mitteilte. Burkhard Müller veröffentlichte am 08.04. seine Erwiderung beim Perlentaucher; Hörisch antwortete seinerseits am 11.04.
Hörischs Brief liest sich, als höre man einem cholerischen Würdenträger aus dem vorletzten Jahrhundert bei einer Privatbrüllerei zu, mit der er zunächst einmal ein paar kritische Körperwerte runterreguliert, bevor er der nächsten Schritt plant und an die Öffentlichkeit geht. Nur: Dieser Brief war bereits Hörischs nächster Schritt – es waren Wochen verstrichen, bevor er sich zu ihm entschied. Und er entschied, sich zum vielleicht größten Horst zu machen, den deutsche Feuilletonredaktionen seit Erfindung der E-Mail erlebt haben.
Der Brief ist repetitiv, und er ist laut, und zwar außerordentlich repetitiv und laut. Er ist so aufgeplustert und derart überzogen angesichts des Wortlauts der ursprünglichen Rezension, dass man mehrmals leise lachen muss. Doch das war keine Spaßguerilla-Aktion. Jochen Hörisch und sein Buch sind echt, und sein Brief ist es auch. Und er meint ihn ernst, sogar das peinliche und redundante Gekreische nach einer Entschuldigung meint er ernst – das offenbar vor allem.
Was für eine Erwartung, zu glauben, ein Literaturrezensent werde in so einer Situation eine Entschuldigung abliefern. Und, was viel wichtiger ist: Wie kann ein Buchautor mit Selbstrespekt und einem Funken Verstand bloß seine Genugtuung davon abhängig machen, ob sich sein Rezensent entschuldigt – anstatt eher davon, ob er die anderen, die er erreichen will, von der Verfehltheit der Kritik überzeugt?
Nun liegen die Dinge nicht schwarz-weiß in dieser Sache. Müllers Rezension – zum Erscheinungszeitpunkt durchschnittlich unbeachtet, seit Hörischs Brief hat sich das natürlich vollkommen erledigt – war ein seltsames Ding. Ich las die Rezension nachträglich, im Ohr noch das Pfeifen vom Hörisch-Megaphon, und ich begriff zunächst einmal kaum, was hier los war: Was große Teile dieser Rezension betrifft, habe ich noch nie einen Verriss gelesen, der so wohlmeinend geschrieben war.
Nur: Burkhard Müllers Bemängelungen waren erstens sachlich fehlerbehaftet. Und zweitens schloss seine Besprechung mit einer persönlichen Bemerkung, die er wohl besser weggelassen hätte. Zunächst zum zweiten. Seltsam, wie gesagt: Müllers persönliche Bemerkung leitete einen der geradezu zärtlichsten Schlussabsätze ein, die jemals in einem sogenannten Verriss zu lesen sein werden. Dennoch lässt er sich leicht als überheblich lesen – über so etwas schläft man eine Nacht, und am nächsten Tag tilgt man dann lieber den persönlichen Kram, der mit dem “ernsten Freund” zusammenhängt:
Was Jochen Hörisch not täte, ist ein ernster Freund. Denn er weiß viel und kann auch viel, wie sich bei seiner sensiblen und intelligenten Analyse von Wilhelm Müllers Gedichten und Schuberts Musik zeigt. Aber er besitzt keine Widerstandskraft gegen den eigenen plaudernden Charme, der sich mündlich weit besser macht als in geschriebener Form – wie jeder bestätigen kann, der schon mal bei einer Podiumsdiskussion erlebt hat, wie Hörisch das Publikum unterhält und den Moderator zur Verzweiflung treibt. Ein Freund müsste es sein, der nicht mitlacht, wenn Hörisch mal wieder den Fiesco als Tatort-Krimi, den Don Carlos als Politthriller anpreist, und der ihn, wenn er zu einer seiner assoziativen Pirouetten ansetzt, sanft, doch nachdrücklich fragt, was er uns denn eigentlich sagen wollte.
Und der eigentliche Kern der Kritik? Burkhard Müller warf Hörisch inhaltliche Ziellosigkeit und Beliebigkeit vor. Dieser Hauptkritikpunkt lässt sich nur beurteilen, wenn man Hörischs Aufsatzsammlung gelesen hat. Aber um ihn geht es gar nicht in dem Briefwechsel.
Der halbwegs sachorientierte Teil der Auseinandersetzung im Briefwechsel betrifft eine Handvoll Beispiele, die Müller zur Ergänzung, und offenbar auch zur Illustration seiner Hauptkritik vorbrachte. Wen das Ganze interessiert, der wird sich die Beiträge von Müller und Hörisch drüben ohnehin durchlesen. Aber auch wenn das dummyblog kein Dokumentationszentrum ist: Eine kleine Übersicht und das Scorekeeping lässt sich schon noch übernehmen. Fünf Streitpunkte greift Hörischs rasender erster Brief auf. Wir begeben uns jetzt zum Fußball – abgerechnet wird in der Reihenfolge der Nennungen in Hörischs Brief:
1. Zum Begriff der Paradoxie: 1:0 für Hörisch. Schlimmes Eigentor von Müller, der hier nicht gut aussieht und Paradoxien mit Kontradiktionen zu verwechseln scheint. Müller sollte in dem Zustand kein Philosophieseminar betreten, da würde er ausgepfiffen werden.
2. Umfang des lateinischen Alphabets: 1:1, Müller gleicht aus. Müllers Erwiderung hier ist klar, konzis und überzeugend, lässt Hörisch mächtig alt aussehen mit dessen “plus/minus 25 Buchstaben”. Doch Vorsicht, jetzt wird’s kompliziert: In Müllers Rezension ist evidenterweise das verkehrte Vorzeichenwort abgedruckt (“eher plus!”), als er die richtige Buchstabenzahl einklagt, die er einen Monat später dann benennt und stützt. Das kann nur ein Druckfehler sein, weil sämtliche diesbezüglichen Bemerkungen Müllers unzweideutig in die Richtung “eher minus!” weisen. Hörisch aber ist hier orientierungslos, Hörisch ist völlig aus dem Spiel. Klammert sich in seiner Erwiderungserwiderung nur empört daran, den Vorzeichenfehler für bare Münze zu nehmen – als sei sonst nichts gewesen. Offenbar hat er nicht einmal gemerkt, was passiert ist. Sieht gar nicht gut aus. Trotzdem Freistoß für Hörisch: Denn auch Müller verschweigt seinen Flüchtigkeitsfehler mit dem bedeutungsinvertierenden Vorzeichen.
3. “[D]ie vielen Fehler in Hörischs zahlreichen lateinischen Zitaten und Floskeln”, die Müller in seiner Rezension am Rande “wenigstens erwähnt” haben wollte: 2:1 für Müller. Was hat sich Hörisch hier eigentlich gedacht? Versichert empört, er habe in seinem Buch “nichts grob Fehlerhaftes” finden können, und als Müller ruhig kontert und fünf sinnentstellende Fehler auftischt, die alleine innerhalb von knapp drei Seiten vorkommen (mit dem Verweis darauf, das ganze Buch enthalte “noch viel mehr” davon), da sagt Hörisch nichts. Dabei steht ein gut belegter Vorwurf im Raum: Da scheint einer mit Latein jongliert zu haben, ohne dass es nötig gewesen wäre – und dann hat er’s nicht nur nicht gekonnt, er hat offenbar nicht einmal vor der Veröffentlichung eine Gegenprüfung unternommen. Keine gute Kombination. Doch wie gesagt, von Hörisch kommt dazu nichts in seiner Erwiderungserwiderung – nicht einmal ein taktisches Foul, keine Erwähnung.
4. BGB, Strafgesetz, rechtliche Zulässigkeit: 2:2, für diesen Ausgleich muss Hörisch nicht lange ackern. Wenn derlei zum Besten gehört, was Müller im Blick auf die “Nebenbefunde der eigentlichen Falschmeldungen” von Hörisch aufzubieten hat, dann sind Müllers Aussichten auf diesem Sektor schlecht.
5. Brückenschlag zwischen einem Goethe- und einem Raabe-Zitat: Nicht entscheidbar ohne die Buchlektüre, und selbst dann gibt es wahrscheinlich erheblichen Ermessensspielraum. Möglich, dass Hörischs Brückenschläge weniger unbegründet sind als Müller nahelegt. Zumindest vorläufig aber gelten meine Sympathien hier Müller. Denn Hörisch behauptet lächerlicherweise auch von Müllers Weigerung, Hörischs Assoziation für gerechtfertigt oder relevant zu halten, sie sei “unfassbar”. Eine selbstherrliche Übertreibung auf notorisch spekulativem Interpretationsterrain, das – sie wird aber noch getoppt: Hörisch nennt allen Ernstes seine Darlegungen, die die Assoziation stützen sollen, “zustimmungspflichtig”. Zustimmungspflichtig. Da wird langsam klar: Der Mann braucht Hilfe. Dieser Streitpunkt wird aber nicht in die Wertung aufgenommen.
Endergebnis der Sachdiskussion: 2:2. Müller hat Hörisch an der Lateinfront locker glattgebügelt – peinlich dabei, wie Hörisch ausgerechnet die Latein-Angelegenheiten unter lautem Geschrei ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. In der zentralen Rezensionssache bleibt das meiste offen. Müller hingegen: müsste wieder härter trainieren, so kann man nicht in die Spiele gehen.
Nein, es war in Müllers Buchrezension vielleicht nicht ganz fair, Hörisch mit dem Ratschlag zu kommen, er brauche einen “ernsten Freund”, der sich von dessen “plauderndem Charme” nicht einlullen lasse. Dafür hat Hörisch nun bestens bestätigt, dass dieser Ratschlag nicht nur grosso modo in die richtige Richtung wies – sondern auch, dass die Wahrheit noch eine ganze Ecke schlimmer aussieht. Dass ein Professor von Mitte 50 bereit ist, sich derart zu blamieren, das ist das eine. Dass er keine Freunde hat, denen er so einen Quatsch zum Gegenlesen geben kann und die ihm dann sagen: “Hör mal, Jochen, lass das bloß sein und lauf’ jetzt nicht Amok” – das, ja: das wissen wir jetzt garantiert.
Neurononsens im Politikfeuilleton
Der taz-Autor Jan Feddersen beteiligte sich heute an der allgemeinen Begriffsanalyse um Assimilierung und Integration, die nach der Kölner Arena-Rede des türkischen Ministerpräsidenten eingesetzt hat. Als Feddersen sich die eigentlich recht einfache Aufgabe vornahm, die Idee der Assimilierung gegen den abstrusen Vorwurf eines “Verbrechens gegen die Menschlichkeit” zu verteidigen, wird er sich gedacht haben, er werde das jetzt besonders clever anstellen. Und er glänzte mit folgendem pseudowissenschaftlichen Brückenschlag zu seiner ungefähren gesellschaftspolitischen Grundaussage, es sei eine gute Sache, wenn sich Migranten assimilieren:
Aus der Neurobiologie ist überliefert, dass es keine Integration ohne Assimilierung gibt. Wer in ein System will, muss sich an es anpassen – und wird sich verändern. So wie auch das gegebene System sich mit den neuen Teilen verändert. Gesellschaftlich gesprochen: So wie die Attributierung “deutsch” schon immer eine künstliche Anordnung des nicht Anzuordnenden war, so hat sich dieses Land grundsätzlich durch Migranten verändert.
Keine Sorge, wenn Sie nicht verstehen, wo da der Zusammenhang sein soll. Es gibt keinen. Dafür gibt es später noch einmal eine ähnliche Argumentationsfigur:
Aus der Neurobiologie ist wiederum bekannt: Nur Systeme (und die in ihnen wirkenden Synapsen), die offen für Einflüsse durch hinzukommende Elemente sind, überleben. Purifizierungen (“das Deutsche”, “das Türkische”) sind mit dem wahren Leben nie in Deckung zu bringen.
Auch überliefert aus der Neurobiologie ist zum Beispiel, dass Neuronen jede Menge Dendriten haben. Könnte das denn nicht nun – es ist ja kein großer Schritt – als Rechtfertigung der, sagen wir, Vielweiberei missbraucht werden, Herr Feddersen? Und wo wir schon einmal darüber nachdenken: Ist nicht die Doktrin von der Diskontinuität benachbarter Neuronen, recht betrachtet, eine gewaltige kulturtheoretische Herausforderung für das Konzept der Migrantenintegration?
Möglich, dass Feddersen seinen Hinweisen auf die Neurobiologie überhaupt gar keine argumentative Rolle zuweisen will. Vielleicht sollen sie nur ein bisschen danach aussehen. Vielleicht weiß er auch selbst nicht genau, was der Quatsch soll.

