Wissensvermittlung
Die Wissensseite der SZ referierte an diesem Dienstag (5. Feb. 2008) einen interessanten Kurzartikel aus Science, einer der zwei Überzeitschriften in den Naturwissenschaften. Es geht um sprachliche Evolution. Die Science-Autoren haben Belege dafür geliefert, dass sich menschliche Sprachen vorwiegend in kurzen, ausbruchsartigen Phasen weiterentwickeln und dass neue Sprachen sich innerhalb genau solcher Phasen abspalten. Die SZ teilt mit: “Das haben nun Wissenschaftler des Instituts für kognitive und evolutionäre Anthropologie an der Universität Oxford anhand eines linguistischen Stammbaums gezeigt.”
Die sind vielleicht schnell, staunte man da zunächst, wenn man wusste, dass dieses Oxforder Institut (ICEA) nagelneu ist und erst im Herbst 2007 seinen Betrieb aufgenommen hat. Dann, bei einem Blick auf das Abstract bei Science, stellte sich raus: Tatsächlich ist keiner der fünf Autoren des Artikels mit ihrer Forschungsarbeit auch nur an die Oxford University angegliedert gewesen.
Augenfälliger: Der SZ-Beitrag enthält eine Art von Fehlübersetzung, der längst kaum mehr zu entkommen ist. Es ist nicht nur von einem “linguistischen Stammbaum”, sondern auch von einem “linguistischen Gründereffekt” die Rede. (Die Idee eines Gründereffekts stammt aus der Populationsgenetik; die Science-Autoren hatten sie auf den Bereich der Sprache übertragen).
Und jetzt wird es prinzipiell: Etliche deutschsprachige Journalisten würden sich und ihren Lesern einen großen Gefallen tun, wenn sie damit Schluss machten, bei der Übersetzung englischer Vokabeln ständig ihre sprachliche Kompetenz zu überschätzen und sich mit halbgeöffneten Augen auf ungefähre Ausdrucksähnlichkeiten zu verlassen. Hier zum Beispiel, es ist typisch.
Das englische “linguistic” ist zweideutig. Der Ausdruck kann auf der einen Seite “sprachlich” heißen, auf der anderen Seite aber auch “sprachwissenschaftlich”, “linguistisch” (was das gleiche ist). Während das Deutsche hier über drei Ausdrücke für zwei Bedeutungen verfügt, gibt es im Englischen, warum auch immer, nur einen einzigen Ausdruck. Und der von den Wissenschaftlern beschriebene “linguistic founder effect” ist ein “sprachlicher Gründungseffekt”. Und der darf auch gerne so genannt werden, jedenfalls wenn Leser, die wissen, was “linguistisch” bedeutet, nicht unnötig mit der Frage beschäftigt werden sollen, was denn mit dem “linguistischen Gründereffekt” gemeint sein könnte.
Immerhin, auch der Übersetzungsfehler im Beitrag über Sprachevolution verursacht noch keine größeren Schäden. Dafür kommt es weiter links auf derselben Wissensseite dann aber wirklich knüppeldick.
Es geht um Ernährungsexperimente mit Mäusen, die eine Forschergruppe vom MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt hat. Verschiedene Gruppen von Labormäusen waren nach unterschiedlichen Ernährungsplänen gefüttert worden; die anschließenden Ergebnisse wurden kürzlich in einem Online-Journal veröffentlicht. Und nun – kein Witz: Das englische “diet”, das zunächst einmal vor allem “Ernährung” bedeutet und in dieser Bedeutung den gesamten wissenschaftlichen Aufsatz durchzieht, übersetzt der SZ-Autor mit “Diät”.
Nein, wirklich: mit “Diät”. Hier etwa: “In der Leber fanden [die Wissenschaftler] große Unterschiede zwischen den einzelnen Diät-Typen.” Oder hier: “Somel hat mit seinen Kollegen Mäuse nach unterschiedlichen Diätplänen gefüttert”.
Nicht einmal vom selbst wiedergegebenen Sinnzusammenhang wollte sich der sprachlich herausgeforderte Autor oder sonst ein Korrekturleser retten lassen. “Die erste Gruppe bekam alles, was die Instituts-Kantine hergab”. Noch Fragen? Die zweite Mäusegruppe “wurde mit den fett- und zuckerreichen Menüs einer Fast-Food-Kette gefüttert”. Diät.
SZ-Korrekturen

Unter den überregionalen deutschsprachigen Abonnementszeitungen ist die Süddeutsche Zeitung mit Abstand die meistverkaufte, im letzten Quartal 2007 erreichte sie sogar die höchste Auflage ihrer Geschichte. Und so lange, wie wir zurückdenken können, ist sie eine der zwei einflussreichsten Zeitungen ihrer Art in Deutschland gewesen.
Das hat sehr gute Gründe, und diese Gründe müssen wir hier nicht eigens aufzählen. Ausgezeichnet allerdings, das finden wir auch, ist die SZ damit noch lange nicht. Und ein wichtiges Element, das ihr dazu fehlt, ist, dass sie endlich damit ernst macht, ihre Sachfehler sorgfältig zu identifizieren und öffentlich zu korrigieren.
Vor wenigen Jahren führte die Süddeutsche auf ihrer zweiten Seite eine kleine Korrekturrubrik ein, mit einem Fehlerteufel als Maskottchen. Dieses Fehlerteufelchen ist ein Ärgernis. Fast möchte man sagen, es ist ein Feigenblatt, aber das wäre keine gute Metapher, denn ein Feigenblatt erfüllt seine Funktion bedeutend besser als der SZ-Fehlerteufel die seine.
Der SZ-Fehlerteufel ist ein halbkomatöser Zeitgenosse, in letzter Zeit kommt er nicht im Traum auf ein Pensum von einer Korrektur pro Tag. (Und das wäre bei netto 30 bis 40 Seiten voller Text schon verdächtig wenig.) Wenn er sich einmal richtig ins Zeug gelegt hat, dann liefert er zwei Korrekturen am Stück. Diese Herkulesarbeit ist so häufig zu bestaunen wie eine Mondfinsternis, und wenn der Teufel danach nur wenige Tage in der Versenkung verschwindet, dann ist von Glück zu reden. In den vergangenen zwei Wochen mit ihren zwölf SZ-Ausgaben gab es insgesamt zwei Korrekturen:
+++++ Mo, 14.01. bis Mi, 16.01.2008: keine Korrekturen. +++++ Do, 17.01.2008: 1 Korrektur: „Auf Seite 4 der SZ vom 16. Januar stand in dem kleinen Editorial, dass der Leipziger CDU-Parteitag 2005 stattgefunden habe. Richtig wäre das Jahr 2003 gewesen.“ +++++ Fr, 18.01. bis Fr, 25.01.2008: keine Korrekturen. +++++ Sa, 26.01.2008: 1 Korrektur: „Im Bayernteil vom Freitag wird behauptet, Ludwig Erhard sei Bundeskanzler von 1963 bis 1969 gewesen. Tatsächlich war er Kanzler von 1963 bis 1966. Danach gab es eine Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger.“ +++++
Bei einem Blick auf solch eine Übersicht drängen sich mehrere prinzipielle Überlegungen auf – vor allem aber zwei mögliche Erklärungen für die homöopathische Dosierung der SZ-Selbstkorrekturen:
Eine Möglichkeit ist, dass die Süddeutsche Zeitung, bei der das Wissen hunderter schreibender und SZ-lesender Profis zusammenläuft, insgesamt weniger Fehler bei sich registriert als ein einzelner SZ-Abonnent bei aufmerksamer Lektüre alleine ausmachen kann. Diese Möglichkeit darf man hoffentlich ausschließen.
Eine andere Möglichkeit scheint realistischer, sie ist darum aber kaum erheiternder, und sie sieht so aus: Die Süddeutsche Zeitung registriert intern ein Vielfaches ihrer öffentlich eingestandenen Fehler, nimmt aber ihre öffentlichen Selbstkorrekturen schlechterdings nicht ernst (vom Leser zu schweigen). Es wäre der SZ dann egal, ob sie versehentlich falsche Informationen vielhundertausendfach gedruckt hat oder nicht. Doch anstatt dabei ehrlich zu sein, abzuwinken und die Korrekturen wenigstens ganz bleiben zu lassen, wird ab und zu noch gönnerhaft eine Brotkrume der Selbstkorrektur unter die Leute gestreut – frech suggerierend, es sei nach dem bestem Wissen und Gewissen der SZ ansonsten nichts danebengegangen. Vielleicht gibt es diese Brotkrume ja nur dann, wenn keinem mehr eine bessere Idee dafür eingefallen ist, wie man die zweite Seite vollbekommen könnte.
Nein, einen Ombudsmann hat es bei der SZ wohl noch nie gegeben. Dazu wird der eine oder andere vielleicht sagen: Nun, Ombudsmänner gibt es bei deutschen Qualitätszeitungen ganz generell nicht. Das ist richtig beobachtet, es ist aber erst recht nicht gut.
Wenn die Süddeutsche ihre Sache ernst nähme, dann stünde auf ihrer zweiten Seite täglich eine ganze Korrekturspalte, aber sie steht dort nicht, und sie steht auch nirgends sonst in diesem Blatt. Mit unserer fortlaufenden Korrekturspalte wollen wir zumindest einen Anfang damit machen, diese Lücke zu schließen. Und ehrlich gesagt, wir denken, dass uns die SZ dafür dankbar sein sollte.

